Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 63-64 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 63/64 J U E r> I S C H E R U M DSC HA U Seite 495 Die Konferenz der Aguckt lerne! in Preßburg Von Lazarus Barth. Der dem M i s r ac h i a!»gehörende Autor hatte die Freundlichkeit, uns auf unsere Bitte nachstehende Beleuchtung der Agudah-Konferenz zu geben. D. Red. Die vor etwa zehn Jahren gegründete ortho-. doxe 'Agudat Israel hat sich immer noch nicht konstituieren können. Während die Zionistische Organisation unmittelbar nach dem Weckruf Theodor Hcrzls zur Einberufung des Kongresses; sclireilen konnte, ׳hat die Agudat Israel einige Jahre gebraucht, che sic — unmittelbar vor dein Kriege — zur Einladung zu einem Gründungskongrcß aufrufen konnte. Dieser mußte dann unterbleiben und bis zur Stunde hat die Vereinigung noch keinerlei Konstitution. Jetzt soll wieder der Versuch gemacht werden, die ״Kneßia Gedola“ zu versammeln. Voran gingen• zwei mit erheblicher Reklame aufgemachte Ko 11ferenzen, von denen wir die Ergebnisse der Züricher sogenannten ״Welt“konferenz bereits beleuchtet haben. Nunmehr war Bratislava (Preßburg) Konferenzort. Der Ort hat die besten orthodoxen Traditionen. Die dortige Jeschiwa zählte zu; den angesehensten, die feinsten jüdischen Köpfe wirkte^) dort. Die gesamte Tschechoslowakei war in nionatelanger Arbeit, von dem bekannten orthodoxen Politiker Dr. Pinchas Kohn auf das eifrigste bearbeitet worden, und man scheint sich voii dieser Konferenz einen besonderen Gewinn, versprochen zu haben. Die Probleme, mit denen die Agudah ringt, sind aber äußerst schwer zu bewältigen, und es ist auf den Konferenzen bisher um so weniger für die Theorie der Bewegung herausgekommen, weil eine ״Bewegung“ überhaupt nicht existiert, und es auch bisher noch nicht gelungen ist, Vertreter der verschiedenen Anschauungen zu vereinen. Was in anderen politischen Organisationen selbstverständlich erscheint, der Ausgleich wider-! streitender Anschauungen innerhalb des Partei- Programms auf eine gemeinsame, durch die tatsächliche Stärke der Gruppen bestimmte Formel, ist bei der Agudat Israel unmöglich. Schon das Programm mußte so weit gefaßt werden, daß es kein Programm mehr geblieben ist. Erstrebt wird die ״Lösung der jeweiligen Gesamthcitsaufgabc des Judentums im Sinne der Thora“. Dies ist, zumal es sich um eine politische Organisation handelt, durchaus nicht so eindeutig, wie es scheint. Schon die verschiedenen religiösen Strebungen innerhalb des traditionellen Judentums, und ihre grundverschiedene Stellung zu ׳Fragen politischer Natur, beweisen das schlagend. was dem jüdischen Schulverein diese Sprachschule kostet? Das Schulgeld beträgt iin allgemeinen monatlich 20 M״ für Schüler hiesiger Lehranstalten 5 M., d. h. für die Stunde teils 1 M״ teils 25 Pfennige. Es gab Zeiten, in denen jeder Schüler dem Schulvercin etwa SO M. monatlich kostete, und es ist klar, daß auf diese Weise nicht allzuviel Kurse eingerichtet weiden können. Darum ist es selbstverständliche Pflicht jedes Berliner Zionisten, schon allein um dieser Sprachschule willen, dem jüdischen Schulvercin als Mitglied bei/utreten, und zwar nicht nur mit dum1 Mindestbeitrag von 40 Mark jährlich, sondern mit 50, 100, 500 Mark und darüber. Man verstehe endlich, welche Verantwortung gcradc auf unserem Geschlecht ruht. Ein Neues ruht im1 Schoße der Zeiten ׳und will sich entfalten, das Judentum wird bin * *und her geschüttelt in Lust und Bangen, und ungeheure Entscheidungen sind uns auf erlegt. Wenn es auch, so hoffen wir, nicht um Sein oder Nichtsein geht, so doch tun Bewegung oder Erstarren, um Blüte oder Verfall, auf Jahrhunderte hinaus. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Zur Handschriften• und Porträtsammlung des jüdischen Nationalmuscums Von Dr. Hans Mühsam, Berlin. In Nummer 59 der ״Jüdischen Rundschau“ bittet Herr Dr. Schwadron utn Ucberlassung von Briefen und Porträts ״berühmter Persönlichkeiten jüdischer Abkimft“, um die Sammlung später einmal dem jüdischen Nationalmuseuin zu übergeben. — Wir haben zweifellos ein Rerfit darauf, den jüdischen Anteil an der Weltkiiiiiir festzustellen und uns für die richtige Etikettierung der Juden einzusetzen, mit deren Namen sidi andere — - uns tiidit immer wohlgesinnte — Völker schmücken. Aber wenn wir (diese Arbeit in Angriff nehmen, so dürfen wir auf sie nur die wissenschaftlichen Grundsätze der vorurteilslosen Forschung und gewissenhaften Kritik anwenden. Lassen wir diese, wie es leider in dem — gelinde gesagt — dilettantenhaften Aufruf des Herrn Dr. Schwadron geschieht, außer Acht, so verfallen wir in denselben Fenier, den wir den Usurpatoren Eine Organisation Fr,׳}!־;eil beschüitigen auf demokratischem unmöglich. Das Volk die sich mit politischen will, anders auf/.ubauen, als Boden, ist heute zweifellos besteht nicht aus Schachfiguren, die man nach Gutdünken hin- und herschieben kann, und bei denen das Spiel auf ge gehen werden muß, wenn der König nicht mehr zu retten ist. Es bedurfte nicht des revolutionären Geistes׳ der Nachkriegszeit, um diesen Gedanken durchzusetzen. Wer soll nun feststellen, wie die jeweiligen Aufgaben ״im Sinne der Thora“ ,gelöst werden müssen? Einen Klerus hat das Judentum nicht gehabt mul wird ihn nicht haben, trotz aller dahin strebenden Bemühungen der Liberalen und der modernen Orthodoxie. Man glaubt jetzt in Preßburg die einfachste Form gefunden zu haben, indem eine Resolution der Rabbiner Kalmmann! (Poniewicz) und Illoch (Telszi) angenommen wurde: ״Die Versammlung bringt durch Akklamation zum Ausdruck, daß die hiesige Leitung der Agudat Israel in den Händen der üedole Hador und Chacluue hatoral» (des rabbinischcn Rates) liegt.“ Wer eigentlich dieses Kollegium bildet, darüber konnte man sich weder früher noch in Preßburg einigen, es dürfte auch außerordentlich schwer sein. Eine große Anzahl von Männern, die im Gremium von Thoragrößen nicht fehlen können, sind organisierte Mitglieder des M'israchi, und die Agudat Israel hat sich andererseits mehrfach auf die Gegnerschaft zum Zionismus cinschlicßlieh des Misrachi festgelcgt. Der Rabbiner von Zawierce, um ein;krasses Beispiel zu nehmen, den Rabbiner Pinchas Kohn selbst seinerzeit unter den polnischen Rnbbincn als denjenigen auswählte, den er als Talinudgröße in besonderer Aufgabe nach Deutschland nehmen wollte, ist ein besonders eifriger Propagandist des Misrachi. Der Versuch, die gewöhnlichen Mitglieder der Agudat Israel bei der Beschlußfassung der wesentlichen Dinge auszuschalten, muß auch bei dieser Organisation scheitern. Aber ein rabbiuischcr Rat würde auch sonst in wichtigen Punkten zu keinem Ergebnis kommen können. Dazu sind die Gegensätze zu scharf und ein wesentlicher Beschluß, der jetzt gefaßt worden ist, beleuchtet dies deutlich. In jder E r 1 i c h 11 n g s - frage gingen von jeher die Meinungen hierüber auseinander, wie weit der Einfluß des Unterrichts in profanen Fächern reichen dürfe. Die radikalste Tonart wurde immer in Ungarn angeschlagen und der genius loci schwebte über der Versammlung. Man nahm einen Beschluß an, nach welchem mir diejenigen Jcschiwot unterstützt werden dürfen, in denen man sieh ausschließlich mit dem Studium der Thora beschäftigte.! Damit hat die Organisation der heutigen Orthodoxie in dem Kampfe, in dem ihr bedeutendster Führer Dr. Israel Hildesheimer gegen die Angriffe der ungarischen Orthodoxie lange Jahre mit Aufbietung seiner besten Kräfte gekämpft hat, sich! unserer ücisteslieldeu zum Vorwurf machen. Es gelu z, B. nicht an, den ausgezeichneten Physiker Heinrich Hertz, immer wieder als einen der Unseren in Ansprudi zu nehmen, nur weil der Name Herz auch von Juden getragen wird. Dieser Hamburger Senatorensohn war väterlicher und .mütterlicherseits germanischer Christ. Die Merkmale, auf 'Grund derer Herr S c h w a d r o 11 die jüdische^ Abstammung Liebigs, Bayers, der Brüder Thomas und Heinrich Manns (die einer unverfälscht germanischen, altlüheekisehen, Patrizieriamiiie entstammen) mul vieler anderen für wahrscheinlich hält, sind völlig unerfindlich. Wir wollen uns doch nicht die Methoden des Seinigotha oder Houston Stuart! Chambcrlains zu eigen machen! Mit derartigen Flachheiten geraten wir ja in den Verdacht, aus Mangel an eigenen Männern Diebstahl an fremdem Nationaleigentuiu zu begehen. Das haben wir «loch, Gott sei Dank, nicht nötig! —*) Um die geistigen Größen, die das Judentum hervorgebradit lut, zu erfassen, müssen wir zu ■nächst einmal den Werdegang der einzelnen Zweige der Kulturgeschichte keimen, und in diesen die Wegweiser — ohne Rücksicht auf die Volkszugehörigkeit —'fcsistellen. Diese Arbeit dürfte wohl zum großen Teil schon geleistet worden sein; die Geschichte der Mailieaiatik und der Medizin, der Sprachforschung und der Volkskunde, der Malerei und Musik, usw. ist schau vielt ach geschrieben worden. Aber die vorhandenen 1 >ar>..cEuag<!t genügen nicht für unsere Zwecke. Insbesondere ist der Anteil der Juden an der Entwicklung der exakten Wissenschäften im. Mittelalter durchaus noch nicht erschöpfend ermittelt, da die zeitgenössischen Autoren fremdes geistiges Eigentum in ihren Arbeiten nicht immer als solches kennzeiebneten. — Sind so diejenigen Namen festgestellt, welche den in Frage kommenden Teil des KulUiraufsliegs besonders gefördert haben, so hat der zweite 1 eil der Forschung einzusetzer!, nämlich die Bestimmung ihrer Volkszugehörigkeit. Bei diesem Punkt haben wir ■lins darüber klar zu werden, wen wir *) Zur Anfrage des Herrn Dr. Schwadron: 1. Kolonialdirektor Kays er war väterlicherseits Jude; ob auch mütterlicherseits, ist mir nicht bekannt 2. Emin Pascha hieß Isaak Eduard Schnitzer. Beide Eitern Juden. Löbel Schnitzer und Pauline geh. Schweitzer. (Nähere Angaben über Kavser und Schnitzer in: ״Geschichte des Namens Mühsam“ von Siegfried Mühs a in.) deutlich gegen Hildesheimer entschieden. Er hatte damals in klarer Weise erkannt und vertreten, daß das traditionelle Judentum nur dann in der Welt seinen Platz ausfüllen könne, wenrt seine führenden Geister auch das allgemeine Wissen so tief als möglich in sich aufnehmen. Was im übrigen an Beschlüssen zutage kam, ist unbedeutend. Die Zentrale wurde von Zürich nach London verlegt, die Unmöglichkeit, die in Zürich beschlossene Gründung einer Bank durchzuführen, für die abgelaufcne Zeit eingestanden, dagegen Fortsetzung dieser Bemühungen in Aussicht gestellt, die Ergebnislosigkeit der Verhand« Jungen mit den anderen Organisationen auf Mangel an Entgegenkommen auf der anderen Seite geschoben u. a. m. Die in Preßburg unter der Redaktion von Dr. Zobel erscheinende ״Jüdische Volkszeitung“ hat in ihrer Nummer 35 einen Bericht über Einzelheiten der Tagung veröffentlicht, dein Wir entnehmen, daß sie nichts weniger als eindrucksvoll verlaufen ist. Zu der öffentlich e 11 ,ersten Sitzung der ״Wcltkonfcrenz“ waren mit Einschluß der Agudah- Leitung, einiger Misrachistcn usw. kaum zwei Dutzend Preliburgcr Juden erschienen. Noch geringer war die Beteiligung der Provinz. Zu der großen Versammlung, die zum gleichen Abend einberufen worden war, und in der Jakob Rosenheim (Frankfurt a. M.) sprach, waren höchstens 41)0 Personen erschienen, während der Saal auf Zuwachs berechnet war. Und solche Dinge sind keine Nebensächlichkeiten. Mit Recht erinnert das genannte Preßburger Blatt daran, daß die von dein inisrachistisehen (Führer Dr. Schönfeld in Preßburg abgehaltene Versammlung sich viel lebhafterer Anteilnahme erfreuen und tiefe Wirkungen hervorbringen konnte. Wenn die Agudah-Leitung von Zeit zu Zeit Berichte über neue Gruppen mit zahlreichen Mitgliedern in die Welt setzen, so weiß der Eingeweihte seit langem, was das auf sich hat. Der zum Anschluß an die Agudat Israel gcwonneue Rabbiner nennt seine vorher vor den Mitgliedern seiner Gemeinde gelernten Sckiurim nunmehr ״Schiurim der Agudat Jisroel" — und das Gruppenlebcu ist da. Wenn zu dem Kongreß, zu dessen Einberufung die Agudat Israel Vorbereitungen trifft, die Kncßia, Gedola in allgemeinen Wahlen gewählt werden wird, so wird man bei freier Diskussion feststellen können, daß eine Einigung der Orthodoxie kaum, eine solche gegen die nationalreligiöse Idee des Misrachi überhaupt nicht ,möglich ist. Am Dienstag, den 7. ds. Mts. sprach Jakob Rose nh e i tu in öffentlicher Versammlung in Berlin über die Preßburger Konferenz. Erschienen waren etwa 300 Damen und Herren, während die Ostjuden, für die der Vortrag in den Musi,;entölen zweifellos bestimmt war, fehlten. Det ״Schwiegersohn des als Juden bezeichnen dürfen. l>a vaine ich ausdrücklich vor rassethcoretischeu Haarspaltereien. Wir werden ain besten tun, zwischen Volljudeii (beide Ehern jüdisch) und Halbjuden (Vater und Mutter jüdisch) zu unterscheiden, und auf alle diejenigen zu verzichten, deren un mittelb a r e Vorfahren (also Vater oder Mutter) nicht als zweifelsfreie Juden festzustellen sind. Indizienbeweise sollten nicht zugelassen werden. Diese Arbeit wäre zu leisten von Fachleuten (Matheniatikeni, Malern, Volkswirtsdiaftlern, usw.) in Gemeinscimft mit Historikern, Archivaren, Genealogen usw. Nur so kann meines Erachtens gründliche und wissensei!aftlich brauchbare Arbeit geleistet werden. Ich bitte d e s 11 a 1 b diejenigen, d i*e für solche Forschungen Interesse haben, mir ihre Adressen mitzuteilen, gleichzeitig •' ״ c 11 ג יי z u g e bei», w e l c h c s Fach, r e s p. ' v liehen T eil eines Faches sie zu bcar• beiten wünschen (etwa: Medizin: Mittelalter), o 111• r ob sie den zweifellos schwierigeren 1 1• 1 l «i e r Arbeit, d i e Q u e 11 c n f o r s e h u 11 g zur!־ > •u 1111 u n g derVolkszugchörigkcit übern c h m en wollen. — (Dr. II a n s Mühsam, Bei- S n \V., Maaßcnstr. II.) ich halte es auch für zweckmäßig — als Erleichte- 1 ״׳ .׳ ׳ ׳künftiger einschlägiger Forschungen — unseren / 1:. ■11 am augenblicklichen Weltgeschehen zu bestimmen via d-e geistigen Führer in diesem, so weit unser Volk r c ־־teilt, als Juden zu reklamieren. Alt-Konstantinopd. Bilde.rband mit zwei Paivo- »amen und 110 Photos der Stadt, ihrer Bau- und Kunstee ikmalcr und ihrer landschaftlichen Umgebung. Mit al:.n Stadtansichten und Plänen sowie einer geschieht* hrl en Einleitung von Dr. Ernst Diez, einer Stadt- und weit 1:׳rlH‘.sd1rc1b1mg sowie eingehenden kuustgesehichtm'ieu Erläuterungen von Dr. Heinrich Glück. Roland- Verlag, Munciien-Pasing Preis k.irt. 5 M., geh. 7.50 M. Her prächtig ausgeführte Biklerbaud zeigt •uns die gewaltigen Mauern und Monumente, die bedeutenden Palastreste und Kirchen des alten Bvzanz sowie die herrlichen Moscheen, die phantastischen Tore, märcheiihaften Brunnen, trotzigen Burgen, Grabbaute״ und vieles andere der islamischen Folgezeit im Rahmen der wimderbaren landschaftlichen Umgebung einschließlich Brussas. der alten Suita ״stadt. Das jüdische Konstantürorx־! ist leider gar nicht berücksichtigt. 1