Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 44 (6.7.1920)
- Date
- 1920-07-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 352 ]HEDlSailB RUNDBCHXD Nr. 44 liiclit iügen will ״ml den angeblichen Anforderungen der Umwelt de״ gestaltenden Willen entgegensetzt, den allgemeinen Zeitströmiingcn in besonders hohem Malle erlieft. Das allgcmoiiK׳ l.ebe/* mit seinen geistigen Aeullei ungen hinterlällt liefe Wirkungen, aber unzweiielhaft auf alle Kreise. Nur treffen die Strömungen der Gegenwafi naturgemäß immer die ihnen entsprechenden Schichten innerhalb unserer Organisation. Wer den Vorwurf der Rcvohitinnspsychosc erhebt, der war fast iinniei jahrelang vorher selbst der Kriegspsychose veriallern Auf die einen wirkt der sozialistische Wille, auf die anderen konservative Stimmungen, die beule wieder an Hoden gewinnen. - Ein Beweis sind die auf dein PalnstinadclcgierteiUag angenommenen sozialisliseilen Anträge, denen last alle Delegierten zustimmtcu, weil sie damals von der sozialistischen Welle erfalit waren, Das natkmaljiidischc Leben in Deutschland ist dureli die (ieisteswelt des philosophischen Idealismus nicht in höherem (irade gefährdet worden, als das indische I eben in Kidllaml durch die grollen Strömnngen des russischen Lebens und der russischen Literatur. Diese Beeinflussung hat aucli in den Zeilen statlgeiunden, in denen es ein jüdisches Sonderleben!111 eigenen I amte gab. So mancher, der heute in /lonistisch..! Aeullerungen fremdes Geistesgut wiedererkennt, stellt gleichzeitig fest, wie babylonischer, iigyptischer, hellenistischer oder arabischer LinflulS im• alten Judentum bestanden 11;1i. Ls gib! keine Möglichkeit, geistigen I influll mechanisch ab/.tnvchrcn; cs kommt vielmehr alles darauf an, ihn zu verarbeiten und dem eigenen Wesen einzuordiicn. (ierade diese für die Entwickhmg entscheidende Aufgabe kann in einer Zeit, wo das jüdische Sonderleben nicht inehr existiert, wo das beruhigte Sein nach einer abgeebbten, äullerlidi erfolgreichen Aktion auch nach der Ansicht der auf die Entwicklung Vertrauenden noch nicht bestellt, bei uns nur durch die lehensgestaltemlcn Kräfte der Bewegung erfolgen. je deutlicher wir erkennen, wie stark die Aiifonle• ningcu der Umgehung auf die Juücnheit drücken, wie die gewaltige Mehrheit der Juden vor allem diesen An• tordcningeii gerecht werden will und zum Maiistah für die Richtigkeit und Möglichkeit ihrer jüdischen Be• Strebungen in erster Linie die allgemeinen Gesetze des Lehens macht, um so wichtiger ist es, zu grundsätzlicher Klarheit darüber zu kommen, welcher Gesichtspunkt für die zionistische Arbeit in Deutschland maßgebend sein muß. Von vornherein sei zugegeben, daß sehr viele Zionisten, serimitlieh die grolle Mehrheit, den Anfordeningeii der Bewegung, die dureli die eigene menschliche Tat das jüdische Leben und das jüdische Land zu gestallen hofft, nicht gerecht werden. Niemanden kann daraus ein Vorwurf gemacht werden. Jeder von uns kann den Bedingungen des Lebens erliegen, und viele ausgezeichnete Moitscltcn sehen allmülilich ein, dall ihr Wille den Widerständen nicht gewachsen ist. Sie finden sieh mit ‘ den Verhältnissen ab und begnügen sieh damit, helfend und fördernd der Organisation zu dienen. Moralische Forderungen muH man vor allem an sieh selbst stellen, und niemanden sei es als Schuld angcrechnet, dall er nicht zur persönlichen Verwirklichung seiner zioiiistwcheii Idee gelangt. Soll mm aber die Zionistische Organisation auf den Teil /(!geschnitten werden, der doch selbst empfinden muH, daß es verlorene zionistische ‘Chancen in seinem Leben gibt, oder .1111 f den Teil, der durch sein Leben die Bewegung sichtba,r werden killt? Ich glaube, dall in der Tat alle zionistische Arbeit 11111׳ den Sinn halben kann, um׳ darauf eingerichtet sein ka;1m, den Kreis tler Menschen zu starken und zu vergröbern, die selbst den Aufham des jüdischen Lebens in Palästina inul im Galuth unternehmen wollen, ohne Rücksicht darauf, ob die Zeitströmung ihnen günstig ist, ob die Anforderungen der Umgebung cs gestatten, und oh die vermeintlichen Gesetze der Entwickhmg nicht amtiere Mallnahmen erforderlich machen. Mau begegnet schon der Meinung, dali der Zioiiis- ״ins seine Aufgabe als idealistische Bewegung erfüllt habe. I r hatte eine moralische Angelegenheit bis zu den letzten politischen I'.rfolgen sein müssen, wo die radikal nationale Gesinnung den einzigen Ersatz, für das nationale leben habe!rieten können. Heute sei tier Zionismus aber in das Stadium getreten, indem er jene lebensfremde Stimmung einer vergewaltigenden Beidenschuft nicht ipclir •hrnuclieti könne. Mau denkt auch hei uns schon an die Geschichte anderer idealistischer Bewegungen, die nach einer׳ von höchster menschlicher Spannung erfüllten 11Übergangszeit zu einer Zeit der Ruhe und Ausgeglichenheit Jakutinnen sind. Manche glauben sogar, jene lebcnsg»־stallenden Kräfte sei n immer eine höchst überflüssige Belastung der sieh ohnedies von selbst durchsetzenden zionistischen Sache gewesen, und wenn wir vor 21 Jahren den Erfolg von San Remo gehabt hätten, so hätte das genau dasselbe bedeutet, als wenn wir ihn heute nach Jahrzehnten zionistischer Entwicklung errungen haben. Es soll demgegenüber nun amt' allen‘Gebieten z.ionistischer Arbeit in Deutschland gezeigt werden, dal! unsere Aufgabe darin besteht, der Icbcnsgestaltcmicn Bewegung die Wege zu ebnen. Bei all diesen Untersuchungen haudelt es sich nicht darum, eine bestimmte, in Worten ausgedrückte Gesinnung als berechtigt anzuerkennen. Nichts schädigt die echte Bewegung mehr, als leerer Wortradikalismus und Gcsiiiiiungspmtzerei, Wir wissen zu gut, dali es viele Menschen unter uns gibt, die theoretiscl» den liier ausgesprochenen Gedanken fernstdsen mul in Wahrheit in ihrem ganzen Verhalten sielt als hingehende Arbeiter im Dienst der nationalen.Bewegung erweisen. Gerade die jiraktisdien Aufgaben werden deutlich machen,יdall die Auseinandersetzung über ״der Entwicklung folgen“ und ״die Entwicklung gestalten‘1 nicht nur eine theoretische Angelegenheit ist, daß ohne Rücksicht darauf, ob man diese Uedankeugiüige allerkennt, alle Unternehmungen nur im Geiste des gestabenden Lebenswillens geschaffen werden können. Es wird sich Herausstellen, daß diese radikale Auffassung ׳zugleich aucl! die in einem ganz äußerlichen Sinne erfolgreichste ist Chaluzijuth Dem Aufbau des jüdischen Palästina hat unsere Arbeit zu dienen. Durch jüdische Menschen soll das jüdischnationale Heim dort erstehen. Ist es gleichgültig, wie diese Menschen beschaffen sind? Können wir etwa meinen, die natürliche Entwicklung des l.ebens in Pala• stiuu wird schon dafür sorgen, daß in diesem Lande, ü! dem die Juden die Mehrheit haben, das jüdische Leben sich allseilig organisch entwickeln wird, und somit aucli alle Bedingungen für neue jüdische Leistungen auf allen Gebieten gegeben sind? Wir finden diese Auffassung 111,11er zionistischen Weit, sie wird konsequent in.der ,Weise durchgeführt, daß es sich heute bei der״ 'Be* sicdelung im wesentlichen um eine Ouanhtätstrage handele, dalEniaii bei allen eiitgcgciistehciidcn Schwierigkeilen daran( vertrauen müsse, daß ״die Luft Palästinas klug mache'‘ und die Notwendigkeiten des Lebens schon das ihrige tun wurden. Wenn ein jüdischer .Mensch eiuschen müsse, daß er z. B. im intensiven (iartenliau die beste Möglichkeit habe, im Lande zu leben, dann werde er sich dieser ökonomischen Notwendigkeit lügen und den ehernen Gesetzen Rechnung tragen. Me keimen diese Anschauung, die schon durch die bisherigen Lrfahrungcu widerlegt wird. Viele alten Kolonien in Palästina, z. B. Rösch Pinah und Sichron Jacob, sind in Wahrheit keine jüdischen Siedlungen gewesen, die Arbeit wurde •nicht von Juden geleistet, die Kinder der Kolonisten wanderten aus. die Juden wirkten als schmarotze!׳ mlc Parasiten auf ihrem eignen Grund und Boden. Sie wissen, daß Baron Edmund v. Rothschild hei seinem letzten Bestich in Palästina die Zionisten deshalb seine Erben genannt hat, weil durch die jüdischnationale Idee jüdische Arbeit und jüdische Arbeiter ins Land gekommen sind und eine wirkliche Besitzergreitung dureli eigne Arbeit erfolgt ist. Das Hebräische, das jeder neu ankommciide Jude angeblich in drei Wochen wird erlernen können, ist nur dort zur lebenden Sprache geworden, wo der nationale Gedanke Menschen dm Glauben an ihre Art gab und in ihnen den Willen wach werden ließ, sich gestaltend durchzuset/en und heue Tatsachen des Lebens zu .schaffen. Ls kommt daher auch nicht 11 u r darauf an, zu fragen, wie viele gehen nach Palästina, sondern wie viele werden im Lande ))leihen. Und damit wird schon Idar, daß die I rage des Gelingens unserer Aufbauarbeit von der Beschaffenheit des Menschen ablüingt, die mit Hille der Mittel unserer Organisation nach Palästina gehen. Die verschiedenen Pläne für Kleinsiedlungen zeigen uns die Möglichkeit einer dichten Besiedlung des Landes. Es muß also erreicht werden, daß jüdische Menschen, die seit unbedenklichen Zeiten in anderen Bor»len gelebt ׳haben, zur intensiven Garlenkultur geführt werden. Das neue Leben, das sie ti'f Palästina erwartet, wird kein Lehen behaglicher Ruhe und Sicherheit sein. Sie selbst aber werden von Anfang an mit allem ihren Tun, ihren Erfolgen und Mißerfolgen, ihren geistigen und sozialen Leistungen zum Mittelpunkt der jüdischen Welt werden, und aucli die Augen der gesamten Ocffcntlichkcil werden auf sie geruhtet sein. Die Anfänge der Siedlung werden ihre /nkirnfl entscheidend bestimmen. Wenn mau schon in Europa in ajleii Dingen der inneren Kolonisation das Gelingen wesentlich von dem Zustand des verwendeten Meiisdieiiinaterials abhängig macht, so wird in Palästina in noch hollerem 'Grade der Beweis für unsere Leistungsfähigkeit nur daun erbracht werden können, wenn wir die besten Menschen des jüdischen Volkes und insbesondere der jüdischen Jugend als Pioniere dort ansiedelu können. Dafür, dall weniger Geeignete in großer Zahl hiiigehen, braucht die Bewegung nicht in gleichem Malle zu sorgen; die kommen leichter ins Land, wenn es mir Verdienstniöglichkoiteu gibt. Die Mittel der Bewegung aber miissen auigewandt werden, damit wir in steigendem Malle Menschen für jüdische Berufe erziehen, Menschen für Palästina vorherciten und heute denjenigen, die sich die Energie /״trauen, unter allen Bedingungen im Lande aus/uhalten, den Weg zu ebnen. Diese Menschen werden auch die Kraft haben, die sozialistischen Einrichtungen des neuen jüdischen Lebens mit ihren sittlichen Fälligkeilen sinnvoll zu gestalten. Es kommt für uns darauf an, hier in Deutschland Einrichtungen zu schaffen, die die Heranziehung und Ausbildung von Chahiziin erinögliehen. Eigene l.ehrfarmen müssen unser Ziel sein, die uns aucli die Garantie einer geeigneten menschlichen Ausbildung geben. Hiermit hängen eng die Fragen zusammen, die Walter Moses in seinem Referat behandelt hat. Ich schließe mich seinen Forderungen an, deren 1 )urdmilming Maßnahmen sind, um den Aufbau des jüdischen Lehens in Palästina und im Gallith gestaltend zu beeinflussen. Politisierung der Jugend Unsere Mittel für die Pionicr.täligkeil kommen vor allem unserer Jugend zugute. Die Darstellung, da ft Zionismus eine in sich abgeschlossene Angelegenheit sei, die in ähnlicher Weise wie die anderen kichlungen im jüdischen!.eben mit den vertrauten Verhältnissen reellneu müsse, hat cs zuwege gebracht, dall in Osteuropa eine vollständige organisatorische Spaltung zwischen der allgemeinen zionistischen Organisation mul den Zei're- Zion erfolgt ist. Hier bestand diese Spaltung nicht formell, aber tatsächlich. Immer wieder wurde festgestellt, daß die Jugend eigcnbrüdlcrisch ist, nur in ihren Kreisen leben will und für die allgemeine zionistische Organisation kein Interesse habe. Das war richtig und wird uns heute durchaus begreiflich. Der zionistischen Organisation vear es in den Jahren des Krieges nicht möglich, immer wieder neu entstehende Strömungen zu umfassen. Aergerlich lehftte man diese Gruppender Jugend ah, die auf Grund andersartiger Auffassung, als man sie selbst früher erlebt hatte, in einer anderen Terminologie und in einem anderen Stil sprachen. Dazu kam, daß der Gedanke der moralischen Politik auch in imierjüdischen Fragen gerade in den Jahren des Krieges nur schwach vertreten wurde. Allmählich ist durch die eigene Entwicklung dieser Gruppen, die durch manche l.int'lusse von außen her gefördert worden ist, das Gefühl der Verantwortlichkeit für das Schicksal des Volkes stärker geworden. Der Gedanke, daß man für sich leben müsse, verliert mehr und mehr seine verführerische Wirkung, und viele, die vor wenigen Monaten noch jede Einwirkung auf die Ordnung des öffentlichen Lebens für sich abiehnlen, fühlen heute, daß die Aufgabe der Gemeinschaft darin liegen müsse, dem ganzen Volk und der Gestaltung des nationalen Lebens zu dienen. Die Fortsetzung dieser Politisierung der Jugend, die unserer Bewegung neue Kräfte und neues Leben bringt, ist nur möglich durch den Gedanken der Erneuerung der jüdischen Menschen durch eine radikal-nationale Politik. Nur eine idealistische Bewegung kann neue Geschlechter immer wieder in ihren Bann schlagen. Eine Organisation, die sich in einem festen Gesinniingsprogramm einen Grabstein setzt und Wert darauf legt, vor allem den ver meinlliehen Gesetzen der Entwicklung und den An forderungen der Umgehung Rechnung zu tragen, wird die jüdische Jugend, wie Krojankci׳ mit Recht meint, eher dein Dadaismus als dem Zionismus in die Arme treiben Jüdische Schulen Diese Politisierung der Jugend, der unscic Arbeit zu dienen hat, und die wir als leben «gestaltende B.wegen; erreichen werden, ist in großem Maße nur durch/u führen, wenn wir das Schulprograrnm verwirklichen, über das Ihnen Moses Calvarv in einem besonderen Referat Bericht erstatten wird. ״Wir dürfen die jüdische Jugend night dem Zufall einer persönlichen Beeinflussung und einer allgemeinen, uns günstigen Entwicklung des 1c bcus überlassen, sondern müssen dafür sorgen, daß sie durch von uns getroffene ׳ Einrichtungen dei zu... nistischen Bewegung und damit dem jüdischen l eben zugeführt wird.“ Auch hier haruldt es sich nicht darum, irgendeiner Gesinnung dauernd nun Siege zu veilleUen, sondern durch unseren Willen lehengestaltende, objektiv zu würdigende, neue Tatsachen zu schaffen Die jüdische Volksgemeiudc Schon ehe es uns gelungen ist, die zur Kultusgemcindc verkleinerte historische Organisation der Juden, I die Jüdische Gemeinde, zur V'olksgemeüute umztigestal ten, müssen wir die für das jüdische Sondcrlebcu ent• scheidenden Hebräisierung durch eigene Unterrichtsinstitutc durch/usetzen versuchen. Unsere unmittelbarr Aufgabe bleibt aber immer die Durchsetzung unsein Forderungen tu den jüdischen Gemeinden. Ueber die Schritte, die wir zunächst zu unternehmen haben, und iiher die zurzeit aufzustellemlen programmatischen Foi deningen wird Ihnen in Uehereiiistimmnug mit den von! mir auf dem letzten iK'legicrtentag dargelcgtcn Ge• J dankengängcn Herr Dr. Victor in einem Sonderreferat berichten Ostjuden und jüdische Bewegung Die Durchsetzung unserer Forderungen 1nm׳rh,1!b der Gemeinde mußte uns heute dadurch erleichteit werden, dal! die Struktur des deutschen Judentums -.cii in den letzten Jahren zusehends geändert hat. Im Zahl der Ostjuden ist größer geworden. Sie könnten entscheidenden Einfluß auf das jüdische Geineindclcbeii, auf die Schaffung jüdischer Seliuien und sozialer Ein riehtimgen bekommen, in unserer Ostjudenpolitik stehen sieh unausgesprochen zwei Auflassungen gegenüber. Ein mal nimmt man als selbstverständlich an, daß sie in stinktiv nationaljüdisch gestimmt seien, und daß jede solche Organisation von Ostjuden von selbst zu einet Stärkung des nationaljüdisdieu Einflusses führen werde Jeder Umwand wird mit der allgemeinen Ideologie wm ostjüdischcn Menschen entkräftet, der als ein Jude aus jüdischem Land zu beirachlvn sei, und in .-.ich \,m Natur alle Kräfte habe, um der Entjudung zu widcistehe« Nach einer Zeit innerer Ablehnung der Ostjuden durch manche deutsche Zionisten trat vor einigen Jahren Ih dingungslose Bewunderung der Ostjuden und ihres gi samten Lehens an die Steile des bisherigen Fremdheit־•- gefühis. Der Begriff der jüdischen Masse, die man noch nicht genügend erfaßt habe, begann die Atiscinumlei Setzungen zu beherrschen. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, dal! Marx einmal dagegen protestierte, daß man das Wort Proletariat zu einem heiligen Wesen mache. So wenig inan Marx einen Feind des Proletariats nennen kann, kann man den einen Feind der Masse nennen, der erkennt, daß wir keinen b e s t e 11 e n d e n Zustand des jüdischen Lebens als dauernd und erstrebenswert anerkennen können. In den Zeiten eines voll entwickelten nationalen Lebens im eigenen Lande hat die jüdische Idee durch ihre berechtigten Trägen die Erneuerung des Menschen gefordert, und das l>estehende, im Sinne der Mehrheit wohl eingerichtete Leben abgelehnt. Auch alle diejenigen, die vier Stabilität des jüdischen Seins vertrauen oder im Lehen einen in hohem Maße durch allgemeine Faktoren determinierten Fntwieklungsprozeß sehen, weiden bei guter Kenntnis der Entwicklung des ostjüdischcn l.ebens in Deutsch!and zu der Ucbcrz.eugimg kommen, daß die natiir-!:ehe Entwicklung uns ungünstig ist. Genau so wie in früheren Zeiten Juden aus jüdischen Veihältnisseu in fremder feindlicher Umgebung selbst oder in ihren Kindern der Assimilation aiiheinitielen, gellen heute große Schichten der Zugewanderten trotz der jüdisclinationnlcn Bewegung in erschreckend schnellem Maße der jüdischen Sache verloren. Das Interesse der Besitzenden untei ihnen an allgemein jüdischen Dnigeti ist gering. Es ge׳ lingf zuweilen kaum, ihnen klar zu machen, daß die Wahlen zur Jüdischen Gemeinde, von denen sie z. B. in Sachsen ausgeschlossen sind, für sie von Bedeutung sind. Die materiellen Interessen sind so allmächtig, dall sie jede idealistische Regung unterdrücken. Andererseits ist das Bedürfnis des gesellschaftlichen Anschlusses an die Kreise der Assimilation stark und wird auch schon in anti/ionistischen Kreisen ganz richtig verstanden Es gibt heute Anfänge einer Ostjude!1|>olitik des antinationalen Judentums, das auf die assimilatorischen und gesellschaftlichen Bedürfnisse der bisher von ihm abgelehnten ostjüdischcn Schichten spekuliert. Die hestehenden Organisationen von besitzenden Ostjuden, die sich vor allem mit Fragen der Ostjudenhilfe befassen, sind der Differenzierung unter den Ostjuden selbst nicht Herr geworden. . lX־r Gegensatz zwischen den Juden aus den einzelnen Gebieten, insbesondere zuisehen litauischen und galizisehen Juden, tritt so deinlieh hervor, daß die organisatorische» Zusammenhänge ganz äußerlicher Natur bleiben und bei jeder Gelegenheit wieder gesprengt werden können. Die Zionistische Organisation muß wissen, daß sie die Ostjuden nicht •als eine außerhalb ihrer Reihen stehende Sorte von Menschen organisatorisch erfassen darf. Innerhalb der Zionistischen Organisation muß genau so, wie das loci unseren ersten Ortsgruppen in Deutschland der Fall war, die Kraft der zionistischen Idee in gleicher Weise an westlichen und östlichen Juden wirksam werden, und alle Sonderorganisationen sind nur dann für uns wertvoll, wenn wir sie mit dem Geist t