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Jüdische Rundschau · 1920-11-02 · Heft 77 (2.11.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 77 (2.11.1920)
Date
1920-11-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 534 J (I E Dl SCH E R U N D S CH AU Nr. 77 ui sehr dankenswerter Weise die Funktion dieser Fonds ausein,•uider. Wenn wir von den unter A. 1von ihm angeführten Kapitalsanlagcn abschen, so sind unter iS. und C. im wesentlichen jene Funktionen angeführt, die nach dem Geiste des Londuner Beschlusses der Keren hajessod zu erfüllen haben wird. Brandeis vermeidet die Nennung des Keren hajessod und zerlegt ihn in mehrere Spezialfomls, vielleicht um seine Vorschläge präziser zu fassen, vielleicht aber auch mit einer gewissen Absicht und mit Rücksicht auf den Umstand, daß die (offizielle Form der Konstituierung des Keren hajessod von London noch nicht veröffentlicht ist. Die amerikanische Exekutive hat unter .visdriicklicheni Hinweis auf diesen Umstand die Organisic rum; der Aktion für Keren hajessod verschoben und zunächst die akuten Aufgaben i:1 Palästina fest/uset/eu beschlossen. Sachlich deckt sieh aber der Vorschlag Brandeis' mit: dem Programm des Keren hajessod, mit dom immerhin wesentlichen Unterschied, daß Brandeis die Ausgaben für die laufenden Arbeiten, insbesondere Organisation der Immigration, Immigrantenfürsorge usxv. aus seiner Liste ausschaltct und auch das Erziehungswesen nur mit Einsc'uru1ku!1geu zuläßt. Im übrigen wird auch der Keren hajessod zur Lösung der «einzelnen Aufgaben spezielle Instrumente schaffen müssen, und die prinzipiellen Erfordernisse, die Brandeis bozüglich der Verwaltung der Fonds aufstcllt, sind durchaus zu unterstützen. Die Verwaltung soll durch derartige Organe erfolgen, die die Gewähr bieten, daß die Gelder in .sparsamster und Wirtschaftliebster Weise verwendet werden, daß durch öffentliehe Rechnunglegung und öffentliche Bekanntgäbe der auf die Aufbringung des Geldes vorwandten Spesen das Vertrauen der Öffentlichkeit gewonnen wird. Die Forderung, daß die Spesen rechtzeitig verlautbart werden, statu int wohl aus der Erfahrung der letzten 10 Millionen-Dallar- Kampagne Amerikas, wo trotz eines ungeheuren Aufwandes für Reklame und Propaganda nur ein verhältnismäßig kleiner Betrag aufgebracht wurde, so daß die Spesen sich als unverhältnismäßig hoch erwiesen haben. Die Gelder sollen also wie Kapitalsnnlngen verwaltet werden, mir daß eine Verzinsung derzeit nicht in Aussicht gestellt werden soll. Auch dies entspricht ungefähr den Vorstellungen über die Organisierung des Keren hajessod, der durch Ausgabe von Zertifikaten zwar die Geldgebe!׳ an der finanziellen Gesamtaktion beteiligt, jedoch eine Verpflichtung zu 'einer Dividenden- Zahlung im Sinne privatkapitalistischer Gesellschäfte!! nicht übernimmt. Ein gesunder Gesichtspunkt ist auch die Forde• rung, daß die palästinensische Bevölkerung sieb selbst erhalten muß. Allerdings sollte hier noch der Zusatz gemacht werden, daß diese Erhaltung durch produktive Beschäftigung geschehen soll. Und dies zu ermöglichen ist die eminente Aufgabe der zionistischen Organisation, die, wie Branders selbst sagt, die Bedingungen für produktive Arbeit im Lande schaffen iiuili, Besonders in den Kreisen amerikanischer Zionisten wird immer wieder die Beschuldigung erhoben, daß der Jischuw sich daran gewöhnt habe, sich zu sehr auf finanzielle Hilfe von außen zu verlassen; bei diesem Vorwurf ver• gißt man aber sehr leicht, daß gerade die Amcrikaner es waren, die durch ihr Untcrstützungssystein Demoralisation und Korruption in den Jischuw getragen haben. Sehr richtig schildert Aronov/icz jüngst in einem Artikel in ״Hap0eI-Haz.au", wie sehr während des Krieges alle Energien und alle Nerven des _ganz.cn Jischuw zum äußersten gespannt und z.tnn letzten *bereit waren, bis — der erste amerikanische Hilt'stransport einlangtc, der allmählich die Bevölkerung an Unterstützung gewöhnte. Die Hilfeleistung der Amerikaner für Palästina während des Krieges ist cm« Tat von historischem Verdienst; aber es darf dämm nicht unausgesprochen bleiben, daß die Methoden der ,amerikanischen Hilfeleistung viel zu wünschen übrig gelassen haben. Auch die von Brandeis ausgegebene Parole, daß die zionistischeu Beamten das Beispiel einfacher Lebensführung und harter Arbeit geben müssen, hat sich in erster Linie an die Amerikaner zu richten, die ohne Absicht und ganz unwillkürlich sehr viel gesündigt haben, dadurch, daß sie amerikanische Lcbcnsgewohnhcitcn nach Palästina übertragen haben. Die Forderung, die Brandeis hier aufstellt, ist von großer moralischer Bedeutung und sollte den Anstoß dazu geben, daß die aus den reichen « Ländern nach Palästina kommenden Juden, insbesondere soweit sie im öffentlichen Leben stehen, über dieses Problem sehr ernsthaft nachzudenken beginnen. Es ist eine Lebensfrage für Palästina, daß ein Ausgleich in der Lebenshaltung im Sinne einer sehr erheblichen Hcrabdriickung des Aufwundes auch in der privaten Lebensführung und j due Verbilligung der Kosten einer einfachen Exif stenz 11Ci׳h1'i״dührt wird. Gerade in diesem Zusainmeithniig ist auch der Ausbau der lnndwirt• schuftlicheii Siedlung ein unerläßliches Erfordernis. Dieses .Problem wird von Brandeis gleichfalls nur .aiigedeutet, ohne daß er das Problem der jüdischeu Arbeit, der Schaffung eines jüdischen Arbeiterstandes und das Problem der Ko״' urrenz- Eiligkeit jüdischer und arabischer Arbeit,, die nur durch neuartige Wirtschaftsformen erzielt werden kann, näher erörtert. Ebenso wird auch das Problem der Selbstvcrsorgu 11 g von ilun nur aiigedeutet, ohne daß er die Schwierigkeiten eines rentablen Körncrbaus untersucht, der das einzige Mittel zu einer relativen Unabhängigkeit der Eriiälming des Landes ist (was sich im Kriege erwiesen hat, wo die Getreide bauenden Kwuzoth Galiläas das Land gerettet haben, während die auf die Handeis'.onjunklur des Exportes angewiesenen Plantagen der judäischen Kolonien für die Gemein- Wirtschaft sich als völlig wertlos erwiesen). .Es ist selbstverständlich an dieser Stelle nicht möglich, in dieses einzelne Problem des näheren cinzugehcn; cs sollte nur darauf Hu gewiesen werden, daß die Brandeis’sclieu Gesichtspunkte - selbst gerade zu jenem Programm führen, das beispielsweise die palästinensische Arbeiterschaft aufgestcllt hat, sofern man die Erfahrungen und Realitäten des Landes genau prüft, den gesteckten Zielen gegenüberstellt und mit den Tatsachen der uns zur Verfiigiing stellenden Menschen rechnet. ־ist also das Prinzip der Sclbsterhaltung, der einfachen Lebenshaltung und■ der Ablehnung alles demoralisierenden Unterstützungswesens durchaus zu begrüßen, so muß doch gegen die Anschauung Brandeis’ über die E i n w a 11 d e r c r f ii r s o r g c das schwerste Bedenken geltend gemacht werden. Brandeis lehnt es ab, daß die Zionistische Organisation den Einwanderern irgendwelche Hilfe zur Uchcrtahrt gewährt, oder daß sic die Fürsorge für die Einwanderer im Lande übernimmt. Diese Arbeit will er dem Joint oder anderen Hilfsorganisationen überlassen. Ein solches Vorgehen müßte aber geradeztt verhängnisvoll wirken. Die Folge würde sein, daß die Organisation jeden Einfluß auf die Auswahl der Einwanderer verliert und daß nur einerseits Kapitalisten, andererseits aber solche Ein- Wanderer ins Land kommen, die sieh eine Unter- Stützung einer philanthropischen Organisation zu sieitern wissen. Am verderblichsten wäre es aber, die Einwandcrerfürsorge im Lande einer pbilanthropisehen Organisation zu überlassen. Gerade dies würde die von Brandeis befürchtete Wirkung mit Notwendigkeit zur Folge bähen, und sie würde im Laude eine Generation von Schnorrern heranzichen. Das Gelingen des Aufbaus hängt gerade von dem Meuseiieumaterial ab, das im Anfang in größeren Massen kommen kann und das dem Lande notwendigervveise seinen Charakter geben wird: von den Arbeitern aller Kategorien. Gerade diese Menscheu werden zum großen Teil darauf angewiesen sein, daß die Organisation sie hinüberbefördert; tut dies die Organisation nicht, so wird man drüben mit arabischen Arbeitskräften arbeiten müssen, und der Charakter des Landes wird immer stärker arabisch werden. Nach ihrer Ankunft im Lande müssen die Immigranten Institutionen vorfinden, die sie bis zur Zeit ihres Arbeitsantrittes versorgen. Allerdings muß diese .Fürsorge nach strengen Gesichtspunkten erfolgen. Keine Unterstützungen des Joint, am besten überhaupt keine Unterstützungen, sottdem Darlehen, die der betreffende Arbeiter in einem angemessenen Zeitraum zurückzuerstatten hat. Nur auf diese Weise kann der Ernst und das Pflichtgefühl des Palästmafahrers erhalten werden. Die bisherigen Erfahrungen geben dafür schon bestimmte Richtlinien. Auch darüber äußert sich Aronowicz in dem bereits erwähnten Artikel. Er führt dort an, daß viele Einwanderer, die sich unberechtigterweise ״Chaluzim“ neu-nen, die institutionen der Einwandcrerfürsorge unverschämt ausnützen und dadurch immer mehr demoralisiert werden. Auch Aronowicz verlangt, daß die Erteilung von Rciseunterstützungen und Aushilfen für die erste Zeit im Lande nur als Darlehen unjd nach strenger Auswahl gewährt wird. Jedenfalls muß dieser Zweig der Tätigkeit als eine der heikelsten und wichtigsten zionistischen Aufgaben angeselten werden, und es gellt nicht an, sie auf das Joint zu schieben. Vielmehr ist es gerade bei diesen Einrichtungen notwendig, daß die Arbeiterschaff selbst die Verwaltung und Verantwortung übernimmt und dadurch eine erziehliche Wirkung auf die Einwanderer. au9geübt wird. Anfechtbar ist auch die Anschauung Brandeis׳ über das Erz ich u n gs wesen. Denn so scIit wir anerkennen, daß es wünschenswert ist, die Er- Ziehung, vom Jischuw selbst bestreiten zu lassen, so dürfen Wir doch die Augen nicht davor verschließen, welche ungewöhnlich neuartige Sache i hier unternommen wird. Das palästinensische Schuli j wesen ist mit keinem kolonialen Sehulwerk zu verj j gleichen. Den״ erstens ist das jüdische Volk viel j 1 bildungslntngriger und zweitens ist die hebräische 1 , Kultur eine so zarte Pflanze, daß es unverliäluüs■ :1 mäßiger Anstrengungen und tätiger Mitarbeit vieler :!) Sachverständiger, sowie Versuche aller Art und Neusdiöpfiuig von Lehrbüchern, Lehrmitteln und Lehrmethoden bedarf, um das Erziehungswesen entsprechend zu organisieren. Dazu kommt noch, daß Institutionen für die Erlernung der Sprache sowie Faclikursc für die neuen Einwanderer u״ bedingt geschaffen werden müssen. Diesen Auf wand kann der Jischuw selbst bei größter An streugung nicht bestreiten. Das Diaspora-Judentum muß auch liier finanziell gewaltig mithelfen, und dies um so mehr, als die Entwicklung־ der liebru ׳ sehen Kultur in Palästina auch den nationalen Kulftirbediirfiiisscn der Diaspora zugute kommt Die Richtlinien von Brandeis sind o.lso in vielen!hinkten ausführlicher Ergänzung bedürftig und in einigen wesentlichen Punkten auch der prinzipiellen Korrektur. Noch sind die Beschlüsse der amerikanischen Zionisten nicht gefaßt, und ihre Konvention soll erst Ende November zusammen treten. Wie immer sie auch lauten mögen, das eine ist zu wünschen, daß ein Einvernehmen b ׳ züglich des Gesamtplanes mit der Weltorganisation zustande kommt und daß die amerikanische Föde ration das Erfordernis der Einheitlichkeit der ge samten Arbeit anerkennt. R. W Presscstimmen zu Brandeis’ Rede i ״Hnobm“ wklmct der Sitzung der amerikanischen Exekutive einen Leitartikel, in dem er betont, daß durch deren Beschlüsse jetzt jeder weiteren LegendUnbildung1 vorgebeugt sei. Das .Memorandum von Brandeis cttihält zwar keine netten Prinzipien, keine neuen Pr.1grnmmc, die nicht schon z. B, im Referat von Julius Simon enthalten gewesen wären. Nichtsdcstowcnigei müßte jedes Programm erst in der Praxis s.-inc Tragfulügkeit erweisen. Die Beschlüsse der Exekutive ver■ gleicht das Blatt mit einer Rückkehr zu den .־!Iten Metho• den der Chibatb-Zion, die auch nur praktische Kleinarbelt wollte und die große palitische Erziihungsurbeit abtehnte. Demgegenüber habe der Zionismus bewiesen, daß dort, wo ein Gebäude errichtet werden soll, zu nächst einmal die Bauenden da sein müssen; ddur min: die Erweckung des jüdischen Volkes voran.׳Juni. Sein bestimmt weist ״Haolam“ die Beschlüsse der Amerikaner über ihr Verhältnis zur GesamtorgauKati.m zurück So lange man in der Organisation steht, ist man gezwungen, sich den Beschlüssen der Gesamtorganisatkm zu fügen Etwa anders lautende Beschlüsse einer Landesorgamsation sind für die einzelnen Zionisten nicht bindend Wenn einem die Beschlüsse der Gesamtorganisation nicht passen, so kann mau höchstens nustreten, nicht aber selbständig neue Beziehungen zur Zentrale sehaffe״ Wenn der Beschluß als Kompromiß aufzufassen ist, dam־ wird er eher verständlich; die zentrale Leitung muß füt die Einheit der Organisation sorgen und wird sich •den Respekt zu verschaffen wisse«. Jeder Zusatz wie der, daß ״die amerikanische Föderation die Weltorganisation unterstützen wird in dem Maße, in welchem es die amerikanische Exekutive für richtig findet•“, ist null und nichtig, sowie jeder privatredulichc Vertrag, der gegen die bindenden Gesetze verstößt. Politische Nachrichten Das englische Mandat Eine A'nfrage Sin englischen Unterhaus. London, 25. Okt. (Jev.ish Corr. Bur.) Mister Ormsby Gore richtete im englischen Unterhaus eint Anfrage a,u *len Premierminister über die Fortschritt« in der Festlegung der palästinensischen Mandatshesüm niungen, ferner, ob die englische Regierung den alliierten und assoziierten Mächten und dem Völkerbnndrat klar gemacht habe, daß England nur dann das Afaml.it übe! Palästina übernehmen werde, wenn in dieses Mandat die Balfour-Dcklaration, so wie sie dem türkischen Friedensvertrag einverleibt wurde, aufgenoinmeii werde, weiter, ob irgendwelche Territorien östlich des Jordan denn englischen Mandatsgebiet angeschlossen und wa« die Grenze ösllidv und \jv östlich des Jordan zwischen den ,englischen und französischen Mandatsgebiet bildenwei'iK Mr. Chambcrlain sagte darauf in seiner Autwort: Man hofft, daß das Mandat in Kürze dem Volke! 1 I י I bundrat unterbreitet werden wird. Was die zweite Frage betrifft, so wurde allen in Betracht kommenden Mächten genügend klargemacht, daß mit der Annahme de« Mandats die britische Regierung die Durchführung ihrer ursprünglichen Deklaration vom 2. November IQ17 beab sichtigt. Eine Antwort auf die letzten zwei Fragen würde vor einer endgültigen Festsetzung der entsprechenden Orcnzen verfrüht sein. Der Jüdische Nationalrat hat ein Komitee tu! die Verteidigung Litauens, eingesetzt und erließ einen Aufruf an die jüdische Bevölkerung Litauens, die Integrität des litauischen Staates zu verteidigen und dem Vaterlande jede Hilfe an Soldaten und Gdd zur Verfügung zu stellen. P e J i s v

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