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Jüdische Rundschau · 1920-10-29 · Heft 76 (29.10.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 76 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 576 j U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 76 Diese Antwort des Präsidenten Wilson hat bei den Juden Amerikas* * einen Sturm der Umpöruitg .־uisgelöst. Wir haben an dieser Stelle Stimmen aus verschiedenen jüdischen Lagern veröffentlicht. Was in ilvinen von differierenden׳ Oesielitspunkteii aus gesagt worelcn ist, labt sich im gemeinsamen Ergebnis folgendermaßen zusammeufasseii: ״Die Juden der Vereinigten Staaten haben es für erforderlich gehalten, der! Präsidenten und die Regierung durch ihre berufene Vertretung auf den permanenten Pogrom aufmerksam ni machen, der in Osteuropa, insbesondere in Polen, die Reihen des jüdischen Volkes dezimiert. Sic haben geglaubt, daß dieser Hinweis, der im Namen und im Auftrag von Millionen von Bürgern der Vereinigteil Staaten erfolgt, ausivieiien würde, um ,den׳ Präsidenten zu veranlassen, seinen Einfluß in Polen geltend zu machen, um von der polnischen Regierung kategorisch das Aufhören der Pogrome 7.u fordern und nötigenfalls Garantien hierfür zu verlangen, ln dieser ihrer berechtigten Erwartung sel.cn sich die amerikanischen Juden in der schlimms;en Weise enttäuscht. Auf die Antwort des Präsideuten erwidern sie, daß ihnen nicht an einer Teilnahme gelegen ist, die sielt in Worten erschöpft, sondern daß sie ein verbindliches Versprechen erwartet haben, dem die Tat auf dem Fuß folgt. Angesichts dessen, daß Polen in hohem Malle von den Vereinigten Staaten abhängig ist, ja, seine ganze staatliche Existenz, zu einen! erhcbt'ehcn Teil dem persönlichen Einfluß des derzeitigen Präsidenten verdankt, bedeutet als schweigendos Gewährcnlassen der polnischen Pogrom1 politik eine indirekte Aufforderung zu ihrer Fort- Setzung. Die Regierung der*• Vereinigten Staates! trägt durch ihre Beteiligung am Krieg und an der Friedenskonferenz einen erheblichen Teil der Verantwortung für die in Versailles neugeschaffenen Staaten. D!c amerikanischen Juden, deren nächste Blutsverwandte dem Mord in Polen ausgesetzt sind, verlangen, daß der Präsident und die Regierung sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt sind. Sie forderu a mc r i k a!1 i sc 11 e Inter v e 111 i 0u in Polen.“ Das ist der Sinn dessen, was das amerikanische Judentum will. Und diese offene Forderung an! Wilson und die Regierung der Vereinigten Staaten zeigt seine Entschlossenheit, auf dem Wege der politischen Aktion fortzuschreitai. Es wird versuchen, die öffentliche Meinung für sein Ziel zu gewinnen, es wird um dieses Ziel mit allen Mitteln kämpfen. Ps hat damit den Dämmerzustand! der Stumpfheit ebenso überwunden, wie die nutztose Ekstase der ziellosen Empörung. Es sieht einen Weg und geht ihn. Und schon die Kunde davon läßt uns den Blick vom Baden heben. Dieser Weg ist der einzig mögliche, der einzig würdige, der einzig erfolgversprechende. 1 h n müssen auch die europäischen Juden gehen. <übt es für die Juden im Osten eine Rettung, so kann sic nur von denen kommen, die im Besitze der politischen Gewalt sind. Soll sie von ihnen kommen, so muß das Judentum der ganzen Welt ihnen unaufhörlich das Gewissen schärfen. Insbesondere die Juden der siegreichen Länder England und Frankreich müssen bei ihren Regierungen und Parlamenten ähnliche Schritte mitcrneimien, wie sie der amerikanischjüdische Kongreß unternommen hat.! Die höchste verantwortliche Instanz, an die das Judentum seine Forderung richten kann, ist der Völkerbund, Er umfaßt außer den ehemals kriegführenden alliierten und assoziierten Nationen eine Reihe der im Kriege neutralen sowie die durch den Frieden neugesdiaffenen Staaten, darunter auch - Polen״). Die Männer, die während der Friedensverhandlungen den ״Obersten Rat“ bildeten, haben-in ihm* entscheidenden Einfluß. Es sind zwei Wege möglich, die Verantwortlichkeit des Völkerbundes für dje Juden morde im Osten zur Grundlage einer politischen Hilfsaktion zu machen. Der eine ist der, daß die Juden jedes Landes, das bereits in den Völkerbund aufgetiominen jst, dahin wirken, daß ihre Regierung den Antrag stellt, die Frage der Pogrome zum Gegenstand der Beratungen des Völkerbundes zu machen. Einem solchen Antrag, und käme er auch nur von dem Vertreter eines Landes, das Mitglied des Völkerbundes ist, müßte nach dem Statut Folge geleistet werden. Den deutschen Juden ist es bcdauerlichcrweise verwehrt, diesen "Weg zu bcschreiten, da Deutschland nicht in den Völkerbund *) An Lindem mit nennenswerter jüdischer Ikvölkcrung gehören dem Völkerbünde heute an: das Britische Imperium; mit besonderer Vertretung für Kanada, Australien, Südafrika, Ncu-Seeland und Indien, Frankreich, Italien, Tschechoslowakien, Rumänien, Jugo- *laWien, Argentinien, die Schweiz. aufgenominell worden ist. Unter denen, die;;einer Zulassung noch jüngst widersprochen haben, findet sich das Pogromla.iid Polen. Um so mehr Vcr.־m* Fassung haben die Juden der Völkerbund-Staaten, darauf hinzuweisen, daß die Vertreter ihrer Länder unmöglich mit dem Repräsentanten eines Staates protesttos zusammensitzen können, der den Massenmord als politisdies Kampfmittel sanktioniert. Wirksamer aber noch wird ein Appell sein, ׳ den die berufenen Vertreter des jüdisdien Volkes, die Zionistische Organisation in Gemeinschaft mit dem Komitee der jüdischen Delegationen, an den Völkerbund zu richten hätte. Dieser Appell müßte etwa folgendes ausführen: ״Der Oberste Rat hat durch den Beschluß von San Remo der lialfoiir-Deklaration zugestimnit, die dem jüdischen Volk die Errichtung einer Heiinstiitte in Palästina versprochen hat. Durch die Mandatserteilung an England und dessen bisher erfolgte Maßnahmen ist Versprechen und Beschluß in die Tat unigcsctzt worden: die palästinensische Heimstätte für das jüdische Volk ist im Werden. Während solches geschieht, sind die Massen des jüdisdien Volkes im Gebiet des ehemaligen Rußlands und in gewissen Teilen der ehemaligen Donaumonarchie, insbesondere4 in Ungarn sowie in Polen und der Ukraine, der Vernichtung durch den permanenten Pogrom ausgesetzt. Das Material hierüber ist erdrückend, die Tatsache weltbekannt. Es ist kein größerer Gegensatz denkbar, als der zwischen dem Be- Schluss*' von San Remo, die Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten u n d d e 111 permanenten Pogrom, der eben dieses Volk mit Ver n i c 111 u 11 g bedroht! Der Beschluß von San Remo begreift in sich das Lebensrecht des jüdisdien Volkes. Wer dem jüdischen Volk in Palästina eine Heim־ stätte errichten will, kann nicht zulassen, daß der Osten, daß Ungarn, die Ukraine und Polen zur Grabstätte des jüdischen Volkes werden. Dem Völkerbund liegt hier die Pflicht zur Intervention ob. Als logische Folgerung aus dem Bc- Schluß von San Remo, — ganz abgesehen davon, daß er im Sinne seiner Aufgabe ohnehin keine Barbarei innerhalb seiner Machtsphäre dulden darf und daß das Verhalten Polens gegen die Juden eine seiner zahlreichen Verletzungen des Friedens- Vertrages ist, der den Juden die Rechte der naiionalen Minderheiten zugesprochen hat. Das jiidische Volk fordert daher vom Völkerbund den Schutz im Osten, unter nachdrücklichem Hinweis darauf, daß die jüdische Heimstätte in erster Linie ein Refugium für diejenigen sein soll, die heute der Vernichtung durch den Pogrom preisgegeben sind.“ Daß der Völkerbund sidi einem derartigen Appell nicht entziehen kann und will, beweist die Intervention im Fall von Jablonna. Gerade Jablonna lehrt aber auch, daß cs keinen Zweck hat. solche besonders extremen Einzelfälle zum Gegenstand des Protestes zu machen, sondern daß die Frage der Pogrompolitik in umfassender Weise grundsätzlich zur, Erörterung gestellt und eine wirksame Intervention herbeigeführt werden muß. C. Z. K. ,,Judenhatz“ ln der k'tz.lL'is Nuauner der ״Zukunft“ veröffentlicht Maximilian Harden erneu Artikel ״Judenhatz“, in _ welchen: er das Bulletin der jüdisdien Delegation lxs der Friedenskonferenz und den Bericht des Ingenieurs Tcinkin bei der Karlsbader 1 lilfskonferenz zitiert und auf die grauenhaften Judcnmctz. •leien in der Ukraine aufmerksam macht. Ferner schildert er den Fall der Frau Hamburger in Budapest, welche von denn beknnnteil Judenpemigcr Leutnant Hcjjas in einer in ihrer perversen Grausamkeit völlig unglaublichen Weise gequält wurde, ein Fall, der deutlicher spricht als die summarische Aufzählung zahlreicher Verbrechen, Harden ridttet zum Schluß seines Artikels einen lebhaften Appell an den haben Rat des Völkerbundes, nicht schweigend und wartend zuzttschaucn; einen großen Teil der Schuld an dieser Gleieligiiliisfkeit der Welt gegenüber den furchtbarsten Bluttaten, die seit den Zeiten der Kreuzzüge in Europa votlbracht wurden, tragt die ״Großmacht der von Juden beherrschten, von Juden bedienten Presse, deren wahn, durch feiges Verschweigen des Ostjudenclcnds sich Ruhe erkaufen zu können, längst als eitel erwiesen ward“. Hoffentlich wird Hardcns Alarmruf dazu beitragen, das öffentliche Gewissen Europas endlieh aufzurüttcln. Noch ein Pogrom-General. Moskau, 21. Oktober. (Via Christiania.) Hier sind Originale der Aufrufe eingetroffen, die in samtliehen von Wrangcl besetzten Städten angeschlagen werden und zur rücksichtslosen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung auffordern, Polen Die Lage der Juden Rede des Dcsp. Grünbaum im Sejm Aus Warschau wird gemeldet: In der letzten Sejm- Sitzung hielt Abgeordneter Grünbatim eine viclbcmcrtdr Rede über die Lage der Juden in Polen, in welcher er unter anderem ausführte: De Juden in Polen haben durch den Krieg nicht nur als Staatsbürger, sondern auch besonders als Juden gelitten; deshalb begrüben wir umsomehr den Frieden. Unsere Klagen über Vex.v honen wurden stets mit dem Hinweis auf den Krieg übergangen. Gerade die letzten zwei Monate der größten Kriegsleiden haben uns jedoch überzeugt, daß die Bedrückungen der Juden nicht eine Folge des Krieges sind, sondern in einem System1 liegen, gegen welches die Koalitionsregierung weder ank,impfen wollte noch konnte. Dieses System muß endlich abgeschahi werden, es muß eine radikale Aenderung m den Beziehungen zu den Juden erfolgen ürünbaum besprach daun die besonders von der pol• ruschen Presse Irefricbcne Identifizierung von Bolschc• wiken und Juden, als man auch die Bekämpfung des ״inneren Feindes“ für notwendig erachtete. Damit im Zusammenhang standen die zu Pogromen aufreizenden Plakate, Aufrufe und Bilder, in denen die Bolschewiken nicht etwa i:n Bilde der Dzicrzynski, Marchlewski u. a sondern als Juden dargestellt wurden. Die Presse und mit ihr der Abgeordnete I». Lutoslawski gab die Losung aus: Die Bekämpfung des Bolschewismus kann nur durch Bekämpfung des Judentums erfolgreich sein. Als in der Stunde der höchsten Not an die Eintracht aller Bürger appelliert wurde, wandte man sich mit keiner Silbe an die Juden. Die Au sgl eich s v er h a nd - Hingen, welche eigentlich von jüdischer Seite an:;c■ bahnt wurden, haben bisher kein praktisches Ergebnis gehabt. Der von der Gesamtregierung versprochene Aufruf an die polnische Bevölkerung zur Eintracht mit den Juden hat nie das Licht der Welt erblickt. Die Regierung hat bisher im Amtsblatt trotz des Beschlusses des Landtages die Novelle zum Versailler Friedensvertrag über die Minderheitsredite nicht veröffentlicht, da sie kein Gesetz veröffentlichen wollte, das den Juden irgendwelche Rechte cinräumt. Die Internierung der Juden in Jablonna ist nicht unter dem Kabinett Grabski, sondern unter der Ministerschaft Wifos-Daszynski erfolgt. Man hat auch die zaristischen Mcthod en von WM nadigcahmt und aus vielen Städten che Juden vertrieben, was vom Volk als allgcmeine Aufforderung zur Plünderung awfgctaßt wurde. Es begann damit ein Abschnitt von offiziellen und mchtofiizk'lleii Anschuldigungen des Verrates. Redner erinnert dann an die offiziellen Beschuldigungen der jüdischen Bevölkerung von Bialystok, Siedlce und Plock, welche durch die Feststellungen der dortigen polnische« Bürgcrkonütces und des Bischofs von Siedlce als tutwahr fcstgestellt wurden. Er besprach dann den Terr u gegen die Juden in Polen du reit Zwangsarbeit. G 111׳■ bäum wvist dann darauf hin, daß, obwohl es jetzt m Mode kam, die jüdisdien Orthodoxen zu loben, gerade die orthodoxen Juden die stärksten Verfolgungen anszustehen haben. Der Redner versichert mit voller IWstinuuiheit, daß von seiten der Juden kein einziger Fall feindlichen Verhaltens gegen Polen und seine Unabhängigkeit vorgekommen 9ei. Znm Schlüsse (orelert er die polnisdie Bevölkerung auf, jetzt, da eine Epoche des Friedens und produktiver Tätigkeit beginnt, das antisemitische System zu verwerfen, welches Polen nur Schaden bringen würde. Er schließt mit den Worten: Die Juden können der Witos-Daszynski-Regierung kein Vertrauen votieren. Die Bestrafung der Pogroraisten Offizielle Verlautbarung Warschau, 25. Oktober. (W. P. O.) Die Blätter veröffentlichen ein Coromuniqm* des Kriegsminkteriums, in welchem bekanntgegeben wird, daß alle Aussch reitungen gegen die jüdische Bc v ö 1 k e r u n g , insofern sie der Militärgerichtsbarkeit unterliegen, mit voller Strenge bestraft worden sind. In 14 Fällen wurde wegen Plünderung und Diebstahl!; auf Todesstrafe erkannt, die in 13 Fällen vollzogen worden ist, m einem Fatte wurde vom Staats- Chef die Begnadigung ausgesprochen und die Todesstrafe in eine Kerkerstrafe ז tm gewandelt. Die anderen Urteile lauten auf Kerkerstrafen bis zu 15 Jahren Di« Liste der Verurteilten wird demnächst veröffentlicht werden. Die antisemitische Giftküche London. (]. C. R.) Der Pariser Berichterstatter des Jcw. Gon*. Büro erfährt aus sicherer Quelle, *118 . Polen jetzt das Nest einer o׳rgani sieden antisemitischen Aktion in der ganzen Welt geworden ist. Direkt um! indirekt wird versucht, antisemitische Artikel und In• formatioucn in verschiedene Czrgane der westcuropäisehen Presse lüncinzusclimuggeJn. Besonderes Augenmerk wird Frankreich zugewendet, wo matt eint* günstigen Boden für diese Propaganda zu finden annimmt, Das in der letzten Zeit bemerkte Anwachsen der antisemitischen Propaganda in der reaktionären französischen Presse ist zweifellos auf diese Einflüsse zurüclaufühnen. Für die Organisierung dieser Propaganda und da« Gewinnen verschiedener Preßorganc wurden von polnischen Quellen große Geldsummen asstgniert.

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