Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 75 (26.10.1920)
- Date
- 1920-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 570 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 75 % ■ I \ I, eines Organismus, sie ist vor allem ein Organismus für sich Auch der zweite Einwand ist falsch. Selbstverständlich, Menschen und Geld gibt die Diaspora. So wird cs noch manche Generationen sein. Aber die Menschen, die sie schickt, kommen doch auch ins Land, gehen auch im Jischuw auf, und nach sechs Monaten werden auch sie zweifelsohne sich gegen die Forderung der Diaspora, die Palästinaangelegenhcitcn zu leiten, auflelmen. Bleibt und wird bleiben nur die Geldfrage. Ich sage: ״wird bleiben", denn wenn wir auch die Majorität des Landes bilden werden, wenn auch der Traum eines jüdischen Staates sieh einmal verwirklichen sollte, wenn wir seihst eine Armee und eine Flotte hätten und die polnischen und rumänischen Juden usw. beschützen könnten, auch dann und erst recht dann wird das Geld der Diaspora nach Palästina strömen, wie immer überall und bei jeder Nation das Geld ihrer zerstreuten Söhne dein Mutterlande zuströint. Immer, überall und bei jeder Nation gibt die Metropole viel mehr aus, als ihre eigentlichen Einwoliner selbst verdienen, zumal eine *Metropole, die erst im Entstehen begriffen ist. Das Sprichwort: ,,Wer das Geld gibt, der rcgiert“, paßt hier nicht. Wenn in England, Frank• reich, Amerika die Regierung in den Händen der Steuerzahler liegt, so nicht deshalb, weil sie das Geld geben, sondern weil sie verantwortlich sind —verantwortlich mit Gut und Blut für das Gute und Böse, das ihre Regierung tut. Verarmt das Land, leiden sie Hunger; wird das Land in einen Krieg verwickelt, fließt ihr Blut zuerst. Wer die Verantwortung trägt, der regiert! Das ist das einzige und richtige Gesetz. Gewiß, Geld kann nur die Diaspora geben, aber die Verantwortung für Hunger und Blut trägt der Jischuw. Wenn dank der Blindheit von N. N. und dem Trotz von Soundso uns Gott zu Pessach einen Pogrom geschickt hat, sind nicht im geldgebenden Boston Opfer gefallen, sondern in Jeruscholajirn, Thel-Chaj und in Mcscliah. Und jetzt, wenn dieselbe Blindheit und derselbe Trotz zusammen mit Leichtsinn und Planlosigkeit zu einer allgemeinen Krisis im Lande geführt haben, hungern jüdische Jünglinge nicht in Philadelphia, und jüdische Mädchen schlafen in San Francisco auf dem Sande, sondern in Tiberias und in Jaffa. Icli unterschätze gar nicht die Geldgeber. Ich habe mehrmals in Palästina davor gewarnt, sich zu einer Kriegserklärung zwischen dein Jischuw und der Zionistischen Organisation Amerikas verleiten zu lassen. Es wäre aber übertrieben, wollte man den Geldgeber in der Diaspora mehr verantwortlieh machen für den Aufbau des Landes als den Arbeiter in Palästina. Nicht nur. daß der Geldgeber nicht weniger ist als der Arbeiter, er ist ihm nicht einmal gleich, ceteris paribus. ״Stimmen werden nicht nur gezählt, sondern auch gewogen“, sagt die parlamentarische Weisheit. Wenn uns die Sache nicht gelingt, wenn eine Krisis, ein Unglück oder ein Ruin kommt, wird sich jener im fernen Lande ärgern, und dieser in Ercz-Israel wird leiden und zugrunde gehen. Diese beiden sind nicht gleich, ihre Verantwortung ist nicht gleich, und ihre Rechte sind nicht gleich. Die Regierung gehört dem zweiten, der erste darf sich beratend beteiligen, kritisieren, warnen, aber nicht verwalten. Der dritte Einwand; die für die Verwaltung notwendigen Genies fehlen in Palästina. Dieser Einwand klingt in den Ohren eines jeden einzelnen, der in den letzten zwei Jahren in Palästina weilte, als bittere Ironie. Haben wir doch die ״Genies“ gesehen, die uns als Vertreter der zionistischen Leitung nach Palästina geschickt wurden! Haben wir doch ihre Erfahrungen in Wirtschaftsangelegenheilen und ihren Sinn für Politik gesehen! Fehlen uns solche Genies in Palästina? In einem Stadtviertel Jerusalems kenne ich 77 Leute, die zweifelsohne nie diese Fehler wiederholt hätten, wenn wir sie auf den Schild gehoben hätten. Und auch nach der Londoner Konferenz, die doch einschneidende Acnderungeu in den Organisation- Statuten und in der Besetzung unserer Institutionen gebracht bat, auch jetzt sehen wir keine Aenderung bei der Wald der leitenden Kräfte, Der einzige Mann, von dem alle Palästinenser und fast alle in da- Diaspora /ugehen, daß er der einzige Fachmann in fast allen Angelegenheiten des Jischuw ist, der Mann, der in Palästina in den schlimmsteil Zeiten gearbeitet hat, der Mann, der einen Plan hat, gerade dieser Mann ist nicht van oben her bestellt worden, er ist nicht bestellt worden aus kleinlichen und lächerlichen persönlichen Gründen. Und man kann sicher sagen, daß, wenn man die Wald der Leitung Palästina überlassen hätte, man hätte einstimmig die praktische Schweigsam* keit dieses ,Manucs allein Liirm und aller Demagogie• der anderen vorgezogen. Dieses Beispiel genügt, Erez-Israel Herbert Samuel an die englischen Juden _ s Die neue Landordnung Aufruf zur Unterstützung des Aufbaus Palästinas. Auf der am 17. Oktober abgchaltenen Ver- Sammlung des Board b f Deptities, wurde ein Schreiben Samuels verlesen, in dem es u. a. heißt: ״Die politische Lage in Palästina ist sehr g ü n s t i g. Ich betrachte die Lage in Palästina als viel zufriedenstellender, als ich es mir vor meinem Dortsein hatte vorstcllcn können. Es bereitet mir Freude zu sehen, wie alle Teile der Bevölkerung zu einem Einverständnis gelangen und Harmonie und gute gegenseitige Beziehungen für ihr weiteres Zusammenleben schaffen. Nach vielen Richtungen hin unternehmen wir es, die ökonomische Entwicklung des Landes zu stärken, um eine feste Basis für dessen zukünftiges intellektuelles Leben zu schaffen. Damit wir den gewünschten Erfolg erzielen, muß man auf große undaktivefinanzicllc Unter- Stützung seitens aller Juden der Welt rechne?! können, wozu die englischen Juden sehr viel beitragen sollten. Es ist dies eine der größten Notwendigkeiten, und ich bin sicher, daß der Board all seinen Einfluß aufbieten wird, um Ln diesem Sinne zu wirken, und daß wir die nötige Unter- Stützung erhalten werden. Gleichzeitig kann ich mittcilen, daß die Administration ihren Pflichten mit Treue und Fleiß nachkommt und ihre große verantwortliche Aufgabe erfüllt.“ * Das Bodengesetz. Das noch auf dem Koran fußende türkische Bodenrecht wurde kaum den priiniüvcn Zuständen der palästinensischcn Edladienwirtschnft gerecht. Es war vollends unzureichend für eine halbwegs moderne Land- Verfassung, die ohne Kredit nicht existieren kann. Ganz unmöglich aber war «ine großzügige, auf lange Frist arbeitende Kolonisation durch Einwanderer. Kannte das türkische Recht doch, noch nicht* den Begriff der juristischen Person, so daß es sehr schwer war, große Bodenkäufe durch Gesellschaften, Organisationen usw. zu tätigen und sie parzelliert an kleine Siedler gegen langfristigen Kredit weiter zu vergeben. Man mußte die Käufe auf den Namen von Einzelpersonen vornehmen. Wieviel Unzuträglichkeiten siel! dabei ergeben, ist unschwer zu erraten F.im• Aenderung dieses Boden rechtes war längst notwendig geworden!u!d ist auch schon während der Türkenlierrsdiaft in Vorbereitung gewesen. Nach der englischen Besetzung, als die Aussichten auf Ruhe und Sicherheit und die Hoffnungen auf zukünftigen wirtsdiaftliehen Aufschwung feste Gestalt annalunen, begannen sofort auch die Bodenpreise zu steigen. Da verboten die Engländer den Verkehr mit Immobilien. Dieses Verbot konnte aber auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden. Mit dem Ausbau der Verwaltung Palästinas mußte auch die Landfrage geregelt werden. Die in Nr. 71 der ,,J. R.“ wiedergegebene Verordnung über die Eröffnung des Katasters stellt nun dein ersten Schritt in dieser Richtung dar. Sie ist ein Beispiet der gerechten und liberalen Regicrungsweise Samuels, die, ohne die Fellachen zu sdiädigen, uns weite Perspektiven eröffnet. Es bestand zunächst die Gefahr, daß nach Er- < Öffnung des Katasters die im Kriege reicligcwordenen | Großgrundbesitzer den Boden Aufkäufen und das ganze tun zu zeigen, was für ein Unterschied /.wischen ernannten Beamten und einer Selbstverwaltung ist. Das System der Selbstverwaltung verlangt nicht, daß alle Mitglieder der Verwaltung nur aus dem Jischuw der Vorkriegszeit gewählt werden müssen. Finden wir keine passenden Leute itn Lande selbst, dann suchen wir sic in Europa, Amerika oder China. Die Hauptsache ist, daß wir sie wählen, und w i r verantwortlich sind für das Gute oder für das Böse, das sie tun. Ich zweifle gar nicht daran, daß auch dann noch viele Felder gemacht werden. Ich bin bereit, auch das Unmögliche zuzulassen, daß die gewählte Leitung eine gewisse Zeit lang ebenso plan- und talentlos verwalten wird, wie die ernannten Beamten jetzt. Aber auch wenn ein solches Unglück passieren sollte, hätten wir wenigstens einen Gewinn gehabt, die Erfahrung, die erziehende Wirkung, die bei einer Selbstverwaltung* auch dann zutage tritt, wenn sie nicht besonders, erfolgreich ist. Die Fehler einer Selbstverwaltung sind eine Fortbildungsschule, die Fehler einer er* nannten Beamtenschaft bringen zur Verzweiflung. — und wir sind schon nahe daran. (Aus ״Haolam“ für die ״J, R,“ übersetzt.) Land in ein paar Laüfundicn verwandeln würde!! Ohne die nationalökonomische Frage ״Groß- oder Klcinbesit/1׳ erörtern zu wollen, ist festzustellen, daß die Latifundien■ Wirtschaft entvölkernd wirkt. Es ist daher lebhaft *y begrüßen, daß der Bodenerwerb der einzelnen Person den Wert von 3000 £ nicht übersteigen darf. [>,. durch wird mit der Zeit dis ganze Land in kleine Wirtschäften aufgctei.lt, da auch der bestehende üroßgrundbesitz durch Erbteilung zerkleinert werden wird. Noch größer war die Gefahr der Spekula• tion, die durch den Kettenhandel die ohnedies teueren Bodenpreise ins Uncrschwinglidhc hätte Anwachsen lassen. Es lag die Gefahr nahe, daß sich Leute Bodenanteile kaufen und sic in Erwartung der Prcissleigcrung brach Jiegcn lassen würden. Die Bestimmung, daß mir der• jenige Land erwerben darf, der cs sofort bestellt oder bebaut, und daß der Besitz nicht oft gewechselt wer• den kann, verhindern jc^c Spekulation und künstlich!■ Verteuerung der Bodettpreisc. Schließlich ist cs nur palästinensische 11 Bürgern erlaubt, Grund und Boden zu erwerben. Es würden sich sehr viele Amerikaner und Engländer finden, die sich den Luxus gestatten können, sich im ״Heiligen Lande“ anzukaufen. Das würde dem Bode?, einen Liebhaberpreis verschaffen und die produktive Ausnutzung verhindern. Eine Waffe in den Händen unserer Gegner war die Behauptung, ״der Zionismus würde die armen Fdlachen von ihrer Sdhollc vertreiben“. Nicht, könnte diese Verleumdung besser wider• legen, als die Bestimmung, wonach kern Bauer die minimale Fläche verkaufen, verpachten oder verschenken darf, du' für seine eigene Wirtschaft notwendig ist, noch darf einem Pachter eine solche Fläche gekündigt werden. Hiermit hat Samuel einen schlüssigen Beweis dafür erbracht, daf, der Zionismus das Wohl des jüdischen Volkes mit dem der Araber zu fördern weiß. Eine besondere Verordnung über dakindliche Kreditwesen ist in Vorbereitung, die es dem Bauern ohne Gefahr der Verschuldung ermöglicht, Kredit zwecks Erweiterung und AufreChtcrhaltung seiner Wirtschaft aufzunehmen. Für unsere direkte zionistische Arbeit aber 1,1 noch wichtiger die Bestimmung über die Gesellschaften und Vereine, die größere Ländereien erwerben können, wenn sie sic nicht zu Spekulationszwecken, sondern im Interesse der Besiedelung des Landes und der Ver• mehrung seiner Produktion bewirtschaften Die Verordnung über den Bodcncrwcrb in Pake stina ist eine der wichtigsten Grundlagen für unser Siedlungswerk. Sie gibt uns die eine notwendige Möglichkeit, Land in Ercz-Israel zu kaufen und dort du jüdische Heimstätte zu errichten. Die zweite Bediu• gung müssen wir selbst erfüllen. Das Mittel hierzu ist der Keren hajessod! Das jüdische Schulwerk in Palästina. Da du Zionistische Organisation das Budget für die Schulen in Palästina einoeschränkt hat, haben, wie war bereit, meldeten, die Lehrer beschlossen, Freistunden im Werte von 1006 £ monatlicli zu geben. Jeder Lehrer über• nimmt zwei Wochenstunden, die nicht honoriert werden. Auf diese Weise können noclt einige Klassen eröffnet werden, und diese Klassen sollen vor allem den neu• eingewanderten Arbeitern zugute kommen, um ihnen die Erlernung der hebräischen Sprache und der für die Arbeit int Lande notwendigen Kenntnisse zu ermöglichen Industrielles. Michael Feinstein und Nathan Emitelson kamen als Vertreter einer landwirtschaftlichen Vorcinigung in Amerika mit großem Kapital nach Palästina, um dort eine Fabrik für F rii c h't e - Vc rpa c k u 11 g s nt a t e r 1 a 1 zu gründen. Die Verpackung «er Früchte soll durch Maschinen und nicht wie bisher durch Handarbeit geschehen, wxtdnrch die jus Ausfand exportierten Früchte vor Verderben geschützt werden. Die Fabrik wird mit dem Früchteverpacken beginnen und nachher auch andere Arbeiten, die der Konservierung der Landesirüclite dienen, in Angriff nehmen. Die Auswanderung. Gleich nach den Feiertrigen hat die Auswanderung aus Palästina mit erneuter Kraft eingesetzt. Andererseits wird berichtet, daß zahlreiche bereits Ausgewanderte, in Amerika großen Schwierig• Weiten begegne״ und viele von ihnen gezwungen sind, nach Palästina niriickzukchren. « Die Benutzung von Fahnen zu Partei- oder Pr« p.igatidazwecken wurde verboten;, für entsprechende Oe• tegenheiten kann jedoch eine spezielle Erlaubnis erteilt werden. Minister Soloweitschik ist am 18, Oktober au, London in Paris eingetroffen. Gemeinsam mit Dr. Rose!!- bannt, dem Präsidenten des Jüdischen Nati011.alr.ates i» Kowno, der sich schon seit einiger Zeit in Paris tu׳• findet, hatte er mit Sokolow .und .Vlotzkin längere Re• sprechungen. Die Juden in Danzig. Die Botschaftcrkonferenz berät derzeit die Frage der Verfassung Danzigs. Dieist auch für die Juden von außerordentlichem Interesse, wei! dabet die Möglichkeit der Erlangung der Staat,־ bürgcrschaft für die in Danzig seit langen Jahren ausässigen Juden besprochen werden soll. Der Banziger : Verfassungsentwurf will diesen Juden die Staatsbürgerschaff nicht geben mul droht ihnen sogar die Ausweisung an. Das Komitee der Jüdischen Delegationen hat n' dieser Angelegenheit dem Sekretariat des Völkerbundes ein Memorandum überreicht. i I ( I 1 , < < I ( 1 I 1 1 ו.1 i O ( t < 1 1 י '1 « i t I I; ץ 1; i 1 1 1 1 i 1 , : 1 נ ) c I : n 11 l K s