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Jüdische Rundschau · 1920-06-08 · Heft 37 (8.6.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 37 (8.6.1920)
Date
1920-06-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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.,r•' Seite 2S8 JU ED ISO HE RUNDSCHAU Nr. 37 .X Palästina Herbert Samuels Berufung ״Daily Chronicle“ bespricht am 29. Mai die Bedeutung der Ernennung Herbert Samuels zuin High Commissioner von Palästina, der bekanntlich am 20. d. M. abreist, Seine Ankunft in Palästina — schreibt das Blatt — bedeutet den Beginn der Wirksamkeit des britischen Mandats, sic bedeutet den Ucbergang von de,׳ militärischen Verwaltung, die sich noch vom Kriege Äer hinzog, zu einer neuen, vielvcrhcißcndcn yivilregiei'ing, l\ wäre aber eia grollet׳! ׳‘eitler, an/.unehmen, .!aß Palästina dadurch' sogleich ein jüdischer Staat wtjdc. Die Engländer haben das Mandat über ein Land mit gemischter Bevölkerung übernommen. Die h’tjlen Ausschreitungen gegen die Juden sind die Folgen des falschen Glaubens, daß die Araber verdrängt werden sollten. Dieser Glaube ist gar nicht gerechtfertigt. Die Zusammensetzung des neuernannten Stadtrates für Jerusalem zeigt, wie die Behörden zur Ausführung ihrer Aufgaben schreiten. Die britische Politik macht keine Versuche, ein Minoritätsregime einzuführen. Gleichzeitig aber wird entschieden beabsichtigt, in Palästina ein nationales Hei m4 ürdasjüdische Volk zu errichten und die Immigration zu fördern. Palästina hat jetzt nur einen Bruchteil jener Bevölkerung, die es imstande wäre, aufzunchmen ... Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Juden mit ihren ungeheuren Fähigkeiten und Begeisterung bald dazu kommen werden, das auch an Zahl stärkste und bestorganisierte Element im Lande zu sein. Ihr Hinkommen bedeutet den Beginn einer westlichen Zivilisation auf asiatischem Boden. Das Wahlresultat. ״Haare/.“ vom 21. Mai veröffentlicht nunmehr das Gesamtresultat der palästinensischen Wahlen. Danach verteilen sich die Mandate wie folgt: Zahl der Mandate. Partei außerh. Jerusalem in Jerusalem insgesamt Acluluth Haawoda 56 12 68 Sefardim 14 40 54 Hapocl-Hazair 36 8 44 Parteilos 14 5 19 Bauern 14 — 14 Ycmcnilen 1 11 12 Misrachi 6 1 7 Handwerker 3 1 6 Frauenverband 5 — 5 Fortschrittler 5 — 5 Bucha rer — 5 5 Zcirc-Israel 4 — 4 Fortschr. Orthodoxe — 2 2 Haesrach 2 — 2 Parteilose Beamte 1 1 2 Gorim — 1 1 Makkabi — 1 1 Beamte d. Hadassah — 1 1 Unbesetzt — 1 1 Zusammen: 163 90 253 Eine neue Zeitung in Jerusalem. Am 11. Mai erschien in Jerusalem unter der Leitung des Herrn A. Almalich die erste Nummer einer arabischjüdischen Zeitung unter «lern Namen ״Bcrid cl Joum" (Tagespost). Die Zeitung bringt in ihrer ersten Nummer Aufsätze aus der Feder bedeutender arabischer Jotimalisten. Im Leitartikel setzt sieh das Blatt das schöne Ziel, ein Bänd der Einigkeit zwischen dem arabischen und jüdischen Volke zu knüpfen und beizutragen, daß durch vereinigte Arbeit der Krone des Orients ihr alter Glanz verliehen werde. — Der Schriftsteller Nazif Bey Ahn Said aus Damaskus ruft iu schönen Worten alle Orientalen zur Mitarbeit am Aufbau des Orients, ln einem Artikel über Armenien spricht der Verfasser von den drei Völkern, die in jüngster Zeit in ihrer Geschichte eine neue Periode des Aufbaus erleben, die Armenier, Araber und die Juden. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß diese drei 'Völker Hand iu Hand am Aufbau des Orients mitwirken werden. Ein wichtiger Artikel von Prof. Richard Gottheit behandelt die Zukunft der arabischen und hebräischen Sprache im Orient. Die arabische Presse konnte bisher noch nicht zu der neuen Zeitung Stellung nehmen. Nur die Zeitung ״E! Kuds cl Scherif“ meldet in ihrer Nummer vom 13. Mai, ״daß die neue Zeitung ״Bcrid el Joitm" zwar noch die /iunistischc Gesinnung verberge und das Ziel aufrichtiger' Neutralität vorgebe. Die Zukunft werde aber gewiß die Wahrheit aufdeckem Die neue Zeitung, welche mit ihrem geringen Preis (1/2 Piaster per Nummer) kaum die Kosten des Papiers deckt, erscheint vorläufig zweimal wöchentlich und begegnet in arabischen Kreisen dem lebhaftesten Interesse. Ein Waad Alijah in Warschau ״Hazefirah“ veröffentlicht den Aufruf eines vereinigteil Zentralkomitees zur Organisierung der Alijah in Polen. Das Komitee wurde gegründet durch Vertreter der Zeire-Zion in Polen, des Hapocl-Hazair in Polen und des Hechaluz in Polen in einer von den Bevolimachtigten des Zentralen Waad Alijah der Hitachdutn Zcire- Zion—Hapoel-Haza'ir, Lewinshhn und Frumkin, einberufenen Versammlung. Das ueugeschaffenc Amt, das aus Vertretern der drei Organisationen besteht, unterstellt sich dem Zentralen Waad Alijah in Wien und will in ständiger Fühlung mit dem Palästinaamt -für Polen arbeiten, ln dem Aufruf fordert das Komitee auf, sofort ähnliche lokale Institutionen zu gründen, genaue Enqueten unter den Chaluzim zu veranstalten und zuverlässige Listen vorzulegen. Aus der Presse. Eine neue Erscheinung in der hebräischen Presse Palästinas sind die weißen Flecke, ln den Nummern von ״Haarez“, die uns zuletzt zugekommen sind, sind beinahe Ün jedem Leitartikel mehrere Zeilen oder ganze Absätze konfisziert. Im Leitartikel vom 18. Mai schreibt Dr. A. Mi brasch an über ״Das Unglück in Galiläa“. Er toespricht darin-die furchtbare Christenmetzelei im französisehen Okkupationsgebiet, wo ein ganzes Dorf eingeäschert und Hunderte von Menschen getötet wurden. Er verweist auf die Zustände in Syrien seit der Unabhängigkeitserkliirung des syrischen Kongresses und auf die Passivität der militärischen Behörden. Die Christen und Moslems haben sich gegen ״die zionistische Gefahr“ verbunden und zur selben Zeit überfallen Moslems christliche Siedlungen und ptorden die Christen; und die zionistischen Juden, diese gefährlichen Menschen, verbinden die Wunden und leisten den Verwundeten und Beraubten Hilfe. ״In unsern Augen sind weder die Christen noch die Moslems Feinde, da wir, das schwergeprüfte Volk, mit allen Bewohnern des Landes in Frieden leben wollen. Die arabische Presse täte besser, statt die Araber gegen uns aufzuhetzen, ihre eigenen Stammesgenossen zu veranlassen, daß sic kein unschuldiges Blut vergießen und nicht den Frieden des Landes stören.“ Ein anderer Artikel, betitelt ״Geduld“, schildert die gedrückte Stimmung im Lande, die Nachwirkung der judenicindlichcn Vorfälle und stellt ihr die Erfolge der zionistischen Politik gegenüber. ״Unser Volk hat immer Geduld bewiesen, auch jetzt müssen wir uns in Geduld fassen und die Arbeit unserer Führer nicht stören. Wir müssen die nationale Disziplin halten und dürfen ihnen nicht Steine vor die Füße werfen. Der überstandenen Prüfung wollen wir gedenken, unsern Schmerz nicht vergessen — und trotzdem: Geduld!“ Der Leitartikel vom 20. Mai von A. M. Bo- , rochqw ״Offene Worte“ bespricht das Urteil gegen J a b o t i n s k i und die offizielle Verlautbarung, in welcher davon die Rede ist, daß ״ein Exempel statuiert werden muß“. Er wendet sich dagegen, daß der Besitz von Waffen zu einem Verbrechen gestempelt wird, wenn diese Waffen dazu dienen, das Leben der eigenen Brüder vor Mord und Raub, zu schützen. Er fordert Gerechtigkeit und sofortige Revision des Prozesses. San Remo-Feiern in Litauen Kowno, 27. Mai. Die litauischen Juden voranstaltctcn eine imposante Kundgebung vor dein britischen Konsulat. Mehr als 20 000 Juden mit zahlreichen weiß-blauen Fahnen waren zugegen. Unter den in jiddischer und englischer Sprache gehaltenen Fahneniiischriftcn befanden sich solche, welche die Frei* lassung der nationalen Helden, namentlich Jabotinskis, forderten. Der Konsul Colonel Ward empfing eine Ab- Ordnung und hielt unter den Klängen der jüdischen und britischen Nationalhymne eine mit großem Beifall aufgenommene herzliche Ansprache an die jüdischen Manifcstantcn. Wiederaufbauaktfon für die ostgalizischen Juden Der Pressedienst der Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien meldet: Einem Bericht aus Amerika zufolge haben die galtzischen Juden in Philadelphia den Grundstein für eine jüdische W i e d c r a u f b a u b a n k in Galizien gelegt, indem sie bei einer zu diesem Zwecke speziell voranstaltctcn Versammlung den Betrag von 25 000 Dollar gesammelt haben. Ferner haben sich die reichen galizischen Juden in Philadelphia bereit erklärt, den noch hierzu nötigen Betrag von löüüüö Dollar ehestens aufzabringen. William Fischmann und Bemard Samuel beschäftigen sich gegenwärtig mit der Sammlung eines 500000 - Dollarfonds für eine Wiederaufbaubank. Dieser Betrag soll allein in New York aufgebracht werden. Die ganze amerikanisch-jüdische Presse bringt ausführliche Berichte über die Tätigkeit unserer Amerikakommission wie auch über ihre Pläne bezüglich des durchzuführenden Aufbaues Ostgaliziens. Alle betonen, daß das Gelingen der von der Delegation des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien eingeleiteten Wieaeraufbauaktion nur deshalb solche günstigen Aussichten hat, weil ihre Kommission mit einem präzisen Plan und reichem statistischen Material, nicht mit leeren Worten gekommen ist. Italienischer Brief (Von unserem Korrespondenten.) Geulah-Woche. — Ein Zwischenfall j n Genua. — Auflösung des zionistischen O c m e i 1» d c r a t c s in Florenz. m. b. Rom, 28. Mai 1920, ln allen größeren Stadien Italiens — Rom, Florenz Mailand, Oenua, Triest, Tripoli, Bengasi — wurde' dieser Tage das Ereignis von San Rcmo durch offen(, liehe Versammlungen gefeiert. An diesen Manifestationen, die, durch Zionisten organisiert, aber durch da9 Komitee der jüdischen Gemeinden lebhaft unterstützt wurden, haben außer den italienischen Juden auch dk Behörden und einige nicht-jüdische Organisationen teilgenommen, und alle sind sie in bester Weise vertäuten. Um der Stimmung greifbaren Ausdruck zu geben, b«:- reisen jetzt die Vertreter der zionistischen Föderation alle größeren Städte, um womöglich alle reicheren Juden zu Geldspenden zugunsten des Aufbaufonds zu veranlassen. Ein unlängst im Haag eingetroffencr Scheck eines italienischen Juden (der seinen Namen nicht veröffentlicht haben will) in der Höhe von 10000 Pfund weckt gute Hoffnungen. Eine Versammlung wurde jedoch in sehr charakteristischer Welse gestört. Ire Genua wurde die am 16. Mai in der Volksuniversität veranstaltete Manifcstation durch den bekannten Soziologen Univcrsitäts- Professor Enricco Morse 11 i ungestört eröffnet; der zweite Redner aber, Zionist und auch Universitätsprofessor, Alessandro Padoa, wurde am Sprechen durch die zahlreich erschienenen Sozialisten verhindert. Der Zufall wollte nämlich, daß derselbe Redner einige Tage vorher sich in einer öffentlichen Versammlung für eine ״starke Politik“ gegen die Arbeiter- und Sozialistenbewegung ausgesprochen hat. Dies nahm ihm, wie der Vorsteher der lokalen sozialistischen Gruppe zur Geschäftsordnung ausführte, das Recht, im Namen de» jüdischen Proletariats, ün Namen der Freiheit und des jüdischen Palästina zu sprechen; die Protest rufe waren also nicht gegen die zionistische Sache (״welche alle Sympathien des italienischen Proletariats genießt“), sondern gegen eine bestimmte Person gerichtet. So gab uncrwarteterveisc die zionistische Versammlung den Sozialisten einen Anlaß, ihre Sympathien für das jüdische Volk und das jüdische Palästina zu dokumenticrcn. In viel ernsterer Weise wurde die Geulah-Woche durch Ereignisse in Florenz getrübt. Wie die ״Jüdische Rundschau“ seinerzeit berichtet hat, wurde Ende des vorigen Jahres iu Florenz ein neuer Gemeinderat, ausschließlich aus den Zionisten bestehend, gewählt. Dieses Wahlergebnis hat, wie zu erwarten war, unter den florcntimschen Juden viel Aufsehen 1md rn r« wissen Kreisen Aergernis und auch Empörung hervorgerufen. Vom ersten Augenblick an hatten die florentinischcn Gesinnungsgenossen mit vielen Hindcrnissen seitens der Assimilationspartei zu kämpfen, um so mehr, als sic sich in ihrem Wege nicht beirren ließen, vielmehr, durch eine hinterhältige Opposition angespornt, vielleicht manchmal das richtige Maß überschritten haben. Unter anderem hatte der neue Rat die Ausgabe eines zweiwöchentlichen Organs 11״ Conume ebrako“ beschlossen, das den Interessen des jüdischen Gemeindewesens gewidmet sein sollte. Ferner wurden an den Festtagen neben der italienischen auch die jüdischen Fahnen auf den Gcmeindcgebäudcn gehißt. Der Oemeinderat trat in engere Beziehungen zu der Exekutive der zionistischen Organisation, hielt sich an deren Direktive, einen Teil des ücmcindecinkoinmens für den Nationalfonds und die zionistische Propaganda zu verwenden. Da die Florentiner Zionisten alle gesetzestreue Juden sind, so haben sie dem Oberrabbiner von Florenz, das Vetorecht ihren• Beschlüssen gegenüber eingeräumt, mit dem Rechte, in Konfliktsfällen an das palästinensische Rabbinat zu appellieren. Endlich wurde beschlossen, die Gemeindesteuern zu erheben und die Zahlungspfiicht auf alle Florentiner Juden auszudehnen*). Außerdem waren noch viele Ideen in Verwirklichung begriffen, so die Reorganisierung des Schulwesens, Einrichtung von jüdischen Konsumgenossenschaften usw. Wie man sieht, sind unter den Beschlüssen wirklieh einige (wie z. B. das Vetorecht des Rabbiners, das insbesondere gegen das ״entkirchlichte“ italienische Staatswesen verstößt, oder der Versuch, die Steuern mittels eines veralteten Gesetzes obligatorisch zu machen, oder der offen proklamierte Zusammenhang der italienischen Gemeinde mit einer Weltorganisation), die man unvorsichtig oder unüberlegt finden könnte. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß ein erträgliches Verhältnis sich dennoch mit der Zeit herausgebildet hätte, zumat cs an Versöhnimgsgcist dem neuen Rat nicht gefehlt hat. Wiederholt hat er den Gegnern vorgeschlagen, eine gemeinsame Arbeit zu versuchen und ihre Vertreter in den Rat zu entsenden. Diese Vorschlüge wurden aber rundweg abgeschlagen, da die Assimilationspartei einen anderen Weg gewählt hatte, der .\ltcs andere als ehrlich ist. Zionistenverhaftungen in Moskau Wie aus zuverlässiger Quelle aus Riga telegraphiert wird, sind dort authentische Nachrichten eingetroffen, daß in Moskau ungefähr 100 Teilnehmer einer zionistischen Versammlung verhaftet worden sind. Das Leben der Verhafteten soll in Gefahr sein. *) Nach dem •fiten, nöch großherzoglichen Gesetze waren für die Juden von Toscana die Gemeindesteuern obligatorisch. Auf diesen Vorzug hat 1856 die Gemeinde verzichtet, sich jedoch das Recht Vorbehalten, die Verbindlichkeit der Steuern später wieder ausz.usprechen. Von diesem Rechte glaubte nun der neue Gemeinderat Gebrauch machen zu dürfen, indem er behauptete, daß jeder Jude, der nicht aus der jüdischen Religion austritt (einen Austritt aus der Gemeinde hielt er für ungenügend), verpflichtet sei, Steuern zu zahlen.

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