Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1920-12-29 · Heft 93-94 (29.12.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 93-94 (29.12.1920)
Date
1920-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652228-2652315--13652-2671399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 93/04 JUED1SCHE RUNDSCHAU Zur Tagung des Landesvorstaodes der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erscheint infolge des Feiertages am 5. Januar 1921 als Doppelnummcr 1/2, Palästina-Mandat und Völkerbund Genf, 22. Dezember. (Sondertelegramm der ״Jüdischen Rundschau“.) Die Völkerbund- Versammlung nahm zur Kenntnis, daß das Mandat über Palästina durch den Völkerbundrat geregelt werde. Nach Ratifizierung des Friedensvertrages mit der Türkei tritt der Mandatsvertrag automatisch in Kraft. Als wir initteilten, daß nach zuverlässigen Meldungen die Anerkennung des Mandates durch den Völkerbund unmittelbar bevorstände, dachten wir, dal! die Mandate der Völkerbundversammlung vorgelegt und von ihr beraten werden würden. Man ist in Genf jedoch einen anderen Weg gegangen. Von der Tatsache ausgehend, daß die frage der Mandate über Mesopotamien, Syrien und Palästina bis zu dern sehr weit vorgerückten Stadium, in dem sie sich' zurzeit befindet, nusschließlieh durch den Völkerbundsrat behandelt worden ist, hat dieser sich dabin erklärt, daß die Einzelbeiten dieser Mandate auch fernerhin von ihm allein und zwar vertraulich zu behandeln seien, und daß er daher nicht für gut befinde, der Völkerbumiversammluiig hierüber Mitteilungen zu machen1. Infolgedessen wurden diese Fragen durch die Vülkerbundversaminhing nicht behandelt, sondern es wurde einfach zur Kenntnis genommen, daß das Mandat über Palästina durch den Rat geregelt werde. Hem Völkerbundsrat bleibt es überlassen, das bereits fertiffgcstellte Mandat zu einem ihm gutdiinkemlcn Zeitpunkt zu veröffentlichen, Zufolge aus London eingeIroffenen Meldung wird eine 1; ntselieidung in der Frage des Palästina-Mandates frühestens im Februar erfolge« können, da der VölkerhuiKlsrat seine Sitzungen bis zu diesem Zeitpunkt vertagt 11a». Der Bericht Lord Cecils über die frage der Mandate Auf der letzten Sitzung der Vülkerbundsversammlung in Genf vom IS. Dezember erstattete Lord Rob.ert Cecil als Berichterstatter der betreffenden Kommissioit eingehenden Bericht. Es seien in der Kommission Meimingsverschiedrnlieitcn /utage getreten, ob die Frage der Mandate vom Rate oder aber von der Versammlung des Völkerbundes zu entscheiden sei. Die Kommission beschloß jedoch, diese Frage nicht zu beantworten, i n d cm sie acr Tats a c h e R e c h n 1t n g t r ä g t, d a ß d i e Mandate bereits v o m Rate gep r ii f t w u r d e n , 11 n d daß im Interesse einer r a s c 11 e 11 E r 1 e d i g 1111 g d i 1׳ s e r A » g c 1 c g e n 11 c i t der Vers 11 cli, sie dem Rat w c g / u n e h m e 11, nicht angebracht sei. Immerhin spricht die Kommission den Wunsch aus, daß die Frage der Rechte des Völkerbundes in der Mamlattrage und die Rechte des Rates und die der Versammlung in einer der nächsten Tagungen des Völkerbundes behandelt werden sollen. Die vom Rate vorgesehene Mandatskommission findet die Billigung der Kommission. Die Kommission hält es für notwendig, daß die Mitglieder der Mandatskommission aut befristete Zeit ernannt werden und spricht den Wunsch aus, daß der Rat wenigstens eine Frau in die Mandatskommission aufnelmie. Die Kommission bedauert, keine Vorschläge machen zu können über die Verwaltung der Mandatländer, insbesondere deshalb, weil der Völkerbmidsrat sich weigerte, der Kommission und der Völkerbundsversainmlung Kenntnis zu geben von den vorliegenden Vcrwaltungsprojekten für die Mandate über Syrien, Mesopotamien und Palästina. Auf besondere Anfrage der Kommission hat der Rat erklärt, daran f c s t zu ha I ton . daß diese Fragen von ihm vertraulich behandelt werden, und daß er nicht in der Lage sei. der Vcrsaramlunj darüber Mitteilung zu in a cb c 11. Am Schlüsse seines Referates gab Lord! Cecil seinem tiefsten Bedauern Ausdruck, daß der Völkerbundsrat sich geweigert bat, die Mandatfrage in aller Offenheit zu regeln und sprach die Hoffnung aus, daß der Rat auf diesen unglücklichen Beschluß zurückkommen werde. Nur durch eine offene Politik kann die Zukunft des Bundes gesichert werden. Wcizmanns Reise nach Amerika Auf seiner Reise nach Amerika wird Chajhn Weizmann in den ersten Januartagen in. Antwerpen und Amsterdam, weilen, und in beiden Städten sind große jüdische Versammlungen vorgesehen, in denen er sprechen wind. Zugleich mit Weizmann begibt sich der Wiener Oberrabbiner Dr. C h a j e s nach Amerika. ln den ersten Jnnnartaffen wird der Landes- Vorstand der Z. V. f. D., d. i. der Gescliüftsfiihrendc Ausschuß in Gemeinschaft mit dem Zentralkomitee, seine erste Sitzung•־ nach der Londoner Jahreskonfe« renz abhalten.. Es bestellt Aussicht dafür, daß auf dieser Sitzung die Exekutive durch ein prominentes Mitglied vertreten sein wird. So ko low weilt zurzeit in der Schweiz und ist aufgefordert worden, itt Berlin das Referat über die allgemeine Lage der zionistischen Bewegung und über die Politik der Exekutive zu erstatten. Es braucht nicht betont zu werden, wie sehr nicht nur die Tagung, sondern der gesamte deutsche Zionismus es begrüßen würde, So ko low nach so langer Frist wieder in unserer Mitte zu wissen. Oie Möglichkeit, gerade mit ihm sich über eine Reihe von Fragen aussprechen zu dürfen, die ׳uns sehr am Herzen liegen, wäre sicherlich geeignet, der zionistischen Arbeit in Deutschland über manche Schwierigkeiten hinweg zuhelfen und ihr manche Impulse zu geben, deren sie heute entbehrt. Ganz, zu schweigen von dem herzlichen Bedürfnis, dem Manne wieder einmal begegnen zu dürfen, der in einem so engen Verhältnis zu uns gestanden hat, und der seit seinem Fortgang bei Kriegsausbruch so unendlich viel für die zionistische Bewegung, für das jüdische Volk geleistet hat. Ob aber mit So ko low oder ohne ihn: die Tagung wird unter ,allen Umständen das politische Mo m en t in den Vordergrund ihrer Beratungen stellen müssen. Im deutschen Zionismus wächst von Tag zu Tag das Empfinden, daß der seit Kriegsende herrsche!«!« Zustand nicht länger erträglich ist, daß die mehr oder minder erzwungene Abstinenz von jeder konseque ״♦en politischen Stellungnahme ein Ende haben muß. Im Gegensatz zu früher hat der deutsche Zionismus seit einiger Zeit darauf verzichtet, zu den politischen Fragen der Bewegung und des Gesamtjudcntmns in offizieller Form Stellung zu nehmen. Das ist ein auf die Dauer unmöglicher Zustand, der verhängnisvoll auf die Psyche der deutschen Zionisten zurückwirken muß. Man hat bei uns nicht mehr in hinreichendem Made das Empfinden, durch die Organisation mit dem politischen Leben in enger Fühlung zu stehen. Sache des Landes- Vorstandes wird es sein, durch seine Verhandlungen wiederum den politischen Charakter der zionistischen Bewegung auch in Deutschland erneut zum Ausdruck zu bringen. Seit der Londoner Konferenz ist ein halbes Jahr verstrichen, und wir vermögen einigermaßen zu übersehen, wohin der neue Kurs steuert. Vielleicht ist eine .sechsmonatliclie Frist noch etwas zu kurz, um ein in a ß g e b I i c h c s Urteil über die Politik der Exekutive abgeben zu können. Immerhin genügt sie, um die Haltung Londons zum mindesten in den grollen prinzipiellen Fragen einer kritischen Besprechung zu unterziehen. Hier werden zwei Fragen im Mittelpunkt der Erörterung stehen: die gegenwärtige Lage in Erez-Israel und der Fragenkomplex, zu dessen Lösung die Rcorganisationskommission entsandt wurde, sodann die Stellungnähme der Amerikaner zu den Londoner Beschlüssen, insbesondere zu denen über den Keren hajessod. Diese beiden Fragen sind zweifellos mehr als reif für eine unzweideutige Stellungnahme, und es heißt nicht nur von einem Recht Gebrauch machen, sondern auch der Exekutive gegenüber eine Pflicht erfüllen, wenn der Vorstand unserer Landcsorganisation diese wichtigsten Fragen der zionistischen Politik des Augenblicks eingehend bespricht und in einer Entschließung seine Stellung zur Leitung zum Ausdruck bringt. Für den deutschen Zionistnus würde das die Rückkehr zu einer festen und zielbewußten Politik bedeuten, unter deren Fehlen er mehr gelitten hat, als dem einzelnen vielleicht zu Bewußtsein gekommen ist. Es kann nicht der Zweck dieser Ausführungen־ sein, eine Prognose für die Stellungnahme der Tagong zu geben, oder ihr in irgendwelcher Form vorzugreifen. Nur einen Punkt möchten wir hier herauslieben, bei dem wir gewiß sind, daß es über ihn keine Meinungsverschiedenheiten geben wird, und weil cs sich um eine Frage handelt, in der wir eine Initiative seitens des deutschen Zionismus wünschen, von der wir glauben, daß die übrigen Landsmannschaften sie begrüßen und sich ihr anschließen werden. Wir sehen mit Bedauern und Besorgnis, wie sich der Zusammenhang zwischen den einzelnen Landsmannschaften immer mehr lockert, weil es in Wahrheit keine Stelle in der Leitung gibt, die in der Lage wäre, diesen Zusammenhang, der ehedem in hohem Maße bestand, wieder herzustellen und aufrechtzuerhalten. Und dodi war es noch nie so nötig wie heute, daß die einzelnen Teile der Bewegiiug in einem möglichst intensiven Meinungsäustauseli miteinander sichen, der es ihnen ermoglicht, sich jeden Augenblick über die Lage der Gesamtbewegung zu orientieren und, was fast als noch wichtiger erscheint, sich als lebendige Glieder des Ganzen zu empfinden. Niemand wird diese Forderung besser verstehen, als gerade So kolow׳, der die Leitung des Organisationsdcpartements innchat und der wahrlich am wenigsten Schuld daran trägt, wenn dieses Departement infolge der starken Ueberlastung seines Leiters nicht in der dringend zu fordernden Weise zu' arbeiten vermag. Es ist nicht möglich, daß ein solches Departement die ihm gestellte Aufgabe erfüllt, wenn es von der Leitung gleichsam als eine Angelegenheit zweiten Ranges behandelt wird. Es kann nicht nachdrücklich genug darauf hingewiesen werden, wie sehr das Vorhandensein oder Nichtvorhandeusein einer solchen zentralen Stelle, die mit größter Aufmerksamkeit die Verbindung zwischen der Leitung und den Landsmannschaften sowie die be- Ziehungen der einzelnen Landsmannschaften zu einander aufrecht erhält, die Arbeit zu fördern oder zu erschweren geeignet ist. Eine Bewegung, die sich über alle Erdteile erstreckt, ist ohne eine intensive organisatorische Zusammenfassung nicht denkbar, ihr politischer Instinkt und ihre Initiativkraft müssen erlahmen, wenn die Gemeinschaftlichkeit des Denkens und Handelns mehr und mehr nachläßt. Was augenblicklich in London vom ״Organisationsdepartement“ geleistet u׳ird, genügt in keiner Weise und schadet höchstens dadurch, daß eine Fiktion aufrcchterhalten wird. Esv mag noch so geschäftig sein: was dabei herauskommt, verdient den Namen nicht, den es sich zulegt. Das ist kein Vorwurf für So ko low, von dem wir wissen, daß er diese Arbeit nicht leisten kann, weil er an anderer Stelle unentbehrlich ist. Es ist aber ein Vorwurf für London, wo man einschen müßte, daß man mit fiktivem organisatorischem Wirken keine Bewegung lebendig erhalten kann. Ein wirklich zureichendes, zielbcwußt und energisch arbeitendes Organisationsdepartement in London ist nach unserem Dafürhalten gerade im gegenwärtigen Stadium der Dinge notwendiger als je. Der deutsche Landesvorstand sollte diese Auffasst! 11g recht stark zum Ausdruck bringen. Unter diesem Gesichtspunkt muß es auch als bedauerlich angesehen werden, daß die zionistische Organisation gerade heute kein Zentralorgan besitzt, wie sie es früher in der ״Welt“ besessen bat. Es ist ihr dadurch jede Möglichkeit genominell. Streitfragen vor einem gemeinsamen Forum zu erörtern. Man vergegenwärtige sich, wie viel fruchtbarer sich die Aussprache mit den Amerikanern gestalten könnte, wenn es möglich wäre, sie in einem solchen Zentralorgan zu führen, und welch mühseliger und unerquicklicher Zustand heute existiert, wo für die ־zahllosen Zeitungen hüben und drüben die Aussicht auf sachliche Kritik sehr gering, die Gefahr des an einander Vorbeiredens sehr groß ist. Die von London herausgegebene Wochenschrift ״Haolain“ hat sich schnell in den Ruf der schlechtesten zionistischen Zeitsclnift gebracht. Man hat zudem aus Sparsamkcitsrücksichten ״Zionist Bulletin“ eingehen lassen und damit die Bewegung auch ihres ־zentralen Nach׳■ richtendienstes beraubt, der ursprünglich vom Kopenhagen er Büro organisiert war und der trotz wesentlicher Verschlechterung in London immerhin der zionistischen Presse einen gewissen Rückhalt gegeben hat. So bestellt augenblicklieh überhaupt kein gedankenmäßiger Kontakt zwischen den einzelnen Landesorganisationen, zwischen diesen und Erez-Israel, zwischen der Leitung und der Bewegung. An zweiter Stelle wird die Erörterung über die zionistische Arbeit in Deutschfand die Tagung beschäftigen. Hier ist außer dem allgemeinen Referat ein Sonderreferat über den Keren hajessod vorgesehen, das zum Ausgang״• punkt einer Debatte werden soll, von der man eine wesentliche Förderung der Keren hajessod- Arbeit erwartet. Es besieht der Eüidruck, aLs ob durch den starken Kräfteeinsatz für den Keren hajessod die zionistische Arbeit in Deutschland etwas ins Hintertreffen geraten ist. Soweit dieser Eindruck sich als richtig erweist, wird der Landesvorstand Mittel!und Wege finden müssen, um dem abzuhelfen. Iß keinem Fall darf die sich ständig steigernde Arbeite- Icistung im Dienste des Keren hajessod eine Mindetrung unserer sonstigen Arbeit bewirken. Die Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.