Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 59 (27.8.1920)
- Date
- 1920-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Eiul 5GG0 XXV. Jahrjj. ■d£uns einer Gffcatl’cJj-rocMIIcii gesichert«» Huinutütte In F׳al5»ilna. ״Baseler ProgrAmm.“ iX'r wichtigste Beschluß, der auf der Jahreskonferen/ in London gefaßt und in feierlicher Sitzung mit ungewöhnlichem Nachdruck proklainicrt wurde, ist die Schaffung des Gründlings* fonds der Paliistinaarbeit, der Keren Hajessod. Dieser Ponds hat eine zweifache Bedeutung, eine äußere und eine innere. Nach außen hin ist er die Grundlage unserer künftigen Arbeit in Palästina, das große nationale Kapital, ohne das eine großzügige Arbeit nicht in Angriff genommen werden kann. Die wettere zionistische Ocffeutlieh* keit hat erst durch die Londoner Jahreskonferenz, erfahren, in welch hohem Maße die Durchführung der wichtigsten zionistischen Aktionen durch den, Mangel an Geld behindert worden ist. Insbesondere die palästinensische Verwaltung war in ihren Mittein außerordentlich beschränkt, und wenn es bis heute nicht gelungen ist, auch nur den Anfang eines gesunden Wirtschaftslebens in Palästina zu; schaffen, so liegt dies vor allem an dem Mangel eines Systems, d. h. aber zum großen Teil an dem Mißverhältnis zwischen den vielen guten Absichten und Plänen einerseits: und den zur Durchführung zur Verfügung stehenden Geldmitteln andererseits. Die Gelder, die bisher (und zwar vorzüglich von Amerika) aufgebracht wurden, reichten kaum aus, um das Budget Palästinas zu decken, um auch nur das Bestehende zu erhalten. Denn die Kosten ,der palästinensischen Ver- waltung sind natürlich durch die neuen Verhältnisse außerordentlich erhöht worden; wir dürfen nicht vergessen, daß Palästina ein Land der allerteuersten Währung der Welt ist. Infolgedessen konnten neue Unternehmungen׳ nicht angefangen, werden, und daher rührt auch die dauernde berechtigte Klage des palästinensischen Judentums,1,! und zwar des lebendigsten und arbeitsfreudigstea Teiles des Jisclutw, der deutlich die erstickende Stagnation spürt und den Widerspruch zwischen, diesen Tatsachen und den> Bewußtsein, vor einer Epoche der Wiedererrichtung;des jüdischen Gemeinwesens zu stehen, alsi unerträglichen Schmerz empfindet. Nicht nur dia ׳'ökonomischen, auch die psychologischen Verhältnisse in Palästina sind durchaus ungesund. Die Person des neuen Oberkommissärs Herbert Samuel ■wird jetzt in einer Weise gefeiert, die beweist, wie sehr der Ueberschwang der Stimmung über die Realitäten der Situation hinwegtäuscht. Die außerordentliche« Bedeutung der Amtsführung, Samuels kann ebensowenig verkannt werden wie; die Tatsache, daß sein Kommen in Palästina wirklich als Rettung aus schwierigster Bedrängnis wirken mußte. Dennoch ist der zu Uebcrtrcibungen!neigende Personenkult und Gefühlsrausch (siehe z. B. den Bericht über Samuels Synagogenbesuch in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundsch.au“), kefn Zeichen wirklieber innerer Festigkeit. Ucbrigens ist cs notwendig, immer wieder klar und offen zu sagen: Durch Samuels Amtsantritt sind /.war die poütischen Bedingungen gebessert, keineswegs aber die ökonomischen, und Sein oder Nichtsein der palästinensischen Siedlung hängt davon ab, daß jetzt, sofort, in den allernächsten Monaten, das ökonomische Leben in Gang kommt. Eine normale und gesunde Volkswirtschaft kann die Ökonomischcn Kräfte zur Weiterexistenz auch nach Perioden des Niedergangs aus sich selbst hervorbringen. Die palästinensische Wirtschaft ist aber ein unvergleichbares Gebilde; der Beweis für ihre i>roduktionskraft und Kreditwürdigkeit ist im obn jektivcn Sinn noch nicht erbracht worden, sic ist ihrer ganzen Struktur nach und ihren Voraus- Setzungen nach durchaus auf Hilfe von außen ange- W'cscu. Dieser Eingriff eines äußeren Faktors geschieht auch nicht nach der Art, einer kolonisierenden Großmacht, sondern er muß durch die nationale Anstrengung des über die ganze Welt verstreuten, in verschiedenen Wirtschaftsorganismen lebenden jüdischen Volkes gemacht werden. Ist die Wirtschaft einmal im Gange, dann wird .'.נ aus stell selbst neues Leben gebären. Aber zum Anfang, zum ersten Anstoß bedarf es des Kapitals und der ,Arbeitskräfte, die beide keinen anderen Zwecken dienen als 'dem nationalen In- Baldiger Zusammentritt der ״Assephath haniweharim“ Wie aus Jerusalem gemeldet wird, soll die im Frühling gewählte ״Assepliath haniweharim“ (jüdiscl« Konstituante), deren Zusammentritt von der Militärverwaltung seinerzeit verboten wurde, im Oktober zusainmentreten. Sir Herbert Samuel hat bereits «:ine Zustimmung erteilt. Bis zu ihrem Zusammentritt fungiert der ״Wnad Itasmani“ weiter als Vertretung des palästinensischen Judentums, wozu die Majorität der gewählten Abgeordneten ihre Zustimmung gegeben hat. teresse. Die Arbeitskräfte haben sich bereits aus» allen Enden der Zerstreuung angenieldct. Das nationale Kapital hat bisher gefehlt, und wir bctrachten es — auch dies muß offen gesagt werden — als einen großen Fehler unserer Leitun״, daß bisher nicht die genügenden Anstrengütigen gemacht wurden, um dieses Kapitol aufzubringen, alle Kreise des jüdischen Volkes über die Lage aufzuklären und mit dem notwendigen Pflichtbewußtsein zu (.lurchdringen. Nun hat die Jahreskonferenz die Keren Hajessod beschlossen. Ein Monat ist seither verstrichen, und wir haben leider nocli nichts darüber gehört, welche Maßnahmen zur Aufbringung des Fonds getroffen worden sind. Das eine ist ganz klar geworden: Es ist keine Zeit zu verlieren. Die Einwanderung, die schon in kleinem Maßstabe begonnen liat, darf um keinen Preis aufgehaltcn werden; und wenn keine Mittel da sind, und es nicht gelingt, den Einwanderern /Arbeit zu geben, so kann eine Katastrophe entstehen, von der sich der Zionismus schwer erholen könnte. Darum gibt es in diesem Augenblick keine wichtigere zionistische Pflicht, als die Sammlung des nationalen Kapitals, Und dies zu wissen, sich in seiner ganzen Tragweite ins Bewußtsein zu rufen, ins Volk hinauszutragen und die Abgabe jedes 'Einzelnen einzufordern, das ist die Aufgabe, die der erwähnte Beschluß unserer Organisation nach innen stellt. Diese innere Bedeutung ist eine moralische Angelegenheit. Lange genug hat im Zionismus die Vorbereitung gedauert; jetzt sind wir ins Stadium der Verwirklichung eingetreten, und dieses fordert von uns eine ganz andere Art der Hingabe und Opferfreudigkeit als die frühere Periode. Palästina kann nur dann entstehen, wenn eine ungeheure Gesamtanstrengung des ganzen Volkes es erschafft. Trotz der Zerstörung des’ Ostjudeutums ist kein Teil des Volkes von der Verpflichtung ausgenommen. Auch in Mittelentropa muß endgültig der Ausrede der schlechten Valuta ein Ende gemacht werden. Der deutsche Zionismus ist in den letzten Jahren auch mit in den ost- und mitteleuropäischen Strom hercingezogen worden, der in finanziellen Fragen ausschließlich auf Amerika zu vertrauen sich gewähnte; dieses Vertrauen hatte; einen unheilvollen, demoralisierenden Einfluß auf das zionistische Selbstbewußtsein in diesen Ländern, Die Amenkancr haben nun in London erklärt, daß sie das Budget nicht mehr zu garantieren vermögen. Es־ steht jedenfalls fest, daß das blinde Bauen auf die amerikanische Dollarmaschine .nicht gerechtfertigt ist, und daß der mitteleuropäische Zionismus auch in finanzieller Beziehung seine Stelle in der!Weltorganisation wieder erobern muß. Dazu ist die Gelegenheit gegeben, wenn jetzt der Wettstreit in den Sammlungen für das nationale Gründungskapital beginnen wird. Jeder Jude soll ein Zehntel seines Vermögens für den Aufbau der jüdischen Heimstätte opfern. Bei der Einziehung dieser Steuer ■wird es sich zeigen, wie weit das jüdische Volk bereits moralisch emanzipiert ist Das jitdische Volk hat in den letzten Jahren viel Begeisterung produziert; es hat jetzt die durch seine Zustimmung übernommene Verpflichtung ein zulösen. Die Keren-Hajessod ist für den Aufbau Palästinas eine ökonomische Notwendigkeit, für den Aufbau des jüdischen Volkes eine moralische Notwendigkeit. R. W. Sir Herbert Samuel l!1 der Londoner poale/ionistischcn ״Zeit" gibt Morris Mycr die folgende Darstellung von dem politischen Werdegang des Oberkoiinnissärs von Palästina, Sir Herbert Samuel: Sir Herbert Samuel wurde am 6. November 1870 zu Liverpool geboren, jedoch in London erzogen. Seine Studien begann er in der ״University College School“. Nachdem er eine Reise durch die Vereinigten Staaten gemacht hatte, bezog er das College in Oxford, wo er sein Studium beendete. Bei seinem Sclilullexamen im Jahre 1893 erlangte er die Auszeichnung erster Klaisc in neuer Geschichte. Noch wahrend seiner Univcrsitätsstudicn in Oxford befaßte sich Herbert Samuel mit der Politik und war ein feuriger Liberaler. «Mit 20 Jahren leitete er als Vorsitzender des Rüssel- Klub die wichtigste liberale Institution an der Oxlorder Universität. Samuel war auch ein vorzüglicher Redner, was zu seinen politisdren Erfolgen viel beitrug. Schon in seiner frühen Jugend kam Samuel mit _ den liberalen Führern in Berührung, hauptsächlich mit' Mr. Asquith, welcher mit der Familie Samuel-Mont.tgue bekannt und befreundet war. Die liberalen Führer sahen in dem jungen Manne einen aufgehenden Stern auf dem Horizont der liberalen Politik. Er zählte nicht mehr als 22 Jahre, als mau ihn einlud, bei den Partameutswahleu in South Oxfordhirc zu kandidieren. Samuel nahm die Einladung an und stürzte sich mit dem ganzen Feuer der Jugend in den politischen Kampf. Es gelang ihm nicht, zit siegen; die konservative Partei war damals, besonders in den Flaehlanddistrikten von England, speziell im Oxfordcr Kreis, stark und es war einem liberalen Kandidaten unmöglich, ihr einen Wahldistrikt in dieser Gegend zu entreißen. Herbert Samuel gelang es allerdings, die «Majorität des konservativen Gegners stark zu verringern. Im Jahre 1895 wurde er zum Honorar)׳ Secrctair der ״Home Countreli liberal Federation“ gewählt; das bedeutet, daß ihm un Alter von 25 Jahre!» die Führung einer der wichtigsten liberalen Organisationen des Landes anvertraut wurde. Bei den ״Khaki“-Wahlcn des Jahres B300, die sich unter der Einwirkung des südafrikanischen Krieges abspielten, a!9 der Ulirnpatriotismus und Jingoismus im Lande stark aufflammtcn, stand Herbert Samuel wieder als liberaler Kandidat in South Oxfordhirc. Er siegte auch diesmal nicht, ver- ringerte jedoch abermals die Majorität seines konservativen Gegners ziemlich stark, was bei dieser Wahl schon ziemlich viel bedeutete. Die Gelegenheit, als Deputierter ins Parlament zu kommen, bot sich ihm dann schnell, ltn Jahre t(X)2 resignierte der Deputierte von Cleveland und Yorks!1 ire, und die Liberalen beschlossen, Herbert Samuel die Kandidatur auzubieten. Cleveland ist eine Arbeitergegend. Die Minenarbcitcr bilden in diesem Distrikt die Majorität, und Samuel wurde für den geeignetsten Kandidaten in diesem Distrikt gehalten,!veil er durch seine gründliche Kenntnis der Trade Union-Fragen und seine warme Sympathie für die Arbeiter bekannt war. Damals hieß es eine Zeitlang, daß die «Minenarbeiter ' einen eigenen Kandidaten in Clevelatxl auf stellen wollen; als Herbert Samuel dies hörte, erklärte er, in diesem Falle nicht zu kandidieren, weil er gegen einen Arbeiterkandidnten nicht kämpfen wolle. Das vergrößerte noch seine Popularität. Die Minenarbeiter stellten keinen Kandidaten auf und Herbert Samuel wurde,_ genau an seinem 32. Geburtstag, mit einer Majorität'von 203b Stimmen gewählt. Den Wahlkreis Cleveland vertrat Samuel 17 Jahre bis zu den allgemeinen Waiden von 1919. Im Jahre seiner Wahl zutti Deputierten veröffentlichte Herbert Samuel auch ein wichtiges Werk: ״Der Liberalismus, seine Grundlagen und sein Programnt“. Dieses Werk ist bis heute das grollte, welches er geschaffen hat. Seine übrigen schriftstellerischen Arbeiten sind zumeist Artikel und Streitschriften. Er stand zu sehr im praktischen Leben, als daß er siel» mit theoretischen Arbeiten hätte beschäftigen können. Zu dem Werke über den Liberalismus schrieb Mr. Asquith, der spätere liberale Premierminister, ein Vorwort und dies zeigt, welche Bedeutung Samuels Anstellten beigemessen wurde. Herbert Samuel hatte in seiner Jugend Europa und Afrika viel bereist. Unter anderem halle er auch Uganda besucht und galt als Autorität in afrikanische* Fragen. Gleich nach seiner Wahl ins Parlament machte er sich im Hause einen Namen als Debatter und galt als einer der besten Diskussionsredner im Parlament. Ala ün Jahre 1905 die konservative Regierung, mit Mister Balfour an der Spitze, stürzte und Campbell-Bannerman ein liberales Ministerium bildete, machte er Herbert Samuel zum Gehilfen des Ministers des Innern unter Herbert Gladstone, und der junge jüdisch-englische Politiker bekam die Möglichkeit, seine Fähigkeiten bei der Abfassung von Gesetzen zu beweisen. Es ist ein offene* Geheimnis, daß die OesetzesvorsdOag•