Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 41-42 (29.6.1920)
- Date
- 1920-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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S:ue 326 1 u EDISCH E RUNDSCHAU Nr. ■U ״Jüdische Wellhilfskonferenz“ Ein Aufruf des ״Komitee der jüdischen Delegationen“ Seitdem das Komitee 1101־ jüdischen Delegationen im September PH1• ,111׳ ilie 1 liliskuinitees und diejenigen jüdischen (>1 <4;1 nisuזiL)11011, welche sich teilweise mit I Iths- ,11 heilen belassen, einen Appell erlass-m hatte, in welchem die Notwendigkeit einer jüdischen Wcllltilfskoiilcrenz, dargelegt wurde, hat es nach dieser Richtung hin eine Keilte von wichtigen Arbeiten vollzogen mul mamiigfällige Aktionen unternommen. Das Komitee der jüdischen Delegationen,׳ welches in Paris /nsamniengekomnien war, um für die Juden dei neu ergrünileti'n oder iiiiigcstalti'ton Staaten politische, büigcilielii' und nationale Gleichberechtigung au( internationalem Wege zu sichern, halte /un.ichst erklärt, dal! es zur Liiiberul'img der jüdischen Wclthilfskoiilcren/ nur die Initiative crgriH'en habe, da IS es aber Aulgabe der I liltsorgaiiisationcn selber sei, vor allem der maßßcbeii* den. das Ziel zu verwirklichen. 1 :ist nach Monaten, als e- <;clt lu rausstellte, dal! die Idee ticIahr lief, wohl Anklang /tt finden, aber nicht realisiert zu werden,, griit das Komitee der jüdischen Delegationen zur aktiven I n׳, /nt I iiiberulung der I lilfskonferen/. Es wandte sieh dann mit direkten l inladimgeu an sämtliche Hilfskomitees und die betreffenden jüdischen Organisationen. Aus der Liste der eingeladenen Organisationen, die nächstens veröffentlicht werden wird, wird inan ersehen, mit welcher Vorsicht mul Objektivität das Komitee der jüdischen Delegationen dabei verfahren ist, wie es nur eine Rücksicht kannte, die Rücksicht aut das Wohl de! icnigen Millionen Juden, deren Schicksal durch die künftige Rekonstruktioiisarbcit entschieden wird, den Wunsch. ((.111 das grolle lliltswerk auf ünuid eines durchdachten mul planmäßigen einheitlichen Programms diirdigelührt werden und nicht dem Zufall überlassen werden soll. Sehr viele Zustimmungen, zum Teil recht stürmischer Art, and uns bei unserer Arbeit /.tigegangen. Die ״rollen .Massen des Judentums haben uns aus den vcrschiedeii'teii I amlent ihre Trcude und ihre Sympathien aiisgediuckt. Nun äußerten wohl bestimmte Kreise dem Ucdaiikcit der Eiubcrufimg einer jüdischen Weltliilfskonteren/ gegenüber gewisse Bedenken, indem sie den Zeitpunkt für verfrüht oder eine allweltliehe Zusammenkuiii; um Juden für der/eit gefährlich und zu Miltvcr- •.tamims-cu Anlait gehend aiisahen. Wir halten diesen Standpunkt tur schädlich. Was wir wollen, scheut wahrlieti nicht das Lieht der Oeffeutliehkeit. Lin Aufschub heute bedeutet einen Aufschub für Jahre. Wir glauben umgekehrt, dal( es bereits die höchste Zeit sei, eine allweltliche indische I lilfskonferen/ eiu/uberuteii. Ungeheitre lichtete sind herei'ts jetzt vorhanden, in denen die Probleme, mit denen die I lillskoulereitz sieh befassen wud, völlig spruchreif sind. Iiidcll auch für die anderen Lander sind s.lion jetzt Vorarbeiten dringend, wenn man an ein.׳ -.,;atere ernste Rckonstruktionsarbeit denkt. Außerdem muH das Judentum der ganzen Welt erfahren, w'elehe ungeheure Dimensionen der Ruin der jüdischen Millioiicnmasscn angenommen hat. Das Judentum der gan/cii Welt muH auf Grund von authentischen Berichten ein klares Bild von dem ganzen Llend erhalten, es itnili aber auch feststelleu, welche Mittel notwendig sind, run diesem Llend zu steuern und den Untergang von ungeheuren Teilen unseres Volkes zu verhindern. Aus dem allgemeinen Bilde über die Not und über die I )lULcnsioiien der künftigen Hilfsaktionen, wird die Repi.isentanz der au der Mille beteilig• tcu Faktoren, werden auch die •kapitalkräftigen Teile des Judentums einen Schiltli zielten, welche Opfer sie bringen müssen, tun den wirtschaftlichen Wiederaufbau des jüdischen Volkes zu ermöglichen. Ohne dieses Bild,־ ohne gründliche Erörterung der Probleme der Kekonstruktionsarbeiten bestellt Oefalir, dal( alle Opfer, Welche die Im.m/icli Die große Täuschung Von I >r.‘ Elias Auerbach. W er das neueste Buch von I)elitzseil ״Die grolle Täuschung“') überfliegt, sieht unwillkürlich immer wieder nach dem Titelblatt׳. Mau kann sich des Liedankens kaum erwehren, daii hier, unter Millbrauch eines herühmten Namens, ein Mann etwa von der Art des Hammer-Fritsch den Erzeugnissen seines jiidenwütigeu Oeistes eine breitere Oeffeutliehkeit verschaffen will.. Aber nein, leider nein! Das Buch ist wirklich und wahrhaftig von Friedrich Delitzsch gesell riebe«, dein Sohn jenes I 1,111/ Delitzsch, dessen Name nicht nur von den Juden allezeit als der eines aufrechten Verteidigers der Wahrheit und Menschlichkeit in Ehren gehalten werden wird, sondern auch in der deutschen Wissenschaft und der deutschen Kultur als einer der Fdelsieu und Vornehmsten Fhrcnbürgerrccht genieKt. Dessen Sohn, Friedrich Delitzsch, der berühmte Erforscher der assyrischen und babylonischen Denkmäler, fühlt sich als Siebzigjähriger veranlaßt, gegen ״die grolle Täuschung“, durch die der christlichen Welt die jüdische Bibel ״das alte Testament“ listig als heilige Schrift anfgedrängt worden ist, in leidenschaftlicher, ja in mal!• loser Weise Stellung zu nehmen. Wir haben es hier, wie wir bald sehen werden, nicht mit dem Gelehrten Friedrich Delitzsch zu tun, denn auf dem Gebiete der Bibelw isscuschaft kann er die Autorität nicht in Anspruch nehmen, die er als Assyriologe mit Recht genießt, sondern mit einem politischen Schriftsteller. Um es von vornherein kur/ /u sagen: Das Buch ist eines der gehässigsten Pamphlete im Stile Chamberlains und rriUschs, das es in der antisemitischen Literatur bisher gibt, Und politisch ist es auch gemeint, wie Delitzsch selbst in Vorwort und Nachwort energisch zum Ausdruck bringt. Delitzsch will zeigen, daß das alte Testament nicht den Anspruch erheben kann, von der christlichen Welt als verehrungswürdige Urkunde auch ihrer eigenen Religkjn angesehen zu werden, und daß es nur durch eine beabsichtigte Täuschung, durch eine ungeheuere Suggestion der gesamten Kulturwelt von jüdischer Seite, schon ** Uenbche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin stärkeren Bnuler den anderen leisten, ihr Ziel nicht erreichen werden. Unabsehbar werden aber dann die Fol• gen für den leidenden I eil des Judentums, wenn der nicht leidende antangeu sollte, an die Nutzlosigkeit seiner Opfer zu glauben und seiner Hilfsaktionen milde zu werden. Wir hatten bereits für den Marz die Einberufung der Hilfskonferen/ ange/.eigt, davon aber Abstand genominell, als es sieh zeigte, daß viele I lilfskotuitees aus technischen Gründen nicht vertreten sein würden. Nachdem, wie wir glauben, jetzt die äußeren 1 linder- 11is.se bereits behoben Sind und neben aller notwendigen inomeutaiieJi Hilfe dennoch der Grundstein׳ und Plan für eine woitcrreicliendo Wicdcraiifhauarbeit jetzt schon in zMigrit’f genommen werden tuuß, Italien Wir beschlossen und Anordnung dafür gctrollcn, daß die I lillskoufcren/ am '27. Juli und an den lolgcndcii lagen 111 Karlsbad (Tsclicdio-Slowakieu) ahgelialten werden soll. Wir haben vorläufig /ustimmende Erklärungen von verschiedenen Komitees und Organisationen erhalten, aus: Vereinigte Staaten, Oanada, Argentinien, England, Frankreich, Italien, Griechenland, Schweiz, Deutschland,' Deiitsehösterrcieh, der Tschecho-Slo.wakci, Transsvlvanien, Bukowina, Bessarabien, Ukraine, Südrußland, Weiß- Hißiatul, Litauen, Ostgalizien, Westgalizicu, Dänemark, Schweden, Südafrika, Palästina. Fortwährend laufen hei uns weitere Mitteilungen von Hilfskomitees und Organisationen ein, welche sich um Mandate wegen der Hilfskonferenz bewerben. Alle diejenigen Hilfskomitees und Organisationen jedoch, welche an der Konferenz vertreten sein werden, fordern wir aut, mit beschleunigter Energie sich dazu vor/ube teilen, die Berichte über das Llend in ihrem Lande und über die I liltstätigkeit ungesäumt fertigztislcilcn, ihre Auffassungen über die Probleme der RcKiiustruktioii in ihrem Kreise zu klären und ihre speziellen Wünsche zu formulieren. Möge ein jedes Komitee, eine jede Organisation mit diesem Problem sich befassen und dasjenige vorbereitet), was auf seinen Teil kommt. Die Zeit ist kurz, das Ziel ist groß. Paris, 16. Juni 1020. Das Komitee der jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz in Paris. N. S o k o 1 o w , Vorsitzender. L. M o t z k i 11, Generalsekretär. Die Ueberfälie in Syrien und Nordpalästina Dr. A. B. Jaffa, 31. Mai. Wie ich in den letzten Wochen des öfteren berichtete, sind heute die Ueberfälie und Massaker gegen Christen und ׳jüdische Kolonisten im L i'banongcbiet und Nordgja.liläa a,n der Tagesordnung. Besonders gefährlich scheint die U\ge im Küsteustreifen zwischen Tyms und Sidcm und deren Hinterland zu sein. Zwischen den Tr.'in/osrii 'und den dort herumstreifeinfen hedtiinisehen Banden kommt es fast täglich za regelrechten Schlachten. Erst wurden alle Dörfer, die a!tn Massaker von Aiu-Abcl teilgenommen haben, durch Aeroplane, Schiffsgeschütze wud Tanks zu Staub /ttsa,mmenge- .schossen und kleine französische Abteilungen unternahmen eine Reihe von Strafe'xpeditioiien in der Gegend von Tyrtiis. Als Antwort hierauf erfolgte eine zweite Serie von Christenmordeil in der unmittelbaren Nähe der genannten Küstenstadt, Au die dreihundert Menschenk'beu ,sollen dabei wieder umgekommeu sein. Waltrend dieser Unruhen haben andere nictajialische Banden (eine religiöse Sekte der nordgaliläisehcn Araber) den Straßenraub zum Handwerk erhoben. Reisende wurden ausgcraitbt, •und, wenn nicht Mohaymiteduuer, sog—■;־ . —.... . .. ..1"■1 -—"!L. —il fort getötet. Letzten Samstag wurde dicht vor Salon ein. Wagen mit drei christlichen Leichen aufgetiuideii. Am 12. Mai wurde das christliche Dorf Ahadtissie, eine Stunde von Sitlon entfernt, in Brand gesteckt. Diese und andere Mordtaten haben endlich die französische *Regierung zu energischen Gegen m<a((nahmen herausgefordert. * Die christliche Bevölkerung erhielt überall Feuerwaffen /.um Selbstschutz, hi Tvrus wurde Milttar gelandet, ein Kreuzer vor *Sidon postiert, atnü wurden Maschinengewehre auf der;dteii Zitadelle dieser Stadt aufgestellt. Die mohammedanischen Araber verkundigen, daß sie sich dadurch nicht werden a,!:schrecken lassen. Offenbar, um der Lage ein für allemal llcir zu werden, haben die Franzosen die Hilfe der brittsehen Strcitkiullc in P.dastma äugenden. In Mettüla kampiert gegenwärtig ■eine britische Kompagnie mit ihren Zelten, Nach Tvrus kamen zwölf englische Panzerautomobile und einige fuhren weiter nach Sidon, Auch nördlich Sidon lagert, englisches Heer. Es muß wahrheitsgeinäß berichtet werden, da,II mit der Ankunft der Briten die* Gemüter sich übeVall beruhigen, weil die Gewißheit vorherrscht, daß der geringste Versuch der Ruhestörung die strengsten und nachhaltigsten Repfessalicu nach sich ziehen würde. Die Engländer haben iu allen diesen Ortschaften den verschärften Kriegszustrwid erklärt und ein Verbot erlassen, naelt S l'lr abends atts/.ugehen. Allein, es wäre falsch, zu glauben, daß die!,eherfalle sieh nur a׳ttf die französische Einflußsphäre beschränken. Vielmehr haben .auch die europäischen, mctst jüdischen Siedlungen diesseits der Demarkationslinie noch immer darunter zu leiden. Erst vorgestern wurde dis; Kolonie Mcsha am Tabor durch eine bewaffnete!lande ostjordanischer Beduinen und agteh ortsansässiger Araber überfallen, zwei jüdische Kolonisten getötet und die Herde mit Gewalt w eggelührt." Leider war aK Schutztruppe nur ein kleines Häuflein Gendarmen, sieben an der Zahl, vorhanden, so daß die Abwehr sieh auch liier auf den Widerstand der schlecht bewaffneten Einwohttcr beschränken mußte. Es ist verwunderlich, wie wenig, für die Sicherheit der DortlnAvoliner in Gniiläa gerade jetzt gesorgt wird, wo diese mit den Ernteprheiten beschäftigt sind. Die Schutzmaßnahmen hangea offenbar ganz, vom Willen und Verständnis der eiu/eineu Ortskommandanten a(b. Während z. B. iu det Umgebung von Haifa umfassende 1md wirksame Maßnahmen zur Abwehr der Ueberfälie getroffen wurden, geschieht dies andernorts mit unglaublicher Lässigkeit, so daß Leim ersten Zusammenstoß Opfer faßen müssen. Line wirkliche Besserung nach dieser Richtung Im! wird erst, darüber ist man sich hier im klaren, jiiit dem Augenblick der Einsetzung der vielerwarteten Zivilregierang möglich sein, die in erster Linie dafür besorgt sein wird, daß im Laude endlich Ordnung mul 40*, ״. herrschen, (Neue Züricher Zeitung.) Das neue Arabien In der ״Frankfurter Zeitung“ (Nr. 2)1־) findet sic* ein Artikel über ״l> a s a-r a l> i s c h e R e 1 e h" von Dr. O. Li. v. Wesendonk, der ain Schluß ,interessante Ausführungen über das Verhältnis des neuen Arabien zu Frankreich « und England enthält. Obwohl die jüdisch-arabische Frage dort nicht erwähnt wird, besitzt das dort Gesagte auch für den Zionismus großes Interesse. ״Als der in den Erfahrungen des Tripoliskricges /.um Mystiker gewordene l.nver den Islam als solchen durch die Verfasser dieser Urkunden selbst, gelungen ist, die christliche Welt zu dieser Anschauung zu verführen. Au drei Stoffgebiete der Bibel seitließen sich Delitzschs ״kritische Betrachtungen“ an: Das Eindringen der Israeliten in Kanaan, die Gottesoffeubanmg am Sinai und die Wirksamkeit der Propheten. Den Bericht über den Einbruch der Israeliten in Kanaan nennt Delitzsch ״eine durch und durch verlogene Darstellung" und er will gleichzeitig zeigen, daß die mit der Eroberung des Landes verbundenen Erscheinungen das Volk Israel und seine Gottesanschauung auf niedrigster sittlicher Stufe darstellen. Schon hier ist die ganze Fiiistclliiiii; Delitzschs gegenüber dem biblischen Bericht eine durchaus unwissenschaftliche, geradezu naive. Auf der einen Seite betont er fortwährend, daß der Bericht der Bibel in keinem Punkte Glauben verdient, auf der anderen Seite benutzt er ihn. ohne Bedenken als Grundläge /u Schmähungen gegen das jüdische Volk. In laugatmiger Weise erzählt er die Geschichte von der Eroberimg Jerichos unter Josua und kommt zu dem glänzenden Ergebnis, daß der Bericht von dem wunderbaren Einsturz der Mauern Jerichos erlogen ist, daß die Wahrheit lautet: ״Eroberung mittels Verrats einer zu diesem Zwecke bestochenen Hure“. Schön! Wem erzählt das Deüt/sch und was will er damit sagen? An den Gcschiehtsdarstelhmgen der Bibel historische Kritik zu üben ist das Recht wissenschaftlicher Forschungen; und diese Forschung hat in umfangreichen und wertvollen Arbeiten das Zusammenwirken von geschichtliclien Erinnerungen von phantasievoller Dichtung, von Legende, Märchen, Mythen und Sagen aufztihellen sich bemüht. Brauchte cs einen Delitzseh, um in so gehässiger Form zu sagen, daß Wunder und wirklicher geschichtlicher Hergang Gegensätze sind? Aber Delitzsch hat absolut kein Verständnis dafür, wie in der antiken Welt, in der Entwicklung jahrhundertaltcr Traditioneu Geschichte und Legende ineinander verwoben werden -- nicht nur bei den Juden, sondern überall und er nennt den so entstandenen Bericht eine grobe ״Täuschung". Eine Täuschung gutgläubiger Nachwelt ist es also auch, wie Herodot die Geschichte seines Volkes und Vorderasiens erzählt, die von Wundern und Orakeln überreich durchwoben ist, eine Täuschung, wenn Hanitnurahi von Babylon erzählt, daß sein Gott Mardttk ihm die Herrschaft der Welt verliehen habe, eine bewußte Täuschung schließlich (nach Delitzsch), wenn die Kaiser und Könige aller Zeiten bis in unsere Tage sielt als von göttlicher Gewalt eingesetzt bezeichnen Wenn Delitzsch konsequent ist, wird er diesem ersten Bande bald einen zweiten folgen lassen müssen ״Du größere Täuschung", in dem er die zahllosen Wunderer/ählungen des neuen Testaments, wie sie sielt in de* Evangelien und der Apostelgeschichte linden, als bewußte Irreführung der Nachwelt durch die Verfasser dieser Schriften erweist und die Folgerung zieht, daß el.c christliche Welt sich endgültig von solchen unwahrhaltigen auf niedriger sittlicher Stufe stehenden Tausclumgsvcrsuchcn abwenden muH. Hier sieht man, wie kindlich, um nicht zu sagen kindisch, wie völlig mihistorisch diese ganze Art der Betrachtung alter Geschichtsberiehte ist. Delitzsch will aber an dem Bericht über das 1 indringen der Hebräer in Kanaan noch mehr zeigen. Ir ereifert sieh seitenlang über die entsetzliche Grausamkeit, mit der die Israeliten die unschuldigen Bewohner* des Landes zur völligen Ausrottung verurteilt liaßei! Es wird׳ richtig sein, daß bei dem Einbrdch der imiroä׳ sehen Stämme in Palästina viel Blut geflossen ייו■ Aber so etwas ist sicher nur bei Juden möglich. Als die Germanen im Altertum und bei der Völkerwanderung ihre Sitze einnahmen, sind sie sicherlich nur aut Grund gütlicher Vereinbarungen, unter Schonung dei Landeseingesessenen, in ihre Länder gekommen. Es wäre nach Delitzsch sicher eine Verleumdung, daß die Frauken, die Langobarden, die Westgoten, die Vandalen Räuber, Mörder, Plünderer, Säufer, Frauenschiinder gewesen sind. Audi die Ausbreitung der Franken nach Osten unter Karl dem Großen, die Bekehrung der slawischen Welt zum Christentum ist ganz gewiß nur mit geistigen Waffen durch logische Ueber/vugung und milde Uebcrredung zustande gebracht worden. Ist cs nicht kindisch und urteilslos, daß hier ein Mann einen einzigen Abschnitt aus der von Blut triefenden Gesdiichte der gesamten uns bekannten Welt herausgreift, um darüber zu lamentieren, daß, wenn ein Volk sich neue Sitze sticht, Blut fließt? Geradezu amüsant ist es aber, daß derselbe Delitzsch, der diese Berichte der Bibel wortwörtlich nimmt und als Anklagen gegen das Volk Israel verwendet, denselben Geschichtsschreibern Verlogenheit vorvvirft, indem er zeigt, d*nß die Kanaaniter gar nicht ausgerottet worden sind, sondern 1ms in 9pü• tere Zette* neben den Israeliten gelebt uud sich schließ- /