Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 67-68 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Damit entfällt die Notwendigkeit einer Polemik, die /um grollten 1 eil Kampf gegen den Kleinmut, die Angst, die phantasielose Spießerluiftigkeit des» Dnrehsclimttsgegners war. Die Zionisten haben ihren großen politischen Erfolg gehabt, und der übrigen judenheit hat dies gar nichts geschadet, sondern o Wunder — eher genützt. Das ist die neue Situation. Wir haben es nun schon einige Male gesagt und wollen es noch einmal sagen: Unser politische! Erfolg war über Erwarten groß. Palästina, unter der Verwaltung eines zionistisch gesinnten englisehen Juden, steht jeder jüdischen Einwanderung offen. Die Juden können dort, wenn sie cs wollen, Dörfer und .Städte, Häfen und Straßen, Schulen und Universitäten bauen. Die Landesverwaltung ist bemüht, ihnen jeden Schritt zu erleichtern, damit das Land ein jüdisches Land wird. — Das ist die Lage. Das hat die zionistische Politik --- gegen große Widerstände von katholischer, arabischer und assimilatorischer Seile - ■ erreicht.!11 diesem Augenblick treten wir vor alle Juden und sprechen: Den!Erfolg, den wir errungen haben, betrachten wir nicht als einen Erfolg unserer Organisation, sondern als einen Erfolg der j ü d i sc 11 e 11 G e s a ui t h e i t. Ist es wahr, was Ihr - Orthodoxe und Antinationale immer heliauptet habt, daß nämlich auch Ihr Freunde der jüdischen Palästinasiedlung seid, so kommt und voll* endet mit uns, was wir begonnen haben. Es hängt ganz und gar von Euch ab, wie groß Euer Ein* fluli auf das neue jüdische Palästina sein wird. Ihr behauptet, daß unsere 'Methoden Euch nicht gefallen? So lehrt uns bessere. Ihr Orthodoxen vermißt bei uns den Geist der Frömmigkeit? So geht doch nach Palästina und tragt ihn dorthin! Der Weg ist frei. Wir haben ilm freigemacht, damit jeder Jude dm betreten kann. ' Ihr Zentralvereinler wolltet nicht glauben, daß man jüdische Politik 1111 Namen des jüdischen Volkes treiben kann, Ihr fürchtetet schlimme Folgen für Eure staatsbürgerliche Stellung, Ihr wolltet Euch selbst nicht zmn jüdischen Volke rechnen? Aber die Kolonisation Palästinas lag auch Euch am Herzen? Nun, Ihr habt gesehen, daß die große Welt das Recht des Volkes anerkannt hat, zu dem sich mindestens 12 Millionen Juden bekennen. Euer Staatsbiirgeneclit ist nicht bedroht. Und wenn Ihr Euch auch beute noch nicht zum jüdischen Volke zählen wollt, so soll auch das kein Grund für uns sein, Eure Mitarbeit gering einzuscliiitzen. ln Palästina wird das jüdische Volkstum neu erstehen. Niemand von Euch wünscht oder glaubt, daß die Juden dort Araber oder Engländer werden. Unter dem Schutze Englands und als Nachbarn der Araber soll das jüdische, das hebräische!Palästina errichtet werden. Auch Ihr — so habt Ihr oft erklärt — wünscht die Erhaltung des Judentums, die Erneuerung seiner physischen und geistigen Kraft, eine großzügige* Hilfe für die Ostjuden, eine auf gesunder, Dauer versprechende Grundlage erfolgende jüdische Ko- Ionisation im Lände der Väter. Was kann Euch da in der Praxis der Palästinaarbeit noch von uns trennen? Niemals in Jahrtausenden jüdischer Geschichte war eine solche Möglichkeit, wie sic sich heute bietet. Wo seid Ihr? Was gedenkt Ihr zu tun? Was habt Ihr uns Zionisten in dieser Stunde zu: sagen? ״ Zeitschrift des Ccntralvercins deutschen Staatsbürger jüdischen ,Glaubens ״Im deutschen Reich“ vom September dieses Jahres gibt Antwort. Ist es die endgültige Antwort? IL Der Zeuge Brunner. Ls ist also noch immer wie vor dem Kriege: Das offizielle deutsche Judentum lebt geistig vom Kampf gegen den Zionismus'. Diesmal muß Constantin Brunner für den Central verein zeugen. Aus seiner Schrift ״Manscheleth Sadon, letztes Wort über den Judenhaß JU Li DIS CHE RUNDSCHAU und die Juden“ bringt die Zeitschrift ״lin deiitscheu Reich“ an leitender Stelle einen Abschnitt unter dem Titel ״Emanzipation und Zionismus!“ Brunners Schrift ist ein interessantes Zeitdokumeiu. Es leben unter uns Juden, die höchst rassestolz, von einem Gefühl geheimen Triumphes über die Kraft, Ausdauer 1!und Geistigkeit des jüdischen Volkes erfüllt, von der Erhaltung dieses jüdischen Wesens, vom Sieg jüdischen Geistes träumen und dennoch nicht den Weg zum Zionismus finden können, weil sie vom Körper des jüdischen Volkes gelöst und durch Interesse oder Neigung gänzlich au ihre Umwelt gefesselt sind. Zu diesen gehört auch Brunner. Er sagt, die Juden dürften ״ihre Eigentümlichkeit so wenig aufgeben wie ihre Wahrhaftigkeit“ — wir werden noch sehen, wie er das versteht —, aber zugleich lehrt ei, daß es einem klar denkenden ״Deutschen jüdischer Abstammung“ nicht in den Sinn kommen könne, ״sich anders zu betrachten, denn als einen Deutschen“. ״Sein Vaterland ist sein Vaterland, das er fühlt und dem: er leistet; um so mehr, als für das Volk seines! Vaterlandes bereits seine Urahnen das größte geleistet haben, als sie selber noch ein anderes Volk und als sein Volk noch gar nicht gewesen: die Bibel. Denn welches ist das deutscheste Werk? Die Bibel deutsch. Die auch nur als deutsche Bibel seine Bibel und auch sein deutschestes Werk ist.“ Wer so schreibt, tut wohl noch einen Schritt. Da ist׳ er schon: Die Juden sollen ״als die Eigentümer, Gebraucher und Verwalter des eigentündich Jüdischen redlich tapfer sich betragen, und müssen da vor allem Christus an sich nehmen.“ (Mcmscheleth Sadon S. 106.) Dieses Gemisch von ’Judentum, Deutschtum und Christentum ist ein typisches Zeitprodukt. Mau kann im Rahmen eines Aufsatzes die Bnmnersche Lehre nicht in ihre Elemente zerlegen und die scelisehen Motive nicht zergliedern, denen sie ihr Dasein dankt. Wir wollen Brunner bedeuten, daß die 15 Millionen Juden der Erde mit seiner Lehre nichts anzufangen vermögen, weil diese Lehre mit ihnen, ihrem Dasein, Schicksal, Wesen und Hoffen gar nichts zu tun hat. Es ist vielleicht eine ganz gute l ehre für gewisse hochmoderne christianisierende Großstadtjudeu, denen es aristokratisch vorkommt׳. rassestolz zu sein und die doch gar zu gern volle und ganze Deutsche, ja deutsche Christen sein möchten. Darum noch ein paar Schriften a la Brunner, und der neueste jüdische Berlin W-Typus; Christus im Frack, wird gewiß Schule machen. Aber die 3 Millionen Juden in Amerika sind nicht in der Lage, die Bibel im Brunnersclieii Sinne zu verehren. Sie ist ihnen weder das deutscheste noch1 das russischste, noch das amerikanischste Buch. Ja, es ist zu fürchten, daß sie Brunner gar nicht verstehen, Wenn er den •Zionismus folgendermaßen; abtut: ״Keiner der übrigen Deutschen, Engländer,. Franzosen, von welcher Abstammung er sei, will anderes!sein als Deutscher, Engländer, Franzose, keiner will seine Abstammung werden, keiner kann seine Abstammung werden; nur die zionistische״, Juden wollen ihre Abstammung werden und das wieder, was ihre Urahnen einmal gewesen.... Der Zionismus macht nicht Zion, sondern Babel; der Zionismus macht Juden, die, ohne Land, nur auf ihrem babylonischen Turm, ohne einheitlich verbindendes Bewußtsein und Sprache, von sicli selbst als einer kulturellen (!) und politischen Nation ™dotierend, sich selbst ins Ghetto zurückrado tiereu.“ Mau braucht nicht weiter zu zitieren, um zu erkennen, daß Brunner von den wirklichen Juden׳ gar nichts weiß. Die Juden wollen nicht ihre Abstammung werden, sondern sie wollen ganz und gar sie selbst sein. Sie wollen, mit Brunner zu reden, ״ihre Eigentümlichkeit so wenig aufgeben wie ihre Wahrhaftigkeit“. Darum sind sie Zionisten, Darum sind auch wir Westjuden Zionisten. Unser Judentum ist allerdings nicht nach dem Ebenbild des Herrn Brunner geformt, des Philosophen aus Potsdam, der Christusbücher fürs deutsche Volk schreibt und die Bibel als sein deutschestes Buch verehrt. Unerträglich ist die Anmaßung, mit der der Erfinder der hochmütigen ״Lehre von den üeistigen und vom Volke“ über jüdische Fragen redet. Wäre er Assimilant vom gewöhnlichen Typus, so könnte man seine Schreiberei einfach übergehen׳. Aber er gebraucht große Worte von den Juden und von den Aufgaben des Judentums, um schließlich alles preiszugeben. Die überlieferte Religion ist ihm Aberglaube (wie so ziemlich alles auf der Welt, was nicht von Christus, Spinoza und Brunner stammt), der Zionismus ist ihm eine babylonische Verwirrung. Was bleibt? Ein wenig Rassenhochmut. ״Die Deutschen jüdischer Abstammung haben ihre Eigentümlichkeit ebenso zu pflegen, wie alle unnötige Unterscheidung aufzugeben.“ Wir haben schon gehört, wie 1mm das macht: indem man sich als gar nichts anderes denn als einen Deutschen betrachtet und die Bibel a!s das deutscheste Buch verehrt. Die Mitglieder des Zentralvereins sind sicher hoch entzückt von so viel Deutschtum״. »Merken sie gar nicht, was sie sich fiir ein Kuckucksei ins Nest haben legen lassen? Ein bißchen zu cliristlieh, der Zeuge Brunner... Aber was schlimmer ist: Der Bekämpfer des Zionismus scheint auch vom Programm des Zentralveicius nichts zu halten. Der Zentralverein kämpft ja doch für die Gleichbcrcchtigung der Juden und erwartet das Heil von den großen Mächten des Fortschritts, der Humanität und Aufklärung. Aber davon ist nach üriuuier gar nichts zu hoffen. Nach der ״Lehre von den Geistigen und vom Volke“ besteht die »Menschheit nämlich einerseits aus einigen edlen und erleuchteten Geistern, welche imstande sind, wirklich zu denken und frei von Interessen und bösen Leidenschaften zu urteilen und andererseits aus ״Volk“, welches von Interessen, t rieben und Aberglauben regiert wird und daher keines gerechten Urteils fähig ist. Zum ״Volk“ gehören übrigens alle Leute, die anderer Meinung sind als Brunner, z. B. Kant. Es steht also ziemlich hoffnungslos mit der Menschheit, und für die Juden ist angesichts der allgemeinen Niedertracht immer nur daun etwas zu hoffen, wenn die Verhältnisse sich derart ändern, daß diese oder jene Form des Antisemitismus sich als unpraktisch erweist. Hören wir Brunner selbst: ״Die Hoffnung, daß die aus allgemein menschenrechtlicheiJ und staatsrechtlichen Motiven gesetzlich ausgesprochene Emanzipation auch verwirkiieht werden könne, gründet sich auf völlige Verkennung dieser Gesellschaft und der »Menschennatur.“ ״Wenn sich etwas bessert für die Gesellschaft der Menschen mit ihrem durch alle Zeiten hindurch sich wesentlich gleichblcibenden Charakter geistiger und sittlicher Begabung, so bessert sich’s durch' Aendcrimg der Ver hältnissc in der Ge-; Seilschaft: dadurch, daß dieses oder jenes IJnrecht depopularisicrt, daß die Energie des Interesses’ daran vermindert ist oder ganz nachgelassen hat, daß die Gesellschaft wegen eines neu autgekommenen Interesses kein Interesse mehr an diesem oder jenem Unrecht besitzt oder gar ein Interesse an der Gerechtigkeit in diesem oder jenem Falle. Gerechtigkeit aber »aus Gerechtigkeit, das gibt es nicht und ist durch das Weltverfahreii niemals erreichbar.“ ״Und ebensowenig wie mit der Gerechtigkeit und der Humanität, ebensowenig geht es mit dem Sieg des Wissens und der Aufklärung.“ Es sind, wie man sieht, wenig trostreiche Lebren, die der Zentralverein unter seinen Mitgliedern verbreitet. Wir Zionisten haben uns früher stets gegen den rosenroten Optimismus gewandt, mit dem der ״liberale deutsche Jude“ den Zionismus als ״Flucht vor dem Antisemitismus“ in Gegensatz zum kommenden Mensdiheitsfrühling zu setzen pflegte. Was veranlaßt die Gläubigen des ״Fortschritts“ plötzlich zu diesem Umschwung der Meinung? So übel, wie Herr Brunner glaubt, steht es um die Menschheit doch nicht. Wir glauben, daß in jedem Menschen Gutes lind Böses, Trieb und Erkenntnis, vom Interesse gelenkte Leidenschaft und der Wille zum Guten sich mischt. Nicht mir einige wenige, nein, alle Menschen tragen die Möglichkeit zu reiner Erkenntnis, zu Gerechtigkeit und Güte in sich. Die prophetischen Ideen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit werden im heutigen Europa von Juden und Christen nachempfunden, trotz der Rückfälle in Roheit und Barbarei, wie sie besonders dieser Krieg herbeigeführt hat. Immer wieder kann die Menschlichkeit über das Böse triuutpliicren. Wir haben cs gebrandmarkt, wenn die Assimilanten mit dem Hinweis auf das kommende Reich der ewigen Gerechtigkeit den notwendigen Kampf des jüdischen Volkes lim bessere Lebensbediiigütigen zu hindern und die nationale Idee des Judentums zu schwächen suchten. Aber uicnial-j konnten wir — als Menschen und Juden den Gedanken der Gerechtigkeit preisgeben. Nichts ist unjüdischer, als Brunners hochmütige Verwerfung der Menschen, des Volkes, denen die kleine Schar der Auserwähltcn gegenübersteht. Jüdischem Bewußtsein ist solche Anmaßung Gotteslästerung. In Demut soll ein jeder Mensch, im . Bewußtsein seiner Unvollkommenheit und Schwäche, zum Guten streben. Wir Juden können und werden nicht aufgeben, was die Propheten gelehrt, wovon sie in jedes jüdische Gemüt einen Keim gesenkt haben: den Glauben, daß um Gerechtigkeit immer wieder gerungen werden muß »und daß alle Menschen ' an ihr teil haben.