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Jüdische Rundschau · 1920-10-19 · Heft 73 (19.10.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 73 (19.10.1920)
Date
1920-10-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 73 JUSDISCHQ RUNDSCHAU Seite 55 7 Idee und Praxis Eine Erwiderung von N a di'uni Gold in a 11 n. Die Kritik, die Julius Berger La der vorwöch'entliehen Nummer der ״Rundschau“ an meiner Kritik der Jnhreskonferenz veröffentlicht hat, bietet mir eine willkommene Gelegenheit, die prinzipiellen Fragen, uni die heute der Streit innerhalb des Zionismus geht, und von deren Entscheidung die Wcitcrgcstnitung der Bewegung ahliängt, in aller Kürze und Schärf« klarzulcgcn. Dali es sich liier uni prinzipielle Grundanschauungen handelt, die nur eine Entscheidung für oder wider zulassen und kein Kompromiß dulden, beweist die Tatsache, daß Berger mit mir in einem einig ist; in der Fest- Stellung, daß die Jahreskonferenz ein ״Versager“ war. So entgegengesetzt die Motive sind, im Urteil selbst sind wir uns einig. Das Gleiche gilt im Großen: alle Teilnehmer haben die Konferenz unbefriedigt verlassen. Der Hapoel-Hazair, die Palästinenser, die Oestier schimpfen, und die Amerikaner sind nicht minder unzufrieden. Warum? Weil die Konferenz verkleistern wollte und mit einem gewissen Kompromiß geendet hat. Ein Kompromiß, wenn es angebracht ist, pflegt alle feile zu befriedigen, liier!)lieben alle unbefriedigt, ein Beweis, daß es falsch, unangebracht und unhaltbar ist. In der Tat geht es hier um Gegensätze prinzipiellster Art, die eine klare Entscheidüng verlangen. Worum geht cs? Die Zeit der Reden, der theoretischen Debatten, der prinzipiellen Diskussionen ist vorbei, sagt Berger. Der Zionismus ist in die Phase seiner Verwirklichung cingetrcten; ״nicht die prinzipiellen Fragen sind cs“ meint er, ״die in diesem Augenblick brennend sind, es sind ganz gewöhnliche Fragen der Aus- und Ein- Wanderung, der Kolonisation, des Arbcitsnachweises, der sozialen Hilfe, des Hausbaus, der Acker- Wirtschaft, der industriellen Technik, der Schul- Organisation und der Lehrmethoden der Hygiene, des Verkehrs usw.“ Die Konferenz sei daran gescheitert, daß sie das nicht begriffen hat und ״durchaus auf Diskussion abgestimint war.“ Zunächst einmal zwei Vorfragen: War die Konferenz wirklich so sehr auf Diskussion abgestimmt? Ich wenigstens habe in den Berichten nichts von großen Diskussionen gelesen, und der Schwerpunkt lag doch in den Kommissionen, zu denen doch genügend Fachleute, meine ich, geladen waren. Sodann aber ein anderes: Wie denkt sich das Berger, daß eine zionistische Jahreskonfcreiiz nicht über prinzipielle Grundfragen reden und sich entscheiden soll, sondern über Arbeitsnachweise, sozlale Hilfe, Hausbau und industrielle Technik. Wäre das nicht gerade schlimmste Unsaeliliehkeit, Dilettantismus übelster Art, eine Konferenz von Nichtfachleuten über solche fachliche und techiiischc Fragen streiten und beschließen zu lassen? Wo in der Welt geschieht solches? Fachfragen werden von Fachleuten besprochen und entscliicden, und Fachleute zu allen speziellen Fragen waren doch zu diesem Zweck nach London berufen. Wer erinnert sich nicht von den deutschen Delegiertcntagen her, wie lächerlich cs war, wenn man aus dem Willen nach Sachlichkeit heraus begann, über technische Spezialfragcn zu reden, wenn Trictsch mit seinen Zahlen kam und andere mit anderen Zahlen. Kann ein Forum, wie es ein Delegicrtentag oder eine Jahreskonfereiiz ist, solche Fragen entscheiden? Das ist doch alles nur eine lächerliche Geste des Sachliehseinwollen s, eine Karikatur der Sachlichkeit schlimmster Art. Wenn man nur diese technischen Fragen heute für wichtig hält, die prinzipiellen aber für belanglos, dann ׳erspare man sich die Jahreskonfcren/en und Kongresse, dann ist deren Einberufung in der Tat ein, Attentat auf die zionisliselicn Kassen. Dann aber ist Berger inkonsequent, die Jahreskonferenz so energisch gefordert zu haben und den Kongreß noch jetzt zu verlangen, dann sind die Amerikaner konsequenter, die die Konferenz möglichst lange hinausschieben ließen und auch den Kongreß möglichst lange hinausschicben wollen und erklärten, nur eine mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete kleine Gruppe von Fachleuten sei imstande, den Zionismus jetzt zu leiten und Palästina sachgemäß aufzubauen. Das ist wenigstens konsequent und logisch; und wenn man die Lage des Zionismus so beurteilt, wie es die Amerikaner tun und Berger scheinbar mit ihnen, muß man auch ihre Schlußfolgerungen anerkennen und den Plan von Brandeis einer Umformung der Organisation billigen. Tut es Berger? Ist er mit der Form der Leitung, wie sie die Londoner Konferenz unter dem Druck von Brandeis beschlossen hat, einverstanden? Damit bin ich bei der entscheidenden Frage: Wie ist die Situalion im Zionismus, welches ist seine Aufgabe? Die Amerikaner - und Berger mit ihnen — sagen, Palästina ist politisch unser, das politische Werk des Zionismus ist getan. Worauf cs jetzt ankommt, das ist einzig und allein: Palässtiua zu kolonisieren, das jüdische Gemeinwesen zu!errichten. Möglichst schnell und möglichst umfassend; daher fort mit der bisherigen Form der Organisation. Diese ist demokratisch; das ist bei praktischen Arbeiten ein Hindernis; darum wühlen wir eine diktatorische Leitung für einige Jahre, unabsetzbar durch den Kongreß. Der Zionismus war bisher gestellt auf Idee, Bekenntnis, Uebcrzeugung. Fort damit, das hindert beim praktischen Aufbau. Stellen wir an die Spitze Fachleute, die in wirtschaftlichen und kolanisatorischen Dingen Bescheid wissen, auf die Qualitut ihrer zionistischen Uebcrzeugung kommt es nicht an. Und vor allem nicht viel geredet, keine theoretischen Debatten, keine Diskussionen, sondern arbeiten, Kapital beschaffen, Gelder sammeln. Alles andere ist Narretei und Hemmnis. Mit einem Wort: aus der demokratischen, idealen, radikalcn, nationalen zionistischen Bewegung machen wir so etwas wie eine große Palästina-Aufbau- Organisation, richtiger noch, so etwas wie eine Palästina-Aufbau-Aktiengcscllschaft. Ich sagte es schon, das Ganze ist folgerichtig, logisch, klar; allerdings müssen zwei Voraus- Setzungen zugestanden werden. Die eine ist politischer Natur, wir sind politisch am Ziel, wir haben das Land und müssen es mm in Besitz nehmen. Die andere ist ideeller Natur; cs kommt nur darauf an, daß ein jüdisches Palästina entstellt, welcher Art es sein w׳ird, ist gleich. Das Tempo, die Dimension der Kolonisation sind allein entscheidend. Beide Voraussetzungen sind meiner Ansicht nach grundfalsch. Wir sind politisch nicht am Ziel, solange die ganze Welt in einem Ucbcrgangszustand ist, in einem Chaos, dessen Ende keiner voraussehen kann. Wir haben einen wichtigen politischen Erfolg gehabt, wir haben gegenwärtig eine günstige politische Konjunktur; das ist alles. Was morgen sein wird, weiß niemand. Aendcrungen, Wecliselfülle, Rückschlüge sind möglich und wahrscheinlich unvermeidlich. Kein Besitzender, der klug ist, fühlt sich heute seines Besitzes sicher, und wir sollen schon alles darauf «inrichten, als ob das uns bisher bloß Versprochene, schon definitiv unser wäre. Wenn wir Palästina definitiv und unverlierbar hätten, wäre der Umbau unserer Bewegung möglieh. Heute wäre er ein Verbrechen, weil er unserem Volk seine stärkste innere Stütze für Tage der Rückschläge und der Krisis nähme. Der Zionismus ist die einzige große, nationale, ideelle Bewegung, die unser Volk besitzt. Seine Idee und seine Bewegung sind ihm Kraft. Trost und Stütze. Zerschlagen wir diese Bewegung und was die Amerikaner wollen, wäre im Effekt eine solche Zeisdilagung dann vernichten wir das einzige Instrument unseres nationalen Willens, das wir besitzen. Noch haben wir nicht Palästina, und schon sollten wir den Zionismus preisgeben! Wer gibt uns das Recht, das Unwiderrufliche zu tun, ohne die Gewißheit zu haben, daß wir es dürfen? Mir scheint ganz im Gegenteil: nötiger denn je ist uns heute eine idealistische, radikale, von der Idee und vom Glauben getragene zionistische Bewegung. Denn die Lage unseres Volkes ist äußerlieh und innerlich trostloser denn je. Das Judentum im Osten ringt um seine Existenz. Das siidrussische Judentum ist vernichtet und das polnische hält sich nur unter dein Aufgebot seiner letzten Kräfte. Die innere Apathie des Westjudenturiis ist erschreckend. Palästina kann, and! wenn es noch' so sdmell kolonisiert wird, zunächst nicht die Ostjudenfrage lösen, und keine rein praktische, wirtschaftlidre Palästina-Aufbauorganisation wird die Kraft haben, das Volk geistig und moralisch zu beleben und es über die furchtbare Krise, die es durchmadit, hinwegzuführen. Wir werden mit solchen Methoden die Jugend verlieren, die Arbeiter verlieren, wir werden die Masse verlieren. Bleiben wird eine philanthropische Organisation, die reichen Juden in Palästina günstige Erwerbs, und Ansiedlungsmöglichkeiten bieten wird; vielleidit audi einer kleinen Anzahl jüdischer Arbeiter. Soli das die Lösung der Judenfrage in Palästina sein, die wir so stolz auf unsere Fahne schrieben? Hier macht sich die zweite Voraussetzung verlüingnisvoü bemerkbar: es käme nicht darauf an, wie Palästina wird; die Hauptsache sei, daß es wird. Das ist unwahr. Zionismus ist eine jüdische Bewegung. Der Geist der jüdischen Gesdrichte, die jüdische Volkstradition legt ihm heilige Verpfiiehtungen auf. Es kommt sehr und sehr darauf an, daß Palästina jüdisch wird im Charakter seines sozialen Aufbaues und seiner Lebensform. Ein Palastina nach dem Muster englischer Kolonien wird für jüdische Bourgeois mit ״gutem jüdischen Herren“ vielleicht verlockend sein. Den jüdischen Massen wird es innerlich frenut und fern bleiben und wird dem Zionsgcdankeii mehr sdiaden, als es;die Hemmnisse der Verwirklichung bisher getan haben. Man sieht, worauf cs ankoimnt. Mehr denn je auf Fragen der Idee, auf Fragen des Priuzips. Es ist eine Dummheit und historische Naivität zu glauben, die Idee sei ״unpraktisch“. Es gibt bei großen historischen Bewegungen nichts ״Brakrischeres“, nichts die Wirklichkeit stärker Bestimmendes als die Idee. Die Idee macht Revolutionen, vernichtet Staaten und baut Staaten, sie formt Geschichte, ja sie verschafft sogar Geld. Für Aktiengesellschaften, Kolonisationsorganisationei: und philanthropische Institutionen mag die Idee belanglos sein; für nationale Bewegungen ist sie entscheidend. Ich zweifle nicht daran, daß der Palästinawille der amerikanischen Zionisten stark und radikal ist. Man könnte aber ebenso sagen der Vergleich stimmt Gottlob nicht ganz, aber er will nur zeigen, worauf es ankoinmt. Der Indien- Wille der Ostimlischcn Kompanie, die Indien aiiglisiert hat, sei radikal gewesen. Es kommt auf die Zielsetzung des Palästinawillens an; cs kommt darauf an, was man in Palästina will. Ein Palästina- Wille, der aus dem Wunsche heraus, möglichst schnell Palästina zu kolonisieren, auf die zionistische Idee, auf die Zionsidee verzichtet, ist eben eine Gefahr. Die Idee ist — ich wage den Satz — heiliger noch als Palästina. Ferner ein Palästina ohne die Idee ist kein Palästina im jüdischen, kein Palästina im zionistischen Sinn. Soll das heißen, daß das, was Berger will und fordert, falsch ist! Keinesfalls. Nur die Form, in der er es will, ist gefährlich. Eine Palästinaaufbaugesellsehaft ist nötig•; nach sachlichen Gesiclitspunkten geleitet, von Fachleuten dirigiert. Aber sic nmß neben der zionistischen Bewegung da sein, unter ilircr Kontrolle, nicht an ihrer Statt. Die Erörterung der praktischen und technischen Fragen ist nötig; aber sie muß neben den prinzipiellen Auseinandersetzungen erfolgen, nicht an ihrer Statt. Ja, man kann den Satz aufstellen: je umfassenderund größer die praktische Palästiuaaufbauarbeit wird, um so notwendiger und dringlicher wird es sein, die Reinheit lind Radikalität der Idee zu wahren. Jede Idee verlangt muh der Wirklichkeit; sic ist ihre Sehnsucht und ihr Ziel. Und doch ist nichts einer Idee gefährlicher als die Praxis, die jederzeit darauf lauert, sie zu schwächen, zu trüben, zu fälschen. Das ist der ewige Konflikt und die ewige Verbundenheit v״n Idee und Wirklichkeit, eines der Geheimnisse der Weltgeschichte. Wir sind jetzt ins kritische Stadium getreten, da unsere Idee beginnt, Wirklichkeit zu weiden. Und schon sicht man die Gefahren: Schon sind 'feile unserer Organisation bereit, die Klee und alles Prinzipielle zuriiek/iistellcn um einer möglichst schnellen Wirklichkeit wegen. Schon verfällt man in die Denk- und Redeweise praktischer ״businessmen“, nennt prinzipielle Auseinandersetzungen ״Geschwätz.*•, nennt Betonung des Ideellen ״Phrasen“ und will nur Spezialisten und Fachleute zu Worte kommen lassen. Haben wir dazu Jahre hindurch mit dem idealistischen Charakter unserer Bewegung geprahlt, haben uns gegen die 1 iüfs- und Wahltätigkeitsorganisationen stolz aufgespielt, — so wie Berger heute spricht, sprachen Paul Nathan und die Direktoren der ICA vor zehn Jahren — um im Augenblick, da wir ein Zipfelchen Wirklichkeit in der Hand halten, kurzerhand der Idee und dem Prinzipiellen den Rücken zu kehren? Merkt man die Gefahr? Wehe dem Ziomsmus, wenn er dieser Gefahr erliegt. Es wäre sein Ende. Er würde atifhöreii, die grolle nationale Bewegung unseres Volkes zu sein, und würde damit auelt natürlich die Kraft verlieren, Palästina aufzubauen. Der Zionismus lebt von seiner Idee. Audi die materiellen Mittel, über die er verfügt, hat er nur kraft seiner Idee. Wird diese getrübt, so wird seine Existenzgrundlage gefährdet. Das ist das Problem der Stunde; das ist die Gefahr der Stunde. Nicht weil die Zeit des praktischen Tuns gekommen ist, müßten wir alles Ideelle und Grundsätzliche zurückstellen. Nicht weil prakiisdie Fragen zur Lösung stehen, müßten wir alle prinzipiellen vergessen. Das ist eine falsche und gefährliche Antithese. So sind die meisten ideellen Bewegungen zugrunde gegangen, als die Zeit ihrer Praxis kam; weil sie in der Stunde ihrer Verwirklichung ihre Idee verrieten. Wer nicht will, daß der Zionismus ein gleiches Ende nehme, der muß heute, in dem Maße als die praktische Arbeit größer und widitiger wird, um so sorgsamer, um so «ntsdilossencr, um so fanatischer die Reinheit

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