Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 40 (23.6.1920)
- Date
- 1920-06-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 320 J U. EDI BGH B RUNDBCHXU Nr. 40 Erez-lsrael Ernste Lage Am ü. d. M. fand in Jaffa eine große jüdische Demonstration statt, in der viele Redner die gegen• wärtige Lage in Palästina und Galiläa besprachen. I:'s wurde darauf hingewiesen, daß die Araber die Forderung nutstellen, die Juden mögen sofort das Land verlassen, wenn sie Massakers entgehen wollen. Es wurde beschlossen, 1000 Mann ״Grenzer“ zwecks Unterstützung der bedrohten Kolonien zu entsenden Landwirtschaftliche Ausstellung Aus Haifa wird berichtet: Auf Initiative des Militiirgouverneurs wurde hier eine Ausstellung agrikulttt• icllcr Produkte arrangiert. Die Araber lehnten zunächst ihre Anteilnahme ab, um auf diese Weise gegen die Beschlüsse von San Kcmo zu demonstrieren, unterdessen haben sie jedoch ihren Entschluß geändert und die Ausstellung mit ihren Erzeugnissen beschickt. 80 ״i! der gewonnenen Prämien fielen auf die jüdischen Erzeuger Lehrermangel Bei der letzten Sitzung des Waad hachinuch teilte der Unterrichtsreferent Dr. Lude mit, daß für das nächste Schuljahr <>0 neue Lehrer für Palästina notwendig sein werden, hiervon 15 zum Ersatz von Lehrern, die ver* reisen, 45 zur Erweiterung der gestehenden Schulen. Ein Teil der Lehrer wird aus dem Auslande herangezogen werden müssen. Der Bedarf wird natürlich viel höher sein, falls die Einwanderung in erhöhtem Maße beginnen sollte Straßenbau Die Militärverwaltung Palästinas läßt eine Stralte von Kinereth nach Tibcrias bauen. Die Durchführung des Baues wurde dem Arbeitsamt der ^,Achdiitli haai^odah“ von der Regierung übertragen. 400 bis 500 Arbeiter werden bei diesem Bau Beschäftigung finden. Arbeits-Gruppen 111 Mo/a werden jetzt Vorbereitungen zur Errichtung einer Ziegelei getroffen, Die Vorarbeiten waren schon vor dem Kriege begonnen worden. Drei Arbeitergruppen arbeiten in Talpiot, in der Nähe der Balm- Station Jerusalem: in Mo/a selbst ist eine Gruppe mit Pfianzungsarbeiten beschäftigt, ferner die Gruppe in Dilp bei Morn,' die jetzt auf fünfzig Mitglieder erweitert wurde. In Jerusalem bedeuten die Kooperativgenossenschaftcn ein sehr segensreiches Element. Es gibt derzeit eine vom Hapocl-Ha/air gegründete Schustergenossenschaft und eine von der Achduth haawodah gegründete genossenschaftliche Tischlerei. Ein sehr wichtiges Element für die Piodiiktivieiuiig Jerusalems Ist die Gruppe Hachaluzah hajcru-schalmith, eine Mädchenorganisation, welche unter der Leitung von Sarah Malkin steht und um die sich Frau Beut wich «ehr große Verdienste erworben hat. Diese Gruppe besteht aus etwa 50 Jerusalemer Mädchen, welche an verschiedenen Plätzen Pfianzungsarbeiten übernommen haben. Einen sehr wichtigen Schritt zur Produkt!• vierung Jerusalems hat die Zionist Commission eben getan, indem sie dem Hapoel-Hazair eine größere Summe mit dem Aufträge bewilligt hat, hundert junge Leute im Bauhanchverk aus/ubilden. Der zweite jüdische Nationalkongreß in der Tschecho-Slowakei Auf dem von 1 OS Delegierten aus allen Teilen der Republik beschickten Kongreß, welcher am 14. Juni in Brünn eröffnet wurde, erstattete Dr. Singer, der Präsident der Jüdischen Nationalstes (!,rag), den Rechenschaftsbericht, aus dem hervorgeht, welche reiche Tätigkei! der Jüdische Nationalrat auf den verschiedenen Gebieten entfaltete und wie oft er intervenieren mußte, um die jüdischen Rechte wahrzunehmen. Der Referent bespricht ferner die überaus ersprießliche Tätigkeit des Komitees der jüdischen Delegationen in Paris, dessen Bemühungen die Anerkennung der jüdischen Minderheit in der Tsch«ciu»slou׳akci mit zu danken ist. Er bespricht die Aufgaben, die sich du ich diese gesetzliche Auerkennung ergeben und betont namentlich die Wichtigkeit der Arbeiten auf kulturellem Gebiet, namentlich in der Frage der künftigen Schulpolitik, Der durch reiche Daten belegte Tätigkeitsbericht wild mit größtem Beifall aufgenommen und Doktor Singer der wärmste Dank votiert. Nach Anhörung des Organisationsreferats und des Finanzberichten nahm der Kongreß ein ״O r g a n i s a t i o n s - Statut der Vertretung der jüdisch-ctlin i & c h c 11 Minder 11 eitind er tschcchoslow׳»• kischen Republik“ an; danach sind zur Wahrung der im Absatz. 6 der tschechoslowakischen Verfassungsurkunde festgclegtcn Minderhoitsrcchte der Juden für die Dauer der gegenwärtigen Nationalversammlung berufen: a) Der Kongreß der ״Vereinigten jüdischen Parteien“, b) ah Exekutive der ״Vereinigten jüdischen Parteion“ in Bobinen, Mähren und Schlesien der Jüdische Nationalrat in Prag, c) als Exekutive der ״Vereinigten jüdischen Parteien“ in der Slowakei der ״Volksverband der Juden für die Slowakei“, d) der Kongreß wählt eine Zentralexekutive der ״Vereinigten jüdischen Parteien“ der ganzen Republik zur Vertretung der allgemeinen jüdischen Fragen, speziell in, der Forderung nach Revision des Wahlgesetzes. An das MinistcrratspräskUum sowie an die Präsidien der Prager Nationalversammlung und des Senats ent• sandte der Koeigreß das folgende Telegramm: •״Der Kongreß der ״Vereinigten jüdischen I art‘:lc״ protestiert im Namen von SO 000 jüdischen Wanlern gegeii die umlvimikratisdic Bestimmung des SM der Wahlordnung, welche die ganze jüdische Minorität von der parlameutaiischeu Vertretung aussehliellt. wiewohl auf die von ihr abgegebenen Stimmen vier Abgeordnete und zwei Senatoren entfallen wären. Der Kongreß verlangt die Revision dieser Bestimmung in dem Sinne, daß eine Partei, die in der ganzen Republik mindestens 5(1000 Stimmen aufbringt /.um zweiten Skrutiniuni /!!gelassen wird.“ Ferner wurde folgende Resolution angenommen: ״Der Kongreß begrüßt die jüdischen Brüder des anto- 1)1)111011 Karpathen-Rußland und gibt der Hoffnung Ansdruck, daß ein inniges Zusammenarbeiten mit der Judenschult der ganzen Republik in Bälde möglich sein wird. Der Kongreß nimmt die Mitteilung der anwesenden Vertrete!■ der jüdisch-nationalen Organisationen Karpatho- Rußlands mit Befriedigung zur Kenntnis, wonach hei den bevorstehenden Parlamcntswahlen Repräsentanten iles Indischen Nation;!,lrates in Prag kandidiert werden sollen. Der Kongreß beauftragt die Exekutive, dafür energisch eiii/iitreten. daß in die einzusctzciido provi- *orische Verwaltimgskoniiuinission für dieses autonome Land auch Juden gerufen weiden.“ Aus den Verhandlungen des zweiten Verliaudhiugstage« des Kongresses ist besonders das S e 11 u I r e f e f a t hervor/ilu-bcii, welches Professor J)r. Alfred Engel hielt. Der Redner schildert den Kampf, welchen der Jiidische Nationalrat 11m die Erhaltung der zahlreichen bestehenden jüdischen Schulen in der Slowakei zu führen hatte, denen dnreh lauge Zeit die völlige Sperrung drohte, und beklagt den Mangel an Verständnis, den die Sehtiliragc bei dem sozialistischen Unterriditsniinister gefundeii habe. Endlich sei der Anschlag auf die jüdischen Schulen in der Slowakei zuschanden geworden und fast alle jüdischen Lein er wurden wieder in Dienst gestellt. Erfreulich sei die Begründung von Kursen für Lehret /! 11־ Erlernung der slowakischen Sprache, deren Kenntnis von den Behörden unbedingt gefordert wird. 111 Mähren sollen die jüdischen Schul e n als M i - ,11 o r i t ä t s s c 11 u 1 e n erklärt werden. In Munkacs sei die licbräisclie Volksschule bereits bewilligt worden. In Brünn solle mit den! nächsten Schuljahre ein jüdisches Reform-Realgymnasium eröffnet werden, che 11*0 eine Volksschule, auch tu M.ilnisch-Ostrau werde Achnliches geplant. Die versprochene Schulenquete, welche schon hätte stattfindeii und das gesamte jüdische Scludprobleii! verhandeln sollen, werde in der nächsten Zeit stattfinden müssen. Aber auf :die Fälle werde man aus eigener Kraft beginnen müssen, so lange Hoch die aus dem Frieilcnsvertrag resultierten Forderungen an den Staat nicht eskomptiert seien. In den Forderungen sei auch noch die Gründung einer jüdischen Lehrerpräparandic enthalten, welche das überaus fehlende Lehiennaterial ausbilden soll. Auch für jene Jugend werde gesorgt werden müssen, die freiiidnatiouale Schulen zu besuchen genötigt sein wird. Die Minoritiitsforderung müsse auch auf das Bibliotheksgesetz angewendet werden, indem aus staatlichen Mitteln für eine jüdische Minderheitsbibliothek zu sorgen sein werde. Zum Schlüsse wurde eine Resolution angenominell, welche schärfstens gegen die Verschleppung der jüdischen Schulfrage durch die Regierung protestiert, die eheste positive Erledigung der durch den Friedensvertrag und die /Anerkennung als ethnisch-nationale Minderheit übernommenen Verpflichtungen und die sclileunigste Einberufung der seit langem zugesagten Schulcnqiietc fordert.‘ Die Frage der Staatsbürgerschaft, welche gegenwärtig in der Tschecho-Slowakei geregelt werden soll und für die Juden in der Slowakei besonders brennend ist, soll zum Studium einer eigenen Kommission überwiesen werden. Unter allgemeinem Beifall wurde ein Antrag angenominell, an den Vorkämpfer für die jüdische Saeiie in Oestencich, Abgeordneten Stricker, ein Beg! üllungstelcgramui zu entsenden und der ״Wiener M o r g e » z e i 111!1 g“ für ihre großen Verdienste um die Verbreitung des jüdischen Gedankens und ihre-Verteidigung der bedrängten jüdischen Positionen vor der großen Oeffentiiehkeit den wärmsten Dank des Kongresses auszudrücken. ״Kein weißer Terror“ Ein Privattelegramm der ״Frankfurter Zeitung“ meldet: Die in der ״Sonn- und Montagzeitung“ veröffentliebten Enthüllungen über unerhörte und schämlose Folterungen, denen eine Frau H a 111 - bürg er durch die ungarische Brachialgewalt unterzogen wurde, lediglich weil sie die Frau eines unter der Räteregierung als Koiismnvereiiislciter tätigen Mannes war, erregen hier ungemeines Aufsehen. Selbst die ״Nene Freie Presse“, die den! 1 lorthy-Regimcnt kein Vorurteil entgcgenbringt, verlangt von der ungarisehen Regierung Aufklärung und Gewißheit darüber, daß die Schuldigen bestraft werden. In Wirklichkeit kann eine solche Gewißheit von der gegenwärtigen Regierung kann! erwartet werden^ zumal, wenn es wahr sein sollte, daß, wie in der ״Sonn- und Montagszeitung“ behauptet wird, Hortny selbst bisweilen den Folterungen beiwohnte. Die Anordnungen der Regierung Sinionyi—Seinadam tragen nicht die Gewähr in sich, daß sie befolgt werden, und es ist schwerlich aiuunelimen, daß sie imstande waren, die unter ihr aufgekommene Säbelanarchie zu mildern. Durch eine jetzt herausgegebene Verfügung wird allerdings die Justizbefugnis gegenüber Zivilpersonen mit Ausnahme von Verbrechern gegen die Wehrmacht aufgehoben. Doch der Begriff des Verbrechens gegen die Wehrmacht ist, wie schon aus der Praxis des spanischen Jurisdiktionsgesetzes bekannt ist, viel zu dehnbar, um selbst unter im übrigen normalen Verhält- Hissen mul nun gar unter den gegenwärtig in Ungarn herrschenden eine Sicherheit gegen militärische Uebetgriffe bieten zu können. Niemand zweifelt daran, daß es im ungarischen 1 leere genug anständige Elemente gibt, denen eine ernstlich zur Abstellung des gegenwartigen Skandals entschlossene Regierung willkommen wäre. Um so weniger ist zu verstehen, daß die durch die bisherigen Zustande unrettbar kompromittierte R«•. gicning sich nicht zu dem einzigen Schritt entscheiden kann, durch den vor dem In- und Ausland der ernste Wille zur Wiederherstellung des Rechtes in Ungarn gezeigt werden kann, nämlich zu ihrem Rücktritt. Dem ist liinzuztifügett,. daß die Angaben über d!e Folterung der Frau Hamburger einen Teil des Proto• kolls darstellen, das die englische Unter• s u c 1t u 11 g s k o m m i s s i o 11 veröffentlicht, von d(>r behauptet worden war, daß sie festgestellt habe, dal; es in Ungarn keinen weißen Terror gäbe. Der Bericht enthält genaue Einzelheiten von nicht wieder/ugebendtr Scheußlichkeit. Budapest, H. Juni. Auf Grund eines Regierungserlasse• wird die Tätigkeit sämtlicher militarischer Foimationen einschließlich der sogenannten Wehr- Organisationen und Detacheinente Zivilpersonen gegen über mit Ausnahme von Verbrechen gegen die Wehr• mach! eingestellt. Beschlagnahmungen, l.eibes- und Hausdurchsuchungen dürfen aber auch in diesem Falle nur auf schriftlichen Befehl der zuständigen militärischen Koinmandaiiien hin vorgenommen werden. Organe, die ihre /Amtsgewalt mißbrauchen, sind sofort zu vtrhaften und der Militärbehörde zu übergeben. Die Wahlen in Siebenbürgen Die Wahlen zum rumänischen Parlament sind in Siebenbürgen ohne Beteiligung der jüdiscchn Bevölke• rung vor sich gegangen. Der Jüdische Nationalverband hatte Forderungen aufgertellt, die an sieh selbstverstandlieh waren, die aber dennoch von der rumänischen Regierung nicht erfüllt wurden. So wurde das Pro• portionalwahlrecht, das sonst fast In ganz Rumänien zur Anwendung kam, für Siebenbürgen nicht gestattet. Ebensowenig wurde die Forderung nach Revision der Wahllisten erfüllt, in denen nachweislich die Hälfte der jüdischen AX'älilcr nicht enthalten war. Da zudem die ruinäiiische Regierung es .ablehnte, die Verfassung*• mäßig bestehende Preß- und Versammlungsfreiheit zu garantieren, glaubte der Jüdische Nationalverband den Juden Siebenbürgens Wahlenthaltung empfehlen zu sollen, da keinerlei Gewähr vorhanden war, daß die wirkliche Meinung der jüdischen Wähle rsdiaft zum Ausdruck kommen würde. Seitens der rumänischen Parteien wurde um die jüdischen Wähler mit allen Mitteln geworben, sogar mit dem rücksichtsloseiter Pogromagltatiou. Argentinien In Buenos Aires wurde ein Komitee zum Schutze der jüdischen Emigranten nach Argentinien gegründet. Das Komitee bezweckt: a) Die Erleichterung der Einreise für die Emigranten; b) die Gewährung einer ausgiebigen Hilfe an diese; c) ihnen Arbeitsinöglidikeiteii nach Tunlichkeit zu sichern. Das Komitee versendet folgendes Comnninique: Um die Immigration von schädliehen Elementen hintanzuhalteii, wird die Einreisehewilliguug von der Erfüllung nachstehender Bedingungen abhängig gemacht: 1. Ein Reisepaß mit der Photo graphie des Besitzers; 2. ein judi/iellcs Zeugnis, daß der Emigrant wegen schwerer Verschuldungen gerichtlich nicht verfolgt war; 1. ein genügendes ärztliches Gesund• heits/eugnis; 4, ein professionelles Zeugnis, das den Beruf des Immigranten feststellt; 5. ein polizeiliche» Zeugnis, daß der Immigrant niemals Bettler war. Alle diese Dokumente müssen vom argentinischen Konsul des Herkunftslandes bestätigt sein. Die ökonomischen Bedingungen in Argentinien sind gegenwärtig günstig. Wer einen freien Beruf ausübrn will, muß die Kenntnis der spanischen Sprache besitzen. Ein Brief Joseph Reinachs Durch einen Teil der jüdischen Presse ging das Gerücht, daß der bekannte französische Politiker Joseph Reinach nach San Reino gereist sei, um dort die Entscheidungen des Obersten Rates in anti/io• nistischeni Sinne zu beeinflussen. Demgegenüber eiklärt Herr Reinach in einem Schreiben an das Jüdische l'reßhüro in Paris, daß er nicht in San Remo gewesen sei, daß er keinen Brief dorthin gerichtet habe und niemals verlangt habe, von der Konferenz gehört zu werden Ein jüdisches Preßbüro ln Berlin (Rosenthakr Str. 4J, Telephon: Norden P82) ist ein jüdisches Preßbüro unter dem *Namen Jlamewasser“ eröffnet worden, welches die Aufgabe nnt, die jüdische Presse des Auslandes über die wichtigsten Ereignisse und Erscheinungen im Leben der deutschen Judenheit fortlaufend zu informieren, sowie den jüdischen Zeitungen in Deutschland über das jüdische Leben im Ausland /1 berichten. Das genannte Preßbüro steht in Verbindung mit dem ״Jewisb Correspondence Büro“ in London.