Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 93-94 (29.12.1920)
- Date
- 1920-12-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 93/94 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 695 I 1111־ i d'T \m י י , iui-־. fnn. rdi 1 CH >1. * i .111 |tc:1. pk1־ - Cliltjlieh I im dem iracl ui 1mg 11 iken -־•»»• da 11 Jsl-ar in 1 am im•! tim- ׳,1(1 itn> rau Cs er ־ ו/II £־"־ lur tul. Dun als a!■- an!- .vill iai opt t׳ailen ,sie 11111 N< ist i־er Me len 3er IV- 3er ein 211« *CS p'- tng Hit Ine ־ Die 1 CH, ־'1, י len a ן• iaten foe!1, er• 8e. r.<i •אן »dt he er- »er ui- H - fie >1 P>- räc). »te 1. i, I;! *! ו I I Kapitalistischer Aufbau Palästinas? Von \ ♦1 o 1 i 1' ö h m , Wien. /um Atiisat/ Kapiim-Kogan sendet uns Adolf H ö h 111 eine Acullerung, die infolge der schlechten Post Verhältnisse erst jetzt bei 1ms eiulaiigtc. Übwohl in/.wiselien viele der von Böhm gebrachten Vrgiuuentc iieicits von anderer Seite geltend geasacht worden sind, glauben wir doch, die Meitiungsäußermig eines so prominenten üesliimmgs-!׳ent>ssen trotzdem wiedergeben zu sollen. Reil. d. ״J. K." |)1 K a 1 «ן ti 11 K o g a 11 hat in Nr. 8!• dieser Zeitschrill mit erfrischender Klarheit seinen Standpunkt zur Kolomsatiousfrage dargelegt und «gesagt, wir könnten 111 Palästina nicht sozialistische Experimente .machen, sondern müßten nach den bewährten kapitalistischen Methoden verfahren, oh ms dies nun lieb sei oder nicht. .seine Ausführungen könnte mau blind unterschreiben, wenn die Voraussetzung richtig wäre, von der sie ausgelieu: itall die jüdische Kolonisation Palästinas eine ausschließlich wirtschaftliche Angelegenheit ist. Dis ist sie aher nicht. Ich will gleich Kaplun hier vollkoimneu ahseheii von allen ethischen, religiösen, sozialen. Bestrebungen in unserer Bewegung, Aber eines kann ich nicht: die unbedingte Notwendigkeit übersehen, 11:111 die Siedlung in Palästina eine jüdische wird. Wenn es mit dem Aufhau des jüdischen Pa Insiina s,1 einfach wäre, wie Kaplun es darstellt, dann brauchten wir alle uns nicht darüber den Kopf zu /erbrechen. Dali es bei der heutigen Lage genug jüdiselic Kapitalisten gibt, die ohne weiteres bereit sind, n,ich Palästina zu gelieu und dort rentable Diileineh-!innigen zu gründen, ist vollkommen sicher. Ls ist auch gar nicht richtig, dall unsere Leitung sieh nicht bcnailit hätte, solche Kapitalisten heraiiz.uzielien. Aber 1,net mm kuimnc ich auf den Kern unseres Problems: Mir jüdischen IhUcrneluniiiigen in Landwirtschaft und Industrie, die ״Mehrwert•‘ in Palästina hervorhringeu wollen, müssen und werden sich vorwiegend arabischer \rbeit bedienen. Dr. Kaplun ist ein so eminenter Kenner der jüdischen Frage, dali er wenigstens in bezug auf die landwirtschaftliche Kolonisation l’alästiiias genau wissen wird, daß diese These wichtig ist. Er nehme einmal den Bericht \ler Boale-Ziou-Koinmission, die im vorigen Jahre nach Palästina gegangen ot, um die Verhältnisse zu studieren, in die Hand, und er wird daraus einige neue Daten über jene Tatsache erfahren. Seihst in Meilselulel, einer Plantage, welche iiilirrmleii /inuisten gehört, herrscht die arabische Arbeit, «heim,» m den von Zionisten gegründeten Acluisolh, wie / li. in Poriuli. Wenn das ״an» grünen Holze“ gesdiielit, so ist damit klar erwiesen, dall die privatkapitalistische Kolonisation, auch dort, wo sie von einwamlireieii Zionisten unternommen wild, z.wangsmällig ültireh wirtschaftlichen Zwang) zur Festsetzung der arabischen Arbeit führt. I )esgleiehen kann er ans dem Hcririiti• ersehen, dal! dasselbe auch in der privatkapitalistischen Industrie der Fall ist: Besitz und Vorarbeit miuI jüdisch, die schwere und die mu|ualifi/iertc Arbeit leisten die Araber. Aus diesem Grunde halle ich einmal gesagt: Wenn die priv;!!wirtschaftliche Kolonisation Palästinas dazu üihrt, den Arabern auch auf jüdischem Boden und in lödisdten Fabriken die Vorherrschaft zu verleihen, so ist ein Zionismus, der sich bloß auf diese ,Methoden stützt, ein :Mittel, die Verwirklichung seines eigenen Programms' für immer unmöglich zu machen. Eine so geführte zioitistisdn• Arbeit würde /.um Resultat haben, Palästina für eine nennenswerte jüdische Siedtun״ für immer zu verschließen. Das ist der Hauptgrund dafür, wenn für uns die Kolonisation Palästinas keine rein ״wirtschaftliche'‘ Angelcgenheit ist und daher die Ausführungen Dr. Kap- 11ms in ihrer einseitigen Zuspitzung «licht richtig sind. Wollten wir aber auch von dieser Hauptsache absehen, so würden noch eine Reihe von anderen Momenten gegen einen rein kapitalistischen Aufbau Palustinax sprechen. Vor allem ein psychologischer. Dr. Kaplun hat allerdings gegen alle aiilk'rwirtsdiaftlicheu Erwägungen Bedenken. Aber selbst nach Marx ist!eile Produktionsweise ein bestimmtes Verhältnis /.wischen Menschen. Der jüdische Arbeiter, mit dem Dr. Kaplun operiert, ist heute in Palästina absolut nicht gewillt, sieh in eine rein kapitalistische Produktionsweise ein- /!!fügen. Die jüdischen Landarbeiter haben es aus prinzipiellen Gründen abgelelint, bei Privatkolonistcn Arbeit zu nehmen, auch wenn sie einen viel höheren Lohn als die Araber erhalten sollten. Darüber jst in London Klage geführt worden. Aber es ist kaum zu erwarten, daß die ostjiidischen, stark radi.kaüsierteu Arbeiter, die nach Palästina wandern, ihre Denkweise •mdern werden. Auch in Palästina ist schon ein bolschewistisdier Flügel der Poalc-Zion entstanden, und es ist uaeli allen Erfahrungen zu erwarten, daß dies auf die anderen Gruppen nicht gerade im Sinne einer Mäßigung ihrer schon bisher erliobenen Forderungen wirken wnd Es ist ferner aus den Ausführungen Dr. Kaphuis nicht zu ersehen, wie er sich die Gesamtgestaltung der jüdischen Wirtschaft in Palästina denkt. Soll die Gemeinschaft, die enorme Aufwendungen zu leisten hat, mn das Land so weit zu bringen, damit sich das private Untcniclnnuiigskapital überhaupt erst rentiert, diese Opfer (nicht nur an Geld, sondern auch an entbehnrngsreicher Arbeit der dabei beschäftigten Menschen) briit- Ren, damit einzelne Kapitalisten Mehrwerte erzielen, noch dazu, wie sicher anzunehmen ist, auf Grund ar.v bisclKT Arbeit? Die■ Genossen der Okkupatiouskwuzoth lullen es oft und oft erfahren müssen, dafi im Moment, wo mc nach jahrelangen Mühen unter Entbehrungen schlimmster Art, ja mit Aufopferung manchen wertvollen Lebens, den von ihnen anbaureif gemachten und. gesicherten Boden dein privaten Kapitalisten zur Nutznießung übergeben haben, dieser an ihrer .Stelle arabische Arbeiter anset/te, Soll dieser Vorgang quasi das Symbol fiir den Aufbau im größeren Stil sein? Die Pnlästinaautbatifrage ist eben nicht eine rein wirtschaftliche, sondern eine 11 a (i o 11 a 1 wirtschaftliche, und will man sie als solche auf eine Forme! bringen, so lautet diese nicht: kapitalistische oder sozialistische Wirtschaft, sondern: arabische oder jüdische Arbeit? Das Problem besteht darin, Wege zu finden, um jüdisehc Arbeit so produktiv zu machen, dali sie sich unter der Herrschaft jedes Wirtschaftssystems behaupten kann. Diese Frage ist nicht nur nicht gelöst, sondern sie ist, meiner Ansicht nach, von ihrer Lösung beute weiter entfernt, als je, mul zwar infolge der maßlosen Teuerung, die im Lande herrscht. Diese ist verursacht durch die erliöhtm Lebensaiisprüchc, das hochwertige Geld, alles Folgen der Okkupation, sowie durch die Zusclnißwirtsdiatt. Diese Teuerung zu bekämpfen ist eine Voraussetzung dafür, dal! sich die zukünftigen Investitionen - auch jene der Kapitalisten rentieren. Der Abbau der Teuerung kann nur durch einschneidende zwangswirtsdiaftlichc Maßnahmen herheigeführt werden. Gewiß werden derartige Maßregeln das kapitalistische Sestern nicht unmöglich machen, sie werden es aher jedenfalls stark modifizieren, weil sie in Palästina viel weiter gehen könnten und müßten, als in Liindein mit schon entwickelter Produktion l)r. Kaplun will aus der Znsclnißwirtschaft dadurch Ini'atiskoiiiineii, dal! er die weitere Aufbauarbeit nach dem streng rational rechnenden kapitalistischen System geleistet haben will. Aber sehen wir uns jene Zuschuß- Wirtschaft etwas nälier an. Da sind vor allem die Schulen. Diese können in ahsehharer Zeit nicht aus den Beiträgen, Steuern usw. der jüdischen Landesbewolmcr erhalten werden, auch wenn in den nächsten Jahren .zahlreiche private Unternehmungen entstehen viirden. Da sind ferner die Zuschüsse, die wegen der Defizile der landwirtschaftlichen Produktion (Kwn/oth usw.) entstellen. Diese Defizite haben verschiedene Ursachen, von denen aher fast alle nicht in einem falschen Arbeits- System zu suchen sind, sondern in den Schwierigkeiten des Landes, die erst durch sehr große Investitionen hehohen werden können. Auch eine privatkapitalistische Kolonisation müßte ♦liest׳ Investitionen leisten, und dafür, ebenso wie zur Deckung der unvermeidlichen Defizite der ersten Jahre, Kapitalien entführen. Dabei bleibt aher auch für die kapitalistische Kolonisation die Frage offen, ob durch sie eine Rentabilität zu erzielen sein wird. Dies ohne weiteres vnraiiszusetzeii geht nicht an, Die Pflaii/ungswirtschaften in Judäa, die ausschließlich auf der billigen arabischen Arbeit basieren und vor dem Kriege einige Jahre lang hohe Erträge abwarlVn, stellen heute vor einer schweren Krise. Daß alle anderen privatwirtschaftlichen Kolonien bezüglich der Rentabilität auf einer sehr unsicheren Basis stehen, ist bekannt. Bleibt die Industrie, liier hat jetzt schon die private IhUernehuiungslust vollen Spielraum, es bedarf nicht einer Aciuleniujg unserer Sinnesart, wie Dr. Kaplun meint, um das Entstehen rentabler Unternehmungen herbeizuführen. Kein Gesetz verbietet dem jüdischen Unternelniier, arabische Arbeiter zu verwenden. Wenn das private Kapital dennoch nicht in genügendem Malle einströmt, dann liegt der (mmd dafür nicht darin, daß üuber und andere von sozialen Idealen schwärmen, sondern dal! auch für die Industrie in Palästina nur seltr langsam und nach vorherigen großen gemeinnützigen Investitionen eine solide Grundlage zu linden ist. Aus diesem Grunde ist es der private Kapitalist selbst, der nach Unterstützung durch die zionistische Organisation verlangt. Sehen wir völlig von der komplizierten Frage der Rentabilität bestimmter industrieller Anlagen ab, nehmen wir z. B. die so nötigen /Anlagen, wie llättserhau, so finden sielt bei den gegenwärtigen Kosten, die ♦las Bauen in Palästina verursacht, nicht die Unternehmer, die das I lihiserhauen in dem erfonterliehen großen Stil auf ihr alleiniges Risiko übernehmen. Ans diesem Grunde wird gerade eine rein kapitalislisehe Wirtschaft bei dm gegenwärtigen Verhältnissen aus ihren eigenen Antrieben heraus schwerlich Palästina in größerem Mallstab entwickeln können. Das Kapital scheut zwar nicht das Risiko, aher es riskiert nur dort, wo ein diesem Risiko entsprechendes Aequivalent winkt, Die erste Frage für einen Befürworter des rein kapitalistischen Aufbaues Palästinas müßte die sein: wie steht es mit den Anlockung.«• und Reizmitteln für ♦las Kapital in Palästina? Diese Frage will benntwertet sein. Kommt man zu dem positiven Ergebnis, ♦laß das Kapital sein Verwertungsstreben durchschnittlieh befriedigen kamt, ohne übergroßes Risiko, dann kann man hoffen, dall es auch ins Land kommen wird (wobei immer von der nationalen Frage, ob die Arbeit, aber auch ♦las Kapital jüdisch sein wird, abgesehen ist)! Diese Hoffnung wird sich in diesem Fall erfüllen, mau wird nicht nötig haben, von den Zionisten ־zuerst eine andere geistige Einstellung zu verlangen. An dieser Frage aber vorbeiztigelien, sie gar nidit aufzuwerfen, ist. wenn man alles Heil von der Initiative des privaten Kapitalisten erwartet, ein Fehler. Ich weiß, daß mir wieder entgegengchaltcn werden wird, daß ich ein ,,Minimalist•‘ bin. Ich kann zwar nicht sehen, daß die Entwicklung seit der Hochkonjunktur des Maxiinalismtts diesem recht und mir unrecht gegeben hätte, liegt doch die Zahl von 16 500 Einwanderern für das erste Jahr, mit der man heute rechnet, sogar noch tief unter den pessimistischesten Schätzungen der I sogenannten Miuiiitalisten. Aber ich will mit diesen Ausführungen gar nicht flau machen. Ich will nur, ♦laß man die Verhältnisse, unter denen die zionistische Aufbauarbeit vor sielt geht, klar erkennt und sich keine Illusionen darüber macht, sei es von den Befürwortern der sozialistischen, sei es von jenen der kapitalistischen AVirtschaftsweisc. Eine solche Illusion ist es, daß durch die politischen Erfolge von San Kein«» allein Palästina plötzlich für lnimlerttausemle von Arbeitsuchenden .aufnahmefähig geworden ist. Meine Ansicht dagegen ist, ♦lall zuerst eine Art von lnvcstitiousstadium ♦.-;!!setzen muß, durch welches zwar einigen tausenden oder zehntausenden Menschen Arbeit gegeben werden kann, durch welches aber erst die Möglichkeit geschalten wird, daß nach Ablauf einiger Jahre die Einwanderung in geometrischer Progression sprunghaft wachsen kann. Dieses Invcstitionsstadium erfordert große Kapitalieu, die unmöglich allein durch private Unternehmer beigestellt werden können. Wenn l)r. Kaplun dies erwartet, so rceluict er nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen Palästinas. Der Gedanke, ♦ler dem Keren hajessod zugrunde liegt, daß die Gemeinschaft sehr große Summen aiifhriiigcn muß, lim die nötigen Vorarbeiten zur Steigerung der Aufnahmefähigkeit des Laudes zu machen, ist ein unbestreitbar richtiger, lieber diese Notwendigkeit sind die sogenannten bürgerlichen mit den sozialistischen Zionisten vollkommen einig. Die Aufwendungen der Gemeinschatt geben ihr die Möglichkeit, auf die weitere Gestaltung der Produktionsvcrhältnisse Einfluß zu nehmen. l)r Kaplun spultet über «li♦■ bourgeoisen Zionisten, die in der Diaspora ruhig in der kapitalistischen Wirt- , schaft leben und für Palästina eine höhere Gesellschaftsform anstrehen. Er vergißt aber zweierlei: ♦laß diese Zionisten als Zionisten weder kapitalistisch noch sozialistisch denken, d. 11. daß ihnen weder die eine noch die andere Wirtschaftsform Selbstzweck ist, sott- ♦lern ♦laß sie national denken, daß ihnen bei dem Aufbau Palästinas, der ein Neubau ist, den sic üt ganz anderer Weise beeinflussen können, als die Gestaltung der europäischen Verhältnisse, die Sicherung der 11 a t i o 11 a I e n Zukunft der richtunggebende Gesiclitspuukt ist. AVäre ich z. B. der eingefleischteste Mauchesterliberale, so könnte ich als Zionist, wenn ich sehe, ♦laß das privatkapitalistische System in Palästina sich ausschließlich auf nichtjüdisdie Arbeit stützen muß, unmöglich dafür cintretcn, daß es sich in Palästina frei auslebe. Ich müßte entweder am Zionismus ver- /weileln oder mul da komme ich zu meinem zweiten Einwand untersuchen, ob die ganz spezifische Eigenart des Problems und der beiden ausschlaggebenden Faktoren: Land und Volk, nicht doch eine andere Produktiunstortn gestatten würde Die spezifische Eigenart 1 Dr. Kaplun, ♦!er nur ökonomische Kategorien gelten lassen will, macht selbst die seltr feine sozialpsychische Bemerkung, daß es fraglieh ist, ob sich die jüdische wirtschaftliche Begabung auch in einer absolut jüdischen Sphäre erhalten wiivl. Hier deckt er wirklich ein entscheidendes Problem von größter Bedeutung auf. lieber,111 in der Diaspora ist der Jude als Unternehmer einem nichtjitdischen A'olke gegenübergestattden, so sagt Dr. Kaplun sehr richtig. Er hätte aber auch den anderen Pol berühren sollen: Das j i't d i s c h e Volk in sei 11 e r M .1 s s e hat sich 11 i c 111 i n d u s t r i e a I i s i e r e 11 lassen, ist nicht in die Fabriken gegangen. Und dort, wo Juden in geringem Maße industrieproletarier geworden sind, waren sie die frühesten und eifrigsten Vorkämpfer des Sozialismus, dessen Ideen auch die große Schicht von jüdischen Handwerkern und Intellektuellen erfaßt hat. Dies gibt zu denken. Es ist ausgeschlossen, dali sich das jüdische Volk in Pa lästina von jüdischen Unternelimcrn wird kapitalistisch ״attsbeuten“ lassen, wobei cs ganz, dahingestellt bleiben kann, ob diese Ausbeutung eine tatsächliche sein oder ob sie nur in der Vor- Stellung der Arbeiter bestellen wird. Meiner Ansicht nach stellen die Klassenkämpfe nichts anderes dar, als ein Ringen um acn Anteil an den! Gesamtprodukt. Unrichtig ist es, wie ich glaube, von vornherein :1:1 zunehmen, daß dieses Gesamtprodukt, um dessen Verteihmg der Streit geht, bei ♦ler Herrschaft verschic- ♦lener Wirtschaftssysteme kapitalistisch, sozialistisch, gemischtwirtschaftlich usw. immer dieselbe Größe haben wird. Die trage der sozialistischen Produktionsweise ist daher nach dieser Anschauung in erster Linie die, ob und wie es möglich sein kann, das Gesnmtprodükt zumindest auf jene Höhe zu bringen, daß es unter der eigenartigen Arbeitsorganisation des Kap:- talisnitts hat. Die sozialistische Praxis in Rußland und Ungarn hat erwiesen, daß dies die Kernfrage des Nozialismiis ist. lind dadurch schlägt das vermeintlich rein wirtschaftliche und politische (Macht-) Problem in ein sozialpsychologischcs um. ln Palästim» bat es sieh mm gezeigt, daß der jüdische Arbeiter von solchem Gemein, geist beseelt ist, daß er in der Kooperation mit viel größerer Energie, Schaffenskraft und Opferwilligkeit arbeitet, als unter dem von ihm abgelehnten |>rivatkapitalistischen System. Wenn •Dr. Kaplun von Experimenten spricht, die nirgends erprobt wurden, so hätte er die Einschränkung machen müssen: bei keinem meinjüdischen Volk und außerhalb Palästinas. :Man könnte deshalb sehr wohl ♦ler Ansicht sein, daß eine sozialistische Produktionsweise in Europa und Amerika insolange aussichtslos sein wird, als nicht die arbeiten- ♦len Massen zu einer wahrhaft sozialistischen Gesinnung erzogen sind, was bekanntlich trotz des ungeheuren Wachstums der sozialistischen Parteien heute noch fast gar nicht der Fall ist, daß aber das jüdische Volk, nach den in Palästina gemachten Erfahrungen Disposif