Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 93-94 (29.12.1920)
- Date
- 1920-12-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 93/94 j UED1SCHE RUNDSCHAU Seite 693 tc;: 1v 1! 1 ,Sr t!*> it f.־. 4i u" a s־'''K -ו: ־. ln זו.׳"; vor- | ilcr 1)1*. Ostdes tines ch, dem lab ei gtlg- Ben i e I - ׳iillgtb. Tat um ut/."1 :hon ros“ eine raut am Üzel lg er Co:;- tun jüten, che gen zuern rliu *11arn;cn. bc- Sen beer• ten Mizu* len te!1 Ine. «IT lm ten bst lnten ptoll, ten Ukraine Die Massenemigration Die ״Wiener Morgenzcitung“ erhalt eine״ Bericht ihres Lcmbcrger Korrespondenten über die Mussenwauderung der ukrainischen Juden, dem wir folgendes entnehmen: in den letzten Wochen schienen die Juden uer Ukraine die Unmöglichkeit eingesellen au haben, ihre zerstörten Siedlungen wieder aufzubauen und ruhig ihrem Leben nachzugehen, und panikartig ergreifen rausende die Flucht, um nur das nackte Leben zu retten. Ihres Vermögens vollständig beraubt, obdachlos, in ewiger Furcht, was der nächste Tag ihnen bringt, ״eilten sie nicht auf Schwierigkeiten, überwinden alle Hindernisse und verlassen in Massen die •ukrainische Hölle. Räuberbanden überfallen unterwegs die Flüchtlinge und nehmen ihnen all das weg, was sie aus unzähligen Pogromen und Plünderungen noch zu retten vermochten, ja, cs kamen Fälle vor, wo die Entfliehenden in halbnacktem Zustand zur Grenze eilten. Die Grciuebnlmhöfc sind der Schauplatz verzweifelter Szenen, da jeder so schnell als möglich dem Lande des jüdischen Elends entkommen möchte. Kein Hindernis ist im st an d e, d ie Masscnc Migration aufzuhalten, ln vielen Orten sind die Bahnlinien zerstört, cs fehlen Lokoiuoliveu, die Waggons sind zerbrochen, es mangelt sogar an Fuhrwerken, da sowohl die Bolschewisten als auch die ״Erlöser“banden Petjuras alles requiriert iiabcn; aber die Unglücklichen lassen sich durch nichts abschrecken und laufen, ohnmächtig und ausgehungert, mit ihren Frauen und Kindern zu Euß uik! sind glücklieh, wenn sie nach langer, mühevoller Wanderung den Staub der Ukraine von sich abseluittelu können. Diese neuartige jüdische Massenemigration nahm die größten Dimensionen an, als die letzten Uebcrrestc der Banden Petljuras unter dem Drucke der bolschewistisehen Armee sich zurückzogen und rauhend, plündernd und mordend sich über die polnische Grenze liinüberretteten. Diese allgemeine Anarchie benützten *ingefähr hunderttausend Juden, um dem Lande den Rücken zu kehren. Der größte Teil dieser Flüchtlinge «ahm den Weg über Wolhynien gegen W a r s c 11 a 11, etwa Dreißigtausend kamen über den Zbrucz nach Galizien und halten sich gegenwärtig in den Städten und Städtchen des Tarnopoler Kreises auf. Auch jetzt riocli, da bereits die Bolschewiken die Herren der Ukraine sind, flüchten tatiiglich Tausende von Juden über die Grenze. Schrecklich ist die Lage der Flüchtlinge. Viele sind wcrscuclit und müssen isoliert werden. Di* meisten sind mittellos und auf die Hilfe der hiesigen Juden äugewiesen. Die amerikanischen Hilfs- und Retlmigskomilees waren auf eine derartige Masscnflucht überhaupt nicht vorbereitet und verfügten nicht über die nötigen Mittel. Die Hilfe, die von der Warschauer Zentrale des Joint Distribution Committee verlangt und auch bald geschickt wurde, stellt in gar keinem Verhältnis zum ungeheuren Elend der Flüchtlinge, so da 11 die galizisclien Juden sich bald genötigt sahen, allein größere Aktionen einzuleiten, um ihren Brüdern zu Hilfe zu kommen. In Tnrnopol entstand ein Hilfskomitee, welches von allen jüdischen Parteien gestützt wird und für die Flüchtlinge nach Möglrchkeit sorgt. 111 Lemberg sind mehrere Aktionen im Gange, die den Zweck verfolgen, die Flcimlosen mit dern Notwendigsten zu versorgen. Fast alle Flüchtlinge betrachten ihren jetzigen Aufenthalt als einen nur zeitweiligen, denn sie warten ntr.־ auf Geld und Papiere von ihren amerikanischen Verwandten, um dann ihre Reise nach Amerika, bczichungsweise nach Palästina fortsetzen zu können. Sehr viele mittellose Flüchtlinge, die keine Verwandten in Amerika haben, werden auf Rechnung ihrer reichen amerikanischen Landsleute dorthin befördert. Unter den Flüchtlingen befinden sich auch einige hundert Chaluzim, für welche der ostgalizische Merkas chaluzim in auf* ojtfcrungsvoller Weise sorgt. Pogrom-Abstimmung ״Le Populaire“ entnimmt den bei der Exekutive des Pariser Hilfskomitees für pogroingeschädigtc Juden eingelangten Berichten einen Fall, welcher die Bestialität in der grotesken Kostümierung der Demokratie zeigt. In Horodyszczc (Gouvernement Kiew) rückt* nach dem Abzug der Roten Truppen ein ehemaliger Zarenoffizier namens Noly *in. Er organisierte Bauernbauden, um mit iluien die jüdische Bevölkerung zu terrorisieren. Mit diesen Banden kam er in die Stadt und dort wurden alle Juden zusammengetrieben und in ei«en Kinosaal «»geschlossen. Unter Glockengeläute fand eine Ver- Sammlung statt, in welcher mit allen gegen zwei Stimmen beschlossen wurde, die ganze jüd is ehe Bevölkerung des Ortes ab zu״ schlachten. Auf Grund dieses ״demokratischen“ Beschlusses wurde die gesamte männliche Judenschaft des Ortes hingemordet 1 Jugoslawien Die ״Wiener Morgenzeitung• ‘ meldet: Mit Erlaß des jugoslawischen Kultusministers wurde eine Staatliehe jüdische Schule in GroÖ-Becskerek bewilligt Sie ist die erste staatliche jüdische Schule in Jugoslawien. (Dieser Erlaß des jugoslawischen Kultusministers ist der erste Erfolg des auch von Jug-oslawien im Friedensvertrag angenommenen Minoritäten Schutzes.) Tschechoslowakei Hebräisch und und Jüdisch ״unzulässig“ Nach der Prager ״Selbstwehr“ ist der Verkehr iu hebräischer umi jüdischer Sprache in der Tscheehoslo* vvakei von amtswegeii für unzulässig erklärt worden. Briefseiidimgen dieser Art werden ihres Inhaltes beraubt, nur der Umschlag gelaugt mit der Bemerkung ״Hebräisch unzulässig“ in die Hände der Empfänger. Es handelt sich dabei meistens •um Post aus Amerika. Dieser Erlaß stellt einen Verstoß gegen den Minaritiitenvcrtrag dar. Wenn in der Tschechoslowakei eine Briefzensur besteht, so hat sie die Verpflichtung, auch einen jüdischen und hebräischen Zensor zu bestellen. Schweiz Sokolow in Basel So ko low sprach am vergangenen Sonntag in Basel dreimal über den Maiidalsvcrtrng und den Keren hajessod. "ie erste Versammlung fand in der Synagoge statt, die .reite war vom Zionistischen Landeskomitee einberufen, zum drittenmal sprach Sokolow auf der grollen Makkahäerfeier im historischen KongrellsaaL Er wurde mit stürmischem Jubel empfangen, seine Reden zeitigten einen beispiellosen Erfolg. Griechenland Der ״Hatikwah“ (Brüssel) entnehmen wir folgende Einzelheiten aus Griechenland: Mit Einschluß der durch den F'rievknsschiuß neu erworbenen Landesteile leben zurzeit in Griechenland etwa 3ÖÜ 000 Juden, deren grolle Mehrheit in eleu neuerworbenen Gebieten wohnt Die grüßte und bedeutendste (iemciude ist die von Saloniki, welche die Führung des gesamten helleniselicii Judentums übernommen hat. Saloniki hat bisher stets den Charakter einer jüdischen Stadt zu wahren gewußt. Seit dem Kriege beginnt er jedoch in erschreckendem Malle z.u verschwinden. Schuld daran ist zu einem erheblichen Teil die griechische Regierung. Zwar kann von einem systematischen Antisemitismus in Griechenland nicht die Rede sein, im Gegenteil, die Juden dort erfreuen sich aller bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte. Unter dein Einflüsse eines übersteigerten Nationalismus bemüht sich jedoch die Regieruiiy stillschweigend, Saloniki zu entjudaisieren, und die untergeordneten Beamten dienen diesen Bestrebungen in aller OeHentlichkeit. Di« furchtbare i'euersbrunst vom IS. August 1917, welche die volkreichsten jüdischen Stadtteile vollkommen zerstörte, bot eine willkommene Gelegenheit, um den jüdischen Charakter der Stadt vollkommen zu vernichten. Man verfügte die Enteignung der von der Feuersbrunst betroffenen Grundstücke, um auf diesem Wege die Netihcsiedlung nach sozialistischen Grundsätze 11 durchführen zu können. Heute zählt Saloniki unter 1SOOOO Einwohnern SO 000 Juden. Nach wie vor nehmen die Salonikicr Juden eine überragende Stellung im Levantehaudcl ein. Der Zionismus hat in Griechenland außerordentliche Fortschritte gemacht. Man darf behaupten, daß ein sehr erheblicher Teil der griechischen Juden, insbesondere der von Saloniki, sich der national-jüdischen Bewegung angeschlossen hat. Soziales Aktion der Weltliiifskonferenz in Beßarabieo Der Pariser Ce-Korrespondent der ״J. P. Z.“ berichtet: lm Exekutivkomitee der jüdischen Welthilfskonfereitz gehen in vier letzten Zeit Nachrichten über die Lage der Juden ein, die sich mit Lebensgefahr über den Dniester aus der ukrainischen Hölle nach Bessarabien gerettet haben. So berichtete vor einigen Tagen der bekannte russisch-jüdische Schriftsteller Semion Juschkcwitsch, der seihst seinen Weg aus der Ukraine über Hessarabien genommen hat, dem Exekutivkomitee über die dortige trostlose Lage. Die lokalen Hilfsorganisationen' sind nicht imstande, mit den ihnen zur Verfügung stehenden, begrenzten Mittel״, die sie zum Teil aus lokalen Quellen und vom Joint erhallen, die gewaitige Not der Flüchtlinge zu lindern. In Anbetracht dieser Lage hat das Exekutivkomitee beschlossen, sein Mitglied Ingenieur Tcmkin, ehemaliger Vorsitzender des jüdischen Nationalsckretariats in der Ukraine, nach Bessarabien zu entsenden, um an Ort und Stelle bei der Organisierung der Hilfsaktion auf breiterer und rationeuerer Grundlage tätig mitzuwirken. Das Exekutivkomitec hat ׳sich außerdem an eine Reihe jüdischer Ffilfsorganisationen zwecks gemeinsamer Aufbringung eines Fonds für die ukrainischen Flüchtlinge Bcssarabiens gewendet. Das Exekutivkomitee setzt sich zur Aufgäbe, dahin zu wirken, daß diejenigen Organisationen, die sich bisher an dieser Arbeit nicht beteiligt haben, gemeinsam die für die erste Zeit, soweit es sich jetzt vorausschen läßt, nötigen 100 000 Pfund aufbringen sollen, was die Mögliclikeit für eine wirksame Hilfeleistung schaffen würde. Die jüdischen Hilfsorganisationen werden aufgefordert, die Reise Temkins auszunutzen, um die Hilfstütigkeit für die ukrainischen Flücht. linge und die zweckmäßige Verwendung des geschaffenen Hilfsfonds gehörig zu organisieren oder auch eigene Delegierte zwecks gemeinsamer Arbeit nach Bessarabien zu entsenden. Die Tätigkeit des Komitees der Jüdischen Delegationen beim Völkerbund Von unserem Pariser H. K.-Korrcspomlcnteii. II. Wie wir im vorigen Berichte gemeldet haben, hat das Komitee der jüdischen Delegationen gemeinsam mit dem Joint Foreign Committee ein Protesiincmoraiulmii gegen die Pogrome an den Vorsitzenden der Versamm- 11111g des Völkerbundes gerichtet. Lord Robert Cedi liat nun in der Vollversammlung an den Vorsitzenden eine Anfrage gestellt, ob ihm Briefe repräsentativer ju- Bischer Organisationen zugekommen seien. Der Vorsitzende hat hierauf erwidert, daß ihm zwei derartige Schreiben /״gestellt worden sind, eines von der Alliance Brachte Universelle, als deren Vertreter Siivaiu Lew und Bigart in Genf anwesend waren, und das andere vom Komitee der jüdischen Delegationen. Heide Memorauden werden mit zahlreichen Dokumenten gedruckt und den Mitgliedern des Völkerbundes zugestellt werden. Das Komitee der jüdischen Delegationen hat außerdem eine«! ausführlichen Protest über die Pogrome in der Ukraine den! Präsidenten der Versammlung des Völkerbundes überreicht. Dieser Protest gibt ein erschütterndes Bild all der Greuel, die in der Ukraine an der wehrlosen jüdischen Bevölkerung verübt wurden, und verlangt nicht mir eine deutliche Sympathieerklärung des Völkerblindes für die unglücklichen Pogroinopfvr, sondern ein* ausdrückliche exemplarische Bestrafung Uer Schuldigen, d. h. der Generäle und Kosakenhetmane, deren Namen iit dem Memorandum ausdrücklich angegeben sind und die sich jetzt zum allergrößten Teile in Süd- oder Westeuropa :!״{halten. Bezüglich der Rechte der jüdischen Minoritäten haben wir bereits die Schritte erwähnt, die das Komitee der jüdischen Delegationen mit Bezug auf die Rechte der Juden in Finnland unternommen hat. Dies hatte den Erfolg, daß Finnland schriftliche Zusicherung gegeben hat, in seine Verfassung die nationalen Miimritätsrechtsklaiisci aufzumhinon. Der belgische Delegierte Poullct referierte am Freitag in der Vollversammlung über die Frage der Zulassung Finnlands; und während er im Namen der fünften Kommission die Zulassung befürwortete, betonte er, daß die Kommission Finnland wie allen anderen neu zugelassenen Staaten empfohlen hat, die Miuoritätsrechtsklaiisvlu auf/unehmen. Auch in der Frage der Naturalisatiousreehtc der Juden in Danzig hat das Komitee der Delegationen ein ausführliches Memorandum überreicht, worin es gegen die Absicht des Danziger Parlamentes protestiert, mir diejenigen Persauen zu naturalisieren, die mindestens fünf Jahre in Danzig ansässig sind und ein Zeugnis über die Entlassung aus dem bisherigen Staatsverbamlc aufvveisen können. Da diese Bedingungen ausschließlich gegen einen Teil der in Danzig ansässigen Juden gerichtet sind und diese Bedingungen infolge vier besonderen 1<*ן»• tischen Verhältnisse Osteuropas und in folg* der Folgen der Kriegs- und der Nachkriegszeit zum allergrößten Teil absolut unerfüllbar sind, verlangt das Komitee der jüdischen Delegationen de« Schutz des Völkerbundes für die jüdische Minorität in Danzig. Es handelt sieb hier um Minimalrcdite für Personen, die seit Jahren mit Danzig aufs engste verknüpft sind und die nicht wenig zu Danzigs Aufblühen iu!getragen haben und deren Vertreibung aus Danzig unabsehbares Elend für sie mit sich bringen würde. Auch in der Frage der ostgali/.isehen Flüchtlinge in Wien hat das Komitee der jüdischen Delegationen ein ausführliches Memorandum überreicht. Entgegen dem Wortlaut und dem Sinne des Friedensvertrages und des darin festgesetzten Optionsrechtes bereiten'die WieneT Behörden den ostgalizischen Flüchtlingen alle möglichen Schwierigkeitei! bei der Ausübung des Optionsreehtcs, obwohl diese Flüchtlinge in ihre völlig zerstörte Heimat, die zum Teil noch Kriegsgebiet ist, und :ms der sie einst durch das österreichische Militär eriticrnt wurden, nicht zurückkehren können, und sich in Wien eine Wirtschaftliehe Existenz gebildet haben. Das Komitee der jüdischcn Delegationen hat dem Völkerbunde auch eia ausführliches Memorandum überreicht, worin es Auf- Schluß gibt über Zwecke und Ziele des Komitees der jüdischen Delegationen und Mitteilung macht, daß das Komitee der jüdischen Delegationen von mm an die Vertretung des jüdischen Volkes beim Völkerbünde führen und zu diesem Zwecke ein eigenes Büro in Genf errichten wird. Jüdischen Delegationen überreichten Nachum Sokolo und Leo Motzkin dem Präsidenten der Völkcrbun Versammlung ein Memorandum über die Ausrottur des ukrainischen Judentums nebst sechs Anlagen C erste enthält den Bericht des Roten Kreuzes, die zwei eine zahlenmäßige Aufstellung: über die Po״romicrtc dtc dritte ein* Aufstellung über geschändete Frauc die vterte ein* Darstellung typischer Einzelheiten d bei den Pogromen angewandten Folterungen, die füitl den Appel den vor einiger Zeit eine Reibe französisch Intdlektuelkr an die Menschheit erlassen haben, d sechste ein Verzeichnis der Organisatoren der Pogror in der Ukraine. Das Komitee der Delegationen verlan in diesem Memorandum die strenge Bestrafung d Hauptschuldigen. י*