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Jüdische Rundschau · 1920-05-21 · Heft 33 (21.5.1920) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 33 (21.5.1920)
Date
1920-05-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 33 JUEDiSCIIE RUNDSCHAU Seite 255 Die Ziele des 21 Von Ör. Moritz Bileski. [:ine Reihe wichtiger jüdisch-politischer Ent- Scheidungen wird jetzt in einen kurzen Zeitraum zusammengedrüngt. Zit ihnen gehört die Wahl nir Rcpräscntautenvcrsanwnlun״ der Berliner Jiidischeu Oemeinde, die am 20. Juni stattfindet. Der Wille der Wähler wird diesmal, wenn auch keinesv.cgs einwandfrei, so doch deutlicher als früher zur Geltung gebracht werden können. Die Berliner Jüdische Gemeinde besitzt wegen ihrer überragenden Stellung im deutschen Judentum uml wegen ihrer reichen materiellen Mitte! noch immer grolle Bedeutung nicht nur für ihre Augehörigen, sondern für das üesnintjudentuin. Diese Bedeutung könnte indessen sehr stark gesteigert werden. Sie ist jedenfalls ganz gering und unzu-;;inglich, wenn man sich vorstellt, wie die in der Gemeinde vereinigten jüdischen Energien als Glieder eines planvoll tätigen, von frischem Geist und wirkliehen» Leben erfüllten Organismus wirken könnten. Der Grund für diesen Mangel ist seit langem bekannt: gerade die Kräfte, die dem Leben des Judentums heute Bewegung und Farbe verleihen, sind bisher von der Mitwirkung in der Gemeinde ausgeschlossen gewesen. Die überalterte Herrschaff von Notabein, die inihren persönlichen Anschaumigen dem Judentum nicht die erforderliche zentrale Stellung eiiiräumen konnten, muhte auch die Wirkung der Gcmcindetätigkcit auf eine miaugemessen niedrige Stufe herabdrücken. Die bevorstehenden Wahlen müssen den Beginn emer Aemlerung bringen. Die Berliner Jüdische Gemeinde muH sich einordneu in den Zusammenhang des Gesaintjuilcntums, sie muH von seinen Kräften Anregung und Steigerung ihrer Kräfte empfangen, sie muH seinen Aufgaben an dem Platze dienen, der ihr gebührt. Das wird nur möglich sein, wenn sic endlich Anschluß an den Geist des modernen Judentums gewinnt. In der Gemeiiulearbeit muH das Bewußtsein der nationalen Einheit und der nationalen Zukunft zum Ausdruck kommen. Nur dann wird die Gemeinde die Bedeutung erlangen, die ihr zukommt — die Bcdeulmig eines wichtigen politischen Faktors im Leben des jüdischen Volkes * wenn sie sich nicht kingcr ängstlich abwendet von deifi fruchtbaren Strom, den die Auffassung des Judentums aU eines lebendigen, politischen Körpers freigelcgt hat. In der Arbeit der Gemeinde muß zu spüren sein, daß hier Dienst für das Volk getan wird, daß eine Beziehung besteht zwischen ihrem Wirken und dem Ereignis von San Rcmo. Diese Gedankengänge bilden die Grundlage* der Forderungen, mit denen die jüdische Volkspartei in den Wahlkampf geht. An der Spitze ihres soeben veröffentlichten Programms steht der Satz: ״Die Jüdische Volkspartei steht auf dem Boden der jüdischen Volksgemeinschaft.“ Sie unterscheidet sich damit grundsätzlich von den Riehtungen, die bisher allein in der Leitung der Gemeimlc vertreten waren. Ein WahlctTolß der Ji'ulisehen Volkspartei wird dem unleidlichen Zustand e:1׳ Ende ׳machen, daß aus der Vertretung 'der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands die Riehmag ausgeschlossen ist, die in der Gegenwart den därksten Einfluß auf das Schicksal des Judentums;!sü!>t. in folgerichtiger Durchführung ihrer uatianalen (iruntlatiffassimg verlangt die Jüdische Volks- Partei eine Aenderung des Charakters der Gemeinde. V enn die jüdische Gemeinschaft unter den .Volksbegriff fällt, dann müssen die Organisationen, in ־׳'!■׳ s>v sich gliedert, der Erhaltung und Förderung* des Volkslebens dienen. Daher ist die Umwandlung der Gemeinde in eine Volksgcitieinde notwendig.־ De Gemeinde muß für alle Strebungen Interesse 7mgen, die das Leben der Gesamtheit zum Ausdiuck bringen. Die rein religiöse Auffassung ihres Aibeitsfekles ist zu eng, zahlreiche soziale, wirtschriftliche, kulturelle und politische Probleme sind 7\ ״rlwlikrcn• Debcral! bietet sich Gelegenheit zum » ufbaii eines kräftig eingreifenden Gcmcindelebcns, us. irische» Zielen nützen und eine Schar intercssierter, von jüdischen Aufgaben erfüllter Miti •!C’!cr *K‘ra״zichen kann*. Zugleich wird erst diese anwandlung z״r Volksgemeinde den religiösen jv°rcss.c״ tlcr Gesamtheit gerecht werden können. n״ s׳e 'nacht die Zusammenfassung• gleicher rclim ל״)',! c!u״״ßen in besonderen Kultusgcmeinden un * 1j . so jeder religiösen Anschaug> ure religiösen Angelegenheiten in ihrem Sinne ordnen, und vermeidet die Gefahren, die eine £ ׳ungenc Verbindung unter der Herrschaft des ‘<1־■ unangebrachten Majoritätsprinzips mit sich mu.^' stellt sie wahre religiöse Frei- ״ ,f׳ während andererseits die Berücksichtigung ז religiösen Differenzen nicht zugleich die Auf* lösung des jüdischen Bandes bedeutet. Denn der Inhalt der Cicnieiudcarbcit, der dem Volksleben entnommen wird, ist stark genug, um eine Gemeinsamkeit der Interessen zu bilden und zu gemeinschädlicher Tätigkeit eiirailaden. Daß die Volksgcmeinde, daß auch die jüdische Gemeinde in ihrem gegenwärtigen Charakter auf demokratischer Grundlage aufgebaut sein muß, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber mit gutem Grunde stellt die Volkspartei die Demokratisicrung der Gemeinde als besonderen Programmpunkt auf. Wir sehen ja noch in der Geschichte dieser Wahl, wie weit die Gemeindevertretung von demokratischen Anschauungen und die Organisation der Gemeinden von einer demokratischen Vorfassung, entfernt ist. Die einzelnen Forderungen, die die Volkspartei in dieser Beziehung erhebt, müssen schleunigst verwirklicht werden, Soll die Gemeinde zu einem tätigen Glied des Volksganzen umgestaltet werden, so wird sie sich den Aufgaben der Volksgcsamtheit nicht entziehen können. Sie wird daher an dem wichtigsten Gegenstand der Volksarbeit, am Aufbau von Erez-Israel, rmtwirken müssen. Sie wird die nationale Solidarität dadurch bekunden müssen, daß sic ihre Mittel und ihre Arbeitskräfte für die Regelung der Wunderbewegting zur Verfügung stellt. Sie wird bei den zahlreichen Tätigkeiten, die sich aus der Pflege des Gcmcindelebcns selbst und des jüdischen Lebens der Gemeinde-Angehörigen ergeben, immer wieder zu zeigen haben, wie weit die jüdischen Interessen ausgedehnt werden, wie stark sie auf das Leben der einzelnen Juden Einfluß gewinnen können. Sie wird sich dabei immer deutlicher ihrer Bestimmung als Glied des Volkskörpers bewußt werden. De§- wegen muß sie auf eine planmäßige Gliederung und Vereinigung der Kräfte gleicher Art, auf eine Gesamlorganisatiou des deutschen Judentums hinwirken. Diese Absichten, denen das Programm der Jüdisehen Volkspartei in zahlreichen Eiii/.elfordenmgen Rechnung trägt, sind wichtig genug, um die Gemeindewablcn za einem Ereignis von hoher Bedeutung zu machen. Gelingt es, den Anschauungen der Volkspartei eine starke Vertretung zu schaffen, dann kann eine neue Entwicklung der Berliner Jüdischen Gemeinde beginnen. Der Aufbau jüdisehen Volkslebens in den Ländern der Galuth wird' aufs wirksamste gefördert werden, wenn die großen Judenzentren sich einfiigen in den belebten Rhythums nationaler Arbeit. Diesem wichtigen Zick nationaler Politik muß die Entscheidung des 20. Juni dienstbar gemacht werden. Programm der ״Jüdischen Volkspartei“ Die Jüdische Volkspartei steht auf dem Boden der jüdischen Volksgemeinschaft. Sie verlangt, daß die Berliner Jüdische Gemeinde über den Kreis einer rein religiösen Tätigkeit hinaus allen Interessen des jüdischen Volkes in jüdischem Sinne diene. Sic lehnt daher alle Bestrebungen ab, die fremde Vorbilder nachahmt und die Juden in den engen Rahmen einer kirchenähniichen Gemeinschaft zwängen wollen. Neben der Pflege der überlieferten Schätze der Vergangenheit verlangt sie umfassende Mitarbeit an den Zukunftsaufgaben der Gesamtjudenheit. Restlose Demokratisierung der Gemeinde, Schaffung autonomer Synagogengcmeindeii durch Trennung des Kultus von der übrigen Verwaltung, Wirksame Vertretung nach außen, Erziehung eines von starkem jüdischen Geiste und jüdischem Bewußtsein durchdrungenen Geschlechts, Schaffung eines großnngclegten sozialen Hilfswerkes, Aktive Anteilnahme an dem Aufbau des jüdischen Landes, א!״צ ישראל in brüderlicher Verbundenheit mit der Judcnheit der ganzen Welt, das sind die großen Ziele, für deren Erreichung die Gemeinde alle verfügbaren geistigen und materiellen Kräfte zusammenfassen soll. Durch Verwirklichung dieser Grundsätze erstrebt die Jüdische Volkspartei den Aufbau einer von tätiger Liebe und Hingebung zum Judentum erfüllten jüdischen Volksgemeinde. Im einzelnen erhebt die Jüdische Volkspartei folgende Forderung e-11. I. Organisatorische Forderungen. 1. Allgemeines, gleiches, geheimes, direktes Wahlrecht für Männer und Frauen, die das 20. Lebensjahr vollendet haben, nach dem Proportionalsystem für die Wahl zur Repräscntantenvcrsammhmg unter Beseitigung des bisherigen, von der Steuerzahlung abhängigen Wahlrechts. 2. Wahl der Vorstandsmitglieder und Stellvertreter des Vorstandes durch die Repräscntantcnvcrsammlung nach dem Stärkeverhältnis der in ihr vertretenen Richtungen. 3. Vermehrung der Zahl der Vorstandsmitglieder und Repräsentanten. 4. Alle Aufgaben der Verwaltung werden durch die Gemeindebehörden (Vorstand und Repräscnta'ntenver- Sammlung) erledigt. Die Kultusangelegenhcitcn werden autonomen, im Anschluß an die Synagogen zu bildenden Gemeinden übertragen, in denen die Wahl der Rabbiner, Kantoren, Vorsteher und sonstigen Funktionäre durch die Ge* samtheit der Synagogenmitglieder erfolgt• Die Jüdische Volkspartei tritt in diesen Gemeinden für die Erhaltung der hebräischen Gebetssprache ein, bekämpft die Assimilation im Kultus und verlangt Schaffung religiöser Fortbildungsmöglichkcitcn für die schulentlassene Jugend. Aeuderungcn des Kultus lind des Ritus bedürfen des übereinstimmenden Beschlusses der zuständigen Rabbiner und Gemcindemitglieder. 5. Einsetzung einer Ritualkommission als aufsichtführende und entscheidende Instanz für alle rituellen Einrichtungen der Gemeinde. 6. Einrichtung eines ביר, ריז das gleichzeitig auf übereinstimmenden Antrag der Parteien als Schied«- gericht ל ם שפג־ שרובו verhandeln kann. 7. Tatsächliche Durchführung der gesetzlich gewährleisteten Gleichstellung der ausländischen Juden innerhalb der Gemeinde. II. Politische Forderungen, a) Für das gesamte Judentum. 1. Bereitstellung von Mitteln für den Aufbau des durch Beschluß der Friedenskonferenz in San Rcmo als nationale Heimstätte für das jüdische Volk anerkannte אדצ ישראל 2. Anteilnahme an der Regelung der jüdischen Eittigration insbesondere aus den Landern des Ostens. h) Für die Juden in Deutschland. 3. Mitwirkung bei der Schäftung einer auf demokratischer Grundlage aufgebauteu Gesamtorganisation aller in Deutschland lebenden Juden. 1׳. Beseitigung des reaktionären Jmleiigcsetzes vom 23. Jtili 1817. •3, Schutz, der Interessen der Ostjuden. (>. Kampf gegen den Antisemitismus. III. Kulturelle 1' o r d 0 r ti 11 g e n. 1. Erhaltung des Sabbaths; Sabbathruhe in allen Anstaken und Einrichtungen der Gemeinde. 2. Errichtung jüdischer Kindergärten: jüdischer Volks-, Mittel- und Höherer Schulen, in denen neben dem hebräischen Schrifttum Hebräisch auch als lebende Spraclte gelehrt wird. 3. Errichtung jüdischer Volkshochschulen und anderer Erziehungsanstalten zur Fortbildung der srhulcntlassenen Jugend und der Erwachsenen. 4. Intensive Unterstützung der auf die Förderung der" Wissenschaft von Juden und Judentum und der Belebung der hebräischen Sprache gerichteten Bestrebungen. 5. Schaffung von FortbiUlimgsniüglichkcitcu für den aus dem Osten stammenden Teil der Gemeinde. IV. Soziale F o r d e r u 11 g e n. 1. Erfüllung aller der öffentlichen Wohlfahrt dienenden Gemeindeeinrichtungen mit nahrhaft jüdisch-sozialer Gesinnung. 2. Umgestaltung des Bcerdigungswesens irt jüdiselten! Sinne unter Beseitigung des Klassensvesens. 3. Errichtung eines Jugendamtes zur Förderung aller auf die körperliche, geistige und sittliche Vervollkommnung der jüdischen Jugend gerichteten Bestrebungen (Jugend- und Landheime, Turn-, Sport- und Spielplätze, Gartenbau-Unterricht, Berufs-Beratung usw.). 4. Bevölkerungspolitische Maßnahmen, wie Friihehekassen, Mutter- und Säuglingsschutz, usw, 3. Einflußnahme auf die Preisgestaltung ritueller Lebensmittel. 0. Unabhängigkeit für sämtliche Gcmeindebeainte durch lebenslängliche Anstellung nach *"angemessener Probezeit und Gewährung einer auskömmlichen Besoldüng. Schaffung eines Beamtendis/iplinarrechts, Mitwir- Wirkung der Beamten in allen ihr Interesse betreffenden Fragen. 7. Sozial-politische Maßnahmen für jüdische Arbeiter, Angestellte, Handwerker, Kleingewerbetreibende; Errichtung eines Wohlfahrtsamtes zur Zentralisation der vorhandenen Einrichtungen; Gründung jüdischer Kassen, Spareinvichtungen, Genossenschaften, Arbeitsnachweise, Volksspeisehallen, Herbergen und ähnlicher Einrichtungen; Wohnungspflege, Pflcgschaftswcscn in der Armenfürsorge, planmäßige Verteilung der Stiftungsmiltci nach volkserhaltenden Grundsätzen. 8. Umfassende Fürsorge für Durch- und Aus- Wanderer unter besonderer Berücksichtigung der Bedarfnisse der aus dem Osten kommenden Juden. Q. Schaffung vo» Volks- und Vereinshäusem in Ver- Bindung mit Bibliotheken, Lesehallen usw. Emigrantentransportc aus Polen. Infolge Intex*-, ventiou der jüdisch-amerikanischen Emigrantenmission in Warschau hat das Eisenbahnministerium angeordnet, daß an die nach Danzig nbgehenden Züge dreimal wöchentlich ein besonderer Waggon ausschließlich für Emigranten angehängt werde. Im Bedarfsfälle werde die Zahl der Waggons vermehrt, resp. den Reisenden Gelegenheit gegeben werden, täglich von solche« Estra- Waggons Gebrauch machen zu können. Der erste dieser Wagen ist am 28, April von Warschau abgegangen und der erste Emigrantentrausport hat Danzig am 2. Mai verlassen, wo sich eines jeden Transportes der ausschlteß-!ich zu diesem Zwecke dort weilende Herr Boskcr, Mitgliect der Mission, anniinmt Der Aufbaufonds. ״Zionist Bulletin“ meldet aus Kanada: Bet der Eröffnungsversammhxng der Camnagne für den Aufbaufonds in Montreal wurden über 30000 Dollar gezeichnet Es war die größte zionistische Versammlung, die jemals, in Kanada stattgefunden. hat

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