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Jüdische Rundschau · 1920-09-10 · Heft 63-64 (10.9.1920) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 63-64 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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«"*■“■•ן •ד"*" I 1 ף i L/i. ף׳-.׳ « ־® '*־®ד" _'4 : k, — fc \ ך»» ״״״N■^ MP■״—g f ז Gott und Sittlichkeit Von Dr. Elias Aucrbac 11. Aus den! soeben erschienenen Buch ״Die Prophetie“, dessen eingehende Würdigung wir uns Vorbehalten, stellt uns der Autor den nachstehenden Abschnitt zur Verfügung. Der Prophet ist Mittler zwischen Himmel und Erde. Nicht in dein Sinne “wie der Priester, da 11 er durch kultische Handlungen und geheimnisvolle Brauche und Symbole eine Art übersinnlicher Sprache schnitt, die das irdische Menschentum mit dein Herrn der Welt in Verbindung setzt. Er hält sieh vielmehr eng am rein Menschlichen, spricht und handelt menschlich verstündlich, volkstümlich, als einer aus dein Volke. Aber sein irdisch gemeintes Werk ist dauernd mul in allen Stücken verwurzelt in einem Ewigen, Göttlichen, lJeherirdischen, dem er auch nach dem Empfinden des Volkes näher und umiiittellvuer allgegliedert ist als der Priester, Mund Gottes will er sein, Künder des göttlichen Willens; ®ס wird er oberster Richter menschlichen Woilens und Tuns. Der Priester kann die Sendung und Befugnis des Propheten bestreiten — Um! hat dies immer getan; aber ist sie einmal anerkannt, so kann er mir sich fügen und aiisliihrcii. So unbedingt ist diese Ueber- Ordnung des Propheten, daß' von Mosche und Aron, den idealen Vorbildern der beiden Führerklassen, das tiefe Wort geprägt ist: Mosche soll der Gott, Aron der Prophet sein. Wie Gott zum Propheten, steht der Prophet zum Priester. Alle Fragen des Prophetentimis münden so in eine Frage: Was ist der Wille der Gottheit, den der Prophet zu künden hat? Und welchen Begriff bildet er von der Gottheit, deren unmitlclbare Oncnbarung er in sich fühlt? Fragen wir Jt'rcmia! Ein eigentümlicher Widerspruch hemmt zuerst den forschenden Blick, der in den Reden des Propheten die Beantwortung dieser Fragen sucht: Seine Gedanken sind ganz in Gott getaucht, allenthalben ist Gott das tragende Element und fließt über alle Ränder der nienschliehen Seele — und doch könnte man sagen, jeremia. spricht nie von Gott. Er lehrt Gott nicht, er setzt ihn voraus. Nur jutf Umwegen, durch einzelne hingeworfene Worte killt sich die Gottesansdiauung Jeremias erschließen. Dafür tritt eine Erkenntnis, die schon Spioozu formuliert hat, vielfältig und nachweisbar uns entgegen: Von allen Seiten des :u 11 c n d 1 i c lte 11 g ö f 11 i c 11 e 11 Wesens betontder Prophet nur das, w a s Gott v o m Menschen f o r d c r t. Der Prophet der klassischen Zeit grübelt nicht über das Wesen Gottes, über seine Attribute oder die Art der Weltschöpfung und Welterhaltung. Wo solche Aeußeningcn uns entgegeiitreten, gehören sie nachweislich einer weit späteren Zeit an. Gott ist die Forderung. In großartiger Schlichtheit finden wir diesen Gedanken bereits bei Micha, hundert Jahre vor Jeremia: ״Es ist Dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was Gott von Dir fordert: Nur recht tun und Liebe üben und demütig wandeln mit Deinem Gott!“ (Micha 6,8.) Jere!»tu geht noch einen Schritt weiter. I in Wandel dcsMcnschcn iiegtallesbeschlosscn, was wir von Gott wissen können — und zu wissen brauchen. In dem unvergänglichen Denk- 1 mal, das er dem ׳König Josia setzte, sagt er zu dessen Solui, dem stolzen Jojakim; I Du fühlst dich als König, weil du 111 Zedern prangest? Dein Vater Josia auch Aß und trank. Er übte gerechtes Gesetz — Und ihm war wohl, Schuf Recht dem Armen und Schwachen Und ihm war wohl. Heiß t da s 11 i ch t, mich erkennen? Ist Gottes Spruch. Recht tun heißt Gott erkennen. Oder umgekehrt: ■ Gott erkennen heißt Recht tu 11. Viel, viel liegt in diesem einen Wort. Eine ganze Weltanschauung, eine ganze Umfassung und Wertung des meii.sdiliclicii Lebens, Hier ist, was wir suchten: Die Verknüpfung von Himmel und Erde durch den Propheten. Und diese Verknüpfung geschieht in einer dem echten Judentum aller Zeiten urcigentiimlichcn Weise. Nicht durch Symbole eines .Unendlichen, nicht durch Vertiefung geistigen Scltauens, nicht durch G huiheii. Sondern durch Handeln, durch m e 11 s c 111 i c h - s i 111 i c h e s Handeln. Diese Tatsache war immer bekannt. Sie ist von den einen als Krone des Judentums gepriesen, von den anderen als rohe und äußerliche Auffassung gebrandmarkt worden; bestritten kann sie nicht gut werden. Erst einer ganz jungen Bewegung innerhalb des Judentums selbst (die an ähnliche ältere Versuche anknüpft) war es Vorbehalten, diese jüdische Religion der sittlichen Tat in eine mystische Versenkung in Gott, die entschlossene Abkehr vom Bösen und Hinwendung zum Guten, in ein ׳mystisch-religiöses Umkelirerlcbnis ohne direkte sittliche Zwecksetzung umzudeuten. Gegenüber der schlichten Klarheit der prophetischen z\nschaumig, müssen alle diese Versuche versagen; sie sehen die unendliche vielgestaltcnde Welt von einem anderen Gesichtspunkt aus und insofern in. dem höchsten eigenen Recht — mir jüdisch sind sie nicht. Jüdisch im geschiehtliehen Sinne ist mir die Anschauung, die im klassischer» Pruplicteiitum wurzelt. Wie aber ist es möglich, durch menschliche Handhingen eine Brücke zum Ewigen und Unendlichen zu schlagen? Auch dies lehrt ■uns ein Wort Jeremias, das wir bereits in anderem Zusammenhang erwähnt haben. ״...Mindern des rühme sich, der ,sich rühmen will; der Einsicht und Erkenntnis, daß ich Gott liebe, Recht und Gerechtigkeit auf Erden übe (9,23)“. Indem Gott selbst der Vertreter der sittlichen Idee ward, gewinnt alles menschliche Tun einen neuen Sinn, eine weltweite Bedeutung. Wenn das höchste Wesen selbst im sittliehen Handeln sich offenbart — wird da nicht der Mensch durch sein Tun des Göttlichen teilhaftig? Oder, sagen andere — Wird nicht hierdurch das Göttliehe vermenschlicht und erniedrigt, indem ihm nienschliehe Motive, menschliche Empfindungen beigelegt werden? Hölscher macht einmal gerade bei der Wertung Jeremias die feine Bemerkung, daß solche starke Vermeiischlichung der Gottesvorstcliung stets einen Fortschritt Inder persönlichen Erfassung des Goltesg«dankene bedeute. Das ist durchaus richtig. Jede Gottesvor- Stellung, die nicht zu allgemein und wesenlos ist, um überhaupt noch der religiösen Inbrunst zugänglich zu sein, trägt unverwischbar an sich die Züge des menschlichen Geistes, der sie geschaffen «oder sich zu eigen gemacht hat. Nicht durch Entmenschlichung gewinnt sie a!1 Kraft und Größe, sondern durch höchste Reinigung und Steigerung erhabenster Menschlichkeit. Jedes Volk ringt »m Verlaufe seiner religiösen Entwicklung darnach, die nfenschlichen Schlacken des Gottesbegriffes alw.ustollcn, seine Begrenztheit, Bedingtheit und Zufälligkeit in Form und Inhalt; aber nie wird auch die sublimste und univerwaiste Gottesvorstcliung, wenn sie überhaupt religiös wirksam bleiben soll, die Schranke der Persönlichkeit hinter sich lassen können, die ihr eben durch die Struktur selbst des fühlenden und schauenden menschlichen Geistes eingeboren ist. Nicht also darauf kommt es an, ob die Vorstellung des Göttlichen menschliche Züge aufweist, — das muß sie in jeder Form, jeder Zeit, jedem Volke — sondern auf die Richtung, in der ein Volk sich entwickelt, auf ihren Abstand vom rohen Ausgangspunkte und ihre Annäherung an das unendliche und ewig unerreichbare Ziel. Hier schafft jedes Volk aus seinem Geist, was seinem Geiste das Höchste erscheint. Hier auch zeigt sich die Eigenart der religiösen Genialität, in der der jüdische Geist seinen Gottesbegrifff in rastlosem Ringe« geschaffen und allen Kulturvölkern der letzten zwei Jahrtausende .siegreich aufgeprägt hat. Die Völker der alten Welt, Semiten so gut .wie Aegypter und Griechen, vergöttlichten die Kräfte der Natur. Von liier aus drangen sie allmählich zum Begriff eines umfassenden Seins vor, das die Kräfte des Alls zusanunenfaßte und seinen höchsten Ausdruck in der Anagke der Griechen, im Fatum, fand, dem allmächtigen Schicksal, das als wahrer Gott über allen Göttern stand und den unverbrüchlichen Zusammenhang der Dinge sicherte. Aber dieser aus den Naturkrätten abgeleitete Begriff konnte mit dem Innenleben des Menschen nur in einer sehr lockeren Verbindung stehen, und unter der gefürchteten Faust des Schicksals tummelte» sich gute und böse Götter. — Auch der Gott Israels mag in seinen älteren Wurzeln eine natuihafte Kraft gewesen sein; diese vorgeschichtlichen Entwicklungen werden uns iiiuner ein Geheimnis bleiben. /Aber von Anfang an lebt in ihm ein anderes Leben. Er ist ein Gott der Menschenseele., entsprossen dem gewaltigen Drange dieser besonderen Menschenart, aus wilder Urwüchsigkeit im Kampfe mit sieh selbst zu einer höheren geläuterten Menschlichkeit emporzusteigen. Die Menschenseele ist ein einziges, unteilbares Ich; und <y0 kann auch dir göttliches Abbild und Ideal nur Einer sein. Darum auch mußte er bildlos sein und bleiben. Von innen heraus, aus seinem Innern, erfaßt und erschafft der Jude seine Welt. Ans innerer Kraft heraus auch wird sein Gott zum Gott des Uni- Vorsums. Er trifft auf dem Boden Kanaans mit den Naturkultcn des Baalkreises zusammen; im Kampf weniger Jahrhunderte verschlingt er sie alle, wird zum Allgott, Elohim, zum Schöpfer und Herrn des Himmels und der Erde. Sein Wesen als Gott der unendlichen Menschensecie läßt diese Erweiterung leicht, als neben- E2ne jüdische Jugendbücherei Wenn, was lange währt, gut wird, so müßte die jüdische Jiigendbiiclierei, deren erste acht Bände soeben vom ״A 11 s 8 c 1111 ß für jüdische Kultur a r b e i t“ im jüdischen Verlag herausgegeben worden sind, etwas Mustergültiges sein, denn die Vorbereitungen zu ihr liabcii mehrere Jahre gedauert. Das Ergebnis ist, was die 0uant1t.it anbetrifft, etwas dürftig, und es ist dringend zu wünschen, daß der Jugendausscliuß bereits in allernächster Zeit eine erheblich größere Anzahl solcher Händchen hcrausbringt. Das Bedürfnis danach ist zweifellos in hohem Maße vorhanden. Ihrem Charakter nach kann man die vorliegenden Arbeiten in drei Gruppen teilen. Die prinzipiell wichtigste ist die, in welcher der Versuch gemacht wird, Persönlichkeiten und Episoden des alten jüdischen Schrifttums, insbesondere der Bibel, lebendig zu gestallen. Eine ganz hervorragende Leistung ist hier die Darstellung, die Elias Auerbach von dem Leben Ju.ibs, des Fcldhcrrn und Verwandten Davids, gegeben hat. Wenn die Lehrbücher für biblische Geschichte »iah nur i!11 entferntesten etwas von der Gestaltungskraft besässen, welche dieses Büchlein auszeiclmet, so Hürden die Erfolge unseres landläufigen Rcligionsuntcrndites nicht so jämmerlich sein, wie wir es allgemein beobachten. Indem Auerbach in engster Anlehnung an den biblischen Text und diesen oft wörtlich zitierend, die Heldengestalt des Joab lierauslöst und ihn in den Mittelpunkt der Geschehnisse stellt, zeigt er ihn, — den allermeisten Lehrern wohl zum ersten Mal,—als die überragende Persönlichkeit. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß dem empfänglichen jüdischen Kindergeist sich diese Heldengestalt in unvergänglicher Weise einpriigen wird. Hätten wir viele derartige Bücher, oder besser noch: Hätten wir c i n Buch, in dem alle großen Gestalten unserer Geschichte eine derartig lebendige Darstellung fänden, so brauchte uns nicht bange darum zu sein, daß die jüdische Jugend aus dein klassi- *dien Altertum ihres Volkes jene Begeisterung und Liebe | zu Semen großen Persönlichkeiten empfängt, ohne die diu: wahre Verbundenheit mit der jüdischen Geschichte undenkbar ist. Wir möchten Auerba c h ganz dringend bitten, sich dieser Aufgabe mit dem ihr gebührenden Nachdruck zu widmen, weil keiner so wie er den Ton zu treffen weiß, mit dem man die Ergebnisse ernster geschichtlicher Forschung an die Jugend 11era!1z»bri11gen vermag. Daß ihm in seinem ״Joab“ nicht ein einmaliger glücklicher Wurf gelungen ist, beweist die Lehensgescliichte des Jirmijah«, die er seinem soeben erschienenen trefflichen Buch über die Prophetie äugefügt bat. Diese Biographie des großen Propheten könnte fast ohne jede Aenderung in die Reihe der Jugendbücher aufgeiiomnien werden und würde!neben dem Joab mit den wertvollsten Beitrag bilden. Wie wichtig es ist, daß gerade für die Aufgabe der historischen Jugendlektüre der richtige Mann gefunden wird, zeigt der merkliche Abstand zwischen Auerb a c h s ״Joab“ und den beiden anderen Heften, die sich mit geschichtlichen Vorwürfen befassen. Karl Glaser hat in seinen ״Gibborim“ zweifellos eine starke Talentprobc gegeben, und seine Szenen aus der biblischen Geschichte besitzen zum mindesten den Vorteil großer Lebendigkeit. Matt würde sie als eine besonders gute Leistung .־»!sprechen, wenn nicht gerade das Beispiel, das Auerbach gegeben hat, mit großer Deutlichkeit zeigte, daß die Lebhaftigkeit des Stils und starke Einbildungskraft doch, nicht 5ünreichen, um Mustergültiges zu schaffen. In weitem Abstand von Glaser ist die Arbeit ״Elisa und Jonadab“ von Glanz-So har zu nennen. Sie ist geradezu ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen solltledern und langweilig. Wenn es möglich war, daß inan dieser Arbeit seinerzeit einen Preis zuerkannte, so zeigt das nur, wie wenig Preisausschreiben geeignet sind, literarLsdie Produktivität zu• fördern. Dieser Gruppe zuzählcn könnte ,man noch die drei kleinen Skizzen, die Bath-Hillel •unter dem Titel ״In B’ne Berak“ vereinigt hat Sie sind gute Durch- 5>chnittsarheit, an der es weder wesentliches zu Iolien, noch zu tadeln gibt. Die zweite Gruppe bilden zwei Bücher, wclclic als Schöpfungen der freien Phantasie zu bewerten sind. Das erste vereinigt unter dem Titel ״Drei Legenden“ je eine Arbeit von Martin öuber, Helene Hanna Cohn und dein Schreiber dieser Zeilen. Es mag bezweifelt werden, ob Hubers schöne Legende ״Die Wauderschnft des Kinderlosen“ in ihrem tiefen Gelult für jugendliche ganz erfaßbar ist, jedenfalls eignet sieh dieses lieft nur für Leser, die etwa ein Alter von 15 bis 16 Jahren bereits erreicht luben. Steinbergs Erzählung ״Der Soldat des Zaren“ gelesen werden, die von R. Walzer ins Deutsche übertragen worden ist. , Die Schilderung der Erlebnisse eines kleinen jüdischen Jungen, der von den Häschern der russischen Regierung aufgegriffen Wird, um zu Icbenslänglichem Soldatendienst erzogen zu Werden, ist außerordentlich lebendig und wird auf die Jugend tiefen Eindruck machen. Vielleicht wäre es besser gewesen, die manchmal etwas krass« Realistik an denjenigen Stellen etwas abzuschwächen, wo von gewissen körperliehen Leiden der ״Gepreßten“ «die Rede ist. Die dritte Gruppe umfaßt ־zwei Bücher, die sich mit der Schilderung gegenwärtigen jüdischen Lebens befassen. ‘Moses Calvarys ״Durch Palästina“ wird unserer Jugend eine ganz besonders willkommene Gabe sein. Man hätte aber seiner Schilderung vielleicht eine etwas größere Lebendigkeit und Unmittelbarkeit des persönlichen Erlebnisses gewünscht und gerade angesiciits des vielen Schönen und Interessanten, das sein Buch enthält, wird der Wunsch Lebendig nach einem Jugendbuch über Erez-isracl von gleich hohem Rang welches Sclnia Lagcrlöf in ihrer berühmten ״Reise des kleinen Nils Holgcrson“ der Jugend ihres Volkes geschenkt hat;Was mein eigenes Buch ״In Saloniki“ betrifft so darf ich vielleicht ohne einem Urteil vwzugreifen, rein sachlich darauf Jnnweisen, daß dieser kleinen Arbeit

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