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Jüdische Rundschau · 1920-10-19 · Heft 73 (19.10.1920) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 73 (19.10.1920)
Date
1920-10-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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558 ־*י';•S JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr, 73 der Idee wahren und sie in den Vordergrund steilen. Nicht praktische Arbeit statt prinzipieller und theorctischcr Vertiefung, wie es die, Amerikaner wollen, sonder« beides zusamiuen. Nur so, nur auf dein Wege einer stets und ständig durch die Idee in all ihrer Radikalitat dirigierten und kontrollierten praktischen Arbeit läßt sich Zionismus verwirk• lidicn und ein wahrhaft jüdisches Palästina auf• bauen. Ungarn Jüdischer Nationalismus und Gleichberechtigung Das Komitee der jüdischen Dele- Rationen beim Friedenskongreß hat, wie uns aus Paris gemeldet wird, an die zuständigen Stellen ein Gwimunique gerichtet, in welchem die. Aufmerksamkeit der Mächte auf den Hechtsraub gelenkt wird, den die ungarische Regierung mit Hilfe der National- Versammlung an den Juden Ungarns tagtäglich begeht. Insbesondere wird auf das Gesetz, liingewiesen, durch welches hinsichtlich der Zulassung der Juden zu den Mochsduilen eine Prozcntnorin festgesetzt wird. 3 §״ dieses Gesetzes“, heißt es in den! CommuniquC״ ,־durch welchen bestimmt wird, daß die Juden eine besondere Nationalität darsteilcn, bezweckt nicht, den jüdischen Massen die nationalen Mimlcrhcitsrechte zu sichern, sondern sie im Gegenteil aller ihrer bereits besessenen Rechte z. u berauben und den Fremden g I c i cli z u s t c 11c!1.“ Nach einem Hinweis auf die antisemitischen, stellenweise offen zu Pogromen aufreizenden Reden des Mini sters Haller und anderer Abgeordneten schließt das Gommunique: ״Ungarn ist das erste europäische Land, welches die Juden auf gesetzgeberischem Wege ihrer Bürgerrechte beraubt. Dieses des Mittolalters würdige Gesetz enthält eine der schwersten Verletzungen des in Trianon geschlossenen Vertrages zwischen Ungarn und den Großmächten, im Sinne dessen alle ungarisehen Staatsbürger vor dem Gesetz gleich sind und die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte ohne Einschriinlctmg hinsichtlich der Rasse, der Sprache undl der Religion genießen. Wird der Völkerbund cs zugeben, daß in Ungarn eine mittelalterliche Politik der Unduldsamkeit und der Finsternis getrieben werde und daß Ungarn den Vertrag von Trianon wie einen Fetzen Papier betracht« und behandle?“ Oer neueste Versuch der ungarischen Antisemiten, den jüdischen Nationalismus zur Begründung ihres Rechtsraubcs hcranzuzichcn, kann gar nicht scharf genug zuritckgcwicscn werden. Kein Staat hat das Recht, seine Bürger in ihren Rechten zu beschränken, weil sie einer anderen als der herrschenden Nationalität angeboren. Diese primitive Tatsache wurde außerdem in dem Minoritiitenschutzvcrtrag ausdrücklich festgesetzt. Die Erklärung der Juden als nationale Minorität hat den Sinn, ihnen gewisse primitive LcbcnsrCchte zu sidiern, nicht aber kann sie als Vorwand für Entziehung der vollen Gleichberechtigung dienen, die in einem modernen Kulturstaat selbstverständlich ist. Horthys Ungarn steht allerdings auf tieferem Niveau als das schwärzeste zaristische Rußland, ihm sind alle Mittel und aller Jqsuitismus Recht, wenn dadurch die verhaßten Juden in ihren Rechten geschmälert werden. Wie lange wird die Welt diesem Barbarismus noch zusehen? Kongreß des Verbandes der rumänischen Juden Bukarest, 10. Oktober. (Jewish-Korr.-Bur.) Der Verband der einheimischen rumänischen Juden tritt am 11. und 12. d. Mts. zu einem außerordentlichen Kongreß in Bukarest zusammen. Zur Beratung stehen die Fragen der vollständigen Emanzipation der rumän i s c h c n J u d e 11 h e i t, die Subventionierung des jüdischcn Schulwesens und die staatliche Anerkennung der höheren autonomen jüdischen Organisationen. Die Durchreise der Emigranten durch Jugosiavien Belgrad, 10. Oktober. (Privat.) Der Minister des Acußern Dr. Trumbic empfing am 8. d. M. Herrn Landmann, Generalsekretär der Zionistischen Organisation in London, der in besonderer Mission mit dem Ziel reist, den nach Palästina emigrierenden Juden die Durchreise zu erleichtern. Der größte Teil der Auswanderer kommt aus Polen, Ostgalizien, Ungarn usw. und in gewissen Fällen führt sie der Weg durch Jugo״ slawien. Der Minister versprach, daß er hofort alle nötigen Schritte zur Entfernung der eventuellen Hindernisse unternehmen wird. , ... . » ׳ 1 .’׳יד, < .. ü' Zionistische Bewegung Die Sitzung der amerikanischen Exekutive Ein Memorandum von Justicc Brandeis. Wir hrilH'ii in der vorigen Nummer bereits kurz den telegraphische» Bericht über den Beschluß der Exekutive «1er zionistischen Föderation von Amerika gebracht. Nunmehr sind wir in der Lage, auf Orund der vorliegenden Berichte noch folgendes nachzutragcu: Die Sitzung begann am 30. September und hatte die Spezialaufgabc, Pläne für die unmittelbare Arbeit in Palästina vorz.ubereiten und über die Reorganisation der amerikanischen Partei zu beraten, lieber diesen Gegenstand lag der Exekutive ein ausführliches s c 11 r i f 11 i Cli c s Memorandum von Justicc Brandeis vor, das zur Grundlage der Beratungen! gemacht wurde. Wir werden dieses außerordentlich interessante Memorandum in der nächsten Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ wiedergeben. Nack Abschluß der Diskussion wurde eine Resolutionskonimission gewählt, deren Vorsitzender Dr. Stephan S. W i s e war und dem u. a. folgende Herren angcliörtcn: Professor׳ Felix Frankfurter, Rabbi Abba Hillcl S i l v c r, Judge Hugo Pam, Morris Rothenberg*). Wir gelten die von uns bereits in der vorigen Nummer erwähnten Bc- Schlüsse mit Rücksicht auf ihre große Wichtigkeit nachstehend nochmals im Wortlaut wieder: ״Auf der Londoner Konferenz ist cs klar geworden, daß mit der Entscheidung von San Rcmo und mit der Ernennung Herbert Samuels zum High-Commissioncr durch die englische Regierung eine neuef Epoche im Zionismus beginnt. Die Zeit der Erziehung zum Zionismus ist übergegangen in eine Periode der aufbauenden Arbeit in Palästina. Unsere vernehmlichste Pflicht in Amerika ist, alle Kräfte den gebieterisch dringenden Aufgaben zu widmen, welchen wir zur Erriehtung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina gegenüberstehen. Bei allen unseren Arbeiten ist unser ernstestes Bestreben, die Integrität der internationalen Zionistischen Organisation zu erhalten und ihr weiterhin alle Mitarbeit und Teilnahme zu widmen, die ihre Leistungsfähigkeit im Dienst für die jüdische Heimstätte in Palästina erhöhen wird. Unsere Organisation wird der internationalen Zionistischen Organisation ihre Unterstützung i n dem Maße gewähren, als von der Zionistischen Organisation von Amerika oder von ihrer Lamles-Exekutive bestimmt werden wird. Ferner ist cs unsere Pflicht, sofort eine solche Reorganisation dcrZio 11 istischon Organisation von Amerika vorzunehmen, die sie instandsetzen soll, der Lage, die' in Palästina entstanden ist, gewachsen zu sein, Alle Ausgaben der Organisation außerhalb Palästinas müssen auf ein Minimum reduziert werden, und um dies durchführen zu können, muß die Arbeit so vereinfacht werden, daß ihre Konzentrierung auf die eine große Aufgabe möglich wird. Eine Reorganisierungskommission von fünf oder sieben Personen soll eingesetzt werden. Diese Kommission muß in Permanenz erklärt werden. Sie muß alle hören, welche angchört werden müssen oder es wünschen. Sie muß der Landcs-Exckutive in einer besonderen Sitzung, die innerhalb 30 Tagen cinberufcn wird, Bericht erstatten, bevor der Plan dann — mit eventuellen Abänderungen — der Jahreskonvention vorgclcgt wird. In bezug auf den Keren Hajessod ist unsere Ansicht die, daß, in Anbetracht dessen, daß von der internationalen Exekutive oder ihren Repräsentanten; keine endgültigen Beschlüsse gefaßt worden sind, derzeit die Beschlußfassung über diesen Gegenstand aufgeschoben werden muß, bis bestimmte Daten zur Hand sein werden. In der Zwischenzeit schlagen wir vor, mit besonderen Arbeiten in Palästina einschließlich der palästinensischen Regierungsanleihe fortzu fahren in möghebst enger Verbindung mit der internationalen Zionistischen Organisation, deren Teil wir sind. Und zu diesen! Zweck fordern wir alle amerikanischen Juden zu weitgehender Unterstützung auf. Es soll ein Komitee ernannt werden, das festsetzt, welche Arbeiten sofort in Palästina unternommen werden sollen, und das sich mit dem ganzen Fragenkomplex des Keren Hajessod beschäftigt. Wir schlagen vor, daß die in einem von Justice Brandeis vorgclcglcn Memorandum skizzierten Ziele der Entwicklung eines jüdischen Palästina das Komitee für Reorganisation und das Komitee für Palästinaarbeit in״ ihren Beratungen leiten sollen. Und während es für die Organisation als solche notwendig geworden ist, alle ihre Kräfte auf das enorm schwierige Problem des Aufbaus Palästinas zu konzentricren, ist cs die Pflicht aller einzelnere Juden, weiterhin den lebhaftesten Anteil an der Verbesserung des Loses der Juden in allen Ländern zu nehmen und alle dahingehenden Bestrebungen zu unterstützen,“ Die Immigration nach Amerika. In den letzten Wochen sind fast 00000 jüdische Immigranten in Amerika gelandet. Da. zahlreiche Farmer ihre Arbeiter gern unter den Einwanderern rekrutieren möchten, will der Einwandcrungskonimissär den beim Einwanderungsbüro bestehenden Arbcitsnadrtweisdlcnst ausbaucn und auf die Immigranten «־!!wirken, sich statt der Fabriksarbeit, den landwirtschaftlichen Arbeiten zuzuwenden. *) Wir erinnern an das in unseren Neujahrsnummem wiedergegebene Interview mit diesem amerikanischen Führer. Die Krise der Poale*Zion Aus dem offiziellen Bericht, der jetzt in den ״Mitteilungen des jüdischen sozialistischen Arbeiter verbaudes Poale-Zion“ (Linke) erscheint, entnehmen wir die auf die Stellung zur Zionistischen Organisation bezugliehe Resolution, die folgendermaßen lautet: 1. Das gesamte jüdische Volk ist an der terri- torialen Konzentration der jüdischen Masse״ in Paliixtina interessiert, jede Klasse־ ist jedoch dabei bestrebt, ihre eigenen Klasseninteressen durclvziisctzen. Die Ziele und Methoden der Aufbauarbeit m Palästina sind bei jeder Klasse verschieden. Die jüdische Bourgeoisie ist bestrebt, die alten Ausbeutiingsfornu״ der kapitalistischen Gesellschaft nach Palästina zu übertragen. Das jüdische Proletariat hingegen will dort eine jüdische Arbeitsgemeinschaft errichten. 2. Der zionistische Kongreß mit seiner bürgerliehen Mehrheit kann unter keinen Umständen die sozialistischc Aufbauarbeit in Palästina durchführen, da diese im schärfsten Gegensatz zu den Interessen der jüdischen Bourgeoisie steht. 3. Der unverbindliche Charakter des Kongresses macht von vornherein auch die Durchführung der Be- Schlüsse einer eventuellen zufälligen Mehrheit für eine Arbeiterforderung unmöglich. Das Proletariat kann daher den zionistischen Kongreß für seine Interessen nicht ausnut/en. Die Teilnahme am Kongreß würde bloß schädliche Illusionen bd einem Teile der Arbeiter- Schaft erwecken und seine Aktivität in der selbständigen proletarischen Aufbauarbeit in Palästina schwächen. In Erwägung all dessen erklärt sich die 5. Weltkonferenz des Jüdisch-sozialistischen Arbeiterverbandes Poale - Zion gegen die Teilnahme am zionistischen Kongreß. Damit ist der Weltverband Poale-Zion aus der Zionistischen Weltorganisation ausgeschieden. Bekannt'.icl! wurde gleichzeitig der Anschluß an die d ri t tc In ternationale beschlossen. (Die Delegationen aus Palästina, England und Amerika haben diese Wendung nicht mitgemacht und sind aus dem alten V/cltvcrband!ausgetreten. Siehe den Aufruf dieser ״Rechten“ in Nr. <15/06 der ״J. R.“,) In der Parteipresse der ״Linken“ wird eine lebhafte Diskussion jetzt vor allem über die Bedeutung des Palästinapnnktes im p. z. Programm geführt. Charaktcristisch ist, daß die kommunistische Gruppe, deren Organ z. B. ״Der jüdische Sozialist“ in Brünn ist, in bezug auf Palästina eine Revision des Programms verlangt und Palästina nicht als einen essentiellen Bestandteii des Programms anerkennen will. Damit hätte der Poale -Zionismus eigentlich sein Ende gefundere. Als ein Dokument dieser Entwicklung geben wir hier einen Abschnitt «1er Rede wieder, die der Führer der tschechoslowakischen Poale - Zion, Rudolf Kohn, beim Parteitag der Uchcchoslowakischcn Sozialdemokratie in Prag gehalten hat. Kohn sagt über die Entstehung der l\oalc ־ Zion - Partei im tschechoslowakischen Staat: ״Die äußere Veranlassung für die Parteigründung gaben einige Genossen, welche bis dahin Ln der tschechischen oder deutschen sozialdemokratischen Partei organisiert waren und in der Zeit des Uin- Sturzes, als die Wogen des nationalen Chauvinismus hoch gingen, gar oft von sich hören mußten: Er ist ein guter Genosse - schade, daß er ein Jude ist! Die tschechische und deutsche Parteipresse machte «lein bürgerlichen Antisemitismus durch alle möglichen Glossen und durch Verallgemeinerung von Vergehengen einzelner Juden Konzessionen. Da sagten wir uns, daß wir für die Internationale am besten wirken werden, wenn w1 ׳ r die paar T a u s c n «t j ii d i - sehen Proletarier, die cs in diesem Staate gibt, selbständig organisieren und für eine spätere gemeinsame Kampfgemeinschaft bereithalten. Durch eine kleine Gruppe Prager Genossen, welche schon vorher mit den ausländischen jüdischen sozialdemokratischen Parteien Fühlung gehabt hatte, wurden wir in den Poale-Zion-Weltverband eingeführt, in dessen Erfahrungen und Programm wir die Größe und Aktualität sowie den sozialen Charakter und die Interterritorialität der Judenfrage bestätigt fanden. Die ökonomische Krise, in der sich das jüdische Proletariat nach dem Umstürze befand, wo gerade jüdische Kapitalisten ihre jüdischen Angestellten massenweise entließen, um ihre Untemehmungen vor dem antisemitischen Ansturm zu schützen, war die reale Basis für das rasche Anwachsen unserer Partei. Wir nahmen den schärfsten Klassenkampt gegen die jüdische Bourgeoisie aut und lernten besonders von unseren Bruderarteien im Osten, welche große revolutionäre lassenkampfparteien sind, die besonderen Bedingungen des Klassenkampfcs iin jüdischen Leben kennen. Es w׳urde uns immer mehr klar, daß die J wie nt rage, welche eine seit Jahrtausenden sic!» hinsclucppende Frage ist, nur durch den siegreichen Sozialismus gelöst Werden kann und daß weder die ihrem Charakter nach bürgerliche Assimilation, noch der Balfour-Zionismus fällig sind, diese Frage endgütig und befriedigend zu lösen.“ Man wird vergebens suchen, wodurch sich diese Begründung von der des ״Bund“ unterscheidet. Auch der ״Bund־‘ wurde seinerzeit nur aus taktischen Gründen als separate jüdische Partei gegründet, um das jüdische Proletariat für den Sozialismus zu gewinnen. Die Poale-Zion, die ursprünglich auf ganz anderen Grundlagen standen, lenken jetzt m dieselbe Bahn. Sie gehen damit auf den Spuren der Assimilation, die die besonderen Bedingungen des jüdischen Lebens und die Sonderstellung des jüdischen Volkes nicht erkennt und den herrschenden Strömungen «ter anderen Völker sich anzupassen ängstlich bemüht ist.

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