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Jüdische Rundschau · 1920-10-26 · Heft 75 (26.10.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 75 (26.10.1920)
Date
1920-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 75 JUEDISCME RUNDSCHAU Seite. 571 Mandatsvertrag und Aufbau Der ״Jv.visli Chronicle“, der schon wiederholt die Politik der zionistischen Führer scharf kritisiert hat, ihnen Geheimtuerei vorvvirft ,und behauptet, daß Wci/inann und Sole 0 low nicht genügend weitgehende Forderungen bczi'tglich der Sicherung der Errichtung eines Judeiistaatos in .Palästina an England gestellt haben -- dieselbe Kritik, die auch Nord au und seine Freunde an der zionistischen Politik ständig üben und auch bei der Jahreskonferenz geltend gemacht haben — scheint jetzt eine neue Kampagne in diesem Sinne beginnen zu wollen. A111 1. Oktober äußert er sieh zu dem Manifest der zionistischen Leitung und wirft die Frage auf, warum nicht der Wortlaut des Mandatsvertrages erwähnt werde. Das Blatt zitiert immer wieder den Ausspruch Dr. Weizinauns, daß .,Palästina so jüdisch werden soll wie Fugtaiul englisch“ und fragt, welche Sicherungen für diesen Fffekt geschaffen worden sind. Es genüge nicht, wenn in Palästina die Bedingungen für eine produktive Entwicklung geschaffen sind; die Mächte müssen auch definitiv und verbindlich aussptcclien, daß unter allen Umständen Palästina ein jüdisches Gemeinwesen im Sinne der jüdisch-nationalen Aspirationen werden wird. ln der letzten Nummer vom 15. ds. Mts. veröffentlicht das Blatt einen Artikel Jabotinskys über denselben Gegenstand, offenbar mit Rücksieht auf den Umstand, daß der endgültige Ab- Schluß des Mandatsvertrages gegenwärtig Gegenstand der politischen Verhandlungen bildet. Jabotinsky bezeichnet den jetzt vorliegenden Entwurf als ,völlig unbefriedigend. Das Argument, daß die politische Frage im heutigen Stadium nicht ausschlaggebcnd sei, sondern jetzt die Zeit der aufbauenden Arbeit gekommen ist, sei naiv und nicht stichhaltig, denn eine großzügige Kolouisationsarbeit ist nur unter einer wohlwollenden Verwaltung möglich, und darum ist die Stabilität einer wohlwollenden Verwaltung die erste Bedingung dos Aufbauwerkes. Gegenwärtig sei diese Bedingung vorhanden, und vir hoffen, daß zu Lebzeiten unserer Generation ein Wechsel in der Person des Oberkommissars nicht notwendig sein wird. Aber ein Vertrag muß fiir alle Fälle Sicherungen treffen und, da die ganze Verwaltung in der Hand des Oberkommissars hegt, müssen wir fordern, daß die Zionistische Organisation einen Einfluß auf die Besetzung des Postens hat Es sei betont, daß dieses Recht nicht für das palästinensische Juden־ tum, sondern für die Zionistische Organisation be• anspruclit wird, welche das jüdische Millionenvolk der ganzen Weit repräsentiert; damit wird der Einwendung begegnet, daß eine Minorität des Landes derartig entscheidende Rechte beansprucht. Die Forderung ist kein Novum in der britischen Politik, ln Rlioilesia werden die Verwalter durch den Koloniabninister auf Vorschlag der britischen Süd-Afrika Chartered Company ernannt. Jabotinsky will, daß die Zionistische Organisation nicht ein Vetorecht heriiglich des zu ernennenden Kandidateu beansprucht, sondern das Recht der Priiscntation einer Liste von Kandidaten, aus denen der Oberkommissar gewählt wird. Die Anregung Jabotinskys ist sicher in gewissen! Sinne gerechtfertigt. Vor allem läßt sic sich psychologisch verstehen durch die Erfahrungen, die Jalmiiiisky selbst unter der alten Verwaltung m Palästina gemacht hat. Es ist Sache der politischen Führer zu entscheiden, inwieweit sie solche Forderungen zu einer conditio sine qua non machen wollen. Sicherlich muß alles aufgeboten werden, um ein Maximum an Rechten zu erreichen. Wie immer aber der Mandatsvertrag lauten möge, das eine steht fest, daß die gegenwärtige politische Konstellation sowohl in London als auch in Palästina für die zionistisdve Arbeit außerordentlich günstig ist. Wenn im heutigen Vertrag nicht unbedingt Sicherungen für alle Zukunft gegeben werden, so können dafür auch politische Erwägungen maß- Sehend sein, die nach der Auffassung der beteiligten Faktoren das Interesse des jüdischen Volkes mit berücksichtigen. Jedenfalls sollte man in der .zio- »!Mischen Oeiientlichkeit endgültig mit der Auffassung tireelle 11, daß das jüdische Volk das Recht hat zu fordern, daß der Maudatsvcrtrag eine ein- *eilige Verpflichtung Englands darstcllt, durch die England sofort für alle Zukunft der Zionistischen Organisation Rechte einräumen muß, ohne daß die Zionistische Organisation selbst bisher den Beweis für ihre Vertragsfähigkeit erbracht hat. Denn dieser Beweis wird erst da. sein, wenn die Zio» nisiische Organisation mit der aufbauenden Arbeit, mit wirklichen, realen Leistungen begonnen hat. Die Gelegenheit ist im gegenwärtigen Moment günstig, alle Vorbedingungen sind erfüllt, das bcstreitet auch Jabotinsky nicht. Wenn jetzt das jüdische Volk mit aller Kraft an die Arbeit geht, wenn vs jetzt, statt zu kritisieren und statt wieder mir t ordertmge 11 au dritte Faktoren zu stellen, selbst Aufbauarbeit leistet, dann wird es vielleicht in absehbarer Zeit die Initiative zur Revision des heutigen Mandatsvertrages ergreifen können. Zum Verständnis der englischen Haltung dient auch ein Artikel, den Major Ormsby (iore, einer der besten Kenner der englischen Palästina- Politik und mragierier Freund des Zionismus, im Qkioberlveft von ״Ninctcentli Century“ über ״Großbritannien, Palästina und die Juden“, veröffentlicht hat. Der Verfasser äußert sich hier zur Frage des Judenstaates und bemerkt, daß die zionistischen Führer richtig cingesehen haben, daß erst die uiaterieüen Grundlagen da sein müssen, bevor ein Staat ins Leben gerufen werden kann; selbst wenn man einen jüdischen Staat in Palästina proklamiereu wollte, so würde dadurch in absehbarer Zeit kein jüdischer Staat in Wirklichkeit entstellen. Es wäre mir die Herrschaft einer jüdischen Oligarchie in einem Lande, das heute weniger jüdisch :als Pinsk, Wilna oder Saloniki ist. Ormsby Gore bezeichnet es als eine schwere Gefahr fiir die zionistischc Bewegung, daß man heute schon darüber enttäuscht zu sein• beginnt, daß die günstigen Rcsuitate nicht in einem Tage erzielt worden sind. Die Juden mit ihrer starken Willenskraft neigen zum Lk)ktrinaris1m1s. Sie wollen alles ״schwarz auf weiß“ haben und alles buchstabengetreu mit größter Geschwindigkeit realisieren. Diese Tendenz aber stellt in Widerspruch sowohl mit dem britischen Temperament als auch mit 11cm Orient. Die Beurteilung der zionistischen Bestrebungen seitens des Engländers und seine dauernde Sympathie wird in hohem Maße davon abhängen, wie der Zionismus praktisch arbeiten wird. Wenn der Engländer in Palästina in den letzten drei Jahren oft die Juden nicht verstanden hat, so haben die Juden auch nicht immer den Engländer verstanden. Die Zionisten haben oft seine praktischen Methoden nicht begriffen und waren enttäuscht über den Mangel an Verständnis für ihre theoretischen Probleme. Schließlich betont der Verfasser, daß das zentrale Problem der Verwirklichung des Zionismus die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes ist. Eine Reihe von Ghettos in Palästina wird kein jüdisches Palästina machen. Der Artikel schließt mit der Ueberzeugung, daß der jüdische Idealismus alle j Mittel auibringen wird, um Palästina aufzuhnueti. ׳ Die Kritik, die der ״Jewish Chronicle“ übt,! zeigt wenig Verständnis der Sachlage. Die Art, wie England sogar mit seinen Dominions verfahrt, denen es bei wachsender innerer Kraft auch immer mehr politische Rechte und schließlich volle Autonomie gibt, ist ein genügender Beweis, daß auch für Palästina, das von England nur als Mandatarmacht des Völkerbundes verwaltet wird, volle po-!irische EiitwicMungsmöglichkdt besteht. Allerdings ן kann ein Gemeinwesen nur das Resultat einer Entj wieklung und nicht eines Zauberspruches sein; die 1 Armseligkeit des heutigen materiellen und knlturellen Lebens in Palästina ist keine Grundlage dafür, und es bedarf erst der ganzen Kraft des jüdischen Volkes, um in diesen wartenden Körper einen Blut- Kreislauf zu bringen. Nicht juristisch, sondern f akt i s c 11 soll Palästina jüdisch werden. Die vollzogenen Tatsachen werden dann ihre juristische Anerkennung finden. Wäre der Mandatsverlrag wirklich ungünstig, so wäre das nur ein Grund mehr, um so energischer und schneller die Schaffting von Tatsachen zu betreiben. Der Weg ist offen. Die Möglichkeiten zur Arbeit sind so groß wie noch nie, Der heutige Augenblick ist eine Chance, nicht mehr und nicht weniger. Alle Zukunft hängt davon ab, in welcher Weise das jüdische Volk diese Gelegenheit zu ergreifen verstehen und dadurch den Grundstein eines dauernden Baues legen wird. R. W. Eine Keren hajcssod-Broschüre. Die Abteilung für Zcntralewopa des Keren hajessod Berlin W. 15, Sächsische Str, 8) gibt soeben eine Iroschüre heraus: Der Keren .hajessod (Palästina-Grundfomls), ein Leitfaden für die praktische Arbeit. Die Broschüre ist für die Vertrauensmänner, Arbeitsleiter der Keren . hajcssod-Aktion zur Orientierung bestimmt Auf 29 Seiten entwickelt sie ziuüichst die allgemeine I Situation, aus der der Keren hajcssod-Ocdanke 'hervorging, und gibt dann ein eingehendes Bild über die Zwecke des Keren hajessod, über seine Struktur und | Organisation, über die Technik der Aktion, über die freiwillige Dienstleistung für den Keren hajessod, über das Verhältnis des. Keren hajessod zu den Landes- Organisationen und über sein Verhältnis zum Nationalfomls. Die Broschü/c ist unentbehrlich für jeden, der in der Keren hajcssod-Aktion eine verantwortliche Stellung entnimmt. Vertrauensmänner, welche noch nicht im Besitz der Broschüre sind, erhalten sie auf Anforderung. Amerika Der amerikanische ״Separatismus“ Ein apodiktisches Dementi. Das offizielle Organ 11er amerikanischen zionistisehen Organisation ״Dos Ji tische Volk“ veröffentlichte am S. Oktober folgenden Leitartikel über die Sitzung der Exekutive, in welchem es heißt: ״D.e Resolution unserer Lnndes-Exekutivc, ihre Stellung zu unseren Tagesfragen, wird den Berichten über separatistische Tendenzen der amerikanischen zäonistischen Leitung ein Lude machen. 1:1 der fast einstimmig angenommenen Resolution äußert sich der ernste Wunsch, die Ganzheit der Zionistische» Welt- Organisation zu wahren und ihr Mitarbeit, Beteiligung und Unterstützung zu gewahren. Zugleich hat die natio- 11.110 Exekutive diese Resolution am kralligsten dadurch bestätigt, »lall sie »kr Leitung für die nächsten drei Monate ,weitere 75000 Dollar bcwilligte (außer den Ausgaben für die Medical Unit, die 25 000 I >011:1 r monatlich betragen) und beschloß, den Wunsch der Zcntralleitung zu erfüllen, ein Mitglied in die d reiglied rige Kommission zur Reo rganisierung der zionistischen Ad minist rat io» in Palästina zu entsenden. Eine sopara* tistischc Tendenz hat in Wirklichkeit nie existiert, cs war nur eine große Unzufriedenheit seitens der bekannten Führer mit dem Schlendrian in London und Palästina. Die Felder der zentralen Leitung weiden von allen Seiten zugegeben, und sogar von der Leitung selbst. .Gewiß kann mau für jeden Fehler eine Rechtfertigung finden; die große Rechtfertigung in diesem Fall ist der Umstand, daß vor San Reitto und der Ernennung von Herbert Samuel die Möglichkeiten in Palästina und attcli außerhall) Palästinas fortwährend unbestimmt waren und irntner die Erwartungen enttäuschten. Derselbe Umstand rechtfertigt gewissermaßen auch ähnliche Fehler der amerikanischen zionistischen Leitung, aber nicht alle Fehler sind ein Resultat iitßercr Umstände. Manche werden mit Recht oder Unrecht auf die ITknnipeteiiz der verantwortlichen Personen zurückgeführt. Die Grenze zwischen der Schuld der äußeren Lage und der der persönlichen Unfähigkeit läßt sieh nicht genau bestimmen. Die Hauptsache in unserem Falle ist nicht die Vergnngenheit, sondern die Zukunft. Die große Arbeit und mit ihr die große Verantwortung kommt erst. Die herrschende Unzufriedenheit verwandelt sich in die Ucberzeugung, daß für die neue Arbeit neue Menschen und neue Methoden zu finden sind Sie sind nötig sowohl mn die großen Mittel für die riesige Aufbauarbeit zu finden, wie auch die gefundenen Mittel richtig zu verwenden. Die Meinungen über die vorzttnehmenden Armierungen haben ja London zu starken Reihungen geführt. Der amerikanische Plan, an die Spitze der k,־>nstruktiven Arbeit in Palästina Menschen von Weltruf als praktische Aufhaucr zt! stellen, ist vorläufig nicht durchgeführt worden. Die amerikanischen Führer bestehen jetzt wenigstens darauf, daß neue Methoden angewandt werden, daß Reformen vorgenommen werden in London und Jerusalem, und übrigens auch in Amerika. Diese Methoden sollen den zweckdienlichen Gebrauch und die wirtschaftliche Verwaltung der Gelder sichern und die Beteiligung der Juden aller Klassen an der Aufbauarbeit ermöglichen. Diese Forderung der amerikanisclien Führer, welche wirklich nur den Zweck bat, eine vollkommene Zusammenarbeit tmd größte Iteteiügung der amerikanischen Organisation im Zionismus zuwege zti bringen, ist fälschlich als separatistische Tendenz ausgetegt worden. Der freie Meinungsaustausch über diesen Punkt in der nationalen Exekutive hat bewiesen, daß diese Forderung faktisch von der ganzen Exekutive gutgehoißen wird, wenn cs auch Meinungs- Verschiedenheiten in taktischen Fragen gab. Die Landes• Exekutive hat sich der Leitung der Weltorganisation nicht in blindem Vertrauen und unbedingtem Gehorsam unterworfen. Das geht aus dem Wortlaut der Rcsolution klar hervor. Sie hat ihr aber eine helfende Bruderhand gereicht, mit dem ernsten Wunsch, mögliehst schnell eine vollständige Verständigung in allen Punkten zu erreichen. Es ist zu hoffen, daß Unsere Führer und Genossen in uCr alten Welt die amcrika ,tische Stellung richtig cinsdiätzen werden. Das Geschrei vom amerikanischen Separatismus, von der amerikanischer» ״Monroe-Doktrin“ muß aufhören. Kein a m c r i k a 11 i - scher Zionist hat jemals diesen Ausdruck gebraucht. Die schädliche Politik, die Amerikaner ״herunterzureißen“, Mißtrauen zu säen und Vorurteile zu verbreiten gegen den amerikanischen Zionismus, muß aufgegeben werden. Der zionistischen Sache wird durch Verschärfung von Differenzen nicht gedient sein, und noch weniger durch den Versuch, den amerikanischen Zionismus in zwei feindliche Lager zu spalten. Es müssen alle Anstrengungen gemacht werden, um die Differenzen auszugleichen. Das kann nur geschehen, wenn der gute Wille dazu auf beiden Seiten vorhanden sein wird . . . Der Artikel bespricht weiter den Plan der Reorganisation des amerikanischen Zionismus und fährt fort: ״Die Ausgaben für Propaganda- und Kulhirtätigkeit, die nicht direkt den Aufgaben des praktischen Aufbaus Palästinas dienen, müssen gestrichen werden. Diese Tätigkeit hat eine ansehnliche Summe in dem bisherigen Budget der Organisation erreicht. Diese Einschränkung wird nicht einmal auf eine ernste Gegnerschaft bei unseren Kulturisten stoßen, da leider auf dem kulturellen Gebiet durch unsere Organisation sehr wenkr erreicht wurde. Die hebräische Arbeit in Amerika ist

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