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Jüdische Rundschau · 1920-10-26 · Heft 75 (26.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 75 (26.10.1920)
Date
1920-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dar Zionismus eratrebt fEr da• JEdisdhe Volk dlo Ceisffans־«®«י© ־ Sfr< V 1 -rcc!.itlld» gcsldertea ßolcQBtlUe l«s PaföstLaa• 9|E91eI6r Projfr»mmM «4 Verzweiflung im 0 =nv ו pl. H. ».»1 M. Die amerikanischen Juden verlangen eine Intervention der U. S. A. in Polen Neue Pogrome Jüdische Kritik an Wilson Präsident Wilson hat vor einiger Zeit an Kuhhirier Stephen Wise einen Brief gerichtet, der sidi mit den Verhältnissen der Juden in Polen befallt. Er gibt darin seinem tiefsten Mitgefühl für die Osfjudcii Ausdruck und fährt dann fort: ״Ich hoffe, daß diejeiligen Nationen, mit denen unser Land poütische Ile• Ziehungen tinterliäh, alles ihnen mögliche tun werden, :im nicht nur den Benachteiligungen der jüdischen Be• völkenm׳■; in (iesof/|״cbung und Verwaltung ein Ende zu machen, sondern auch dem allgemeinen Unrecht, das dir geschieht. Wir wissen in diesem Lande, wie loyal die Juden ihm dienen, und Wie treu sic die Ziele und Zwecke unserer Nation fördern.“ Dieses Schreiben des Präsidenten begegnet in der amerikanisch-jüdischen Presse einer sehr scharfen Kritik. I )as große New Yorker Blatt ״The Day“ schreibt unter anderem: ״Wir haben seil sehr langer ,Zeit auf ein ermutigendes Wort für die Ostjuden gewartet, das von der amerikanischen Regierung liätte gesprochen werden müssen. Endlich ist unsere Erwartung erfüllt worden. Präsident Wilson hat in dieser Angelegenheit einen Brief an Stephan Wise geschrieben. Aber dieser Brief enttäuscht uns sehr. Wir lialieii mit der grollten t Migeduld und Sorge weniger auf Bezeugungen der Symp.ithie gewartet, als auf Taten, als auf das Versprechen irgendeiner Handlung, die Warschau beeinflussen würde, die meuschemmwiirdigen Lebensbedingungen unserer Brüder im Osten zu ändern. Keinerlei derartiges Versprechen ist in Präsident Wilsons Brief enthalten, und hierin liegt unsere grolle Enttäuschung, die auch nicht anigetioben wird durch die erneuerte Versicherung, durch den Hinweis auf den § <)3 des L'ricdensvertrages, nach dem den Juden in Polen alle nationalen Mindcrhcitsrechte /ustehcii. Welchen Wert hat dieser Hinweis, wenn die Polen nicht die geringsten Anstalten treffen, den Eriedensvertrag in diesem Punkte zu erfüllen?... Die Polen werden beim Lesen des Briefes von Wilson mehr (leiiugtuuiig empfunden haben, als es den Juden mö״- lieh ist. Die Polen, welche mit allen ihren Wünschen sieh nach Amerika gewandt haben, die gegenwärtig in ihrem ganzen Bestand tatsächlich von dem guten Willen des Präsidenten .'abhängig sind, werden seinem Briefe entnehmen, daß er die Leiden der Juden hedaure und wünsche, daß sie aufliörc» mögen, daß er aber nicht darauf vorbereitet sei, diesem seinem Wunsche irgendwelchen praktischen Nachdruck zu verleihen, obwohl das durchaus in seiner Macht läge. Sie werden all dieses lesen und werden weiter tun. was sie bisher getan haben.“ Ein anderes Blatt, ״Jewisli World“ (Philadelphia), H'lireibt folgendes; ״Wir nahen niemals an den freundliehen fiefühlen des Präsidenten fiir die Juden gezweifelt mul zweifeln auch heute nicht an Omen, Er Hat sie bei den verschiedensten Gelegenheiten deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Frage, um die cs sieh hier bandelt, ist keine, die etwas mit persönlicher Meinunc׳• oder persönlicher Sympathie zu tun liätte. Als Vertreter des jüdischen Kongresses hat Rabbiner Wise offiziell die Aufmerksamkeit des Präsidenten auf dk furchtbaren Verbrechen gelenkt, welche. das polnische Volk ^tagtäglich gegen die Juden, begeht. Im Namen .Irs jüdischen Kongresses, der die Vertrctersdiaft des esiHitcn amerikanischen Judentums ist, bat Rabbiner Wise an ihn als an den Vertreter der mächtigsten Republik der Welt appelliert... Wir hatten volles Recht zu erwarten, daß der Präsident siel! veranlaßt sehen vatrde, der pofnischeo Regierung eine ernste Verwar- ״uiigsnote zu schicken und zum Ausdruck zu bringen, *h8 Amerika nicht länger die Hinmordung eines uitr '111 ukligen Volkes dulden werde, und daß alle Juden- Verfolgungen sofort aufzuhören hätten.“ ,,Die Zeit“ (New York) schreibt: ״Warum hat 'hr Präsident in seiner Antwort de» allgemeinen Aus- *huck ״Osteuropa“ gebraucht? Zwar sind die Verhsltaisse in ganz Osteuropa schrcdklidt. Wird aber »icht Polen aus der Tatsache, daß der Präsident es nicht ausdrücklich genannt hat, einen Versuch heraus־׳ *wen, <s zu sdiützen, und wird es aidit daraus entnehmen, daß es ruhig weiter in «einen Verfolgungen loitfahre« kann, da ßtm der Schutz der Großmächte ־־H׳h«r ist?“ Wie lange noch? Ein neuer Pogrom in Wilna. Kowno, lb. Oktober. (Jcwish-Corr.-Bur.) Nach der Einnahme Wilnas durch die Truppen des Generals Zdigowski bemächtigte sich der dortigen jüdischen Revölkerung eine schreckliche Panik. Die jüdische Bevölkerutig mußte abermals trotz der Anwesenheit der Ententemissioii einen furchtbaren Pogrom mitmachen. Viele jüdisdie Frauen wurden geschändet und Männer getötet. Die genaue Zahl der Opfer sowie die Höhe des angerichteten Schadens sind noch nicht beknmit. Die jüdische Bevölkerung Wilnas ist ganz der Soldateska a 11 s g c 1 i e - frrt, zumal audi die Enteiltemission bereits Wilna verlassen hat. Wieder ein Jadenrtiord in Ungarn! Die Tageszeitungen bringe« folgende Mehlung:• ״In der ungarischen Nationalversammlung interpdlicrte der Abgeordnete R upper t über eine besonders skandalöse Mordaffäre, welcher zwei reiche B1:dapester Juden, der Weinhändler Adolf Landau und sein Sohn, zum Opfer fielen, und an welcher wiederum das Militär Anteil hat. Am 19. September cL Js. erschien Gendarmerie in der Wohnung der beiden Landau, die unter ״Spionageverdacht“ von einen! Militürkommando in KelenföUl gesucht wurden. Man verschleppte sie zunächst in eine Kaserne, in der sie geprügelt wurden, wonach man sie nach KelenföU transportierte. Ursache der Verfolgung war, daß sie im Jahre UM•) einen früheren Zuchthäusler Dobe verklagt hatten, weil er unter falschen Vorspiegelungen dem Landau nahezu t Million Kronen erpreßt hatte. Dobe war daraufhin verhaftet worden. Nach seiner Freilassung versuchte er an Landau neuerdings Erpressungen, wurde wieder ange/eigt und abermals verhaftet. Dobe hat von dem Gefängnis aus die Gendarmerie von Kelenföld fiir sich zu gewinnen vermocht, und zwar durch den Advokaten Dr. Rtisiea, der zusammen mit dem militärischen Rech erebimr S/ipis am U), September bei der Verhaftung der beiden Landau mitwirkte und am '20. September Dabe aus dem Gefängnis der Oberstadthauptmamiscliaft befreite. Der Oberstadthauptmaii» hatte die Auslieferung verweigert, worauf Szipos drohte, er werde Artillerie holen und das Gebäude in Trümmer schießen lassen. Schließlich wurde die Auslieferung bewilligt. Nach weiteren Erpressungen, die Dobe und seine Spießgesellen an den beiden Landau verübten_ und an denen aud! drei Offiziere beteiligt waren, gelang es einem Neffen Laudaus, den Abgeordneten Dr. Rudolf Ruppert für den Fall zu interessieren. Inzwischen waren die beiden Landau verschwunden; ihre Leichen wurden auFgefunden, und es hieß, daß der ältere Landau durch Selbstmord geendet liabe. Die Interpellation des Abgeordrieten Rlippcrt rief große Erregung hervor. Per Minister- Präsident Graf Telcki versprach, in dieser ״häßlichen Strafangelcgcnheit“ volle Klarheit schaffen zu wollen.“ Was der Ministerpräsident eine ״häßliche Straf- Angelegenheit“ ׳nennt, ist nur ein Beispiel und nicht einmal das krasseste, für das V c r b r e c 11 e r t u m, das heute in Ungarn die Macht besitzt und sie unter den Augen der Entente in brutalster Weise ausnützt. Dabei erwartet Ungarn, nach Ratifizierung des Friedensvcrträges, in den Völkerbund aufgeiioimncii zu werden, dem das ihm sinnesverwandte Polen schon angchört. Judcnlietze in der Krim. Das Komitee der jütlisehen Delegationen in Baris erhält beständig alarmierende Nadiriehtcn über die L.age der Juden in der Krim und der! von Wraugel okkupierten Gebieten, die neuerdings von Pogromen bedroht werden. Sowohl z.alilreiche offizielle Persönlichkeiten als namentlich der orthodoxe Klerus hetzen die Bevölkerung zu Massakers der luden auf, indem sie diese des Bolschewismus bezichtigen, und in den orthodoxen Dorfkirclim wühlen die Geistliehen in schamlosester Weise gegen die luden. Diese Hetze geht völlig unbehelligt vor sich, und der bekannte Erzpriester Wostokow hält blutrünstige Hetzreden vor zahllosen Massen. Wraugel selbst tut nicht das mindeste, um die verbrecherischen Urheber ,dieser Propaganda• zu bestrafen oder den Pogromen vorzitbeugen. Ein Pogrom in Ostropol. Im Kommunique des;יא!msehen Ueiieralstabes vom 17. 11. M. heißt es unter anderem: ״Der Feind wurde über Ostropol hinaus zurückgeschlagen. Ke Stadt wurde völlig zerstört angetroffen. Die jüdische Bevölkerung wurde von den Bolschewiken ermordet.“ (Nähere Nachrichten über diesen Pogrom liegen noch nicht vor. Es steht auch noch nicht fest, wer ihn veranstaltet hat. — A. d. R.) Selbstverwaltung! Von Wladimir S. Jabotinsky, Wenn die ״Asscfath haniweharim“ (Kongreß der palästinensischen Juden) kein Witz sein soll, kein fauler Witz, dann hat ihre Existenz nur einen Sinn: die Selbstverwaltung des Jisehuw in Paliistina zu begründen. ״Jüdische Selbstverwaltung“ ist ein Begriff, der alles umfaßt, von der Schule bis zum Verkehr mit der Regierung, all das muH der Jisdmw in eigene Hände nehmen und ilureli seine Delegierten verwalten. Das ist die Forderung der Zeit und der Lage in der reinsten und radikalsten Form. In der Praxis wird der Jisehuw selbstverständlich gezwungen sein, auf Kontprommisse einzugehen, die auch dem Diasporajudentum einen Einfluß auf die Dinge einräumen werden, da die Diaspora Palästina mit Menschen und Geld speist und sie vor der großen Welt schützt. Dieser Kornpromiß darf aber nicht das Prinzip der Selbst- Verwaltung untergraben. Keine ״Leitung4‘ von ausländischen Beamten unter der ,.Teilnahme“־ einer oder zweier Delegierter des Jisehuw, sondern eine Leitung der Delegierten des Jischuws gemeinsam mit einigen Vertretern der Organisation, Drei Einwände sind gegen diese Forderung gemacht worden: 1. der der nationalen Disziplin, Der Jisehuw sei nur ein Teil der Zionistischen Weltorganisation. 2. der der Billigkeit. Es sei nur recht und billig, dafl die Diaspora, die das Geld gibt, es auch verwalten solle. 3. Palästina sei arrn an Menschen, während Europa und Amerika von ihnen strotze. Die Disziplin ist eine heilige Sache. Aber wie jede heilige Sache darf man auch sie nicht mißbrauchen. Das gute Einvernehmen zwischen der Diaspora und dem Jisehuw läßt sich nicht auf der Grundlage von ״Disziplin“ gründen, auch dann nicht, wem! wir sie auch ,,national“ nennen. Der Einwand, daß der Jisehuw mir ein Teil der Zionistischen Weltorganisation sei, ist eine leere und lächerliche Fiktion. Die jüdische Bevölkerung Paläsfinas ist vor allem eine Gemeinschaft von lebendigen Menschen, genau so wie die jüdische. BevöJkcrung Litauens oder Amerikas. Gewiß ist sie 3 rage rin einer besonderen nationalen Mission, die der Diaspora abgeht, aber gerade tun dieser Mission willen muß sie sich vor allem zu einer normalen Gesellschaft entwickeln und auf ihre Existenz und auf ihr Wohl mit demselben gesunden Egoismus bedacht sein, der bei jeder jüdischen Gemeinschaft vorhanden ist und vorhanden sein soll. In bestimmten! Maße unterwirft sich auch die jüdisch» Bevölkerung Litauens der nationalen Disziplin, aber eben nur in bestimmtem Maße. Verlangt ma!1 von ihr Opfer für die gesamte Nation, s<> wird sie diese Opfer bringen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Denn sie ist nicht gewillt und mich nicht verpflichtet, ihre Existenz zu vernichten, zu ruinieren oder auch mir zu gefährden. Mehr wird man auch v<w! ihr nicht verlangen, außer in besonders kritischen Zeiten. Gewöhnlich aber \ersteht jeder, daß, wenn die nationale Disziplin im Leben der jüdischen Bevölkerung Litauens einen Platz von zehn Prozent einnimmt, man zufrieden sein könnte. Von der jüdischen Bevölkerung Paliistinas kann man vielleicht etwas mein־ verlangen, sagen wir zwanzig Prozent, aber nicht mehr. Denn auch die jüdische Bevölkerung Palästinas muß vor allem ein gesundes tägliches Leben führen und für ihre Existenz sorgen. Was sind denn aber diese täglichen Sorgen in unserer Zeit? Selbst- Verwaltung. Wenn audt jeder litauische jude organisierter Schekelzahler wäre, so würde doch die Zionistische Weltorganisation sich nicht in die lokalen Interessen der jüdischen Bevölkerung Litauens, außer in besonderen Fällen, einmtschen. Das muß auch die einzige Basis für die Regelung der Verhältnisse in Palästina sein. Se'bstvcrständ* lieh mit gewissen Modifikationen, zwanzig Prozent statt zehn Prozent, aber nicht mehr. Einen anderen Weg gibt es nicht, und alle Deklamation und Phrascologie und alle» sonstige Geschwätz über di» Unterwerfung eines Teil« «nter die Gesamtheit werden nicht« mrtaan. Bk» Siedlung ist kein Teil

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