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Jüdische Rundschau · 1920-06-17 · Heft 39 (17.6.1920) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 39 (17.6.1920)
Date
1920-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seile 308 _־_ Das überlieferte Judentum und die jüdische Volksgemeinde Von Rechtsanwalt!־וי. A b rn 11 הו ה L 6 h - Berlin. 1 )iejenigen Mitglieder des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums, welche das von ihrem Vorsitzenden «angegangene Kompromiß mit den Liberalen zu rechtfertigen suchen, haben kein anderes Argument gegen unser Gcmcindcprogramm vor/uhrmgeti, als die prinzipielle Ablehnung der Volksgeiueinde. In dem Aufruf, den der genannte Verein versandt hat, heilst es, dali ״ein alle Schranken übersteigender Nationalismus, die jüdische Gemeinde, die Nachfolgerin der alten Keliillah ihres jüdischen Charakters gänzlich zu entleeren, sie zu einem rein politischen Instrument umzuformen versuche“. Diese These darf nicht unwidersprochen bleiben, obgleich jeder, der das!,rngrainni der jüdischen Volksparte׳ liest, sofort ihre Unrichtigkeit und ihre Tendenz, die Jüdische Volkspartei durch ein Schlagwort von vornherein zu diskreditieren, sofort erkennen muß. Niemals ist es uns eingefallen, die Jüdische (jemeimle ihres jüdischen Charakters zu entkleiden und ebenso fern liegt es uns, sic zu einem rein politischen Instrument uni/uformeu. Die Jüdische Volkspartei verlangt, daß sie nach ihrem Programm beurteilt wird und nicht nach den Acußerungen einzelner Persönlichkeiten. lias Programm stellt lediglich fest, daß die Jüdische Volkspartei auf dem Huden der jüdischen Volksgemeinschalt steht, und verlangt, dali die Berliner Jüdische Gemeinde über den Kreis einer rein religiösen Tätigkeit hinaus allen Interessen des jüdischen Volkes in jüdischem Sinne diene. Sie lehnt daher alle Bestrebungen ab, die die Juden in den engen Rahmen einer kirchenähnlichen (jemcinsehaft zwängen wollen. Das Prograumi der l iberalen beginnt mit der These, ״die jüdische Gemeinde ist eine Religionsgenieinde“. Das war richtig zu einer Zeit, als Volksmul Religionsgenieinde noch vollständig identisch waren, weil das ganze Volk das siiiaitische Grundgesetz, als maßgebend und verbindlich für das gesamte Volks- und Gemcimleieben anerkannte. Seit Fntstthuiig des liberalen Judentums, das die ewig verpflichtende Kraft des sinaitisclicii Gesetzes leugnet, ist zwischen den einzelnen ״Richtungen“ ein solcher Gegensatz entstanden, daß von einer einheitlichen Religionsgcmcimlc nur noch dort gesprochen werden kann, wo wie in den Austriitsgcmeinden das gesamte jüdische Leben ausschließlich nach Bibel, Talmud und Schulchan Arucli geregelt i.*t und von jedem fremden Einfluß freigchalten wird. Wir konstatieren nur Tatsachen, wenn wir das Band der Volksgemeinschaft als dasjenige Moment ansehen, das in ihren religiösen Anschauungen gänzlich ausciuauderstrebende Richtungen noch zusatninenhält. Insofern ist die heutige Großgemeimic seit fast einem Jahrhundert nicht mehr die Nachfolgerin der alten Keliillah, die als Teil des jüdischen Volkes im Golus zugleich das überlieferte jüdische Gesetz als Grundlage ihrer Linrichttmgeii und ihres Lebens in allen Teilen selbstverständlich anerkannte und respektierte. Fs bedeutet eine irreführende Verwischung des Gegensatzes zwischen dem überlieferten und dem neologen Judentum, wenn man auch nur den Anschein erweckt, daß alles, was man sich als Judentum denken mag, das Recht habe, sich unter diesem Namen vor/ustcllen, i daß es also ein in den Gruml/ügeii einheitliches Judennun gebe, in welchem jede religiöse Auffassung neben der überlieferten als gleichberechtigt lagern könne. Unter ' Judentum hatte man bis zum Auftreten der Reform niemals etwas anderes verstanden, als den gesamten l.ehrinhalt der durch die göttliche Offenbarung am Sinai dem Volke übergebenen Thora d. h. die schriftliche Lehre, wie sie im Pentateuch, und die mündliche Lehre, wie sie in der Tradition enthalten ist. Dieses Grundgesetz ist für alle Zeiten verbindlich, regelt das gesamte Liiizelleben, das gesamte Familienleben, Gesclisdiafts- und Staatsleben. Auf diese Verfassung ist das gesamte Volk am •Sinai für alle Zeiten vereidigt. Sic ist das I lölteziel, zu dem das Volk in der Geschichte erzogen werden soll. Die Rcformatiffassung beruht dagegen auf der Behauptung von einer in der Urzeit des jüdischen Volkes beginnenden und heute noch fortdauernden religiösen Entwicklung, leugnet die Offenbarung und die Verbindlichkeit des nationalen Gesetzes und hat erst in neuester Zeit ״Richtlinien“ aufgestcllt, von denen ein zeitgenössischer jüdisihcr Religionspliilosoph sagt, daß es sich um nichts mehr und nichts weniger handele, als um die Proklamicrtmg eines völlig neuen Glaubens, daß hier nicht mir eine neue Sekte begründet werde, sondern daß eine Gruppe sich vom Judentum loslöse, die zu ihm in einen viel schärferen Gegensatz tritt als zu ihrer Zeit die Samaritaner, Judenchristen und die Karäcr.“*) Es ist also eine Fiktion, wenn man heute noch die Großgemeiiute als eine einheitliche Religionsgemeinde au ff aßt, eine Fiktion, zu der alle eingeschworeneu Antizionisten greifen müssen, weil sie die Existenz einer jüdischen Volksgemeinschaft leugnen. Auffallend ist nur, dal! es auch im gcsctzcstrcucn Lager noch Leute gibt, die sich von der kirchenähnlichen Auffassung der jüdischen Gemeinschaft, die ein Produkt der Assimilation ist, nicht freimachen können, obgleich die Agudas Jisroel in ihrem Programm ausdrücklich anerkannt hat, daß die Juden eine Nation sind, eine ״Thoranation“, wie es dort heißt, uin die untrennbare Einheit der Nationalen und Religiösen und die darin liegende Einzigartigkeit der jüdischen Volksgemeinschaft und ihrer geichichtlichen Aufgabe zu bezeichnen. *) S. Dr. j. Wohlgemuth, Die ״Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum“, Frankfurt a. M. j UED1SGHE RUNDSCHAU Nr. 39 Wahlvorschlag der Jüdischen Volkspartei 1. Dr. Alfred Klee, Alton,1־er Str. 7, Rechtsanwalt, 2. Prof. Dr. Ileinr. I.ocwc, Flemingstr. 12, Bibllotliekar, 3. Dr. Abraham L ü b, Utmtzelsir. 3, Rechtsanwalt. 4. Max Lewit, Klciststr. 25, Fabrikant. 5. Dr. Gustav Witkowsky, Westfälische Str. 35, Arzt. 6. Gustav L ö s s e r, Braunsbcrger Str. 5, Holzhändler. 7. Dr. Jacob T u g c nd r c i c h, Grunew., Winkler- Str. 28, Arzt. 8. Dr. Max Strauß , Bregenzer Str. 1, Rechtsanwalt. 9. Sicgmimd Rochclsohn, Heüicrsdorfer Str. 17, Kaufmann. 10. Leo Kreindler, Pfalzburger Str. 10, Sekretär der Jüdischen Gemeinde. 11. Alfred Scherk, Neue Jacobstr. 6, Möbelhändler, 12. Bruno Dohr/, ynski, Chart, Schlüterstr. 60, Maßschneider, 13. Dr. Theodor Zloeisti, Südende, DenkstT. 3/4, Arzt. 14. Hans Goslar, Rankestr. 30, Regierungsrat. 15. Joseph Himmel, Markgrafenstr. 83, Fabrikbesitzer. 16. Julius Mandel bäum, Neue Ansbachcr Str. 12, Schtihmachergeselle. 17. Max Holz, Lychener Str. 115, Kaufmann. 18. Hermann Bileski, Wallner-Theater-Str. 31, Kaufmanu. 19. Max Feblowicz, Roscnthaler Str. 4, Rechtsanwalt. 20. Philipp Grünbaum, Invaüdenstr. 142, Kaufmann. 21. Samuel Haarpuder, Ncuk., Hobrechtstr. 35/36, Kaufmann. 22. Adolf Kraus, Köpenicker Str. 136, Fabrikant. 23. Felix Roscnblüth, Pariser Str. 18a, Rechtsamvalt. In klarer Erkenntnis der Tatsachen und der religiösen Gegensätze betrachtet die Jüdische Volkspartei die Volksgemeinschaft als das die verschiedenen Richtungen cinigciule Band und verlangt, indem sie der Gewissensfreiheit Rechnung trägt, die ־Ucbertragung der Kultus• angelegenhcitcn auf autonome in! Anschluß an die Sy nagegen zu bildende Gemeinden, in denen die Wahl der Rabbiner mul Vorsteher nsw. durch die Gesamtheit der Synagogenmitglieder zu erfolgen hat, eine Regelung, die in 1 lambiirg bereits seit vielen Jahrzehnten besteht und dort Gutes gewirkt hat. Die offiziellen Institutionen der ücsanitgemeinde, soweit sie ihr verbleiben, müssen selbstverständlich so geführt werden, daß auch der streng Orthodoxe sie benutzen kann, Zcrflattert der Vorwurf, wir wollten die Gemeinde ihres jüdischen Charakters entkleiden bei näherer Betrachtung in Nichts, so gilt das gleiche von dem Schreckgespenst der angeblichen Umformung der Gemeinde zu einem rein politischen Instrument. Eine der politischen Forderungen, die wir erheben, ist die Bereitstellung von Mitteln für den Aufbau der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Frez-Isrnel, Ist das etwa der alle Schranken übersteigende Nationalismus? Ein jeder Jude weiß es oder sollte es doch wissen, daß es ein für alle Zeilen bestehendes religiöses Gebot ist, das Land der Väter in Besitz zu nehmen. Wir dürfen es nicht zulassen, daß es brach und öde duliege. Den politischen Zionismus sah auch schon ein Mann wie Rabbi David Kinschi voraus, wenn er in seinem Kommentar zu Psalm 116 schreibt, daß die zukünftige Erlösung zunächst mit einer von den Mächten unterstützten Ein- Wanderung nach Palästina ihren Anfang nehmen werde. Das gesamte überlieferte Judentum muß der jüdischen Volkspartei Dank wissen dafür, daß sie allein den Kampf gegen den Liberalismus und die Assimilation in der Gemeinde fortgeführt und sieh nicht durch Kompromisse die Hände gebunden hat. Wir sind überzeugt davon, daß die Anhänger des überlieferten Judentums erkannt 11-aben, daß ihre Stimme der jüdischen Volkspartei gehört und nicht der Liste, auf der friedlich neben Konservativen die Vertreter der Sonntagsgemeinde stehen. Die Wal1ivü1־(ichläj׳e! Von den Vorschlagslisten, die Ln der amtlichen Bekanntmachung der Gemeinde veröffentlicht werden, berücksiehtigt die l.istc I! (Simon Gottschalk) lediglich die lokalen Interessen einiger Berliner Vororte. Die großen allgemeinen Fragen, die bei der Wahl zur Re• priiseutaiiteiiversammlung der größten jüdischen üe- »neinde Deutschlands allein maßgebend sein dürfen, sind bei ihrer Zusammenstellung ganz in Wegfall ge• kommen. Sie kann aus diesem Grunde keinen An- Spruch auf Beachtung machen, denn es kann nicht der Sinn des Verhältniswahlsystems sein, jeder noch so kleinen Gruppe eine Vertretung in der zu wählenden Körperschaft zu gewähren und dadurch die Behändlung der Aufgaben nach großen Gesichtspunkten zu erschweren. Da die Liste keine Aussicht hat, einen Vertreter durchztibringen, sind die für sie abgegebenen Stimmen für jede politische Einwirkung verloren. Der Liste III (Oskar Cohn) gegenüber wird eine Beurteilung dadurch erschwert, daß sie insbesondere in ihrem Führer einen Namen enthält, dessen Träger auch von unserer Seite als Bereicherung der Repräscntantcnvcrsammlung empfunden werden würde, - wenn im übrigen nicht die Liste eine derartige Beurteilung unmöglich machte. Obwohl die Gedanken, die von der Liste vertreten werden, vielfach den unseren nahestehen, befinden sich auf der Liste Personen, die extreincs Assimiiationsjudentuni vertreten und die insbesondere auch in der Beamtenschaft der Gemeinde den Ostjuden gegenüber jedes Entgegenkommen und jedes Verständnis haben vermissen lassen. Für jeden Nationaljiiden ist schon deswegen die Wahl dieser Liste f unmöglich. Fs kommt hinzu, daß diese Liste trotz ' der erwähnten Berührungspunkte eine Listenvcrhindung mit der Jüdischen Volkspartei abgelehnt hat. Sie hat daduiih ein dci.irt ungenügendes Verständnis für <!!!• gemeinsamen Aufgaben im Kampfe gegen die Assi- '! miiation bewiesen, daß sie für jeden Gegner des Assimilationsjudentums indiskutabel ist. L)u sic aus eigener Kraft nicht die genügende Anzahl Stimmen zur Auf• hringung eines Mandats erhalten wird, ist jede für sic ן abgegebene Stimme verloren. Die Wahl dieser Liste kann also nichts als eine bedeutungslose Geste dar• stellen, Niemand, der ernsthaft eine Einwirkung;1ן״ die Gemeinde im nationaljüdischen Sinne erstrebt, darf für diese Liste eine Stimme abgehen. Die Liste IV (Max Ginsberg) ist die liste der Liberalen, die, mit einigen konservativen Kompr״mjß. kaiididnttn ge thuiüikt, ihren Charakter nii'ht xiiliri.,,״; kamt. Dieser l iste gilt unser Kampf im cigentViclvm fe Sinne, Sie repräsentiert das System, das wir mit allen f Kräften aus der Gemeinde entfernen wollen. Fs muß ן bei diesen Wahlen gezeigt werden, daß die Hcrrsdialt dieser Richtung in der größten jüdischen Gemeinde ( Deutschlands eine Episode der Vergangenheit ist. Die Liste V (Fink) wendet sich an bestimmte orthodoxe Kreise, die das liberal-konservative Kornpromiß nicht mitmachen wollen. Sie ist aus dieser besonderen politischen Konstellation zu erklären und; hat nur fiir ihre engere Anhängerschaft Bedeutung. Alle Anhänger des nationalen Juden- 111 in s, alle Freunde der V o 1 k s g c m e i 11 d e dürfen nur fiir d i e Liste I (I) r. Alfred Klee) stimmen. Jede Stimme, die dieser Liste entzogen wird, schwächt die Vertretung unserer Gedanken, die ihren Ausdruck in der Jüdischen Volks- Partei gefunden haben. An die Mitglieder der Berliner Zionistischen Vereinigung ן Die Wahlen zur Repräseniantenversammhmg der Ju- ן dischen Gemeinde sind ein Ereignis von großer!•edeutuiig für das zionistische Leben Berlins. Zum erstenmal werden Zionisten in die leitende Körperschaft der Berliner Gemeinde entziehen. Es muß unser Ziel sein, die Vertretung unserer Gedanken so kräftig als möglich zu ( machen, so daß sic bestimmenden Einfluß auf die Verwaltung der Gemeinde erhält. Eine starke zionistische Einwirkung wird das stagnierende Leben der Gemeinde von Grund auf verändern. z\lle Mitglieder der B. Z V. fordern wir zur regen Unterstützung der Jüdischen Volkspartei auf. Jeder kan» nützliche Arbeit leisten, jeder stelle sich besonders am Wahltage zur Verfügung. Von den in der B. Z. V. orgamsierten Wählern erwarten wir geschlossene 'mxs ■ן pünktliche Abgabe ihrer Stimmen für dl« Liste Dr. Alfred Klee Der Vorstand der Berliner Zionistischen Vereinigung gez.: Dr Egon Rosenberg. An die Vertrauensleute! Die Vertrauensleute werden dringend gebeten, sich pünktlich um 8 Uhr morgens in den Wahlbüros ihrer Stimmbezirke (siehe das in dieser Nummer verölfent• lichte Verzeichnis) zur Wahlhilfe zu melden, so weit ihnen nicht vorher besondere Weisungen zugegangen sind. Jüdische Volkspartei. Alle Freunde der Jüdischen Volkspartei weisen wir nochmals auf die Notwendigkeit persönlicher Propaganda hin. Die letzten Tage vor der Wahl müssen f aufs eifrigste ausgenutzt werden. Jeder veranlasse alle I ihm bekannten Wähler, recht frühzeitig seine Stimme akzugeben. Am Wahltage überzeuge sieh jeder davon. < daß alle Bekannten (möglichst in den Morgenstunden) für die Liste Dr. Alfred Klee stimmen. Alle Personen, ' die irgendwie für &ie Wahlhilfe in Betracht kommen, müssen veranlaßt werden, sich sobald als möglich in den Wahlbüros der Jüdischen Volkspartei (siehe das in dieser Nummer veröffentlichte Verzeichnis) zu melden Jüdische Volkspartei * Wahllcgitlmation Jeder Wähler nehme die von der Gemeinde übersandte Wahlkarte mul einen persönlichen Ausweis z»! Wahl mit. Wer keine Wahlkarte erhalten hat, gehe mit einen! ( Ausweis über seine Person ins Wahllokal. Er kann dort auf Grund der Eintragung in die Wählerliste wählen. sieht der rechte Wahlzettel ausl Rechtsanwalt Altonaer Strasse 7

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