Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1920-11-19 · Heft 81-82 (19.11.1920) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 81-82 (19.11.1920)
Date
1920-11-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652228-2652305--13555-2671292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 615 I. 1r '■ •H- |U * |, ,1 5t■ u1 1גי! •־,I hl •יו| 11׳ jl, 1 H 11!; ic I 1 t nt׳!r ןןך■ Sru!<׳i ז י:,:־! ״'Arm, *•־ |vווי* ׳, Sehen U.H־n- CHK'II An־• C »11;־ bim.il letzt׳• eil.!• ■1.1 km; ■; v«1,l , d* 11 nie!!1׳ <0:1: ׳,•11.* « ihm; rdeu, Jlicli- ( de II f:.\ { I I 1 I i f l I 5 *111« 111 t in »t Iss• an zi;:׳ v sei! r i \* I- Jr.r.id jMli'M! «I'S, •111 lis. 11- ו11״ו6 ׳! ׳U } fc.'cr- ,1m ׳ 41.tr i'H! .<] |rbni cvül- •Verletfs : nur Inen, *mit!raus!Wie UiH'i, jvi'cr 11'H'ü p.livl! »,׳di Nr. 81/82 Völkerbund ן 111 diesen Tagen wird in Genf die erste Tagung des Völkerbundes beginnen. Neuminddreiilig Staaten haben ihre Vertreter in dieses internationale Parlament entsandt. Andere stehen heute »och außerhalb des Kreises, die ehemaligen Feinde der Entente, weil sie noch׳ nicht zugelassen wurden, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, von denen.׳ die erste praktische Anregung zum Völkerbünde aiisging, weil dort dem Oedanken einer zwischenstaatlichen Organisation von so bindendem Charakter, wie sic׳ das Völkerbundstatut vorsieht, ein großer Teil der öffentlichen Meinung widerstrebt, in dein sich ein durch den Krieg ins Gigantische gesteigertes Gefühl der Unabhängigkeit und Lieberfegeiilteif gegenüber Europa auswirkt. So ist der Name ״Völkerbund“ noch mehr ein Programm als die Kennzeichnung von etwas bereits Vollendetem. ״Ein Bund von Völkern“ ist es zunächst nur, der in Gent sieh /tun erstenmal zusammenfindet. Um den unter dem Hammer der Zeit zusammengeschweißten Kern der ״Alliierten und assoziierten Nationen“ gruppieren sich ׳neutrale und neugeschaffene Staaten. Kein noch so enthusiastischer Freund des Völkerbundgedankens kann die Mängel und Fehler übersehen, die dem ersten Versuch seiner Verwirklichung anhaften. Niemand täuscht sieh darüber, wie gering noch die moralische Kraft dieses Gedankens ist, die doch allein ihm lebendige Auswirkung zu sichern vermag. Mögen wir es in Ruhe• mitanlmre«, wie Chauvinismus und Militarismus in allen Ländern gegen den Versuch einer vernünftige״ Ordnung zwischenstaatlichen Zusnmmenlebeus toben, weil sein Gelingen sie aus der Reihe der Faktoren streichen würde, denen in Zukunft entscheidender Einfluß auf die Gestaltung des geschichtlichen Werdens gestattet wäre. Aber wer wollte Mahnung und Kritik derjenigen in den Wind schlagen, die seit Jahr und Tag, schon vor der blutigen Lehrzeit des Krieges, der Völkcrverständigung als Verkünder dienten und die heute — in allen Ländern — laut bekennen, daß der Tag von Genf noch nicht trfiilie, was sie von׳ ihm erhofft? Wer endlich wollte die Augen davor verschließen, daß die breiten Massen aller Völker einen Bund nicht anzuerkennen gewillt sind, in!•!ein ihre Stimme nicht ertönt ans dem Munde ihrer;:*.wählten Vertreter, sondern aus dem der Beauffragten ihrer Regierungen? So gehört ein fast grenzenloser Optimismus dazu, sich vorzusteilen, daß. in fünfzig, in hundertjahren Menschen die Zeitungen dieser Woche durchblättern werden und daß ihr Lächeln nicht bitter, sondem heiter sein wird angesichts all des Zweifels, der Ablehnung, der Bekämpfung, des zynischen Spottes, des kalten Holmes, und des, ach, so schüehternen Höffens, das aus den Zeilen der vielen tausend Leitartikel zu ihnen sprechen wird. Angesichts dieses Mangels an fast jeder zuvorsichtlichen Hoffnung scheint es doppelte Pflicht, daß der nicht schweige, 'der trotz aller Bedenken und klar erkannten Unzulänglichkeiten des Völkerbundes, so wie er min einmal heute ist, den Tag von Genf mit aufrichtiger Freude zu begrüßen vermag. Das jüdische Volk, so glauben wir, ist in dieser glücklichen Lage. Und wir sind sicher; so wie wir heute uns und die ganze Welt zu dem beglückwünschen, was in Genf jetzt seinen Anfang nimmt, so werden die Juden aller Länder, im neuen Ercz-Israel und im mir zu alten, ungewanvielten Galuth freudig die Stunde segnen, in der das Wort ״Völkerbund“ begonnen hat, Leib und Fleisch zu werden. Das sagen wir und vergessen dabei nicht einen Augenblick, was gerade uns die Verächter des Völkerbtmdgedaiikens zu entgegnen vermögen. ״Ihr Juden habt cs wahrlich nötig“ — könnte man! uns sagen —, ״an den Sieg des Rechtes über die Gewalt, an das friedliche Miteinander von Völkern zu glauben, die sich freiwillig ihrer Macht begeben! Auf Eurem Rücken hat dieselbe Zeit blutige Furchen gepflügt, die widerhallte vom Streit um diesen Völkerbund. Ein breiter, unversiegbarer Strom von Blut strömt unaufhörlich aus Euren Wunden, und solche, die sie Euch schlugen, sitzen in diesem Kreis, wo Ihr weder Sitz noch Stimme habt. Habt Ihr nicht zu den Mächtigen geschrien, habt Ihr sie nicht bestürmt, sic sollten Euch schützen vor denen, die nur von ihrer Gnade leben? Haben sie es getan? Glaubt Ihr wirklich, daß der Völkerbund cs heute oder morgen tun wird?“ Nein, wir glauben nicht, daß der Völkerbund ״heute oder morgen“ unser Schicksal oder irgendein anderes wenden ,werde. Wir glauben nicht, daß er nun wie durdi ein Zauberwort etwa das pogromistisdie Zeitalter beenden werde — er wird es so wenig tun, wie er — ״heute oder morgen“ — den Ki'icgsinöglichkeitcii ein Ende machen wird. Aber was uns von den Kritikern seiner Unvollkoimnenheit unterscheidet, ist, daß uns die Erfaivnmg unserer Geschichte gelehrt hat, wie entscheidend es für die Entwicklung ist, daß ein Gedanke i r ge n d wa n n , e i n in a 1 a 1 s 1 ebe nd i g e Ta t i 1! dc r W e 11 d e r r ea 1 c n Dinge erscheint! Wir wissen, daß aller praktische Beginn turmhoch über der vollkommensten Theorie steht, und wir wissen über die zu lächeln, die Grund zum Spott oder zur Vcrzweifhing zu haben glauben, weil ihr Wunschbild aus dein Streit mit den Widerständen des realen Lebens nicht makellos und vollkommen hervorgegangen ist. Wüßten wir es nicht, so verdienten wir nicht, Zionisten zu sein! Denn wo in der Welt hat sieh die Wahrheit dessen deutlicher erwiesen, daß ein Gedanke siegreich sein muß vom Augenblick an, wo er als noch so kleine, unvollkommene Tat der Welt des Geschehens angehört, als im ■Zionismus? Wann hat eine Idee so ausschließlich durch die ihr innewohnende Kraft, ohne auch nur die Möglichkeit, sie durch irgendeinen Machtfaktor zu unterstützen, den Sieg errungen, als der Gedanke der jüdischen Heimstätte in den Tagen von San Rcmo? Und diese Idee, sie war doch nur gestützt vorn Wollen eines kleinen Volkes! Der Gedanke des Völkerbundes aber ist heute das Heiligtum einer ganzen Menschheit! Alle Völker, alle Rassen, alle Bekenntnissc, alle sozialen Schichten umfassen heute Millionen und Aberinilüonen, die da denken: Völkerbund! Und selbst der Mann, der mit der Parole ״Wider den Völkerbund“ sich den Präsidentenstuhl der Vereinigten Staaten erstritten hat, spricht jetzt von einem neuen, nach anderen Grundsätzen zu errichtenden Bunde aller Völker. Nicht das ist wichtig, wie der Völkerbund heute beschaffen ist, sondern ob von heute ab wir alle bereit sein werden, an seiner Umgestaltung mitzuarbeiten. Es gibt kein menschliches Werk, das vollkommen und makellos wäre in der Stunde seiner Geburt Wie sollte es dieser Völkerbund sein, der in den Wehen eines neuen Zeitalters geboren wurde? Wahr ist: dieser Bund ist noch kein Völkerbund! Aber er soll ein Völkerbund werden! Und er w i rd ein Völkerbund werden! Die Großen haben ilm geschaffen, und er trägt den Stempel ihrer Prägung. Aber der Geist, der ihn dereinst beseelen wird, ist nicht gezeugt in der Eiseskiilte der diplomatischen Atmosphäre. Die umgestaltenden Kräfte steigen empor aus der Tiefe und aus der Enge, von dorther, wo der Unterschied zwischen der Not des Daseins und dem Wunsch nach freiem Leben die größten Energien zu formender Arbeit freimacht. Der Völkerbund, geschaffen und beherrscht von den Großmächten, wird seine Aufgabe erst erfüllen, wenn die kleinen Nationen, die nationalen Minoritäten, die kleinsten Splitter mit eigenem nationalem und kulturellem Leben in ihm den Kampf um ihr Daseinsrecht aufgenommen haben. Wir hoffen, daß der Tag nicht fern ist, an dem das jüdische Volk aus eigener Kraft an diesem Schöpfungswerk einer neuen Kultur teilnehmen kann. Wir hoffen, cs früher oder später als gleichberechtigt mit allen anderen Völkern im Völkerbund vertreten zu sehen. Besonders verbunden fühlen wir uns heute den Freunden des Völkerbundgedankens im deutschen Volke. Wir empfinden es mit ihnen als den schmerzlichsten Mangel des Bundes in seiner heutigen Gestalt, daß Völker ihm fernbleiben müssen, weil der Schatten des Krieges noch immer wie eine düstere Mauer zwischen Nation und Nation steht. Wir kennen die rächende Kraft vergossenen Blutes zu gut, als daß wir glauben könnten, hier sei anders zu helfen, als durch den ernstesten Willen, den Fluch des Krieges nicht nachwirken zu lassen auf das so schwere, noch so wenig gesicherte Werk des Friedens. Wir freuen uns, daß wenigstens in England sich die Erkenntnis Bahn bricht, daß es unwürdig wäre, Völker gleichsani im Büßerhemd vor den Toren des Völkerbund es stehen zu lassen. Die Errichtung des Mandates über Palästina war eine der ersten staatsrechtlich - verbindlicht‘״ Handlungen des Völkerbundes, der damals noch vom ״Obersten Rat“ vertreten wurde. Das jüdische Volk, das in Erez-Israel und da, wo es Miiioritätsrechte zu fordern hat, die Autorität des Völkerbundes anrufen wird, wird auch immer und überall bereit sein, dem Gedanken der sich steigernden Verbundenheit aller Völker und der Erhaltung des Friedens mit aller Kraft und Hingebung zu dienen. C. Z. K. Zionistische Bewegung Die Alijali Die Informationsabteilung des Hapoel-Hazair in Deutschland versendet einen Bericht des Misrad Alijali Rosdii (Hanptslellr für Gltalu/iinWanderung) in Wien, dem wir folgende Tatsachen entnehmen: Es bestehen neben der Hnuptstcllc in Wien Landes• dieriststelien (Wände Alijali) in folgenden Ländern: Deutschland (Berlin); Tschechoslowakei (Prag, zurzeit nur Beratungsstelle); Ob c r sch l cs i e 11 (Knttiiwltz); Galizien (Lemberg und Krakau); Polen (Warschau); Litauen (Kowno, Wilna); Lettland (Riga); Weil! ruß Und (Minsk); Wolhynien (Rowrio); Podolicn (Kamnetz, Podolak). ln Ostcuropa ist die Arbeit dieser Organisationen dnrcli ilic politischen Verhältnisse stark־ erschwert. Die Alijah verteilt sich für die Bericlitsperiode (5 Monate) wie folgt: Galizien (102; Polen 380; Ukraine 193; Litauen 175; Weißrußland 115; Oesterreich 62; Deutschland 55; Ungarn tt>. t>er Rest aus Rußland, Lettland, der Tschechoslowakei, Holland, Rumänien, der Bukowina usw. Die meisten Oliin waren landwirtschaftlich atisgchildct, nur wenige iihten andere Berufe aus. Das Alter der meisten liegt zwischen IS und 25 Jahren. Fast alle sind ohne ,Familie. 15 Prozent der Chalu/im sind Frauen. Ungefähr 75 Prozent beherrschen Hebräisch. Aus London wird vom Zionistischen Zcntralbüro nütgctcilt: Die zionistische Exekutive hat den vcrschiedenen Lamlcsorganisationcii und Palästinaämtern Instruktionen erteilt, um die Regulierung der jüdischen Einwanderung nach Palästina in Ucbcrciiistimmnng mit der soeben erlassenen ״Einwanderungs-Ordnung“ zu bringen. Die ״rechten“ Poale-Zlon gegen Lenin Die reellte Fraktion der Poalc-Zion in Wien gibt ein neues Organ heraus: ״Der jüdische Arbeiter“. In der ersten Nummer finden׳ wir folgende Polemik Berl Lockers gegen Lenin: Der zweite Kongreß der dritten Internationale hat die Thesen Lenins über die Nationalitäten- und Kolonial׳- frage mit geringfügigen Aendcrungcn angenommen. Er hielt es bei dieser Gelegenheit für nötig, einen Bannfluch gegen den Zionismus zu schleudern. Die betreffende Stelle der Thesen lautet: ״Notwendig ist es, unter den breitesten Massen der Werktätigen aller und insbesondere der rückständigen Länder 1111a Nationen fortgesetzt den Betrug aufzudecken und aufzuklären, den die imperialistischen' Mächte mit Hilfe der privilegierten Klassen in den unterdrückten Ländern dadurch begehen, daß sie, unter der Maske politisch unabhängiger Staaten, Staatsgebilde ins Leben rufen, die wirtschaftlich, finanziell und militärisch vollständig von ihnen abhängig sind. Als ein krasses Beispiel eines Betruges der arbeitenden Klassen einer unterdrückten Nation, zu dem der Entente-Imperialismus und die Bourgeoisie der betreffavden Nation ihre Bemühungen vereinigen, kann die PaläsUnaaffäre der Zionisten bezeichnet werden (wie der Zionismus überliaupt unter dem D■• •kmantcl der Schaffung eines Judenstaates in P.iüB.i.i die tatsäch׳• liehe arabische Arbcitcrbcvölkomng Palästinas, wo die werktätigen Juden nur eine kleine Minderheit bilden, der Ausbeutung Englands preisgibt). In den heutigen internationalen Verhältnissen gibt es für die abhängigen und schwachen Nationen keine andere Rettung mehr, als ein Bündnis von Räterepubliken.“ (Zitiert nach der Berliner ״Freiheit“ vom 7. September 1920.) Liest man den ganzen zitierten Passus aufmerksam durch, dann fällt gleich auf, daß der Zionismus trotz der entgegengesetzten stilistischen Fassung, nicht a!9 typisches Beispiel einer allgemeinen Erscheinung herangezogen, sondern als ein Ausnahmehi! betrachtet wird. Denn bei den anderen ncuentstandeneu Staatsgebilden wird deren Existenzberechtigung nicht an sich geleugnet. Es wird nur darauf hingewiesen, daß die imperialistischen Mächte mit Hilfe der einheimischen Bourgeoisie das tatsächlich vorhandene Bedürfnis dieser Völker nach Unabhängigkeit für ihre Machtzwecke mißbrauchen. Beim Zionismus aber wird das Kind mit dein Bade ausgeschüttet. Der ganze Zionismus ist nicht mehr als eine Schwindelerfindung des englischen Imperialismus im Verein mit der jüdischen Bourgeoisie, uni mit einem Schlage zwei Fliegen zu fangen: das jüdische Proletariat aller Länder und die Araber in Palästina Das einfachste wäre, diese ganze Sache mit dem bekannten Verse Heines abzutun: Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser. Kein Zweifel, daß wir cs hier mit ״jüdischer Arbeit“ zu tun haben, ln Lenins Entwurf zu den erwähnten Thesen war der Passus über den Zionismus tatsächlich nicht enthalten. Den haben erst die Rafcs, Ester und wie sie alle heißen, die verschiedenen ״jüdischen Köpfe“ des soeben erst zum Kommunismus übergegangenen ״Bund“ und der jüdischen Sektionen der Kommunist!- scheu Partei Rußlands hinzutügt. Es ist auch kein Zweifel, daß diese Leute ihren ״Erfolg“ nur deshalb so leicht erringen konnten, weil auch in der dritten Internationale eine so ansehnliche Zahl ehemaliger Kinder des Ghettos eine führende Stellung einnehmen, die noch eine blasse Erbschaft des Judentums mit sich herum tragen, die Negierung alles dessen, was mit dem lebendigen, jüdischen Volk zu tun hat. Man könnte sich trösten und ... bessere Zeiten abwartea. Haben wir nicht vor dem Kriege in der zweiten. Internationale dieselbe Erscheinung gehabt? Und, haben wir nicht | endlich während des Krieges, dem ״Bund“ und der t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.