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Jüdische Rundschau · 1920-06-29 · Heft 41-42 (29.6.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 41-42 (29.6.1920)
Date
1920-06-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Thammus 5680 1XV. Jahrg. Der Zionismus erstrebt för da• jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.“ Jahreskonferenz und Delcgiertentag ln wenigen T.tgen tritt in London die /.ionistisclie J.-ihreskonferenz zusammen, die Hcscltiii8.se /״ fassen haben wird, welche für die Gestaltung der Arbeit in Palästina, aber auch für die Zukunft ,!er zionistischen Organisation von weittragender Bcdeiinmg sein werden. Wir haben in 'Vor keit, Mi i. M •i'.H 1 'b't;:1U IB.20, 792 ' SSI Ul; o Hol!•■ 1m> I haben in den letzten ich oft gefühlt, daß die ungeheure Oeschwindigmit der sieh die Entwicklung vollzogen bat, Sir um sich nehmen, Wege nach Erez ־ Israel Beratungen in Boulogne Verhandlung mit dem Vatikan - Amnestie — Bevorsjehcnde Befreiung Jabotinskys (Sondertelegramm der ״Jüdischen Rundschau“) London, 21. Juni Herbert Samuel, der Oberkomtnissar für Palästina, hat sich heute morgen eingcschiffl, in seinen Wirkungskreis zu begeben. Er wird in B 0 u I 0 g 11 e_ an den Beratungen Lloyd George die zwischen st&ttfiudcn. Von dort begibt er nicht nur au unsere moralischen, geistigen und materiellen Kräfte, sondern auch an die Aktionsfähigkeit des organisatorischen Apparates unerwartete Anforderungen stellt. Die Ereignisse in Lrcz-Isracl vollziehen sich aus der politischen Lage und aus der Kräftekoiisti'll,■Ilion im Lande mit unaufhaltsamer Notwendigkeit und jeder Moment fordert von uns Bereitschaft, Besonnenheit und Schlagkraft. Die endlich nach fast drei Jahren vollzogene Aendemug in der Verwaltung Palästinas gibt die größten Möglichkeiten aufbaiieiuleu Schaffens, und wenn ,he Jalueskonlereuz. über die Lin/elfragcn des Aufluus. über kolonisatorische lind finanzielle Probleme >l>rechen winl, so wird sie doch niemals den Blick mr das lian/c verlieren dürfen, immer wissen müssen, daß gerade jcl/l alles davon abhängt, daß die Zionistische Organisation selbst sich zur Re- ויןiisentantin des lebendigen jüdischen Volksorgauisums weitet, in׳ welchem verdeckte, erwachende Kräfte zum Leben, zu einer fruchtbaren •schöpferischen Aus- Wirkung drängen. Dies zu begreifen, ist die wichtigste Aufgabe in dieser kritischen Stunde unserer Organisation, die bisher vorwiegend nur ]xilitischc Organisation war und mm plötzlich ein Faktor des schäftenden Lebens, der unmittelbaren autbaucudeii Verwirklichung geworden ist. Ls ist selbstverständlich, daß dieser Augenblick nicht ohne starke Erschütterung vor sich gehen kann, ohne jene Erschütterung, die eben das Kenn- /eichen wirklichen Lebens ist. Unter diesem Oe- >ichtspunkt ist auch der. letzte Ddegierteutag vier Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu be* nachten; mul, so gesehen, wird er als ein beispielloser Höhepunkt der zionistischen Entwicklung erscheinen. Es gab auf diesem Delegiertentag lebhafte Kämpfe, heftige Stürme, aber diese Kämpfe waren doch nicht rein parlamentarische Erschcinungen, vielmehr der munittclbare Ausdruck des Gefnltls, daß in diesem Augenblick Entscheidungen von höchster Tragweite bevorstehen. Beide Gruppeu, die einander gegeiiühcrstandeii, waren von diesem Gefühl erfüllt. Nur meinte die eine, daß mit Rücksicht auf die grollen Aufgaben es Sache des Zionismus sei, möglichst viele Kräfte dadtnch zu gewinnen, daß mau mit dem Begriff Zionismus nicht gleichzeitig ein großes Maß persönlicher Lcbensverpfliclitungcn verbindet, während die andere Gruppe der Ansicht ist, daß gerade jetzt alles davon abhängt, zumindest eine Kerntruppe von Zionisten zu haben, die das Letzte auch im persönlichen 1 eben für die Verwirklichung der Idee cin/usct/cu entschlossen ist. Diese letztere Auffassung von Zioiiismus ist besonders in den Kreisen der Jugend .verbreitet, welche einerseits ihr Leben noch nicht in bestimmter Richtung und in bestimmten Bindungen festgclegt' hat, andererseits das Bedürfnis hat, sieh dort, wo sie Größe bejaht hat, ganz hinzugeben. Diese Jugend hat zum erstenmal mit unüberhörbarer Stimme ihren Anteil an der Arbeit 'nid ein adäquates Maß von Einfluß gefordert. Sie hat gewissen, in letzter Zeit unternommenen Absch wach u n gs v e rsi 1 ch e 11 der nationalen Intensität des Zionismus mit allem Ungestüm die Forderung der Reinhaltung der nationalen Idee entgegengesetzt, ln der schwülen Atmosphäre des Versammlungssaales ist, nicht immer allen Delegierten gegenwärtig gewesen, um welche Auseinandersetzung es cigentlieh geht. So konnten Verstimmungen entstehen, wo mehr die Verneinung als die Bejahung beachtet wurde, wo man nur die Erschütterung hergebrachter politischer Formen empfand, während inan übersah, daß aus dieser Ablehnung erst die Möglichkeit lebendigen, ungestümen Schaffens ersteht. Trotz dieserStimmung, die den Delegiertentag beherrschte und die schließlich darin ihren getreuen Er wird in Boulogne an den Beratungen teil- und M i 11 c r a n d über die Fragen des nahen Orients sich nach Rom, wo er mit dem Vatikan Fühlung nehmen wird, um zu einem Uebercinkommen bezüglich des Schutzes der katholischen Interessen in Palästina zu gelangen. Ein englisches Kriegsschiff wird ihn dann von Toronto nach Jaffa bringen. in Erez-Israel werden Vorbereitungen getroffen, um den Oberkotnmissar feierlich zu empfangen. Bei seinem Amtsantritt wird Sir Herbert Samuel eine A m n e s t i e für die anläßlich der Ausschreitungen verurteilten Araber und Juden erlassen. Unter den ersten, die freigelassen werden, wird Jabotinsky sein. Ein Interview mit Ussischkin Aus Jaffa wird gemeldet; 111 einem Interview mit den Vertretern der Jerusalemer Presse erklärte der Leiter der zionistischeu Kommission, Ussischkin, daß die Lage in Palästina in der letzten Zeit eine Besserung erfahren habe. In Nordgaliläa haben die energischen Maßnahmen 41er Franzosen, denen dam! auch die Engländer sich ausclilossen, die Ueberfälle zum Stillstand gebracht. Nicht dasselbe könne man von Untergaliliia behaupten, wo offenbar eine laxere Handhabung der Polizeigewalt eien Beduinen Gelegenheit zu Raiibziigcn in die jüdischen Kolonien gibt. Ueber die politische Lage äußerte sich Ussisdikiii dahin, daß die in den nächsten lagen eintreffende Zivilregicrting ein gerechtes und allen Natioiien Rechnung tragendes Regime einfüliren werde. Sic werde aus Engländern, Jude 11 und A r a bcrn best e 11 e 11, a u s Leute 11, d e n e 11 d i e A u f g a b e 11 er Erfüllung der ße- Schlüsse v o 11 S a 11 R emo kl a r u 11 d u 11 z w e 1deutig vor Augen stellen werde. Unsere Beziehungen zu den Arabern im Lande haben zwar keine grundlegende Aenderung erfahren, doch Ix•- ginnen unsere Nachbarn emzusehen, daß ihnen keine Demonstrationen und Unruhen gegen die Beschlüsse der Friedenskonferenz mehr helfen können, und beruhigen sich allmählich, indem sie sich sagen, daß sie mit uns besser fahren, als wenn sie gegen uns sind Bezüglich der Arbeiten, die für die nächste Zeit erwartet werden, erklärte Ussischkin, daß die Leiter der Zionistischen Organisation in London zusammen mit der englischen Regierung den Arbeitsplan ausarbeitcn, der fürs erste folgende Punkte cmhalten wird: Freie Ein vv a 11 d e rungder J 11 d e 11 n a c 11 P a 1 ii s t i 11 a imter drr K o n t r o 11 e d 0 r Z i o- 11 i s t i s c h c n O r g a 11 i s a t i o n, der auch die Staatliehen Böden zur Verfügung gestellt werden sollen. A 11 f 11 a 11111 e e iner A 111 e i 11 e von 50 Millionen Pfund Sterling für große Lrschließungsarbeiten im ganzen Lande. Jüdische Miliz in allen größeren Wohnzeiitrcn und in den Kolonien. Was die Abgrenzung des Landes anbetrifft, so bestellt die Hoffnung, daß di.e französische Regierung, disehe die wiederholt ihren Sympathien für das jü- Volk Ausdruck gegeben hat. in eine Verlegung der unnatürlichen ״Demarkationslinie“ von heute hinter den L i t a n i (Lcontes) und den Hermon einwilligen werde. 1111 Osten ist es unerläßlich und durch die traurigen Ereignisse in der letzten Zeit noch mehr unterstrichen worden, daß wir eine an die H e d s c 11 a s b a 11 n sic 11 a 111 e 11 n e 11 d e Grenze haben, denn man kann Wcsijoidanicn nicht lebensfähig erhalten, wenn man es von seinem natürlichen Hintcrlaude abselmcidet. Des weiteren erklärte Ussischkin, daß er sich in Häkle nach Loudon begebe, wo eine Konferenz der führenden zionistischeu Männer stattfinden wird. Er verlangt bereits f ii r d a s nächste Jahrein Budget von drei Millionen Pfund Sterling, damit die ersten dringlichen Arbeiten zur Unterbringung der Einwanderer sofort beginnen können. Er denkt, daß wir vom nächsten Herbst mit einer ziemlich regeimäßigen Einwanderung von mindestens 3UÜ0 Personen monatlich rechnen müssen, später würde dies« Zahl natürlich stark zunelunen. Aktion eines jüdischen Bataillons Amsterdam, 24. Juni. (Korr.-Bur.) Die ״Times'* melden aus Jericho, daß ein jüdisches Bataillon «ach Jericho umd tlfm Toten Meere ahgesaudt worden sei, um die indischen Truppen, die wegen abgebrochener Unruhen dahin marschiert seien, zu verstärke'». Außer den vier Kolonien im oberen Galiläa haben auch noch folgende Kolonien in Untergaliläa und in Schornrom von den arabischen Ucbcrfällen gelitten: Jessud Hamaalah, Mischmar Hajarden, Ajeleth Maschachar, Kwu/oth Kcnaan, Mizpah, Buei Jchudah, Degania, Milchemiah, Kfar Tapor, Teil Encs, Bath Schloinob, Marah, Kirkur und Gau Schmuck Diese Kolonien stehen unter englischer Okkupation, Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Waffenverhot den gefahrvollen Zustand erhöht. Die gut ausgenisteten arabischen Bauden wissen, daß die jüdischen Kolonisten keine Waffen besitzen und daher ausgeplündert werden können. Die Moskauer Zionisten befreit Kowno, den 21. 6. 1920. Wie aus Moskau zuverlässig gemeldet wird, sind die dort von den Bolschewisten verhafteten Zionisten w i e d e r i n Freiheit. Ausdruck fand, daß die neue Leitung, so wie dies bei anderen Parteien schon vorgekommen ist, von den Exponenten beider Strömungen zu gleichen Teilen und zu gleichen Rechten gebildet wurde, hat der Delegiertentag auch eine Fülle sachlicher Anregungen geixten. Mehr als Anregungen kann man es freilich nicht nennen; denn wieder wurde klar, daß wirkliche sachliche Arbeit beim heutigen Stand unserer Bewegung von derartigen kurzen, den verschiedensten Fragen gewidmeten Tagungen nicht mehr bewältigt werden kann. Unsere Aufgaben sind heute so innig mit der Wirklichkeit verknüpft, daß sie nur in kontinuierlicher, sachkundig geleiteter Arbeit erfüllt werden können. Auch daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines Umbaues unserer Organisation in der Richtung der Schaffung demokratischer Institutionen zur Führung der Arbeit nach sachlichen Gesichtspunkten. Wir werden dazu ein Heer geschulter Menschen brauchen. Es wiederholt sich in unserer deutschen Organisation der gleiche der Weltorganisation begonnen hat die Jahreskonferenz wird rechnen Prozeß, der in und mit dem müssen. Insofern war der deutsche Delegiertentag eine Vorbereitung der Jahreskonferenz. Er hat den Blick geschärft für das, was nottut. Wenn ein Volk zum Leben erwacht, so ist es wohl in seinem Bestände, nicht aber in seinen Tendenzen einheitlich. Audi bei uns wird die Differenzierung immer stärker werden, je lebendiger wir werden. In London werden die deutschen Zionisten mit den Vertretern der anderen Landesorganisationen Zusammentreffen, in denen Zum Teil der Diffcrcnzicrungsprozcß noch stärker vorgeschritten ist, zuin Teil noch kaum begönnen hat. Die Erfahrungen in Deutsdiland werden es ermöglichen, nach beiden Seiten hin Verstandnis zu haben und so vielleicht den Weg der künftigen Entwicklung finden zu helfen.

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