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Jüdische Rundschau · 1920-11-02 · Heft 77 (2.11.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 77 (2.11.1920)
Date
1920-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 71 Seite 586 JUEDISCHE RUNDSCHAU •Zionistische Bewegung Beschlösse der Misrachi-Konferenz in Kowno 1. Der Misradii arbeitet in allen politischen und ökonomischen Fragen inncrlialb der zionistischen Ver* einjgung. 2. 1\זי Misradii beteiligt sich an der Arbeit des StaiHrates. 3. IX-i Misradii gründet Schulen int Geiste der Thora und Vereinigungen zum Lernen der Bibel und des Talmud. 4. Die Unterrichtssprache in allen Misrachi-Schulcn *st licbriiisch. 5. I Vr zionistiscli-misrachistischc Gedanke Ist durch Wanderredncr und Propagandnsclmftcn zu verbreiten. Es sind junge misrachistische Vereine (צעירי חמורחי• überall ins Leben zu rufen (>. Der Misradii hat in Erkenntnis der großen Bedeutung des jüdischen Nationalfoiids für die Erlösung des Landes aus fremder 1 fand die Sammlung dieses Fonds zu stärken (folgt die Angabe der Hilfsmittel hierfür). 7. Der Misrachi legt allen Mitgliedern die Pflicht auf, die Bemühungen zur Vergrößerung der Sammlung für den Keren hajessod zu intensivieren. S. Die erste Landeskonferenz, des litauischen Misradii ■ erkennt den Wert der nationalen Autonomie an und erachtet es als ihre Pflicht, die Bemühungen um ihre Erreichung zu unterstützen und sie gegen Angriffe, von welcher Seite sie auch kommen mögen, in Schutz zu nehmen Zionistischer Gruppenverband Oberschlesien Sonntag, den 7. November, naclun. V<4 Uhr, findet , >1» Kattowitz im Rcsidenzhotcl, Johannesstraße, eine Tagung statt, in der über die Durchführung der Kerenhajessod-Aktkm beraten werden soll. Das einleitende Referat wird ein Mitgied der Beiliner Zentra'e 11aden. Es wiru erwartet, daß nicht nur sämtliche Vertreter und Vorstandsmitglieder der einzelnen Ortsgruppen, sondern auch zahlreiche andere Gesinnungsgenossen an der Sitzung teiir.ehmen. 1. A.: Dr. Dobrzynski. Sprechsaal Landauer als Vorbild der zionistischen Jugend? Von San.-Rat. Dr. Emil Simon so n (Infolge Raummangels konnte der Abdruck nur mit erheblicher Verspätung stattfinden.) In einer Besprechung des neuen Heftes der ״Arbeit“ •11 Nr. 35 der ״Jüdischen Rundschau1‘ wiid die Wiedergäbe eines ״wahrhaft herzerquickenden“ Artikels von Gustav Landauer als besonders verdienstvoll hervorgehoben. Zu׳n Beweise dieser hervorragenden Qua’.itat wird folgender Satz zitiert: ״Es gibt das Wunder nicht, daß aus dem Dreck die Blume erwächst, so wenig, wie aus Sägemehl Flöhe entstehen, der Sozialismus entwickelt sich nicht aus dem Kapitalismus, Flöhe werden von Flöhen geboren; die Blume wächst aus dem Samen, und der Sozialismus als äußere Wirklichkeit der Zustände komm! nur, wenn er als innerer Keim in dem Menschen lebt Diese Menschen — sie werden zmn Beginn die wenigsten sein — müssen im Kapitalismus dringesteckt sein, wie der Same iin Kot; sie müssen daraus hervordringen und ihre eigenen Philister- und Feiglingshülseii zum Platzen bringen, indem ihr inneres Licht zur Sonne der Freiheit und Schönheit empor will." Die Meinungen können darüber geteilt sein, ob gerade die hier angeführten Sätze besonders geeignet sind als Muster,Beispiel für klares Durchdenken und schöne Form zu dienen. Es wäre sogar nicht einmal erforderlich, gegen den gedanklichen Inhalt des Artikcls zu sprechen, selbst wenn man ihn für unrichtig hält. Wir lesen ja in unserdr schreäbfrohen Zeit vieles, was uns schief und falsch scheint, ohne immer gleich laut zu widersprechen. Wenn ich mich im vorliegenden Falle trotzdem zum Einspruch entschlossen habe, so war entscheidend dafür •die Aeußerung des Referenten, daß er davon eine günstige Beeinflussung unserer zionistischcn Jugend erwarte. Das hebt die Sache aus der privaten Sphäre in den Bereich des öffentlichen Interesses. Die Jugend ist nicht nur die Zukunft — das begreifen und erhoffen wir alle, die wir Väter sind — sondern im heutigen Zionismus ist sie an Einfluß und Machtfüllc auch die Gegenwart, und das legt uns Aelteren die Pflicht auf, dafür zu arbeiten, daß sic jnit der Zeit lernt, die Dinge stereoskopisch, nicht bloß flächenhaft voncincr Seite zu sehen. Sic muß allmählich begreifen, und wir müssen ihr dabei jeder nach seinen Kräften behilflich sein, daß das Denken ein Hindernisrennen ist, dessen Gräben und Mauern man nicht umgehen darf, sondern ehrlich nehmen muß. Margulies hat ganz Recht, die Jugend kann ohne Radika- Iismus nicht leben. Aber die Jugend schwindet, und der Radikalismus bleibt nach Du Bois-Reyinonds Wort ״ein Denkfehler, der besonders der Jugend eigentünilich ist." Bleibt die Jugend in der Bahn dieses emgläsiften Denkens dauernd stecken, so entsteht der auch im Zionismus nicht unbekannte Typus, den ich gelegentlich als ״petrefaktc ׳ Primaner“ gekennzeichnet 2 Schwingen sich solche, auf früherer Entwicklung«• , teh*״g«blwbeno Männer zur Führcrrolle auf, dann gilt auch heute noch das Mischle-Wort: ״Wehe dem, Volke, dessen König ein Kind ist." Auf dem Boden eines derartigen, im Primanertura stecken gebliebenen Idealismus ist auch die oben wiedergegebene Aeußerung von Landauer gewachsen. Ihm ist der ״Kapitalismus" Dreck, der Sozialispius aber die wesensfremde Bhnnc, die den Dreck nur zum Wachsen braucht, wie die Glocke die Form. Beiläufig: Die Blume kann doch nur wachsen, indem sic dein Dreck, d. h. der Erde, Nahrung, also, ihre eigenen Bestandteile entnimmt. Selbst der Keim, der durch Nalirimgsaufnähme zur Pflanze wird, besteht doch restlos aus Teilen des Drecks! Aber wir wollen uns bei dem Nachweis nicht aufhaltcn, daß Vergleiche stets nur bis zu einem gewissen Punkte zutreffen, und, wenn sie zu weit fortgeführt werden, uns nur darüber hinwcgtäuschen, daß wir uns damit das Durchdenken erspart haben. Zumal wir später noch Gelegenheit haben werden, darauf cinzugehcn. Madien wir uns also erst einmal ganz nüchtern klar, was Kapitalismus" und was ״Sozialismus" ist Kapitalismus — darüber wird sich kein Streit entspinnen — ist die wirtschaftliche Verfassung, in der cs einzelnen Menschen oder einzelnen Gruppen möglich ist, vermöge von Monopolrechten an Produktionsmitteln sicli einen Teil des Arbeitsertrages aller derjenigen Volksteile anzucigncn, die ohne diese Produktionsmittel nicht zu arbeiten vermögen und daher gezwungen sind, die Erlaubnis zur Benutzung der Produktionsmittel durch Hergabe eines Teils ihres Arbeitsertrages zu erkaufen. Dementsprechend müssen wir Sozialismus als das Streben nach einer Wirtschaftsordnung arischen, bei der cs Monopole privatwirtschaftlicher Subjekte an Produktionsmitteln nicht gibt, so daß auch die Erpressung von Mehrwert nicht möglich ist. Wir haben nun in Deutschland in den letzten eineinhalb Jahren Gelegenheit gehabt, an einem Riesencxperiincnt die Wahrheit der Landauerschcn Auffassung von der Wesensvcrschiedenheit zwischen Kapita- Iismus und Sozialismus zu prüfen. Die Arbeiter haben mit Hilfe der Gesetzgebung und durch Benutzung des unbeschränkten Koalitionsrechts eine große Anzahl öffentlicher und privater Betriebe teils formalrcchtlich, teils de facto sozialisiert, so daß von einem Mehrwert nicht mehr gesprochen werden kann, daß die Fabriken, Bahnen usw׳. vielmehr dauernd Zuschüsse zu ihrer Aufrechterhaltung erfordern. Hat also der Mehrwert aufgehört? Keineswegs. Mehrwert erpressen heute die Arbeiter überall dort, wo sie die Macht dazu haben. Wenn der Ingenieur schlechter bezahlt wird als der Arbeiter, der Arzt schlechter als die Scne11erfr.au des Krankenhauses, wenn der gut bezahlte Arbeiter unbekümmert um das Wohl des Ganzen schematisch an seinem achtstündigen oder sechsstündigen Normalarbeitstage fcsthält, während der schlechter bezahlte Bürobeamte und Kopfarbeiter bei der Post, der Eisenbahn und anderen Betrieben zu Zeiten bis tief in die Nacht hinein arbeitet, u!11 den Betrieb vor Zusammenbruch zu bewahren, dann sehen wir, daß sich weiter nichts geändert hat, als die Personen. Die Arbeiter haben die ihnen zugef.diene Macht ausgenutzt, um ihrerseits sich den Arbeitsertrag anderer Gruppen anzucigncn, und zwar nicht einmal immer unbewußt; denn es ist wiederholt vorgekommen, daß Besitzer von. Betrieben, die infolge der gestiegenen Arbeitslöhne nicht nur keinen Gewinn abwerfen, sondern deren Grundkapital sogar schnell ziis.ammcnsclimolz, den Arbeitern anboten: Nehmt die Fabrik hin, ich will euch das nötige Betriebskapital stehen lassen, betreibt sie selbst auf eigene Rechnung und Gefahr. Die Arbeiter lehnten das ab, verlangten aber auch fernerhin Lohnsteigcrungen. Also wo ist der Idealismus? Es heißt einfach: Stehe auf, damit ich mich setze. Dreck? — Bis vor einem Jr.hrhundert war gerade der Kapitalismus die einzige Mög* lichkeit, Blumen aufsprießen zu lassen. Solange der Arbeitsertrag des Einzelnen nur für den notdürftigen Unterhalt ausreichte, konnten Zivilisation und Kultur nur erstehen, wenn eine Klasse durch Erpressung von Mehrwert imstande war, sieh über den Durchschnitt zu erheben. Ohne Sklavenarbeit kein Sophokles, kein Phid ias, kein. Salomonischer Tempel, ohne den Numerus clausus des deutschen Handwerks kein Dürer, kein H a ns Sach s. Als durch die jüd sehen Offiziere und Soldaten Alexanders die Gedanken von der Gleichheit alles dessen, was Menschcnant’itz. trägt, in der griechischen Welt auftauchten, da lehnte Aristoteles diese Ideen mit überlegener Ironie ab, indem er erklärte, Abschaffung der Sklaverei sei erst dann möglich, wenn die Webseliifflein von selbst gingen. Er hatte Recht. Aber seit der Mensch den Dampf und die elektrische Energie in seine Dienste gezwungen, ist des Aristoteles Forderung erfüllt. Die Arbcitskraft des Einzelnen vermag gegen jene Zeiten das Hundertfache zu produzieren, genug, u׳n allen mehr als das Notdürftige zu gewähren. Die Forderung nach Abschaffung des Mehrwerts ist also berechtigt. .Und doch ist cs nicht besser geworden, sondern die ״Idealisten" von. gestern erpressen heute Mehrwert (Schluß folgt.) Liverpool. Zugunsten des Nationalfonds fand am. 12. Oktober ein Brzar statt, der durch eine Rede von C. K. Webster, dem bekannten Dozenten für moderne Geschichte an der Universität Liverpool crö'fact wurde. Professor Webster schilderte die großen Möglichkciten Palästinas und gab seiner Ucbcrzcu'jung Ausdruck, daß es ״dem idealsten Volk der Welt" gelingen werde, Ercz-Israel zu einem der fruchtbarsten und bestentwickeltsten Linder zu machen. Deutschland Rundschau Das antisemitische Bayern. — Geistlichkeit und Antisemitismus. — Deutschnationaler Parteitag. Aufklärung fPr Arbeiter. — Reventlow. lX־r ״Umsturz" macht sieb in Deutschland in meik würdiger Weise bemerkbar. Während früher Preußen für rieh den Ruhm in Anspruch nahm, mit der größten Reaktion den stärksten und aggressivsten Antisemitismus zu verbinden, 111aeilt ihm jetzt hierin Bayern die Palme streitig, in dem früher von Reaktion wenig, von Antiscniitismus fast garnichts zu spüren war. Was in den letzten Monaten insbesondere in München vom Anti scniitismus geleistet worden ist, erinnert sehr bedenklich an die Anfangsstadien jener Entwicklung, die dazu gcführt hat, daß Ungarn heute neben Polen das 1*״• gron! land par excellence ist. Eine Hetze von beispiellos niedrigem Niveau vergiftet seit langer Zelt systematisch die Münchner Atmosphäre. Was dort mindestens ein mal wöchentlich auf knallroten Riesenplakaten an de» Anschlagsäulen zu lesen ist, und sich Kundgebung der national-sozialistischen Partei nennt, wetteifert in Stil und Inhalt mit den Inschriften, die zu Hunderten die Wände bestimmter verschwiegener Ocrtlichkeitcn bedecken. ״Schlagt die Juden tot" ist noch eine der harmloseren Aufforderungen, die auf diesem Wege 1» die Münchener gerichtet werden. Daß diese niederträchtige Hetze irgendwann einmal Erfolg haben mußte, liegt auf der Hand. Ihr erstes Opfer wurde der bekannte jüdische Sexualforschcr Dr Magnus Hirschfeld aus Berlin, der anläßlich eines Vortrages von .antisemitischen Jtowdics derartig mit Knüppeln bearbeitet wurde, daß er schwer verletzt m eine Klinik geschafft werden mußte, und sich eine zcitlang sogar das Gerücht von seinem Tode verbreitete. Adtnltcft wäre cs beinahe dem Münchner Rabbiner Dr. Ba er Wald gegangen, der mit anerkennenswertem Mut den Versuch machen wollte, in einer Versaimnlung, in der nach bekannter Manier gegen den Talmud losgezogen wurde, die Ehre des Judentums zu ver■ leidigen. Das Empörendste an all diesen Vorgängen ist, daß sic unter freundlicher Duldung der bayrischen Regierung, und insbesondere der Münchner lokalen Behörden, vor sich gehen. Insbesondere der fW.i/cipriisidcnt der hayrtsehen Hauptstadt, Herr Polin er, beweist in der Behandlung dieser Fragen einen Zynimus, der kam mehr überboten werden kann. Abgesehen davon, daß Herr Pühucr garnicht daran denkt, Präventivmaßnahme» zu ergreifen, um Exzesse gegen die Juden zu verhüten — wozu er letzten Endes doch angestellt ist und von den Steuern auch der jüdischen Bewohner Münchens bezahlt wird — erlaubt er sich auch noch das Vergnügen, sich in den für die Presse bestimmte* Mitteilungen des Polizeipräsidiums über diese Dinge lustig zu machen. Mit diesem Herrn müßte einmal ganz anders geredet werden, als es seitens einer Dolegatian der jüdischen Gemeinde München geschah, der Polmer mit dem scheinheiligsten Gesicht der Welt erklärte, er hätte keine Ahnung gehabt, daß es in Bayern Antisemitismus gibt, könne das auch nicht recht glaube» und werde in Zukunft etwas mehr aufpassen. * l>cr ״Zentralverein Deutscher Siaau bürge r Jüdischen Glaubens“ veranstaltete unlängst in Berlin eine außerordentlich gut besuchte Ver- Sammlung, in der evangelische, katholische und jüdische Geistliche über den Antisemitismus sprachen. Irrt Mittelpunkt dieser Erörterung stand bezeichnenderweise die Ostjudenfrage. Lic. D. B i 111 i n g c r bezeichnet es als die selbstverständliche Pflicht eines Kulturvolkes, die aus dem Osten flüchtenden Juden aufz.unchmcn, tadelte aber die unpraktischen Maßnahmen der Regierung, die eine Konzentration der Ostjuden »n den Großstädten herbeigeführt habe, wo Wohnungsmangel uund Ernährungsschvvicrigkcitcn in besonderem Maße Ursache zu Konflikten abgeben. Rabbiner Dr. Kantorovvski betonte, daß die Ostjudenfrage von de» deutschen Juden im Sinne verstehender Lielx■ und wahrhafter Brüderlichkeit gelöst werden müsse. Er wandte sich mit besonderem Nachdruck gegen die Schmähungen, denen das Ostjiidcntum von seiten mancher deutsch-jüdisehen Kreise ausgesetzt sei. Viel wirksamer wäre es, wenn das deutsche Judentum geschlossen an die Aufgäbe heranginge, die bei uns weilenden Ostjuden dem deutschen Wirtschaftsleben produktiv jnzii• gliedern. Sichtlich den stärksten Eindruck inachten die Au-־ führungen von Frau Skkly W ronsky, die mit Nachdruck betonte, daß es sich bei der Ostjudenfrage nicht nur um Flüchtlinge handle, die in der letzten Zeit nach Deutschland gekommen seien, sondern in erheblichem Maße um solche jüdischen Arbeiter, die in der Zeit des Hindenburgpnogramms von den deutschen Industrichen unter mehr oder minder hartem Zwange nach Deutschland gebracht wurden, und für die Deutsch• land deshalb eine starke moralische Verantwortung trage. Daß die Ostjuden zum größten Teil auch־ unter den schwersten Bedingungen arbeiten wollen, zeige sich in der ständig wachsenden Zahl in den Industriegebieten, wo sic gerade in jenen Produktionszweigen beschäftigt sind, die für das deutsche Wirtschaftsleben die größte Bedeutung haben, wie z. B. im Kohlenbergbau.

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