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Jüdische Rundschau · 1920-11-02 · Heft 77 (2.11.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 77 (2.11.1920)
Date
1920-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. דד Polen Ein Jude ״bevollmächtigter polnischer Minister und Vertreter Polens beim Völkerbund“ ln London weilt zurzeit Prof. Dr. Simon Aschkenasy, den die jwlnischc Regierung zum ״bevoUmadilijjicn Minister und Vertreter der polnischen Republik beim Völkerbund" ernannt hat. Sie hat hierbei aus einer Not nicht nur eine Tugend, »indem gleich deren zwei gemacht. Prof. Aschkcna.sys Mission ist es, i.11 England die Ansprüche Polens insbesondere gegenüber Danzig zu vertreten, Selbstverständlich hatte man das zunächst durch einen ״echten“ Polen besorgen lassen; als sich die Angelegenheit aber nicht im gewünschten Sinne entwickelte, hielt man es doch für besser, dem jüdischen Historiker, dem man mehr Geschick zunutten durfte, mit der schwierigen Aufgabe zu betrauen. Mau spekulierte dabei wohl so: winl das Ziel erreicht, so wird die öffentliche Meinung angesichts des erfreulichen Resultates nicht fragen, wer es erzielt hat, geht die Sache j aber schief, so ist es ein Leichtes, den )udeii als den Schuldigen preiszugeben. Nebenbei aber nutzt die polnische Agitation die Ernennung Aschkeiiasys weidlich dazu aus, um zu ״beweisen“, daß die Regierung keineswegs antisemitisch sei, und dal! die Juden sogar zu höchst wichtigen pnd verantwortuugsvollcn Posten Zutritt luilicn. Es ist deshalb von grober Wichtigkeit, festzustellcn, wes Geistes Kind Prof. Asehkenasy ist. In den Warschauer jüdischen Zeitungen lesen wir von einem Interwiew, das der ״jüdische Minister Polens“ dem Herausgeber einer jüdischen Zeitung in London gegeben hat, und in dem er mit dankenswerter Offenherzigkeit seine Stellung zur Judenfrage in Polen klargclcgt hat. Es geht daraus hervor, daß die• polnische Regierung keinen Fehlgriff getan hat, als sie sich Prof. Asehkenasy zum Vertrauensmann wählte. Er, der seinen Ausfülrrmigcn die typische Forme! aller Assimilanteii vorausschickte, daß er ״guter Jude“ sei, stimmt mit den Anschaumigen der Regierung vollkommen iiberein. Er leugnet zwar nicht, daß die Lage der Juden in Polen außerordentlich schwierig ist, meint aber, es sei in ’anderen Ländern auch nicht viel besser, und vor allen Dingen müßten die Juden selbst viel mehr dazu heitragen, um ein günstigeres Verhältnis zu schaffen. Auf die crslaunte Frage, was die Juden in Polen denn noch mehr tun könnten, als sic bisher schon getan 1131)0% machte Prof. Asehkenasy folgende Vorschläge: 1. De Juden sollen aufhören, jiddisch zu sprechen, 2. sie sollen die äußeren Merkmale ihres Judentums, Kaftan und Pcies z. ß., ablegen, 3. sie sollen möglichst bald und möglichst zahlreich emigrieren, aber beileibe nicht nach Palästitia oder Amerika, sondern nach — Rußland. 1 Fiese drei Bedingungen müßten von den Juden sofort erfüllt werden. Der polnischen Regierung hingegen müsse man Zeit, viel Zeit lassen, um das ״arme und fanatisiertc Volk zu heben“ und auf dem Wege der Erziehung zu höherer Kultur dem Pogromgeist abspenstig zu machen. Der ״gute Jude־“ Asehkenasy schlägt also den Juden Polens genau dasselbe vor, was der polnisehe Antisemitismus von ihnen verlangt: weitgehendste Assimilation und baldigste Aus- Wanderung! Prof. Asehkenasy ineint, das aasländische Judentum könne viel dazu beitragen, daß die JmJenfragc in Polen in günstigem Sinuc gelöst werde, wenn es nicht gegen die polnische Regierung arbeite, vielmehr bedeutende Juden wie z. B. Lord Rcading und Monte! io re, Polen ihre Freundschaft beweisen würden. Es wäre allen ausländischen Juden zweifellos viel lieber, cs gäbe keine Staaten, die ihre Juden so behandeln, daß die jüdische Presse aller Länder die traurige Pflicht hat, unaufhörlich auf ihre Schandtaten hittzuweisen. Wir verkennen die Schwierigkeiten Polens nicht und wären gern bereit, ihm in jeder Hinsicht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn cs dazu nur Gelegenheit böte. Aber solange Polen wie bisher nicht die mindesten Beweise erbracht hat, daß cs wenigstens den guten Willen zur Besserung der Verhältnisse hat, werden wir nicht »nfhören, gegen die Judenpolitik seiner Regierung mit »Bern Nachdruck zu protestieren. Heute gilt cs, die unsäglich beschämende Tatsache festzustellcn, daß sich in Polen ein Jude gefunden hat, der si«h dazu hergibt, beim Völkerbund einen Standpunkt 11׳ vertreten, der dem Akt 03 des Fricdcnsvcrlrages glatt widerspricht. Dieser Akt spricht den polni* sehen Juden alle Mlnoriititsrcchte zu. Der Völkerbund wird es erleben, daß ein polnischer Jude diese Rechte streitig machen wird, und daß sie gegen einen Juden verteidigt sein werden durch nichtjüdische Vertreter des Prinzips des Schutzes nationaler Minoritäten. ln Polen sind zurzeit folgende jüdische Zeitungen verboten: ״Jcvwrejskaja Trybuna“, ״Jewish Tribüne“ ■nd ״Tribüne Juive“ (Paris). JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 585 Die ״f\t!s“!eichsvcrhand!ungen“ Ijondrm, 24. Oktober. (Jewish Corr. Bur.) Zu Rüge einem Be rieht aus Warschau haben die an den Ausglcidisveiliaiidlmigcii teilnehmenden jüdischen Deputieitcn der polnischen Regierung ein Memorandum überreicht, iu welchem sie als unerläßliche Voraussetzung einer Vcrständi um״ zwischen Juden und Polen folgende, sofort zu erfüllende Bedingungen stellen; 1. Die Regierung verpflichtet sieh, dem Sejm ein : Gesetzprojekt für die Abänderung des Sams* 'tagrul1cgesetz.es zu unterbreiten. 2. Die Regierung verspricht, einen neuen Gesetzentwtirf über die Staatsbürgerschaft i:n Sejm cinzubiingcn, da durch unlängst beschlossene Gesetze ein beträchtlicher Teil der jüdischen •Bevölkerung in Polen der polnischen Staatsbürgerschaft verlus.ig wurde und in den. ״Fremdeniisteu“ registriert wird. 3. Die Regierung verpflichtet sich, eine Reihe vo:1 Maßnahmen 7.11 treffen, um die durch den Boykott und den Krieg verschuldete wirtschaftliche Not der Juden zu lindern. Solange diese Forderungen nicht erfüllt sind, könne von einem Ausgleich zwischea Juden und Idolen nicht die Rede sein. Entlarvte Lugner (Was die poln. Tclegraphenagenlur nicht meldet.) London, 23. Oktober. (Privat) Die polnische Telegraphenagcntur hatte seinerzeit mitgctcilt, daß in Plack die jüdische Bevölkerung gelegentlich der bolschewikisehen Angiiffc ohne zwingende Notwendigkeit und auf eigenen Antrieb als Feinde der Polen aufgctrelen wäre. Der l,locker Magistrat hatte dann eine besondere Unter- .sucliiiiigskomnüssion -- bestellend aus; drei Christen, darunter einen Geistlichen —- eingesetzt. Auf Grund des erstatteten Berichtes hat die Stadtverwaltung folgende einstimmige Entschließung gefaßt: Der Magistrat in Plock stellt fest, daß sich die jüdische Bevölkerung gegenüber der polnischen Armee vollkommen loyal verhalten und durchaus keine Sympathien für die Bolschewiken gezeigt hat. Sic hat linier den Bolschewiken in gleichem Malle wie die christliche Bevölkerung gelitten. Die Mitteilung der polnischen Tclegraphcnagentur, wonach die Juden polnische Soldaten mit Säure begossen und sich mittels unterirdischer Telephone mit Bolschewiken in Verbindung gesetzt hätten, kann durch keinerlei Tatsachcn bestätigt werden. Wir beauftragen die Stadtverwaltung, sofort für die Veröffentlichung dieser Feststellung durch das pol nisehe T elegraphenbiirozu sorgen. Bisher hat die polnische Tclegraphcnagentur diese Fest- Stellung noch nie 11t veröffentlicht. Ein amerikanischer Zeuge der Pogrome Die in Prag erscheinende Zeitung ״Wolja, Rossij“ berichtet über die Eindrücke eines aus Polen zurückgekehrten Amerikaners. Diese Berichte verdienen laut dem ״Bulletin d’lnformation pour la Rtissic“ volles Vertrauen. ״Unser Freund,“ heißt es in diesem Bulletin, ״hat sich in Lemberg mit eigenen Augen davon überzeugt, daß dort polnische Proklamationen an die Mauern geklebt waren, mit der Unterschrift der Heeresverwaltung, indenendic Soldaten •aufgefordert'werden, die Juden zu erschlagen. Der Amerikaner hat die verschiedenen Sektoren der polnischen Front besucht und auch die polnische Okkupatioris/one in der Ukraine in Weißruß-!and. Ueberall fand er die Spuren der unglaublichsten Grausamkeiten, die polnische Soldaten an der jüdischen Bevölkerung verübt haben. Hier kann nun schon nicht mehr von Pogromen sprechen, es ist vielmehr die systematische Vernichtung eines ganzen Volkes.“ Frankreich ״Kein Grund zur Intervention“ Der ״Israelit“ meldet: ״Auf eine Eingabe der Alliance Israelite Universelle an die Regierung um eine Intervention zugunsten der Juden in Polen, antwortete diese, daß es sich bei den Mißhandlungen in Polen nur um Einzelfälle handle, daß ferner eine Verständigung in die Wege geleitet sei und daher •kein Grund zur Einmischung vorhege.“ De französischen Missionen in Polen scheinen nur höchst selten auf die Bahnhöfe oder an sonstige Orte zu kommen, an denen Juden gepeinigt werden — oder der Begriff ,;Einzclfälle“ ist im Französischen sehr dehnbar.> Für das Land, das zuerst die Menschenrechte und die Judenemanzipation verkündet hat, ist cs ein trauriges Stuck, aus politischen Rücksichten sieh blind und taub stellen zu müssen Rückkehr der deutschen Benediktiner. Die heipscltm tkneuikuner, die Anfn11<* 1919 vom den englischen Behörden nach Palästina berufen wurden, kehren, wie das ״Jüdische Korrespondenzbüro“ meldet, nach Belgien zurück. Dieser Beschluß wurde gefaßt, weil Sir Herbert Sarnucl, der Oberkommissar für Palästina, sie bcnachrichtigt hat, daß die deutschen Benediktiner infolge seiner Erlaubnis nunmehr nach dem Berge Zion zurückkehren. Rumänische Siedlunßsgcnossenschaft. Aus Buk*- rest wird laut ״Zionistischer Korrespondenz“ gemeldet, daß sich in Rumänien tausend Familien zu einer Genossenschaft vereinigt haben, um nach Palästina zu über siedeln. Ihr Kapital beträgt 30 Millionen Lei Schweiz Ausnahmegesetze für Osfjudcti ln Zürich bat die bürgerliche Abteilung des Stadt: raics an die bürgerliche Abteilung des Großen Stadtrates eine Weisung ergehen lassen, die eine Revision der Einbürgcrungsgrundsätze enthält. Es wird in ihr ausgesprochen, daß der Stadtrat künftig mir solche Ostjuden zur Aufnahme üi das Bürgerrecht empfehlen werde, ״die vor der Stellung des Gesuches mindesten« 13 Jahre lang ununterbrochen in der Stadt Zürich gewohnt, sich gilt angepaßt und als nützliche Elemente der schweizerischen Volkswirtschaft erwiesen haben“. Die Aufnahme von Bewerbern aus anderen Heiaiatgrnppen ist von einem nur zehnjährigen Aufenthalt abhängig. Gegen diese Zurückstellung der Ostjuden haben sich die israelitischen Gemeinden Zürichs in einer sehr energischen Eingabe gewandt. Sie machen darin auf die seit langer Zeit geübte Praxis des Stadtrates aufmerksam, liürgcrrcchtgcsuchc jüdischer Bewerber einfach zurückzulegen. Besonders aber protestieren sie gegen die Begründung der netten Einbürgcningsgrundsalze. Seltsamerweise hat nämlich dcr'Stadtrat als einen seiner Gründe ״das starre Festhalten an einer orthodoxen ■ Ausübung der jüdischen Religion“ angegeben und behauptet, die in Westeuropa lebenden Juden halten sich mehr und mehr von diesen Satzungen frcigemacht. Die jüdischen Gemeinden Zürichs protestieren reit aller Schärfe dagegen, daß man von staatswegen die Aufgabe irgendwelcher religiöser Formen und Ucbungctt verlange. Sie weisen darauf hin, daß bei solchen Grundsätzen gerade diejenigen Juden nicht das schweizer Bürgerrecht erlangen können, die zu charaktervoll sind, um ihr Judentum zu verleugnen. Endlich erinnern die Ge- , meinden daran, daß es bisher der Stolz der Schweizer gewesen ist, ein Asyl für Verfolgte zu sein und schließen mit dem Antrag, die Bürgerrechtgesuche von Ostjuden formell und materiell in gleicher Weise zu behandeln wie die aller anderen Ausländer. * Das ״Israelitische Wochenblatt für die Schweiz“ ist für Polen verboten. TschechosJowakien Tschechoslowakische Horihy-Schüler Wie das Abendblatt des ״Pravo Lidu“ meldet, begann am 20, Oktober vor dein Kaschauer l>ivisionsgcricht eine Verhandlung gegen fünf Soldaten, die beschuldigt sind, am 12. Juni 1919 nach dem Einmarsch des tschechoslowakischen Militärs in Groß-Vytoscli, eine ganze Reihe von Juden ermordet zu haben. Sic hatten den Befehl, diese Juden, die des Verkehrs mit den tmgarischen Bolschewisten verdächtig waren, zum Feldgcricht zu eskortieren. An Steile dessen erschossen sie die Juden während der Eskorte, begruben ihre Opfer und rückten dann zu den Abteilungen ein. Als Fiaupträdelsführcr ist der Korporal Karl Horak vom 21. Inf.- Lcg.-Regt airgcklagt. iviciue miuemingen Industrieaussichten in Palästina. In den ersten Zeiten der zionistischen Bevvegun, schwebte manchem guten Zionisten eit; Zukunftsbild vo romantischer Schönheit vor: Erez-Israel in ein La״ jüdischer Bauern verwandelt, mit einigem ilnndwcr und Kleingewerbe in Dörfern und Städten, sonst tir berührt von der modernen Entwicklung zum Groll ge werbe, zur Industrie, mit allen ihren Folgen, de Klasscnscheidiing, ästhetischen Unkultur usw. Also da ״kleinbürgerliche" Ideal. Wirtschaftlich gebildeten Köpfe war es von vornherein klar, daß ein solches Ideal tu unter ganz außergewöhnlich günstigen Verhältnisse denkbar ist, daß grundsätzlich erst die Entwicklung de Städte und ihrer Industrie eine höhere Entwicklung dt Landwirtschaft nach sich zieht, und daß wir jcdenfal! wenn Palästina rasch mit einer größeren Menschenmcng erfüllt werden soll, auf eine gewerbliche und indi strielle Entwicklung nicht verzichten können. In de zionistischen Literatur war es T riet sch, der t\ erst die industriellen Voraussetzungen Palästinas untc suchte und zahllose Anregungen gab. Was man i den Arbeiten Trictschs vermißte, war der Mangel a Abrundung und Ucbersicht, an dem namentlich sei Werk ״jüdische Emigration und Kolonisation“ krank Trietsch selbst war sich stets bewußt, daß seine Ai beiten einen weiteren Ausbau erforderten; daher sei fortdauernder Ruf nach einer Nationalökonomie Pal; stinas. Einen wertvollen Beitrag zur palästinensische Wirtschaftskunde gibt nunmehr N. Wilbuschc witsch in seiner Schrift ״Aussichten der In dustrie in Palästina“, welche kürzlich im Ji discheu Verlag erschienen ist. In einer Broschüre vo 2ä Seite״ gibt Wribuschcwitsch ein übersichtliches Oil über die industriellen Grundlagen. Die Broschüre j! außerordentlich instruktiv für )ixten, der sich über pal; stincnsische Industriemöglichkeiten orientieren will. W< sied bereits ruiltcr nut den Aussichten einzelner Kruh strien befaßt hat, wird natürlich in den kurzer» Al handlungen über die einzelnen Industriezweige nich wesentlich Neues finden; Fachleute dürften hier und t! sogar mancherlei vermissen. Als Anleitung für wei! Kreise dürfte die Schrift jedoch, gerade weil sie eir abgerundete Uebcrsichf gibt, außerordentlich wertvo sein Wer an gewerbliche Betätigung in Pakistlr denkt, sollte sich zunächst an der Schrift Witbuschcwitscl zvr1Z»nt11»1son *-• 2..#<... י_־■* ** . 1 »_ * lieh Si״d.>iSbuschewitsch 7“cr dem der 1״ Cäsarea entstehend OeJ-«S Seif taaruc. M

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