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Jüdische Rundschau · 1920-12-10 · Heft 88 (10.12.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 88 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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T־־־F Seite 658 1 »EPISCH E RUNDSCHAU wirkt, und fast sämtliclic Völker und Staaten (iahen ihn in ihren Kolonien längst aufgegeben. Dr. Kaphui-K'ogaius Verlangen ist daher, um eine kürz- Hell gefallene geistvolle Wendung zu gebrauchen, ״rückwärts geneideter Utopismus“. tilne weitere Frage an Dr. Kaplun-Kogan ist: Was nennt er experimentiere»? I irilt er die Tendenz des Nationallotuls, den Boden in Natioualeigentum zu halten und als Bctriebsfonn möglichst nur den Klcinbesitz zu schaffe», für ein Experiment? Man kann dies kaum armehmen. Hält er die Erschließung des Hodens durch Arbeitergenossenschaften für ein Experiment? Man wird auch dies kaum glauben. Hält er den Versuch in D.iganiah, nicht nur die eigentliche Landerschlieliting, sondern auch die ganze Bewirtschaftung genossenschaftlich zu betreiben, für ein überaus gefährliches und vordammenswertes .Experiment? Noch nicht einmal dies mochte man amtehnien. Für gefährlich hält Dr. Kaplun-Kogan im Grunde wohl nicht irgend etwas tatsächlich zustande Gebrachtes oder Erstrebtes, sondern die sozialistische Gesinnung der jüdischcn Arbeiter. Gegen diese mit den Argumenten seines Artikels aiizukiinipfen, dürfte wiederum ein rückwärts gerichteter Utopismus sein. Als wirklich verfehlt hat sich bisher in Palästina nur ein Expcriment erwiesen, nämlich das, jüdischen, lierrschaftliehen Grundbesitz zu schaffen. Die jüdischen Kolonicn sind in der Tat, was die jüdische Besiedlung, des Landes betrifft, ein verfehltes Experiment. Sic nehmen, wie jeder reine Kapitalist, die Arbeiter da- und dorther, wo sie sich ihnen am rentabelsten bieten, ln Wirklichkeit würde der ״ganz reine“ Kapitalismus aus Palästina, wenn er sich für ihn überhaupt interessierte, was gar nicht zu erwarten ist, alles andere als ein jüdisches Lind־ machen, .־vnveit er sich aber für Palästina interessieren wird, etwa industriell, wird ihm die sozialistische Gesiuimng der Arbeiterschaft kaum mehr zu seliaffen machen, als sie ihm in England, Belgien, Deutschland, Schw eden oder anderen Ländern schadet. Keine Arbeiterpartei der Erde, und mag sie noch so sozialistisch sein, bat bisher die Arbeiterschaft verliindcm können, Arbeitsgelegenheiten auszuschlagcn, die sich ihr bieten. Mag man nur erst in Palästina anfangen zu bauen, zu gründen und zu errichten; an Arbeitern wird es nicht fehlen. Sie werden aus ihrei sozialistischen Gesinnung heraus dem Kapitalismus so viele Zugeständnisse abtrotzen, wie zu erzielen sind; darüber hinaus aber werden sie eben arbeiten. Dali der Sozialismus, wie er bisher den Massen im. allgemeine» vorschwebt, undiirchführbar ist, daß er zum mindesten nicht für alle Industrien, die in das Getriebe der Weltwirtschaft verwickelt sind oder die stärkere persönliche Initiative erfordern, nach dem gleichen Schema in Anwendung kommen kannv hat die intelligentere Arbeiterschaft der vorgeschrittenen Länder längst gemerkt. Dali andererseits die Besiedlung Palästinas nicht nach rein privatwirtschaftlichen Grund- Zwei neue Bücher von Max Brod Max Brod liest Sonntag Vormittag in der Buclili.imlluitg ״Ewer‘‘ ״Der Fälscher״. Max Brods neues Schauspiel in vier Akten ״Die Falscher“*), das dieser Tage im Königsberger Schauspicüiaus seine Uraufführung erlebte, ist ein politisches Stück in einem ungewöhnlichen Sinne. Offenbar angeregt durch eigene politische Erfahrungen und Erlebnisse, •wählte der Dichter Vorgänge uml Personen aus dem politischen Bereich zum Stofflichen des Werkes, sein eigentliches Thema aber ist metapolitiscli, religiös: die Verzweiflung an der Politik, ihr ethischer Zusammenbruch und aus diesem wieder empor wachsend die Ge* schichte der Verwandlung eines menschlichen Herzens und dadurch der Verwandlung der Weh. Diese kann «ach Brods These durch keim politisches Mittel, nicht von nullen her, sich vollziehen, sondern nur durch dw gewaltlose Macht eines in seiner eigenen Umkehr und Erschütterung beispielhaften Lebens. Es mag zweifelhaft erscheinen, ob es möglich ist, bei der Dar- Stellung dieses gewaltigen religiösen Themas von der Abkehr und vom Neubeginn einer Mcnschcnscele, den Forderungen einer strengen dramatischen Kumtform, die ja wesentlich auf der Zusanimendrangung äußerer Handlungen tuid Vorgänge beruht, Genüge zu leisten. Es braucht sich zwar beim Drama gar nicht um sichtbare Ereignungen und Veränderungen zu handeln. Ah äußerer Vorgang gilt im dramatischen Sinne eben jeder hinreichend, wenn auch nicht sichtbar. motivierte; die Möglichkeit des expressionistischen Dramas soll also keineswegs verneint werden. Das religiöse Phänomen der Umkehr aber entbehrt jeder kausal-menschlichen Motivation. Gnade und Offenbarung stehen außerhalb der Kausalität. Sie lassen sich daher auch in den Ablauf dramatischer Vorgänge nicht einfügen. Tatsachlieh erfolgt auch bei Brod die Wendung völlig unvermittclt und unmotiviert Eine dramatische Zäsur kt *) Kurt Wblff, Verlag, München. Mt. 10 — Ni. jfcb. 15.—־* M. 9 ׳ siii/ou vor sich ׳״dien k'ian, sondern d.ifi sic 3׳ugleich nuch volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu leiten und;m/nircKcn ist, erkennt Kaplan- Kopan selbst an, wenn er den Ruf nach dem Aufbau plan erhebt. Kein moderner Staat verzichtet darauf, die reinen Matichesterncigungcn des Rapitals durch volkswirtschaftliche und soziale Zügel zu hcimueu. Soviel wäre vom fortschrittlichen bürgerlieben Standpunkt zu den Ausführungen Dr, Kaplun-Kogans zu bemerken. ' Dr. Erich Marx. Politische Nachrichten Völkerbund jüdische Vertreter in Genf Paris, 23. Nov. (J. P.Z.) In den allernächsten Tagen werden sich im Auftrag des Komitees der Jüdischeu Delegationen So ko low und Generalsekretär .Motzkin nach Genf begeben, tun dort anläßlich der Tagung des Völkerbundes mit den dort weilenden führenden politische» Persönlichkeiten in Ver* bitvdung zu treten. Auch Luden Wolf begab sich im Aufträge des englischen Joint Foreign Committee nach Genf. England Eine Debatte über Alfred Mond im Unterhaus Am 1. Dezember stand im englischen Unterhaus der I Minister für Oeffonttiche Arbeiten Sir Alfred Mond im Mittelpunkt einer interessanten Debatte. Mond hat c eine Bewilligung von 2Ü0 000 Pfund für den Bau von 40()0 Häusern zur Milderung der WohnungsiKit ange־- fordert. Diese Forderung wurde von den Mitgliedern der liberalen Partei leidenschaftlich bekämpft, wen sic als eine Vorstufe der Sozialisierung des Baugewerbes angesehen wurde. Die sozialistischen Parteien unterstützten den Antrag, und so kam es zu der Situation, daß die Regiirmigsjurteien gegen uml dir• Oppositionsparteien für den Antrag eintraten. Bei der Abstimmung wurde' der Antrag Mond' mit t(W gegen 74 Stimmen angenominen. Die Diskussion ist für die zionistische CX'ffentüchkeit mit Rücksicht auf Monds Rolle in der paliistinensi“ scheu Airfb.iuaktion insofern wir großem Interesse, nlr. darin von aßen Seiten, auch von seiten seiner Gegner, Sir Alfred Mond als ,Wann von ausgezeichnetem Name!» und von großer Reputation im Wirtschaftsleben bezeichnet wurde•. Ein Redner frcüidi konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, Sir Alfred Mond mit seiner Sozialpolitik wolle wahrscheinlich als ״Moses" erscheinen, der die Unterdrückten ״aus Aegypten herausführen" •wolle. Bekanntlich hat Sir Alfred Mond sich in letzter Zeit immer eifriger in den Dienst der zionistischen Idee gestellt. Insbesondere galten seine Bemühungen der Aktion für den Keren hajessod. Am 5. Dezember fand in Manchester eine große Konferenz statt, an welcher nicht sichtbar und kann es auch nicht sein. Sym-!»lisch wird sie von Brod durch das Aussetz.cn der Zeit angedeutet. Die Uhr des ewigen Skeptikers und Zweiflers Achat, der an die Gnade nicht glaubt, ״immer den Mund voll Aussichtslosigkeiten“ hat, bleibt stehen, seine Zeit vollendet sich. Mit dieser Schwäche, .de in der Natur von Brods dramatischer Idee hegt, hängt es zusammen, daß gegen die gesteigerte dramatische Spannmyg des ersten Aktes, der den Zusammenbruch schildert, die folgenden an Geschlossenheit der Handlang und Bühnenwirksamkeit zurückstehen. Mag der erste Akt auch gegen die Stärke der gedanklichen Konzeption der späteren, besonders des letzten, verblassen, an formaler Vollendung, dramatischer Wucht und fort reißender Gewalt einer fast hymnischen Sprache ist er unübertroffen. Ans diesem Drama spricht nicht der Lyriker Brod, der Dichter der ״Höhe des Gefühls", sondern hier wird die mit dem leidenschaftlich-kühnen Roman ״Tycho Brahes Weg zu Gott“ begonnene Linie fortgesetzt. Dramatisches Neuland ist es, das mit diesem Stück betreten wird; die politischen Dratmm bisher waren entweder satirisch oder sie bliclren mit ihrer Tragik inmitten des Politischen stecken. Brod aber, weit hj(lausgreifend über das enge Gebiet der von Erfolg oder Mißerfolg begleiteten Konflikte des politischen Lebens, rührt an die größten Fragen der mcnschliehen Seele, und wie kaum ein anderes darf sein neues Stück den Titel des Weltanscluumngsdramas für sid» in Anspruch nehmen. ln kurzen Zügen dargestellt, ist die Handlung fotgende: Der Präsident einer ne »gegründeten Republik, Manfred Barka, der bereits nach wenigen Wochen erkennen muß, daß sich nichts geändert hat, ja, 'daß sogar führende Männer seiner eigenen ״Votkspartci“ in die Skandalaffäre der ״Bankok-ßar“ verwickelt sind, legt bei der Interpellation über diese Angelegenheit im Parlament seine Würde nieder. Diese Geste des großen ״Sittenreinigers“ aber, von seinem Freunde und journalistischen Impresario, dem Redakteur Achat noch geschickt verwertet, stellt sich, als ein ausgezeichneter Effekt dar: großartige Manifestationen, Umzüge, Begeisternmgsau»hrüche des Volkes fordern die Zurück¬ 'Nr. 88' sich weife nn-ltl/jon'rsfsrlic Kreme Beteiligten. Dm Vot. f־j sitz in dieser Konferenz und in der anschließenden öffenj. |j liehen Versammlung führte Sir Alfred Mond. And I früher schon hat Mond in öffentlichen zionistischen 1 Versammlungen präsidiert. Auch in dem zur Ueber• P waclning der ökonomischen Tätigkeit geschaffenen 1 Economic Council nimmt Mond eine leitende Stellung »m, 1 Amerika ■ 1 _ j 4 Die amerikanischen Assimilantcn für den 1 Aufbau Palästinas; Auf der am 14. November stattgefundenen Jahresversammlung des ״American Jewish Com■ j mittee“ wurde Louis Mar sh all neuerlich zu 1 dessen Präsidenten gewählt. Es wurde beschlossen > die Resolution von 1918 zu erneuern, an der Vorj wirklichung der Ba 1 f ou r-Dek 1 a rat ton! bei der Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina behilflich zu sein. Ungarn Wahlraub an den Jaden? Budapest, 30. November. (]. C. B.) AniiBlick der Forderung mehrerer ungarischer politischer Parteien nach Auflösung der Nationalversammlung und Auv Schreibung von Neuwahlen, beabsichtigt sowohl die Friedrich-Partei als auch die Haller-Partei,‘ ja selbst die Andrassy-Apponyi-Gruppc die Neuwahlen nicht nach dem allgemeinen Wahlrecht, sondern auf Grund eim» sehr eingeschränkten Wahlgesetzes vorzunehme». Für die Juden soll der Numerus clausus eingeführt werden, das Wahlrecht soll lediglich einem geringen Teile sogenannter politisch verläßlicher Juden zugestanden werden. Polen Polnisch •jüdische Verhandlungen in Wilna A. W. Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahre fand eine ganze Reihe polnisch-jüdischer Besprechungen in Wilna statt, an denen bedeutende jüdische und סין! nische Persönlichkeiten Wilnas teiigettotnnicn haben. lim Hauptpunkt »1er Beratungen bildete da' Projekt der Schaffung eines niodiis vivendi, damit euu ei nt rach tige Zusammenarbeit in allen politischen fragen -r tnöglicht werde. Fs s:ml Bemühungen cingclcitet, e :>!1 polnisch-jüdischen politischen Klub ins Leben zu rufen, der in einen politischen Nationalitätenklub tmigcwanlelt werden soll, ln der Umgebung des Generals Zc'ägow -k! mißt man diesen Verhandlungen eine große politisch!• Bedeutung zu, da angesichts der unbestimmten Zu kunft ״Zentratlitauens“ die Stimmung der jüdischen fv völkerung ausschlaggebend sein kann. nähme der Demission. Aber die über die Verderbes der Schieber und Banknotenfälscher in der Bankok-Ba: nach außenhin so erhaben scheinende Tugend des Präs! dcteii ist innerlich bohl und verlogen. In «lein Augen blick, da Worms, ein uneigennütziger reicher Freund des Präsidenten, ihn vor der enthusiasmierten Volk»• menge verherrlicht, betrügt ihn dieser mit seiner Frau Oiivia. Die Gebe zu ilrr, nicht ethische Seelen£röf>e, ist die Kraftquelle, aus der Barkas Antriebe zu seiner im Grunde unwahren und mir gespielten sittlichen Uebci k'genhcit stammen. Oiivia, die das Lügenhaite diewr Beziehungen «rkerurt, verläßt ihn, uivd nur das Eingreifen Achats, «ler ihn längst durchschaute, rettet Barka vor dem im Bewußtsein seines völligen Zusammenbruch.' versuchten Selbstmord. — Achat ist wohl die inter essantestc Figur des Schauspiels. Barka antwortet ihm auf seinen Ausspruch: ״Ls Läßt sich journall-ti'ch ad!- machen": ״Wieso dich dann nur 3U das noch in:er essiert, der Kampf, die Arbeit — wo dir doch vor Nutzlosigkeit des Ganzen Schaum am Mundo stell!' Ist « wirklich nur die Freude am Trick? Alles vor• sjiottcst du. Aber wo es Intrigen und undeutlich! Wege gibt, tust du dich mit Wonne um. Wußte mau nicht, daß du all das «loch nur auf dich nimmst mn der Befreiung willen, für deine große Idee . . .“ Achat ״Ja, ich verschandle eine große Idee, wie jeder, der ihr nahe kommt. Nur weiß ich, wie gcmeni ich bin Du weißt noch nichts von dir." Achat bringt Bark» in die Bankok-Bar. Da es mit der Tugend nicht» geworden sei, solle er es einmal mit dem ״ehrlichen Laster“ Versuchern De folgenden beiden Akte zeige» Barka nun bei den Banknotenfälschern und Dirnen, und hier erlebt er seine seelische Verwandlung, ln die tiefste menschliche Verworfenheit hineingestellt, ent schließt sich Barka, all das prunkvolle und gemein«־ Elend auch auf sich zu nehmen, seine Existenz als Träg«'« eines weltbekannten Namens völlig ausztilösrben und seinen Passionsweg durch alle Verderbnisse und Ver komtncnheüeii hindurclizundimen. Er folgt nicht Oiivia» Ruf, in einer spukhaft-mystischen Szene heiratet er die Dime Marissa, wird dann von deren angeblichem Bruder, »n Wirklichkeit ihrem Geliebten und Zuhälter, den» Bank־

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