Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 70 (8.10.1920)
- Date
- 1920-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU sdte 535 < f I 1 % \ I i 1 j 1 1 I ן | i Nr, 70 _____ Zur Kritik der Jalireskonferenz Sechs Jahre himlurch ist der kontinentale Zionisinus von der Weltgeschichte und von Palästina abgesclmittcn gewesen. An den grollen politischen Erfolgen während des Krieges konnte er nui /uschauend Anteil nehmen. Die Entwicklung Palästinas konnte er nur aus den Berichten vcrfolgeju Umso intensiver versuchte er, die Geschehnisse geistig zu erfassen, und nie war die Diskussion über Wesen und Inhalt des Zionismus, über Form und Art des neuen Palästina eingehender, als in der Kriegs- /eit und den Jahren danach in Zentraleuropa. Der russisch-deutsche Zionismus war sich seines alten Vorrechtes, die zionistische Theorie liefern z.u sollen, sehr wohl bewußt; aber die Ausbeute blieb tuagei. Das Land und die Wirklichkeit war fern, also scholl die Ideologie ins Kraut. An der eigentlichen Aufgabe, Palästina aufzubauen, konnte man nicht mitwirken, also wurde die Zionistische Organisation (irenze und Inhalt des Vorwärtsdrängons und Stre- Bens. l>a man nicht tun konnte, wurde um so mehr geredet, und da mau die anderen nicht mehr sah, wurde man sich selbst Mail und Ziel. Das Endergebnis dieser Entwicklung war die Jabrcskonferenz in London. Daß die Londoner Konferenz ein Versager war, ist heute Gemeingut aller, warum sie es war, scheint weniger klar geworden zu sein. Und wenn das schlechte Ergebnis der Konferenz verwunden werden kann, der Mangel an Verständnis für die Situation, der aus den landläufigen Kritiken spricht, konnte wirklich verursachen, daß ein großer Ausschuht der Organisation die notwendige Entwichlung nicht mitmacht, die heute die Zionistische Organisation über sich hinaus zuin jüdischen Geineinwesen formen muß, wenn die Aufgabe gelöst werden soll, für die sie geschaffen wurde. Lin Typ der so gearteten Kritik ist ein Artikel, den Naclmni Goklmann im soeben erschienenen vierten Heft des ״Juden“ über die Jalireskonferenz geschrieben hat. Bei der prinzipiellen Bedeutung die einer Klärung der hier aufgerollten Frage gerade in diesem Augenblick zukommt ־ - und nicht etwa um die Jalireskonferenz gegen Kritik zu verteidigen, sei auf diesen Artikel näher eingegangen. Stellen wir noch einmal fest: Was war die Aufgabe dieser Jalireskonferenz? Zunächst lag ihr ob, den Rechenschaftsbericht der Leitung entgegenzunchmcn. Dies war sozusagen eine Anstands- Pflicht, die sie der abtretenden Leitung gegenüber hatte. Das eigentliche Gebiet aber, auf dem sie sich zu betätigen hatte, war ein ganz anderes, unendlich wichtigeres. Sie hatte die Form für den Aufbau Palästinas und die Mittel zu finden, diese Form zu schaffen, sie hatte der zionistischen Organisation die Bildung zu geben, die sie bcfäliigt, an diesem großen Werke entscheidend zu arbeiten, in ihm auf/.ugehen und sich darin aufzulösen. Wir wissen heute, daß die Konferenz dieser Aufgabe nur zu einem sehr kleinen.Teil gerecht geworden ist. Warum? Nachuni Goldmaiin sieht sehr klar, was diese Konferenz nicht getan hat. Zitieren wir ihn: Man ist erstaunt, verblüfft, bestürzt über den Mangel jeder eingehenden prinzipiellen allgemeinen Debatte“. ״Und da verzichtet man auf große grundsätzliche Auseinandersetzungen und versteckt sich in Kommissionen.“ ״Wie behandelte die Jalireskonferenz diesen Fragenkomplex (den Charakter des neuen Palästina)? Auch hier keinerlei allgemeine Debatte . . .“ ״Alles im Zionismus drängt nach Klärung, Auseinandersetzung, Ent- Spannung und Entscheidung. Die Jalireskonferenz hat sie nicht gebracht.“ Sagen wir es mit einem Satz: Der Kritiker hat den Eindruck, daß auf der Jahreskoiiierenz nicht׳ genug geredet worden ist. IXmn was hätte seiner Meinung nach der Konferenz allein Bedeutung verliehen? ״Die prinzipiellen Auseinandersetzungen und die grundsätzliehe Klärung der zentralen Probleme.“ Und was sind diese zentralen Probleme? Er nennt sie uns: »Die prinzipiellen Gegensätze in den großen politisehen Fragen, die Differenzen über Wesen und Cha• rakter der zionistischen Bewegung und vor allem diejenigen über die Art des künftigen Palästina.“ Stellen wir cs noch einmal fest: Wir stehen vor iv 'Verwirklichung unserer kühnsten Hoffnungen. *־*' ״־״""a״Kcn . s'״d gefallen, die uns von dem Aufbau des jüdischen Palästina trennen. Was von der oiitik und was von außen geschehen konnte, uni uns die Basis dafür zu geben, ist geschehen. .1 diesem Augenblick tritt die zionistische Jahres, konferenz zusammen, Nachum Goldman״ emp- ^as •»^־'r Moment ist von einer Grotte, Verantwortung, Bedeutungsschwere, wie er noch in der Geschichte des Zionismus nicht da war.“ Warum aber meint er das? ״Gegensätze der heftigsten Art haben sieh innerhalb der Bewegung licrausgcbildct, Grundfragen prinzipiellster Natur sind zu entscheiden.“ Was jiaf die Konferenz, in dieser Scliicksalsstuiuie versäumt? ״Die Jahreskonferenz lud keine Spiegelung dieser Gegensätze innerhalb lies Zionismus gegeben“ und hat damit ״das Wichtigste, .was ihr zu leisten abgelegen bat, nicht geleistet“. Das wäre allerdings eine herrliche Jahreskonferenz geworden, die diesen Moment s,1 aufgefaßt hätte. Man stelle sich vor, daß die Konferenz wirklich nur das getan hätte (und sic hatte sehr viel Neigung dazu), was der Artikel von ihr verlangt. Sie hätte alt die grundsätzlichen Differenzen geklärt, sie hätte alle jene Generaldebatten und prinzipiellen Diskussionen bis zur Erschöpfung geführt, die Goldmann so schmerzlich vermißt und dann wären wir mit dieser wahrhaft produktiven Leistling ״ach Hause gefahren und hätten uns neu gestärkt in die Vereine begeben und reden und diskutieren ' und schreiben können, daß! alle Vcieinsvorsitzenden ihre belle Freude au dem Betrieb gehabt hätten. Wer zweifelt da noch, daß dann ״die große hinreißende Stimmung“ entstanden wäre, ״aus der allein grolle Taten geboren werden“, die, wie Goldmann mit Recht feststellt, auf der Konferenz nicht vorhanden war? Die Konferenz ist ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden. Sie konnte cs nicht, denn sie stand ihrer großen Mehrheit nach unter der Tradition der Momente, die Nachum Goldinann so beredt vertritt. Sie war durchaus abgestimmt auf Diskussion, sie wollte durchaus prinzipielle Fragen lösen. Daran, daß sic nicht einmal dazu imstande war und daß die Dringlichkeit des Augenblicks letzten Eudes Geschwätz nicht zuließ, ist sie gescheitert. Wie jede Konferenz daran scheitern müßte, die jetzt mir unter den uns überkommenen Traditionen eiuberufen würde, auch wenn sie Zionisteiikongreß hieße. Denn das ist das Heilmittel, das erlösende Wort, das der Kritiker gefunden hat: Der Zionistenkongreß muß zusainmentretcn, und zwar nicht etwa im nächsten Sommer oder Frühlierbst, wie es die Jalireskonferenz beschlossen hat, sondern bald, im Frühjahr. Fragen wir uns: Würde der Kongreß wesentlich anders aussehen als die Jalireskonferenz? Nein. Die Jahreskonferenz war in ihrer Zusammensetzung .ein ziemlich getreues Spiegelbild der zionistischen Organisation und der Stimmungen und Richtungen in ihr. Tatsächlich ist ja auch die Mehrzahl der Delegierten etwa wie zum Kongreß gewählt worden. Wir würden, wenn es nach Goldinann ginge, also noch einmal eine Konferenz erleben wie die von London. Er verspricht sich sehr viel davon, daß dieser Kongrell in Mittel- oder Osteuropa und nicht in London, fern von den jüdischen Massenzentren, stattfinden soll. Zweifellos würde ein östlicherer Ort als London dem Kongreß mehr Lebendigkeit und mehr äußere Form verleihen. Auch mehr Inhalt? Die Mehrzahl der Delegierten kam aus Osteuropa, und wenn gerecht gewählt wird, würden ihrer beim Kongreß im Verhältnis z.u denen aus niehteuropäiseben Län. dein weniger sein, als auf der Jahreskonferenz. Und davor, daß wiederum ein Redekongrcß stattbildet, davor möge allerdings uns — und die Kassen der zionistischen Organisation ein gütiges Schicksal bewahren. Sondern was tut uns not? Die Erkenntnis, daß die Zeit zu reden vorbei ist und daß wir fähig w׳ erd eil müssen zu handeln. Das geschieht uichl durch ■Klärung der prinzipiellen Gegensätze, son'. dern durch gemeine Arbeit am Werk Auch das gebt natürlich nicht ohne Reden, aber es muß gellen ohne Generaldebatte, wo jeder über jedes zu reden sich erdreistet. Was wir jetzt brauchen sind Spezialisten, Gedeicht noch Spezialdebatten, die aber auch nur \on Spezialisten bestritten werden sollten, was wir brauchen, ist die Praxis in und für Palästina. Und was uottut, ist, daß diese Praxis befreit wird von dem Wust der vereiiismiißigen Tradition, die sie beengt und schlecht macht. Nicht die prinzipiellen Fragen sind es, die in diesem Augenblick brennend sind, es sind ganz gewöhnliche Fragen der Aus- und Einwanderung, der Kolonisation, des Arbcits- . naclnveises, der sozialen Hilfe, des Hausbaus, der Ackerwirtschaft, der industriellen Technik, der Schuloigauisation mul der Lehrmethoden der Hygiene, des Verkehrs imvv. usw. Es handelt sich, eben heute ur.1 das werdende Palästina, und es sind 1 ragen des täglichen Lebens. Mir scheint, daß uns dabe.' eine Generaldebatte wenig helfen kann, auch wem; noch so viele Generalredncr noch so unbeschränkt werden reden können. Daß, der russisch-deutsche Zionismus, jene Hochburg der Bewegung, die bisher das Zentrum der *Organisation und der Brennpunkt der Kongresse war, eben diese neue Notwendigkeit nicht begriffen hat, das ist der Vorwurf, den die amerikamsehen Zionisten gegen uns erhöhen haben. Sie haben die nicht zu bändigende Redetest unserer Delegierten aller Parteien 1 ichtlieim von den Deutschen war eine rühmliche Ausnahme ־ erlebt, sie haben die unproduktive Opposition uni jeden preis, das donnernde Pathos angchört, mit dem die Redner der Rechten und der Linken immer wieder zu erkennen gaben, daß es ihnen nicht sowohl um Verwirklichung, als um Wirkung zu tun war. Sie, die wie sagt Goldinann? ״innerlich ״!!gefestigte, wenigst entwickelte Laudsiiiamischaft“, hat ihre Konsequenzen daraus gezogen und hat ihre Forderungen gestellt, die nichts anderes bezweckten, als der Zionistischen Organisation jene Schlagkraft zu verleihen, die sie gerade jetzt für die Arbeit an und in Palästina braucht* und die durch keine Debattierwut ersetzt werden kann. Es sollte nicht wundernelimeii, daß die Amerikaner keine hohe Meinung von einem Zi >nis. mus haben, der so wenig das Gebot der Stunde begriff, und daß sie ihn und seine Ideologie ebenso nicht verstanden, wie sie die Ernsthaftigkeit seines nationalen Wollen» unter der überwuchernden Phraseologie nicht zu erkennen vermochten. Ganz falsch ist darum der Trotzstandpunkt Goklmaniis, der versuchen will, mit Hilfe der ״inneren Tiefe und Radikalität des östlichen, des mitteleuropäischen Zionismus“ die Jalireskonferenz durch einen Kongreß desavouieren zu lassen. Ga.iz abgesehen davon, daß es zweifelhaft ist, ob dies überhaupt möglich wäre, wäre damit nichts gewonnen. Denn nicht auf den Wettstreit der mehr oder minder großen Radikalitäten kommt es an es ist noch sehr die Frage, ob der ganz auf Verwirklichung der Palästinaforderung gerichtete amerikanische Zionismus weniger radikal ist als der Goldmanns -- sondern es kommt an auf ihre Durchsetzung in Palästina. Man kann mit Fug bezweifeln, ob die Amerikaner imstande sind, allein mit ihren Methoden das jüdische Palästina z.u bauen; daß die Rede und die Redetechnik, die unser Kritiker so schätzt, dazu keineswegs imstande ist, ist leider schon bewiesen. Zweifellos fehlt dem amerikanischen Zionismus noch viel, vor allem jene Wachheit und Selbstverständlichkeit des nationalen Bewußtseins, deren Mangel uns auch die organisatorische Schwäche des amerikanischen Zionismus erklärt, aber mau soll nicht glauben, daß die durchaus notwendige Einheitlichkeit der ideellen Grundläge in der Bewegung dadurch herbeigeführt wird, daß man, wie Goldinann es unverzeihliclicrwcise wieder tut, den Amerikanern die Hochwertigkeit ihrer Valuta vorwirft und dabei, was noch viel unverzeihlieber ist, nichts anderes weiß, uni die Ernsthaftigkeit und die Realität unseres Radikalismus, zu erweisen, als die Forderung nach neuen Debatten. Gewiß muß der Kongreß sein. Aber wenn er Sinn haben soll, muß er jetzt anders sein als die bisherigen Kongresse. Es ist die Aufgabe des zentraleuiopfischen Zionismus, sich gegenüber dem amerikanischen zu behaupten. Gerade die aber, die von dieser Notwendigkeit durchdrungen sind, sollten um so stärker fühlen, daß dies auf dem Wege nicht gcschehen kann, der über Diskussion und Debatte zipielkr Probleme erschöpft. Palästina braucl heute Hände, produktives Vermögen, und wen der deutsch-russische Zionismus sicli in seinei Wert erweisen will, muß er Leistung aufweise! Zeigen wir, daß unsere von uns behauptete tiefer Verbundenheit mehr ist als Phrase, zwingen w uns zur strengsten Sachlichkeit, konzentriere■״ w: uns jeder auf ein Gebiet, und jeder auf sein Gehn and arbeiten, arbeiten, arbeiten wir. Seien wi revolutionär, wie Goldinann es verlangt, aber nid nur, indem wir uns ״von den Sünden der Vei gaiigenheit reinigen“, sondern, indem wir uns in; zwei Füßen in die Gegenwart hineinstellen, um begnügen wir uns nicht damit, die Dollars de Amerikaner zu verachten und sie um so eifrige zu nehmen, sondern geben wir unsere Mark um unsere Kronen, die die Amerikaner gar nicht vet achten, befreien wir uns von den Eierschale״ de Vereinsorganisation und werden wir u״s bewußi daß wir das jüdische Gemeinwesen nicht nur 7.1 bilden, sondern jetzt schon zu sein haben Dam mögen wir zu neuer Konferenz, oder zu neuen Kongreß kommen und mögen in sachlicher, den Agitatorischen ganz abgewendeter Debatte und l möglichst präziser'Form die prinzipieller» Grund Ligen festlegen, nach denen die Arbeit gesclieliei s°H Dann nämlich werden wir es können, um wird der Kongreß mehr sein als die Jahres konferenz. Julius Berger