Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 34 (28.5.1920)
- Date
- 1920-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 262 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 34 ein letztes, furchthares Mittel in der Hand vor dem selbst die tapfersten Her״’״ erzittern sollen Bald werden alle li.uiitistäiltc der Wett von Stollen der lluterrnimlbalm durchzogen sein. Von diesen Stollen aus werden wir im l alle der Ocfalir für uns die ganzen Städte mit den Staatslcitunge*. Aemtern, Urkunden- Sammlungen und den Nichtjuden mit ihrem Hab und Out in die l.uft sprengen.“ Das gemißt um jeden!, der seine fünf Sinne hat, zu beweisen, daß die ״Sitzungsberichte“ dein Hirn eines armen Geisteskranken entsprungen sind. Die Fabel über den Ursprung des Buches, die der Herausgeber uns glauben machen möchte, ist seinem Inhalt ebenbürtig. Danach waren die öffentlichen Sitzungen des ersten Zionistenkongresses nur Scheinmanöver, in Wahrheit hätten aber 24 Gch'eiinsitzungcn stattgefunden. Die russische Regierung ließ den Kongreß bespitzeln (der Agent ging aber merkwürihgcrwcisc nicht nach Basel, sondern nadi Frankfurt a.M.), die Protokolle wurden für eine Nacht entwendet, abgeschriebcn, die Kopien nach Rußland gebracht und dort später von dem ״gewissenhaften Gelehrten“ S. N11 u s ins Russische übertragen. Später sind dann andere russische Ausgaben erschienen, und augenblicklich erheben das vorliegende deutsche Buch und ebenso eine englisehe Ausgabe, auf die selbst die ״Times“ hereingcfallcn sein soll, den Anspruch, die ״echten“ Protokolle des 1. Zionistenkongresses wiedemtgeben. Wahr ist daran nur, daß die russische Ausgäbe der ״Geheimnisse“ Spitzelarbcit ist, d> h. von vorn bis hinten erlogen. Von der deutschen Ausgabe ist festgestellt, daß ihr Inhalt zum großen Teil die moderne Aufmachung von Auszügen aus einem Roman darstellt, der - - 1860 in der ״Kreuzzeitung“ erschien. Fügen wir noch hinzu, dal! die ״Freiheit“ den Nachweis erbracht hat, daß hinter der Veröffentlichung die ultrareaktionärsten preußischen Konservativen stehen, — Fürst Salm hat für die ״Weisen“ mit Begeisterung bei Großagrariern und Schwei industriellen den Klingelbeutel geschwungen, — so ist das Buch hinreichend als das gekennzeichnet, was es ist: als ein poli- 11 s c h c r Schundroman! Das alles ist bekannt, und einer.von denen, die diese Dinge am besten wissen, ist sicherlich Graf Ernst Reventlow. Er weiß ganz genau, daß die ״Weisen von Zion“ nicht für Menschen geschrieben sind, die ihre fünf Sinne beieinander haben und auch nur über die durchschnittliche Dosis gesunder Urteilskraft verfügen. Dieses Buch ist eine geistige Falle für nicht voll Zurechnungsfähige, für jene Kreise, die als die einzigen in Deutschland fähig wären, unter günstigen Umständen das selbst zu verüben, was sic als Mittel zur ״Errichtung der jüdischen Weltherrschaft“ den legendären ״Weisen von Zion“ zuschreiben. Das hervor• stechendste psychologische Moment des deutschen Antisemitismus ist der groteske Verfolgungs- Wahnsinn, unter dem seine Anhänger, — d.h, die echten, — leiden. Dabei tritt immer wieder in Erscheinung, daß ihre ״Entdeckungen" im Grunde nichts anderes sind als unbewußte Selbstaufdeckungen. Was der Antisemitismus von den Geheimnissen der ״jüdischen“ Freimaurerei, der Alliance, der B’ne Biith-Logen lind jetzt, mit der Folgerichtigkeit fortschreitender geistiger Krankhei teil, auch vom Zionismus fabelt, beginnt er in seinen eigenen Reihen zu verwirklichen. All diese ״Germanen-Logen“, ,,Orden“ und sonstigen antisemitischen Bünde versuchen in höchst charak* tcristischer Weise sich mit einer Atmosphäre deä Geheimnisvollen zu umgeben. Politisch sind wohl grade diese Konventikel zur Züchtung rassereiner Germanen nicht allzu ernst zu nehmen. Zur Erhaltung der geistigen Gesundheit des deutschen Volkes tragen sie si'cher nicht bei. Man könnte vielleicht die ״Weisen von Zion“ samt Herausgeber, Verleger und Gemeinde der Gläubigen auf sich beruhen lassen, wenn dem Grafen Reventlow dieses Dokument geistiger Degeneration nicht gerade gut genug und seine ״Deutsche Tageszeihing“ anscheinend gerade schlecht genug wäre, tun sich mit den ״Weisen von Zion“ in einer Art zu beschäftigen, die nur dein möglich ist, bei dein das Gewissen sehr weit und das Gefühl für die Würde der eigenen Persönlichkeit sehr gering ist. Denn, um es ohne Beschönigung hcrauszusagen: Graf Reventlow - ist der Idiot nicht, der er sein müßte, wenn man ihm für seinen Artikel ״Pax judaeiea“ in der ״Deutschen Tagesztg.“ vom 17. ds. Mts. die bona fides zaierkennen dürfte. Dieser Artikel täuscht vor, daß der Verfasser an all die deutschen, englischen undrussisehen ״Weisen von Zion“ und ihre ״Geheimnisse“ glaube. Er gibt vor, daran zu glauben, daß der I. Zionistenkongreß, dessen Entstehungsgeschichte und Verlauf in allen ihren Phasen sich unter der Kontrolle und Kritik der weitesten Ocffentlichkeit vollzogen hat, nur ״Theater“ gewesen sei und daß in Wahrheit die ״Aeltesten von Zion“ ein in Basel ein Weltkomplott beraten hätten. Er gibt ferner vor, in der geschichtlichen Entwicklung der letzten Jahre Beweise für die Echtheit der ״Geheimuisse“ zu erblicken und beruft sich bei alledem auf einen Artikel der ״Times“, der zum mindesten die Meinung ausspreche, daß die Juden nunmehr den ״bündigen Beweis“ führen müßten, daß die Nilus- Berichte gefälscht sind, sollte nicht der Verdacht des ״Judenfriedens“ auf ihnen lasten. Der Artikel der ״Times“, der dem Grafen Reventlow so gelegen kommt, »nacht einen etwas merkwürdigen Eindruck. Er ist keine Redak« tionsarbeit, sondern der Beitrag eines ungenannten gelegentlichen Korrespondenten. Der Verfasser ist durch die Lektüre der englischen ״Geheimnisse“ etwas aus dem geistigen Gleichgewicht geraten. Er glaubt in ihnen ״Voraussagen“ zu erblicken für Dinge, die ״inzwischen eingetroffen sind“. Es bcweist das nichts als die Kritiklosigkeit des Schreibers. Im übrigen hat die ״Times“ inzwischen eine ganze Reihe von Zuschriften veröffentlicht, von denen die meisten die Wertlosigkeit der englischen ״Geheimnisse“ feststellen. Bezeichnend hierbei ist, daß die Mekreald dieser?*sdiriften von Nicht- Juden stammen. Wir verstehen das Bedürfnis des Grafen Revc nt low, uns in eine Polemik über den Inhalt der ״Geheimnisse“ zu verwickeln. Wir lehnen aber dankend ab. Einmal deshalb, weil es wirklich nicht möglich ist, gegen schieren Blödsinn zu p״|<>. misicren. Man wüßte nicht, wo anfangen uml wo aufhören. Es genügt uns an einer sinnfällige״ Probe gezeigt zu haben, in welche Kntliegoric krankhaftester Phantasie das Buch der Herren Niliis-Beek gehört. Im Uebrigen, wie denkt sich Graf Reventlow diese Widerlegung. Solle« wir etwa alle noch lebenden Teilnehmer de* I. Zionistenkongresses, soweit sie in Deutschland wohnen, auf die Redaktion der ״Deutschen Tage»■ zeitung“ schicken und dort einen feierlichen Eid schwören lassen, daß wirklich und" wahrhaftig im Jahre des Heils 1807 zu Basel kein ״Komplott zur Errichtung der jüdischen Weltherrschaft“ geschmiedet worden ist. Oder sollen wir zu den ״Geheimnissen“ einen Kommentar der Widerlegung schreiben lassen, der z. B. beweisen müßte, daß) bei Sprengung von Untergrundbahnen kaum zu verhindern sein wird, daß neben Ministerien, Aemtern, Staatsarchiven und Nichtjuden auch Synagogen, ״jüdische“ Kaufhäuser, Redaktionen und ״Weltherrscher“ in die Luft gehen würden? Ach nein, auf das Glatteis führt uns kein Reventlow. So etwas wie ein Riescn-Zcrtungsstunk, das könnte dem Herrn Grafen just zur Wahlzeit so passen. Nicht wahr: ״etwas bleibt immer hängen!“ Graf Reventlow ist ein bei allem Temperament nüchterner, intelligenter und scharfdenkender Gegner, dem weder Freund noch Feind Trottelhaftigkeit nachsagen werden. Spielt er einmal in der Politik den dummen August, so weiß er, für welche^ Parterre dieses Komödiantentum bestimmt ist und erhofft sich von ihm den entsprechenden Erfolg. Im Dämmern seiner Redaktionsstube lacht er der Dummen, die nicht alle werden, und unter den Lesern der ״Deutschen Tageszeitung“ schon gar nicht. Einen gewissen Anhaltspunkt für die weitergehenden Pläne dieser ״Politik“ des Grafen Reventlow gibt vielleicht die Tatsache, daß sowohl er als die seinem Blatte geistesverwandte ״Deutsche Zeitung“ ihre Be- Pachtungen in die Andeutung ausmünden lassen, gegen die ״jüdische Gefahr“ helfe nur eine weltumspannende Gegenorganisation. Man scheint den Gedanken einer neuen Internationale, der 1 n - ternationale des Judenhasses, in die Debatte werfen zu wollen. Nun ist es geradem grotesk, wenn ein Mann wie Reventlow, der sein gerüttelt Maß Schuld am nationalistischen Größenwahn der Vorkriegszeit trägt und der wie kaum ein' anderer zum Kriege gehetzt hat, jetzt die ״Nationall gesinnten alier Länder“ aufruft, sich zur Abwehr der ״internationalen Judenherrschaft“ zusammenzufinden. Graf Reventlow, der Internationalist t i 1 I Esriel Hildesheimer (Zum 100. Geburtstage.) Von D r. A h r o n Barth. Am 27. Ijar jährte sich zum 100. Male der Geburtstag Esriel Hildesheimers Hildesheimer war eine Persönlichkeit, die .ihren Stempel einer ganzen Epoche aufgedrückt hat und ein Mann, dessen Tätigkeit nicht nur bei seinen Freunden und Kampfgenossen, sondern auch hei seinen Gegnern bis heute noch Spuren!Unterlassen hat. Hildesheimer hat einen Entwicklungsgang durch* gemacht, wie wir ihn auch heute noch vielen unserer Führer wünschen möchten. Er war in Deutschland gebaren, erzogen und bis zum Abschluß der Univcrsitäts- Studien durchgcbildet, ging dann mitten in ein ostjüdisches Zentrum als Führer der dortigen Gemeinde nach Eisenstadt in Ungarn und kehrte von dort nach Deutschland zurück, um nun hier das zu leben und zu lehren, was sich in ihm als Synthese seiner deutsch-jüdischen Erziehung uml seiner Erlebnisse im Ostjudentuni herausgebildet hatte. Er stand seiner ganzen Weltanschauung nadi von Anfang bis Ende seiner Wirksamkeit im Lager der Orthodoxie, aber er gab der Weltauffassung der Orthodoxie einen für seine Zeit völlig neuartigen^Charakter, und das war die Tat, die auch über seinen Tod hinaus leben geblieben ist und wirken wird. Etwa zur gleichen Zeit wie Samson Rafael Hirsch begann er am Ausgleich des Gegensatzes zwischen moderner Bildung und Festhalten an jüdischer Tradition, wie er sich nach der Emanzipation herausgebildet hafte, /,u arbeiten; aber beide arbeiteten in völlig versdiiedencr Weise. Für Hirsch war die Kultur, die er mit der alt-jüdischen vereinen wollte, die ttsHietisicnciute Spätromantik; für Hildesheimer war es der Wissenschaftliehe Rationalismus, wie er sich etwa in der Haskala- Epoche ausdrückt. Darum pflegte, «in ein charakteristisches Beispiel herauszugreifen, in der Bibelerklärung Hirsch den פשט Hildesheimer den דרש Darum mußte aber auch Hildesheimer in ganz anderer Weise in Gegensatz zu denen kommen, die Dun Hauptstützen und Hauptkämpfer hu Lager der Orthodoxie selbst hätten sein sollen, als dies bei Hirsch der Fall war. Bei Hildesheimer führte der Kampf der ungarischen Orthodoxie gegen das von ihm geschaffene Lehrinstitut in Eisenstadt soweit, daß nach ungeheuer erregten Kämpfen auf dem ßudapester Kongreß von 1865 Hildesheimer von seinen Gegnern in den Bann getan wurde. Er ließ cs sich nicht anfechten, seinen Weg weiterzugehen, nur mag es ihm den Entschluß erleichtert haben, als ihn wenige Jahre später die neugegründete Berliner Austrittsgemeinde, die Adass Jisroel, an ihre Spitze berief. Auch hier setzte er sofort seine Tätigkeit im gleichen Sinne fort und schuf das Rabbinerseminar mit der ausgesprochenen Devise der wissenschaftlichen Vorbildung des Rabbmerstandes und der wissenschaftlichen Erforschung des Lehrinhaltcs des Judentums. Seiner Initiative entsprang die. Ausbildung David Hoffmanns, Berliners uml Barths, die ihn bei seinem Werk jahrzehntelang unterstützten und cs fort setzten, und ihm ist es zu 4anken, wenn in einer Zeit, wo in Deutschland die Wissenschaft des Judentums fast unproduktiv war, gerade diejenigen, die durch ihren Standpunkt mit den Dingen am stärksten innerlich verwachsen waren, mit dem zu durchforschenden Stoff der jüdischen Erkenntnis weite Gebiete erschließen konnten. Neben dieser Tätigkeit darf seine Tätigkeit für die jüdische Gesamtheit nicht vergessen werden. Es gab während Hildesheimers ganzer ־Lebensdauer kaum ein Gebiet, auf dem Arbeit im Judentum oder für das Judentum notwendig war, dein er sieh nicht gewidmet hatte. Als noch nicht dreißigjähriger Mann hatte er schon die Gefahren des preußischen Judengesetzes von 1847 bekämpft. Die preußischen Behörden kannten zurzeit seiner Berliner Wirksamkeit überhaupt kaum einen, mit dem sic verhandelten, atißer Hildesheimer. Die Reform und ihre Vertreter haben Zeit seines Lebens «eine scharfe Feder gefürchtet; aber vor allem war sein Na• tioualbewußtsein ein so starkes, daß jeder Schlag, der irgendwo in fernsten Ländern die Juden traf, in s&Incm Herzen nachzitfertc und seine Tätigkeit auslöstc. Während der russischen Judenverfolgungen in den siebziger und achtziger Jahren stand er nicht nur an der Spitze der Hilfskomitees, sondern leistete auch einen erticbliehen Teil der Arbeit mit seiner eigenen Person, und ebenso gehörte er zu denjenigen, die mit als erste den Gedanken des Chowcw-Zionismus begriffen. Ein ch»- rakteristisches Zeichen hierfür war cs, daß nach seinem Tode große Auseinandersetzungen stattfinden mußten, Weil auf seinen Namen als Treuhänder eine ganze Zahl palästinensischer Kolonialländereien eingetragen waren. 111m war nichts Jüdisches fremd, und sein Leben ln der Ueberliefenmg war wirklich ein Leben in und mit dew gesamten Volke Am letzten Snbbnth wurde in verschiedenen 5v!|״ gogen Berlins der Gedenktag durch eine Ansprache u*d ein hebräisches Gebet begangen. Am Sonntag fand eine Gedenkfeier des Rabbinerseminars zu Berlin statt, bei der sich nach einer Gedenkrede Prof. Hoffmanns zwei neu• gewählte Dozenten des Seminars, Dr. Grünberg (Bibel• Wissenschaft) und Kaplan (Talmud) mit einer kurze» programmatischen Ansprüche vorstellten. Beide Redner ließen erkennen, daß sie gewillt seien, ihr Amt im Geiste des Gründers des Seminars zu führen. Als recht erfreulich dürfen wir es bezeichnen, daß Dr. Grünberg hierbei besonders darauf hinwies, daß er es als seine Pflicht ansehen werde, auch das lebendige Hebräisch zu lehren, damit die zukünftigen Rabbiner den geistige* Zusammenhang mit der neuhebräischen Kultur und mk ^ler neuentstehenden Kultur in Erez- Israel wahre*, und es darf auch als programmatisch registriert werde», daß Herr Kaplan seine Rede in hebräischer Spm41e hielt