Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 59 (27.8.1920)
- Date
- 1920-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 462 Nr. 59 JUEÖ1SCHE RUNDSCHAU Odafinden Sic, daß i.'.i zuviel Worte mache. 1cm »Icti einen!>l׳u1npfen Me!v־d»111׳, dem tu der Wiege *enon die Wanzen übers Gesicht gcLutfen sind? Sie tTH'iiven, das Problem der Zeit sei die ״ausbeuturigslose Vcriragsfrciheit“; solare man■ keine Theorie gefunden habe, die sie sichere, gebe es nur die Alternative: Kapitalismus oder fJolschewismus. Ich l>estreite beide I$ehau׳pt1mgeft Zunächst die zweite. Kapital»• mus würde die Verpflanzung dieses ganzen sozialen Elends nacli Palästina bedeute״. Noch einmal sei cs gesagt: persönliche Freiheit «als Luxusgegenstand für einige wohlhabende Volksglieder? Nein, wahrlich, das ist nicht *tu* Freiheit, du• wir für Palästina tiu'uwn. Der Kapitalismus, nicht der Mangel an Üuustoflc» ist schuld an den heutigen Wohnungsverhältnissen, tun an diesem Beispiel festzuhalten. Hätten wir 191-1 gesmide Wohnverhältnisse gehabt, die Folgen des Krieges hätten in Deutschland wohl eine gewisse Unbehaglichkeit, einen gewissen Mangel gezeitigt, aber die katastrophalen Zustände, die wir anstatt dessen haben, konnten nur entstehen, weil sie lediglich eine Steigemag des alten, aus dem reichen Frieden übernommenen Wohmingselcnds darstellen. Nie haben unter der Herrschaft des Kapitalismus die breiten Massen des deutschen Volkes menschenwürdig gewohnt, und gerade in den schönen, hygienischen, vielbelobten Arbeiterkolonicn war die Erlangung einer Wob-!Hing zumeist an Bedingungen geknüpft, die einen schändlichen Raub der persönlichen Freiheit bedeuteten. Nein, in einem kapitalistischen Palästina nach «uropäisch-amcrikanischem Muster wäre für persönliche Freiheit, außer für wenige Bevorzugte, kein Raum. Wäre jenes Entweder — Oder richtig, das Entweder müßte ausscheiden. Aber das soll um Himmelswillen — ich will es rasch sagen, ehe ich mit dem Plakat: ״Aufpassen, bolschewistisch verseucht“ herumspaziere — keine Erklärung für den Bolschewismus sein, ich schäme mich nicht einzugestehen, dall ich, obwohl ich mich ziemlich lebhaft mit Zeitfragen beschädige, über den Bolschewismus nicht k|ar genug sehe, um überhaupt feste Stellung zu ihm nehmen zu können. Seine Angriffe auf die persönliche Freiheit kann ich nicht fluchwürdiger finden als die des Kapitalismus. Will die jüdische Bourgeoisie Rußlands 'sich gegen ihn wehren, so mag sic das nach ihrer Ucberzeugung und ihrem' Können tun; aber ein Sünder am jüdis c h c n Volk ist, wer hierzu die Zionistische Organisation benutzt. Oder was würden Sie, sehr geehrter Herr!Doktor, gesagt haben, wenn einem Kom- (ministen eingefaUen wäre, sich der Zionistischen Organisation in München zur Stütze der Räterepublik zu bedienen? Nur als Glied des jüdischen Volkes und in keiner anderen Eigenschaft hat der Zionist ein Recht an seiner Organisation. Kann inan eine andere Auffassung auch nur im Traume hegen? Aus welchem vernünftigen Grund aber soll man sich .Palästina nur blau oder rot, mxr kapitalistisch oder bolschewistisch vorstcllen dürfen? Wenn Sic etwas erleben wollen, was Sic in diesem Augenblick noch für ein Wunder halten, dann empfehle ich Urnen, die Schriften des Wiener Ingenieurs und Soziologen Joseph Popper-Lynkcus 7.u studicrea Dann werden. Sie sehen, daß dieser die Spitze Ihres Artikels umgebogen hat, viele Jahre bevor er geschrieben wurde, daß es tatsächlich möglich ist, eine Volkswirtschaft zu er* richten, die gleichzeitig sozialistisch und ״profitRch“ ist. Anstelle der ״ausbcutungslosen Vertragsfreiheit“, die ein Problem Ist, ähnlich der Quadratur des Kreises, stellt er ein wirtschaftliches Ideal auf, das gerade Ihnen als Verfechter der persönlichen Freiheit wie aus dem 1 {erzen gesprochen sein muß Er verlangt, daß jedem Menschen das zum Leben Notwendige ge• sichert werde, ohne daß er in Abhängigkeit von dem Willen anderer Menschen gc. rät. Praktisch denkt Popper sich die Durchführung S01 daß eine allgemeine Arbeitspflicht das zun! Leben Notwendige für alle Mitglieder der Gesellschaft heranschafft, daß aber alles, was darüber hinausgeht, der freien Wirtschaft überlassen bleibt. Und mögen die FinzcUicitcn seines bis ins Kleinste ausgearbeiteten Systems, eben weil es ein ganz prakt!. sclics System ist, für Palästina so wenig passen, wie sie dafür berechnet sind; der Grundgedanke ist ein Wegweiser, den ich Ihnen wie all denjenigen empfehlen möchte, welchen heute noch vor dem Sozialismus, wie er sich Ihnen darstellt, vor dem versklavendcn, untcrnchniungsfeindlidien, fortschrittshem• menden graut. Palästina wird sicher, ehe cs die nationalc Heimstätte der Juden ist, noch viele Opfer kosten; aber keine Brücke spannt sich soweit, daß sic den Unter• schied überspannen könnte zwischen diesen Opfern, die sich selbst der Zukunft ihres Volkes bringen, und den Opfern, die eine unsoziale Wirtschaftsordnung v!׳r• ursacht. Davon, ob ein Kapitalist ״anständig“ ist oder nicht, darf nicht das Schicksal seiner Mitmenschen abhängen, sondern es ist schon nötig, Formen zu finden, die den Mitmenschen auf alle Fälle ihre Rechte sichern. Wenn Ihnen die von Architekt Levi vorgeschlagenc Form schlecht erscheint, so will ich diese nicht verteidi• gen, denn ich verstelle von diesem Spezialgebiet nichts; aber vielleicht fälit Huven eine bessere Möglichkeit ein, wenn Sic sie mir erst suchen. Und damit sende ich Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, wenn Sie mir geduldig bis hierher gefolgt sind, meinen Gruß als zionistische Gesinnungsgenossin. Luise Treu, Mannheim. Anpassungsfähigkeit Zar Waisenfrage in Erez-lsrael Von Dina Clemence Mayer. Es ist ein national-ökonomisches Ideal, mit einem Minimum an Kostenaufwand ein Maximum an Leistung zu erzielen. Die Erreichung dieses Ideals ist nicht leicht, sonst könnten auf vielen Gebieten der Verwaltung ganz andere Resultate erreicht werden als diejenigen, die wir im allgemeinen vor Augen haben. Die Lösung der Wjüsenfrage in Erez-lsrael (was vorläufig so viel heiftt wie die Unterbringung von Waisen in Anstalten) konnte bisher trotz ilirer Dringlichkeit nur in geringem Umfange geschehen, weil die notwendigen großen Mittel dafür fehlten. Und doch kann von dem Budget eines paiästinen• stschen Waisenhauses manches gestrichen werden, was in einem europäischen unbedingt notwendig, bei uns aber entbehrlich ist. Man müßte nur mehr versuchen, solche Anstalten den Lebensbedürfnissen des orientalischen Kin• des anzupassen. Als gutes Beispiel kann hier das in Jerusalem 1918 vom englischen ״Bishops-Ftind“ gegrüi:• dete und von Miß Thopc geleitete arabische Knaben• GlacBtone», welche bedeu te ade Reformen im Lande durchführten, das Werk »eine® Gehilfen Samuel waren. Bei den allgemeinen Wahlen im Jahre 1906 wurde Samuel schon ohne Gegenkandidaten in Clcvelaivd gewählt, da niemand Aussicht gehabt Witte, über ihn zu siegen. So rasch und sicher vollzog sich der pol Wische Aufstieg des gegenwärtigen Oberkonunissärs für Palästina. Zionismus und persönliche Freiheit Lin offener Brief an Herrn D r. J. Krönstein. Sehr geehrter Herr Doktor! Sie geben den Rat, sich an die Frauen zu wenden, tun den richtigen Standpunkt in Fragen zu erhalten, die wie Zwangsciuquarticrung in das persönliche Leben eiligreifen. Sie haben recht. Aber nun möchte ich ats Frau Ihnen vorschlagen, gehen Sie einmal nicht zu den Damen Ihrer (unserer) Kreise, gehen Sie zu anderen Frauen, von denen ich Ihnen an meinem Wohnort passende Adressen dutzendweise geben will Die erste Werden Sie als Wöchnerin mit dem fünften soeben geborenen Kiml das einzige Bett, mit dem Mann und den übrigen vier Kindern das einzige Zimmer der Wohnung teilend finden. Ich fürchte freilich, Sie werden sieh weigern, weiter mit mir zu gehen, wenn fch Ihnen sage, daß cs eine absteigende Skala ist, die ich Ihnen zeigen wollte, und daß das Wohnungsamt heilf 1011־ wäre, wenn dies das schlimmste Elend wäre, dem es nicht abheifcn kann. Fest überzeugt bin ich, daß Sic nach einem Gespräch mit jener armen Frau die nächste Klage über die Unannehmlichkeiten der ’Zwangscimjiiarficrung für Eigenheimbesitzer (ein be- Webtes Gesellschaftsgespräch) mit einer liebenswürdigen frage nach dero prächtigen Kinderchen beantworten werden; ״in Familie“ aber, %vo man erheblich deutlieber werden kann, höre ich Sie sagen: ״Seid's ruhig und freut Fluch, daß Ihr Euch über solche Dinge ärgern könnt!“ Darin, Herr Doktor, stimme ich ganz mit Ihnen überein, daß ohne persönliche Freiheit das Leben nicht lebenswert ist. Aller gerade deshalb ist mir die peraönlkhc Freiheit keine Sache wie ein Auto oder eine Segeljacht oder eine Brillantbrosche— keine Sache nur für Leute, die ״es sich leisten können“. Sind unsere sozialen Zustände so, daß die Mittel nicht zu einem vollen Leben für alle reichen, dann müssen alle sich einschränken und einen Ted der Lasten und Leiden geifuJdig auf sich nehmen, nicht die einen ihre persönliehe Freiheit in Gestalt eines breiten, behaglichen Lebens verteidigen, während die andern in Schmutz und Elend verkommen. Sie haben weniger feine Nerven, diese andern? Wohl wahr im allgemeinen, obwohl die Jugendgcschichtc eines einzigen Hebbcf eine schreiendere Anklage gegen die sozialen Verhältnisse Europas ist, als sämtliche Beschwerden zwangseinquartierungsbelasteter Hauseigentümer Deutschlands; aber ist »rieht gerade das furchtbar, wie hundert tausende von Menschen schon in der ■Entstehung von den sozialen Lastern und Krankheiten ihrer Eltern, wie Trunk und Tuberkulose, gezeichnet und zur Minderwertigkeit verdammt werden? Daß Millionen in Zuständen leben, die zu ertragen man übermenschliche, heldenhafte Leidensfähigkeit oder untcrmenschlichc Stumpfheit besitzen muß? Unter den Budapester Renegaten Von Arnoldo Fraccaroli, A. Fraccaroli vom ״Corriere della Sera“ war während der Prolotaricrdiktatur in Ungarn und hat seine Erlebnisse während dieser Zeit in einem Buche: ״Unghcria bolscvica“, welches vor wenigen Tagen in Rom erschienen ist, niedergelegt Diesem Buch entnehmen wir das Kapitel über die Fahnenflucht der reichen ungarischen Juden. Wir sprachen von alten, längstvergangenen Zeiten, von anderen Ländern, um nicht immer vom Bolschewirmus zu sprechen, in dem wir so tief drinnen waren, daß wir nicht immer davon sprechen mochten. Aber trotzdem zitterte der Bolschewismus unausgesetzt durch die Konversation, so sehr man sielt! auch dagegen sträubte, Plötzlich nahm die junge Dame, die neben mir saß, das Wort: Wissen Sie, was die sonderbarste und am wenigsten erwartete Begleiterscheinung des Bolschewismus ist? Daß die Bevölkerung von Budapest immer christlicher wird. Wie denn? Auf merkwürdige und doch ganz einfache Art: Die Juden treten zu Hunderten über und werden Christen. Nur so, von einem Augenblick zum anderen, durch plötzliche Erleuchtung. Im Amtsraum des Obcrrabbiuers sammeln sich die Juden aus allen Gesellschaftsklassen — zum größten Tel Bürgerliche — in Massen an, die gekommen sind, tun ihren Austritt anzumelden und zu fordern, daß ihre Namen aus den jüdischen Matrikel״ büchern gestrichen werden. Und jeden Morgen gibt cs in den katholischen Kirchen, besonders in jenen, in welchen die Erweckung der Neugierde des Publikums leichter vermieden werden kann, beim Taufbecken einen förmlichen Andrang ungeduldiger Juden, die im Zeichen Christi getauft werden wollen. Hat Sie noch niemand gebeten, »ein Taufpate zu sein? Nein. Seien Sic unbesorgt. Sic werden schon kommun, Denken Sie nur: Ein wirklicher Taufpate, mit populärem Namen, der direkt aus Italien kommt. Gibt cs etwas elegantere*? Gestatten Sie einmal. Weshalb dieser Ausbruch christlichen Eifers? Einmal, weil —• das werden Sie doch zugeben «las CliiRtcntiim eine Ideale Religio» l!.t. Aber ־׳ - nun passen Sie auf! — es gibt noch einen anderen Hauptgrund. Heute glaubt die Masse überhaupt nicht daran, daß der Bolschewismus von langer Dauer sein werde. Im Gegenteil. Es ist die allgemeine Ueber* zeugung, daß seine Lebensdauer nur noch kurz bemessen sein kann. In Budapest sind von den zwei Millionen Einwohnern 400000 Juden und viele dieser Juden fürchten, daß, wenn der Bolschewismus fällt, das Volk an den Juden Rache nehmen werde für die Leiden, die cs vom Bolschewismus zu erdulden hatte. Deshalb werden sie Christen — aus Vorsicht. Sic begreifen «Joch? Natürlich. Zu zweit machten wir dann einen Rundgang durch das Judcnviertcl. Eine Stadt in der Stadt, mit besonderer Eigenart, mit Männer- und Frauentypen, denen man in den übrigen Straßen von Budapest nicht begegnet. Es ist derselbe eigenartige Charakter aller jüdischen Stadtviertel: Hier genau so wie in Deutschland, wie in den wenigen italienischen Provinzstädten, die noch ein Ghetto haben, und ebenso im Orient. Es scheint fast, daß selbst die aufgehende Sonne nur mühselig in diese Gassen, in diese Häuser gelangt. Alles hat hier solch einen cingesperrten Duft. Geschäfte im Halbdunkel, Gewölbe mit schmalen, kleinen Türchen, in deren innerem ein blasses Gesicht auf die Kunden wartet. Staubige Firmenschilder — in hebräischer, ungarischer und deutscher Sprache — mit Namen von durchaus jüdischer Marke. Kinder in abgerissenen Kleidern spielen auf der Gasse. Gasthäuser, in deren Auslagcfcnstern ein bis zwei Teller mit Speisen stellen, von denen man nicht weiß, was sie darstellen. Ein Straßenverkäufer, der auf einem Karren allerlei Tand fcilbietct. Finstere Geschäftslokale, in denen die vcrschiedensien Sachen gekauft und verkauft werden. Greise mit wundervollen Gesichtsausdrücken und Charakterzügen. Ihre Augen, ihre Gesielttsfalten, ihre Nase, das lange weiße Haar, alles erinnert an die Gestalten des Alten Testaments. Untereinander sprechen sie immer in einer halbrassigen deutschen Sprache. Diese der Tradition ergebenen Juden bilden die M.tv.e, die sielt nicht ändert und «•inlteitlicli lebt. Auch unter ihnen gibt es viele Wohlhabende, aber die Reichen verschmelzen sich auch in Pest mit der übrigen Bürger• Schaft, oft mit umgeformten Namen, damit man nicht sofort ihren Ursprung errate, wenn sie ihre Visitenkarten abgeben. Wo ist das Ämt des Oberrabbiners? In der Nähe der Synagoge sprechen wir zwei kleine Mädchen an, die zur Schule gehen: ״Wißt ihr wohin die Juden gehen, um Christen zu werden?" Das eine Mädchen verschwindet in einem dunklen Haustor. Mir scheint es, ich höre es lachen. Das andere Kind mit gcwelllem Haar, schlauen Augen und tintigen Fingern, antwortet lächelnd: Hoilo-utcza. Und dann fragt sie, indem sie die Augenbrauen neugierig zusammenzieht: Wollen Sie auch übertreten? Da sind wir beim Hause des Oberrabbiners in der Hoilo-utcza. Ein halbgeöffnetes Tor, hebräische Aul־ schritt, graue Vorhalle, eine finstere, kleine Treppe. Menschen kommen die Stiege herunter. Schatten im Halbschatten. Besser ist’s, ain!Dienstag zu gehen, da sind weniger Menschen. Ich hab׳ auch schon mit dem Pfarrer ge■ sprechen ... Hast Du mit ihm abgemacht, was zu zahlen ist?... Ich bringe ihm ein Stück Leinwand um! ein bißchen Mehl... Ich muß nur noch einen Taufpaten ausfindig machen ..." Eine kleine Gruppe kommt am Treppengeländer an uns vorüber. Neue Kandidaten des Christentums. Sic kommen, um von Moses und den Propheten Abschied zu nehmen. Sie betrachten uns mit maliziöser Neugierde, wie die nackten Männer vor der Musterung«־ Kommission einander betrachten: ״Ach, auch ihr gehet von dannert?“ An der Türe de» Rabbiner» hängt eine Tafel: ״Parteienverkehr von 9 bis 12.“ Ohne ein Wort sprechen zu müssen, weist der Türstchcr auf ein kleines Empfangszimmer, in dem schon andere warten.