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Jüdische Rundschau · 1921-01-11 · Heft 3 (11.1.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 3 (11.1.1921)
Date
1921-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 14 Was dort geschah, kann morgen in anderen Ländern geschehen. Wir wollen hoffen, daß der .Westen von Pogromen verschont bleibt, wir wollen auch besonnen, klug und nüchtern handeln, wollen in keiner Weise mit dein Feuer spielen ״״ aber! daß für die Völker der Jude immer der Jude bleibt, das wird die Assimilationsalehemie mit ihrer Lehre von den ״unlöslichen Bestandteilen“ nicht ,ändern. Und sic soll cs auch nicht -- denn wir selbst wollen für die anderen und vor allem für uns selbst immer ״der Jude“ sein, nicht nebenbei und auf eine geistig-religios-Iitcrarisch-nebei׳• hafte Weise, sondern ganz wirklich, als lebendige Menschen, Söhne des alten Volkes, Erben des Judentums, Träger des Gedankens der jüdischen Erneuerung, das heißt der leiblichen und seelischen, real auf dieser Erde, in Palästina vor sich gehenden Erneuerung der jüdischen Nation. 111. Soviel von eleu prinzipiellen Gegensätzen. Goldmanus Aufsatz, gibt!uns eine gute Gelegenheit zur Prüfung der Präge, ob ׳und bis zu welchem Punkte eine Verständigung der Zionisten!und der Anti* zionisten in den Fragen der jüdischen Gegen* wartspolitik möglich ist. Das Wandcrungs- Problem sicht Goldnunm nicht wesentlich anders als wir. Er stellt fest, daß die Zionisten die Un* möglichkeit cinsehen, dem heutigen Elend int Osten durch die Kolonisation Palästinas rasch abzuheUen, Auf kleine intümer seiner Darstellung, Vorwürfe an die zionistische Leitung und falsche Deutung des amerikanischen Zionismus sei hier nicht eiligegangen, denn wir wollen versuchen, die Polemik zu vermeiden, um das Wesentliche klarzustellen. Wir stimmen also mit Goklmasm darin überein, daß Palästina zunächst nur einen kleinen Teil der jetzt notleidenden und verfolgten Ostjudeu aufnehmen kann, daß bei der traurigen Wirtschaftsläge Mitteleuropas die siegreichen Mächte England und Amerika (auch andere überseeische Länder), noch am ehesten imstande sind, Hunderttausende von Ostjudeu aufzunehmen, und daß es Pflicht der sclioy m diesen Ländern ansässigen Juden ist, sieh ihrer ostjüdischen Brüder anzunehmen. Es freut uns, daß Herr Dr. Goldmann diese Pflicht anerkennt, und zwar nicht nur für die cngiischsprechenden, sondern auch für die deutschen Juden, die trotz aller äugenblicklichen innerdeutschen Schwierigkeiten den hier weilenden Ostjuden helfen müssen. Gerade von An!• hängern des Zentralvereins wird dies häufig geleugnet. (״Was gehen uns denn die Ostjudeu an? Wir sind Deutsche!‘‘) Wir können Herrn Dr.Goldmann auch darin zustimmen, daß die Wanderung nach Uebersee nur einem Teil der Ostjuden helfen kann, daß sehr große Massen, vermutlich die überwiegende Mehrheit der Ostjuden, wegen der Scltwierigkeiten und Kosten der Reise und wegen der automatisch wachsenden Widerstände in allen Einwanderungsländern in ihren jetzigen Wohnlündcrn verbleiben werden und daß demnach versucht werden muß, die Lage der Juden dort erträglich zu gestalten. Wie kann dies geschehen? Herr Dr. Goldmann meint, die Entente könne helfen, und die Juden der Entente müßten ihre Regierungen zur Einwirkung auf Polen, Ungarn und Tschechen bringen. Dieser Weg ist in der Tat längst beschritten worden. Die zionistisch-nationaljüdischen Kreise, die im Pariser ״Comitö des Delegation« jitivcs“ die Führung haben, sind unaufhörlich bemüht gewesen, die Juden und die Regierungen der Entente- Staaten zum Eingreifen zu veranlassen. Die Erfolge sind leider gering. Woran liegt das? Nun, die Diplomatie ist überall schwerhörig, wo es sich nur um Menschlichkeit und nicht um Interessen handelt. Die kaiserlich deutsche Regierung, die den Ostjuden zuerst mit großen Versprechungen nahte, hat später aus politischen Granden die Juden den Polen geopfert. Was taten damals die maßgebenden und einflußreichen Vertreter der deutschen Juden? Nahmen sie sich der Ostjuden an? Nein, sie mußten ja ihren Patriotismus beweisen, mußten ״deutsche Kulturträger im barbarischen Osten“ spielen und sandten deshalb deutsche Rabbiner nach Polen, um dort die Segnungen der Frankfurter Orthodoxie und des Antizionismus zu verbreiten. Es wäre kein Wunder, wenn die gleichfalls in der Emanz.ipationsidcologie steckengebliebcnen englischen und amerikanischen Staatsbürger jüdischen Glaubens heute nicht mehr das!nötige Verständnis und Mitgefühl für ihre Brüder im Osten aufbrächten. Immerhin — Zionisten und Nichtzionisten haben wiederholt bei der Entente interveniert, die Regierungen versicherten ihre Teilnahme, Berichte ihrer Vertreter wurden eingefordert, auch Ermahnungen wurden einige Male in der bekannten ״freundschaftlichen Form“ nach Polen und Ungarn gerichtet. Viel geholfen hat es leider ■nicht, und wir sind wieder mit Herrn Dr. Goldmann einig, wenn er die Meinung ausspricht( JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. i daß mehr und Wirksameres geschehen müsse. Das Ziel aller solcher Bemühungen muß nach Guklmami die Schaffung eines allgemeinen Ausgleichs zwischen den Landesbewohnern und der jüdischen Bevölkerung sein. Auch hierin können wir ihm zustimmen, Strittig ist nur, auf welchen Wegen dieser Ausgleich zu erreichen ist, Goldmann wendet sich mit den bekannte״ Argumenten gegen die Politik der nationalen Autonomie, macht aber keinen Vorschlag, aus dem wir erkennen könnten, wie der Ausgleich zustande kommen soll. Die Frage, ob und inwieweit die nationale Autonomie Grundlage der Goluspolitik sein soll, ist in unseren eigenen Reihen uiustriUen. Unsere Gegner aber mögen bedenken, daß die Forderung der nationalen Autonomie im eigentlichen Sinne bisher von keiner verantwortlichen zionistischen Stelle erhöhen winde. Sie stellt nicht im Baseler Programm, kein Kongreß hat sie sanktioniert, und auch das im Kriege veröffentlichte Manifest des Kopenluigcner Zionistischen Büros setzt für das Verlangen nach nationaler Autonomie den Willen der Juden des betreffenden Landes voraus. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß die Art, in der diese Forderung, oder was in ihrer Richtung liegt, von manchen Zionisten vertreten wird, zur Kritik Anlaß gibt. Zuweilen wird das Dogma verkündet, ohne daß 1mm sich über seinen Inhalt weiter den Kopf zerbricht. Versucht man, den Inhalt näher zu umschreiben, so kommt man gewöhnlich zu Einzelforderungen, wie etwa jüdisches Schulwesen, die an sich richtig und notwendig sein mögen, jedoch nicht zur Anwendung des Wortes ״nationale Autonomie“ berechtigen. Eben deshalb haben die Zionisten in Wien und Prag bei der Begründung ihrer Forderungen diesen Ausdruck vermieden und nur verlangt, daß der Begriff der jüdischen Nationalität als solcher anerkannt werde. Ohne solche Auerkennung wäre es den Juden der Tschechoslowakei z, B. nicht möglich, sich bei der bevorstehenden Volkszählung - welche gesonderte Rubriken für Staatsbürgerschaft, Muttersprache und Nationalität : Vorsicht - der jüdischen Nationalität zuzurechnen, ן was gerade dort, zwischen Tschechen und Deut- I sehen, das Gegebene ist. im allgemeinen muß anerkamit werden, daß die Verfechter dieser jüdischnationalen Eigenpolitik von einer Art politischen Reinlichkcitsgefühls gelenkt werden. Es ist nun einmal ziemlich widerwärtig, heute polnischer, morgen vielleicht russischer, gestern deutscher oder agyarischer, heute tschechischer oder rumänischer -- יי. י י י .., ___ . Nationalität sein zu sollen. Und das muß man doch, wenn es keine jüdische Nationalität gibt, wenn man ״Staatsbürger jüdischen Glaubens“ ist. Dieser tut denn auch, was in seinem Programm stellt und verzichtet häufig mit großer Hast auf seine ״unlösliehe“ Verknüpftheit mit den! gestern noch so geliebten Volkstum. Für Juden, die, wie es die Zionisten nun einmal tun, für ihre Person keine andere nationale Bindung als eben nur die jüdische für ״unlöslich“ halten, liegt cs sehr nahe, den Versuch zu •unternehmen, auch im Golu^; die rechtlich-soziale Auseinandersetzung mit der Umwelt auf dem Boden des jüdischen Nationsgedankens vorzunchmcn. So ist schließlich auch die Forderung der nationalen Autonomie eine natürliche Konsequenz des zionistischcn!,rinzips. Aber es muß anerkannt werden, daß es sich hier zunächst um eine theorctisch-logische oder auch gefühlsmäßige Konsequenz aus der zionistischen Denkart handelt — nicht aber um ein Programm praktischer Politik. Für die meisten Zionisten ist cs klar, — und danach haben alle Verantwortlichen gehandelt — daß der Gedanke wirklicher nationaler Autonomie nur ein Gedanke, eine ״ideale Forderung“ sein kann, daß nur das eigentliche konkret-politische Ziel des Zionismus - das jüdische Palästina — verbindlicher Programmpunkt des Zionismus ist, und daß die Goluspolitik des Zionismus (die natürlich immer jüdisch-national in dem Sinne ist, daß sie die Judenheit erhalten und stärken, die Konzentrierung der jüdischen Kräfte in Palästina und außerhalb Palästinas fördern will), sich nach den Laiidesbeilingungen richtet. Eben deshalb ist die ״nationale Autonomie“ von keiner zionistischen Landesorganisation gefordert worden, ln der Tschechoslowakei ist der Jüdische Nationalrat über ein jüdisches Schulprogramm kaum hinausgegangen. In Litauen ist darüber hinaus eine Art jüdischer Sonderorganisation im Staatsleben geschaffen worden (Ministerium für jüdische Angclegenlieiten). Aber auch hier trifft der Ausdruck l| ״nationale Autonomie“ im strengen theoretischen Sinne nicht zu. Das Hauptbedenken, das gegen eine wirklich durchgeführte nationale Autonomie spricht, ist leicht zu sehen und oft fcstgestcllt worden. Die Juden sind eben im Golus Überall in der Minoritat, sind ncch dazu meist städtische Gewerbetreibende, also nach Zahl und Berufsart von der Umgebung abhängig. Sie sind wirtschaftlich, in den ,neusten Ländern auch kulturell, mit der übrigen Laniksbevölkerung verbunden und können daher nicht im Sinne einer reinen und vollständigen ״Autonomie“ ein völlig eigenes, gesondertes Nati. onaldascin führen. Aus allem Für und Wider gibt es da nur einen Ausweg: Die sachliche, von Vorurteilen ungetrübte Prüfung der Zustände in den einzelnen Ländern. Wenn wir Zionisten nur um des Prinzips, um der gedanklichen Konsequenz, willen in allen Ländern die ״nationale Autonomie“ verlangen wollten, so würden wir der jüdischen Sache und dem eigen!, liehen Gehalt unseres nationalen Wollen« nur Ab. brueh tun. Es ist wahr und soll nicht geleugnet werden, daß der amerikanische Zionismus für Amerika von solcher nationalen Autonomie nici!!s wissen will. Und da« liegt nicht nur daran, dal] der amerikanische Zionismus noch jung ist (er hm 111 der Tat noch zuzulcrncn und wird in den grollen Judenzentren zu einer Alt von nationaler Kultur. Politik gelangen müssen), es liegt vielmehr an den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen Arnerikas. Eine starke Gruppe wie die Deutschen, die Iren oder die Juden kann sich dort in gewissen Formen iiir Sonderdasein wahren, aber es ist töricht zu glauben, daß dieses riesige Staats- und Wirt schaftsgcfügc zugunsten ״nationaler Autonomien im politischen Sinne zerlegt und neu aufgebaut werden kann. Nicht die Intoleranz oder die man gclnde jüdische Gesinnung, sondern die sozialpolitischen Kraft- und Größcnverhältuisse machen in Amerika unmöglich, was in irgend einem kleinen Staat Osteuropas unter gewissen Voraussetzungen vielleicht möglich und erwünscht ist. Auch in Deutschland trifft das Wort ״nationale Autonomie“ nicht das, was wir Zionisten hier zu erreichen streben. Der Zionismus ist für deutsche Juden immer eine ideale Sache (״bürgerliche Romantik“ würde״ waschechte Marxisten sagen). Der Gedanke der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina dies ist der Inhalt des Zionismus, seine Kraft, Größe und Schönheit. Mag der einzelne auf diesem oder jenem Wege zu diesem Gedanken gekommen sei«, durch Betrachtung der unglücklichen Lage der jüdischen Volksmassen oder durch die Lektüre der Bibel, mag er die Hoffnung hegen, daß dem neuen Judentum eine neue Menschheit und eine gerechte Weltordnung entsteigen wird, oder ist sein Ideal die Vorstellung friedlich - gesunden jüdischcr, Bauerntums, oder mögen schließlich alle dies׳ Bilder sich zu einem großen Zukunftsgemälde des künftigen Judentums fügen — immer ist Zionismus für deutsche Juden eine Idee, die das wirtschaftliche und politische Dasein der heute hier lebenden und hier bleibenden jüdischen Staatsbürger (wir nehmen das Wort hier auf) kaum berührt. Was der Zionismus berührt, aufwühlt, umgestaltct, das ist das seelische Verhältnis des Juden zum Judentum und zur Idee der jüdischen Zukunft. Darum kann das Golus- Programm des Zionismus für Deutschland im wcsentlichen nur Erziehungsprogramm sein, zu dessen Durchführung schon die heutige Geset/• gcbuug des deutschen Reiches genügt. Eine Autonomie aber, die einen eigenen jüdischen Wirtschaftskörper, gesonderte Wahlkataster und eigene politische Vertretungsorgane einschließt, fordern wir ganz entschieden nicht, weil unser Zionismus ganz unabhängig von alledem ist und weil Zahl und Berufsschichtung der deutschen Juden solche Autonomie unerwünscht, ja widersinnig erscheinen läßt. Auf der anderen Seite muß der Gedanke umfassenderer jüdischer Eigenpolitik (die kaum jemals zur eigentlichen ״nationalen Atitonomic“ führen wird), sich dort Balm brechen, wo er für das wirtschaftliche und politische Dasein der Juden fruchtbar zu werden verspricht. Im Osten sind die Verhältnisse noch zu ungeklärt, um abschließende Urteile zu gestatten. So bleibt mir diese Formel: Möglichst weitgehende Ausgestaltung des jüdischen Eigenlebens entspricht dem Empfinden der Zionisten, wie überhaupt der großenVolksniassen iin Osten. Eine Prüfung der Nützüclikeit bleibt dennoch im Einzelfall nötig. Hier muß das Urteil der jüdischen Bevölkerung entscheiden. Der Ausgleich, von dem Goldmatirt spricht, muß auch das Ziel der national-jüdischen Politik sein, denn es handelt sich ja darum, der jüdischen Minorität ein erträgliches Dasein zu sichern. Frweist sich der Weg der nationalen Autonomie als gangbar und praktisch (wie cs anscheinend in Litauen der Fall ist), so müßte auch Goldmann seinen Widerstand aufgeben, denn sachlich kan;1 er ihn dann nicht begründen. Es ist hierfür charakteristisch (und für uns erfreulich festzustellen), daß Goldmann, wenn er auch nicht sagt, wie er sieh den ״Ausgleich“ ohne nationale Autonomie vorstellt, doch darauf verzichtet, das westliche Rezept des ״Staatsbürgers jüdischen Glaubens“ vorauschlagen. Damit wäre, wie er wohl auch erkennt,

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