Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 41-42 (29.6.1920)
- Date
- 1920-06-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 JUE1M׳!;.UMoocexu Seite 331 ״־• 6k .1111' die öffentliche Meinung, namentlich Amerikas, das sieh wiihreml des Krieges in steigendem Malle Tür die indische Sache interessierte, trat der Gedanke, die Sym- |),1!l11e mul Dankbarkeit der über die Welt verstreuten IS Millionen Juden zu gewinnen, England weiß, dal! es nicht ein Protektorat über irgendein Volk übernimmt, wie es seine Koloniulvülkcr sind, sondern ober ein Kulturvolk; es kann uns nicht betrachten als coloiired people, sondern •es hat mit uns als mit einer Kulturnatnui zu rechnen. Deshalb trat neben diese realpoli tische Erwägung, sieh im Orient einen Stützpunkt zu schaf{£11, am andere t.rwägiuig, sich die Preiindschaft, die Sympathie», die Dankbarkeit dieses über die Welt zerstreuten jüdische» Volkes zu gewinnen. Es waren eng yerkmipft mit all diesen realpolitischon Erwägungen Grunde sehr einenwerter und sehr achtenswerter Art, die Englands Staatsin,unter vermochten, den Zionismus /.u fordern. Es w;u ,lies eine hei diesen Staatsmännern ganz, offensichtliche liefe Sympathie für rite zionistische Idee, Nach meiner Ansicht wäre der jHili sehe Erfolg, den Weizmanu und Sokolow erreicht Jtaln a, nicht erreicht wurden, wenn diese Sympathie iniht vorhanden gewesen wäre. Das gerade macht die Grobe der uns gegenüber betriebenen englischen Politik aus. Geehrter IXIegiertcntag! Wir haben in unseren Keilten manche, die gewiß von sehr achtenswerten ried,nikeii mul Motiven bewegt, zuweilen unserer engliwlicn Politik gegenüber so etwas wie eine moralimci ende Haltung entnehmen und die da meinen, es .et letzten Eudes unsittlich, Intercssenpolitik mit solchen ideellen Gesichtspunkten zu verknüpfen. leb meine, das ist eine Verkeimung und eine Ungereditigkvit. Interessen verfolgen gewiß alle Völker auf der Erde, verlolgl auch das jüdische, verfolgt auch das englische Volk. Gewiß ist zu unterscheiden zwischen den notwendigen nationalen Interessen eines Volkes, das um sein Dasein ringt, das einen Fleck auf der Erde haben will, und dem Interesse eines auf Macht gegründeten Imperialismus. Es ist auch sicherlich nicht unsere Aufgäbe, uns /um Anwalt tles britischen Imperialismus ״der überhaupt eines Imperialismus /u machen. Die meisten von uns werden sicherlich ihre persönliche Meinung dahin abgebe», daß sie Gegner einer machtimperialistischen Politik sind, und daß sie wünschten, daß an Stelle der Macht /wischen den Völkern das k'eclit träte, und daII kein Volk unterdrückt und vergewaltilgt mul jedem sein Recht gewährt werde. Aber wie die Verhältnisse heute auf dieser Erde liegen, und wie sie noch auf lange hinaus liegen werden, so ist es doch ubeitrieben, wenn wir gegenüber dein, was England getan bat, moralisierend auftrete» und sagen: Es sind nur Erwägunge» eines Maehtimperialismus, der seine Macht erweitern will, und wenn man die Achseln /.tickt darüber, daß mit solchem Machtstreben auch noch ideelle Gumde verbunden werden. Gerade in unserem Palle haben wir zu solcher Betrachtungsweise gar keinen Anlaß. Denn gerade in unserem Fall behaupte ich, daß diese ideellen Motive stärker waren als die der ״Real•!Hilitik“. leb behaupte, daß alle jene Erwägungen von dem Nutzen, den ein künftiges jüdisches Palästina für Englands Weltreich haben kann, nicht durchschlagend gewesen wären, und die englischen Staatsmänner nicht veranlaßt hätten, sieh für uns ciuzusct/.cn. wenn nicht noch stärker in ihnen gewesen wäre die Achtung vor der nationaljüdisehen Idee und die Sympathie für den ׳« יdanken, das alte Bibelvolk in seinem alten Lande wieder ansässig zu machen. Hier spielt gewiß wiederum die alte Weisheit engliMÜer Staatsmänner mit, die erkannte, daII es höchste Staatskmist ist, die eigenen Interessen zu verknüpfen mit dem wohlverstandenen Interesse anderer Völker. Weil aber gerade bei unserem Fall diese ideellen Motive einen so hervorragenden Anteil an der englischen Ent- Mhliellung gehabt haben, sind wir ihm zu besonders tiefem Dank verpflichtet. Das muß auch unser Verlv.iltms zur Mandatarmaeht bestimmen. Sie wird uns sicher die Freiheiten geben, die wir im Laufe der Entwicklung mi Palästina benötigen werden. Aber wir brauchen auf lange Zeit seine» Sehnt/. Wenn dann das jüdische Palästina erwächst, so werden wir unter dem Schutze Englands die »»gedeutete Verständigung niit der arabischen Welt ,•!»streben. Es wird kein Gegensatz sein /wischen der Verständigung mit den Arabern und der mit de» Engländer». Fragen wir, was uns England im einzelnen gibt, so können wir beute schon ungefähr lolgeiules sagen: Dr. Wci/mann hat es so ausgedrückt: ■ England gibt uns den Rahmen, in dem wir in Palästina I irbeJten können. Der Friedensvertrag hat uns das eine | Große gebracht, daß der Anspruch des jüdischen Volkes J .!!!erkannt worden ist, England wird uns ferner gehen | eine freie und ungehinderte Einwanderung ai/Phllcn Län- J «lern, sowie Erleichterung der Naturalisation. Alle Juden, j die nach Palästina einwandern, werden schon nach t ymem Jahre die Möglichkeit haben, palästinensische I Maatsbürger zu werden. 4 . ziottistiselic Organisation wird das Recht halten, j iut ihre Lmpfehlun^ Juden nach Palästina zu bringen.; i s wird eine Art von zionistisdiern Passivmu in der einen t «*der anderen Form geschaffen werden. Wir werden die 1 ""1wendigsten wirtschaftlichen Konzessionen erhalten, 1 v״r;,lk'm "׳erden diejenigen öffentlichen Arbeiten, die * י»™ von der Landesregierung selbst ausgeführt werden, ,,!"1״sehen Kolomsationsgesellschaft zur Ausführung <1,0 ,cm" "״rt.e,\ l)i0 Ucsctzgebimg wird im Sinne VniKs!־”״'". k’sl״ll!l״K lies L'm;k's ׳ungestaltet werden SrhisP'n' 1 ""״ ־ c״ v<dk Fadheit in Sprache und Beluinb•1?!*''.־ ,Kr J*:w.'isl1 (>nmci!, der der englischen d is in1fis,.nr.‘,tf1!1 1Z״r ^cite stchcn wi״k "drd gleichzeitig als offiyi.u 1.11,״55 ״"''M'n überwachen. Der Sabbat wird ik's I ״ו,! .c r. al״'rk;umt werden; die Münzen Schrift ו,-,'k wcnlc,״ hebräische, englische, arabische Auftu mV >r , 1.; md St':'d‘lL־ werden Sclbstverwal- ן < nJä-L•-011 ,״' Nachdem nun Herbert Samuel als erster 1» f,nach Palästina entsandt wird, ist dies י nmwLi 1111 k'cl״|geuder Rahmen für uns, den wir j ן , twscre Arbeit ausfülle» müsse». Mehr konnte t n 11^uhgen Landesverhältnissen uns nicht gegeben 1 craen. Es war nicht möglich, einen jüdischen Staat j j- (•™0den, wo noch keine Juden sind, eine jüdische : ^""«Verwaltung einzusetzen, in einem Lande, wo die 1 Juden nur 10 0/0 der Bevölkerung bilden. Urteere Arbeit im Lande Die Arbeit mIIc.I liegt jetzt vor uns. Es ist heute j schon ausgesprochen worden: Wir haben die Menschen;!ml (iahen, glaube ich. auch das Geld, um die Arbeit durch/iifühieii. Daß die Aufgabe schwer ist, davon sind wir alle mehr als je durchdrungen. Einzelheiten hierüber werden Ihnen in den Palästina-Referaten vorgetragen werden. Hier möchte ich nur weniges für unsere« Palästina-Arbeit unter politischen Gesichtspunkten hetonen. Wir wollen eine möglichst große Einwanderung und Kolonisation, aber eine Kolonisation, nicht eine Mcnschcnauhiuitung. Wir wollen ein jüdisches Palästina;iut' einer gesunde» wirtschaftlichen und gesunden sittliehen Grundlage. Wir wollen gewiß nicht zu ängstlich sein und sollen nicht aus Angst, es könne etwas falsch gemacht werden, einem engherzigen Bürokratismus verfallen, der durch Büros erst ängstlich jede Präge regeln will. Wenn wir dergleichen irgendwo aiitrelfen, sollen wir es gewiß bekämpfen.' Wir müssen dem Willen der Zionisten, der nach 'Palästina drängt, ihrem Unteruehmungssinii, ihrem Wunsche, so raseit wie möglich in Palästina etwas auf/urichten, weitesten Spielraum geben. Aber wir müssen von vornherein erkennen, daß diese ganze Arbeit unter gewissen leitenden Gesichtspunkten erfolgen muß. Der erste ist, daß wir nicht irgendwo 11ml irgendwie eine Meusdienanitäultmg haben wollen, sondern «laß wir das Land erwerben müssen. Wenn wir nicht das ganze, das flache Land in unseren Besitz bringen, so war alle Mühe ,vergeblich, dann wird es kein jüdisches Palästina geben. Wir sollen nicht aggressiv gegen die arabische Bevölkerung nuftreten, aus dem Prinzip der jüdischen Arbeit nicht eine Kampfparole gegen die Araber machen; wir sollen überhaupt nicht schreien, sondern arbeiten, auf dem Lande, im Lande, damit das Land jüdisch wird, sonst kann das jüdische Palästina nicht aulgerichtet werden. Das ist der eine leitende Gesichtspunkt. Aus nationat-politischen, aus volkshygieniselten, aus Wirtschaftliehen Gründen müssen wir die dichte ländliche An- Siedlung erstreben. Die städtische Ansiedlung wird viel schneller kommen, da bringen die Juden alle nötigen Voraussetzungen viel eher mit. Ich meine, daß alle diejeuigeu sieh täuschen, welche glauheu, daß diese Lindliehe Kolonisation so leicht geleistet werden kann, ohne jede Vorbereitung und Schulung. Ich bin keineswegs der Meinung, daß die Jugend in Westeuropa׳ von den landwirtschaftlichen Berufen ferngchalten werden solle. Im Westen wie int Osten muß erst eine Jugend heranwachsen und geschult werden, die zum Aufbau des jüdischen l';1!astiua imstande ist. Litt zweiter national-politischer Gesichtspunkt ist die nationale Erziehung und der Hebraisimis in Palästina. Wir müssen bedenken, daß es ein werdendes Palästina ist, das auch bedroht sein wird durch die Assimilation. Wir werden eine Eiiiwamlorermassc bekommen, die nicht hebräisch sprechen kamt. Wir werden eine jiddisclmtischc Bewegung halten, wir werden die Gefahr einer Assimilation bekommen durch all die Juden, die dort hinkommen und sich einerseits an das Engländertum assimilieren, andererseits von der Kultur ihrer alten Umgebung nicht lassen wollen. Ehen deshalb ist cs notwendig in! politischen Kinn, ein nationales hebräisches Fr/.iehtingswcscn in Palästina durch/usct/en, das vom nationalen Geist erfüllt ist. Als dritter!,unkt ist die soziale Gesetzgebung in Palästina zu beachten, die auch von vornherein in einem solchen Geiste geleitet weiden muß, wie sieden Wünschen und Anforderungen der Juden entspricht. Wir müssen das Land jüdisch machen durch jüdische Arbeit, wir müssen die Juden jüdisch machen, palästincnsisdi maelien durch nationale und hebräische Erziehung, wir müssen eine soziale Gesetzgebung haben, damit das Gemeinwesen auf gesunder Grundlage ersteht. So steht das politische Paläsiinaproblem vor uns. Neben diesen Hauptproblemen, die ich kcmt/eichncte,. versdiwinden die kleineren politischen Probleme. F.s gibt noch andere politische Interessen in Palästina. Sie wissen, daß wir von Frankreich gewisse Schwierig- Leiten wegen der Nordgrcn/e haben, die noch nicht überwunden und-geregelt sind. Wir haben auch gewisse Einflüsse von katholischer Seite. Die Mandatarmaeht wird selbstverständlich den christlichen Einflüssen Rechniing trage» müssen. Wir haben schließlich als politisches Problem unser Verhältnis zu anderen Staaten, zur poli* tischen Welt überhaupt. Eigentlich sind alle anderen Staaten außer England an Palästina jetzt desinteressiert. Wir ׳haben aber ein Interesse daran, auch vom Standputtkt unserer Galuthpolitik aus, daß bei,, allen Regieriuigen und Völkern Verständnis und Sympathie für uns, vorhanden ist. Es bleibt daher eine Autgabc ziouistiseher Politik, in allen Ländern dieses Wohlwollen der Regierung und der öffentlichen Meinung zu erlange», diese Ailiiiiüsphäre des Wohlwollens zu schaffen, "von der I lerzl sprach, und ohne die der Zionismus nicht gedeihen kann. Galutli-Poütik Ich wende mich nun dem anderen Hauptproblem jüdischer Politik zu, nämlich der Diaspora-Politik. Es erhebt sich die Grundfrage: Kann es überhaupt eine ein- Iteitliche jüdische Politik für Palästina und die Diaspora geben? Was dagegen spricht, liegt auf der Hand: in Palästina soll ein eigener jüdischer Wirtscliaftskörper, eine einheitliche und autonome jüdische Kultur entstellen, alle Beziehungen des einzelnen Juden zur Wirt- Schaft, /.tun Recht, zur Politik sind ohne weiteres jüdische Beziehungen, ln der Diaspora ist solch volles jüdisches Eigenleben nicht möglich. Gerade um es zu ermöglichen, gehen wir nach Palästina. Und dennoch gibt es eine höhere Einheit, die Palästina und die Diaspora verbindet und im Zionismus repräsentiert ist. Diese Einheit ist jtn nationalen Willen gegeben. Was bedeutet dieser unser nationaler Wille? Was er in Palästina bedeutet, ist ganz klar; dort soll und wird er ein jüdisches Gemeinwesen schaffen, in dem nationales Wolle» die natürliche Lebenssphäre sein wird. 1» der Diaspora dagegen ist der nationale Wille darauf gerichtet, eben dies jüdische Palästina zu schaffe». Der Ursprung dieses Wollens liegt, wie wir immer wieder erklärt habe», nicht im Antisemitismus, er bedeutet keineswegs die Flucht vor den Schwierigkeiten, die ja durch Assimilation gewöhnlich leichter zu bewerkstelligcn ist. Und der nationale Wille bedeutet auch nicht bloße Wohltätigkeit für notleidende ()stjuden. Vielmein׳ bedeutet er den Drang zur nationalen Wiedergeburt, er ist die UlenUlizieniug unseres eigenen Schicksals tmt dem der Gesamtheit tles Volkes. Wir selber wollen - wenn auch viele von mi« nur im Geiste das jüdische Palästina sein. Diese» aller ständig gegen alle Widerstände der Diaspora, gegen die natürliche Assimilation, der wir uns alle gar nicht entziehen können, gegen die bewußte Assimilation, die von den äußeren Umstanden gefordert wird, gegen Antisemitismus und äußere Not, schließlich gegen die Verlockungen der Umwelt dauernd zu wollen — dies ist nur solchen Juden möglieh, denen das nationale jüdische Ziel wichtiger ist als alle anderen Bindungen und Beziehungen zur Umwelt. Dies ist es, wa« man den ziohistisclien Radikalismus nennt, ttud hier liegt der wahre Gegensatz zu den Assimilanten, d. h. zu denen, in denen dieses alles andere tibertöneiide Stimme jüdischen Nationalgefühls nicht klingt und die deshalb auch für das jüdische Palästina nicht wirklich zu gewinnen sind. Nun wird von allen Seiten für die Bewohner des künftigen jüdischen Palästina solch Primat des Judentums als natürlich anerkannt. Wir Zionisten erkennen dies Primat auch für die Diaspora an. Wäre dem nicht so, so könnte es hier /war Philo/ioiüsmus, nicht aber eine den ganzen Menschen ergreifende Bewegung geben. Aus dieser Feststellung folgt noch nicht unmittclbar ein Programm für die Diaspora, folgt noch nicht die Notwendigkeit aktiver Betätigung auf diesem oder jenem Gebiet der l)ias|x>raarbeit. Aber die Vorausset/.ung zu »II solchen Arbeiten ist tatsächlich im Ziolüsmtis dadurch gegeben, daß in ihm das Judentum den Vorrang vor allen anderen geistig-sittlichen Bindüngen, die die Juden mit der Umwelt verknüpfen, gegeben ist. Der Zionist lebt liier wie in Palästina für die jüdische Wiedergeburt. Mit Nachdruck sei betont, daß wir Konflikte mit <101 Umwelt nicht nur nicht suchen, sondern vermeiden, und wo sie unvermeidlich sind, mildern wollen. Tatsächlich bestehen keine realen Interessengegensätze zwischen unserem Palnstina/iel ‘und den Interessen irgendeines Volkes oder Staates. Soll aber in diesem Gedattkeugang unsere grundsätzliche Stellung theoretisch bis in alle Konsequenz die letzte Konsequenz jüdisch-nationaler Auschaumig rein theoretisch ausgesprochen werden, so erklären wir ganz offen: Falls jemals wirklich ein tiefer Gegensatz der Interes-e» zwischen dem jüdischen Volk und einem anderen Vctk sich auftun sollte, so wissen wir auch in der Diaspora, auf welche Seite wir gehören. Denn es ist letzten Eudes nicht unsere Aufgabe, das Deutschtum oder das Engländertum oder das Franzosentum durch die Geschichte zu tragen, es ist unsere Aufgäbe, das Judentum durch die Geschichte zu tragen. Nur weil wir so fühlende Menschen sind, wurde der Zionismus möglich. Auch der reine Palästina/ionismus setzt solche radikale Grundstimmung voraus, sonst wäre er nie geworden. Stellung zum Staat Wie stehen wir demnach zum Staat und zu den Völkern, unter denen wir leben? Wir anerkennen 1111 Begriff des Stnatsbiirgcrtums den vollkommen richtigen Ausdruck für das Verhältnis des Juden zur Wirtschaft, Politik und Kultur seiner Umgebung. Wir anerkennen auch über die forinelrechtlicben Beziehungen des Bürgers zum Staate hinaus das Vorhandensein tieferer seelischer Verknüpfungen, die aus der Verbundenheit des Juden mit der Kultur der Umwelt hervorgclivu. Dennoch beanspruchen wir vollste Freiheit unseres nationalen jüdischen Denkens und Handelns. Dies steht, wie schon gesagt, praktisch nirgends im Gegensatz zu unserer staatsbürgerlichen Stellung, doch steht es gedauklieh im Gegensatz zur politischen Theorie des Konfcssionsjudeutums, das unser nationales Empfinden auslöschen und nur die religiöse Sonderart, nur das religiös.׳ Sonderrecht bestellen lassen wollte. Welch Irrtum liegt doch in der Meinung, daß damit die Position der Juden gegenüber ihrer Umgebung erleichtert sei! Für das Empfinden der christlichen Völker bestellt gar kein Unterschied, ob die Juden nur als Konfessionsgemein- . Schaft oder auch als nationale Gemeinschaft ihre Sonderart bewahren wollen. Ein jeder weiß ja, daß »lie Juden ein Volk waren, daß sie es trotz allein noch heute sind, und nur ein boshafter Antisemitismus kann in der Somlerart der Juden den Vorwand zu ungerecht- ■fertigte» Angtiite» gegen die Juden linden. Wir sind also der Meinung, dal! unser nationaljüdisches Bewußtsein das Primat unseres nationalen Wollens sehr wohl ein harmonisches Verhältnis der jüdisehen Staatsbürger zu ihrer Umwelt ermöglicht, wo nur eine gerechte und vernünftige Betrachtung der Eigenartigkeit und Einzigartigkeit unserer Stellung versucht wird. Staaten, die unser nationales Wollen zu unterdrücken suchen, sind nach unserer Auffassung genau so barbarisch wie die mittelalterlichen Staaten, in denen die Religion des Landesherr» auch die Religion der» Landeskinder sein mußte. Staaten, in denen ein so rückständiger Geist herrscht, sind nicht wert zu bestehen. Denn!wichtiger als der Staat ist der Mensch und die nationale Freiheit des Menschen. f ״ ׳Radikalismus“ Bei der Bekeniumg um) Betätigung des nationaljüdischen ,Willens wird zuweilen der Vorwurf des leeren Radikalismus ■erhoben. Dieser Vorwurf erscheint tatsächlich!in gewissem Umfang berechtigt, wenn mau bedenkt, /daß wirklich zuweilen diese radikalnationale Grundcntpfindung in allgemeinen Worten zum Ausdruck /gelangt, ohne daß doch konkrete Forderungen aufgestellt;werden, Der Radikalismus läuft gewissermaßen leer, seine Maschine macht Lärm, ohne etwas zu produzieren. Aber inan inaß andererseits anerkennen, daß solche Bestrebungen, solche Versuche zu eigener mationaijüdischer Politik doch einem gewissen moralischen Zwang ün Nationaljuden entstammen, einer Art von Reüilichkoitsgefühl, daß auf ehrliche und klare Beziehungen zur Umwelt drängt Ich bin also der Meinung, daß diese radikale Grundeinstellung richtig ist, richtig einfach in dem Sinne, da.! ohne sie kein Zionismus und keine Art von selb• ständiger jüdischer Politik möglich wäre. Her/J dachte und fühlte ganz gewiß so radikal eilt