Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 33 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 33 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Seite 253 Und das deutsche Judentum? Während ringsum in der ganzen jüdischen Welt die Anerkennung Palästinas als nationale Heimstätte für das jüdische Volk weit über den Kreis der zionistischen Organisation hinaus herzlich und aufrichtig begrüßt worden ist, herrscht in offiziellen Kreisen des deutschen Judentums eisiges Schweigen, wenn man nicht gar• den ebenso törichten wie imwürdigen Versuch macht, gegen die vollende e Tatsache den bekannten ״flammenden“ Protest einzulegen. Die sogenannte ״jüdische“ Presse vermag sich immer noch nicht ganz von der ebenso bemienien wie unanständigen Praxis des Totschucigens loszusageii. Durch die überragende Bedentung des Ereignisses gezwungen, bringt sie widerwillig all das, was sie nicht unterschlagen kann, weil es die Presse der ganzen Welt gebracht hat. Aber die journalistische Auffassung, in der dies geschieht und die Art, in der man die Tatsachen glossiert, beweisen nur zu deutlich, daß mail keineswegs geneigt ist, das letzten Endes doch weitgeschichtliche Ereignis von San Reino von einer höheren und objektiveren Warte aus zu betrachten, als es bisher dem Zionismus gegenüber geschehen isi. Die jüdischen Wochenblätter und Blättchen aller Schattierungen, die in ihrer Gesamtheit die jüdische Oeffentlichkeit in Deutschland darstellcn, verfahren im allgemeinen nach dein Vorbild, das ihnen die ״jüdische“ Weltpresse bietet. Auch hier findet mau fast keine Spur von jener tiefen inneren Erregung, die uns aus dem kleinsten und unbedeutendsten Judcnblättchcn irgendwo in der Welt cntgcgenleuchtet, auch hier das gleiche Widerstreben der Bedeutung des Augenblickes gerecht zu werden und dem gegenüber das emsige Bemühen, all das hervorzukehren und zu unterstieichen, was den zionistischen!Erfolg verkleinern könnte. Es ist daher nur 711 begreiflich, wenn sich bei den Juden anderer Länder allmählich die Anschauung verbreitet, daß das deutsche Judentum als einzige unrühmliche Ausnahme sich von der Gesamtheit des jüdischen Volkes, von seinen Pflichten, wie von seinen Rechten, freiwillig ausgeschlossen habe. Die Führer des deutschen Judentums, die wirklichen wie die scheinbaren, haben nichts vermieden, was diese Anschauung bekwiftigen könnte und alles getan, was sie fördern konnte. Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß eine solche Politik der forci&ten Gleichgültigkeit sich früher oder später am deutschen Judentum schwer rachen wird. Denn man leugnet nicht ungestraft Zusammenhänge und Interessen, die letzten Endes doch naturgegeben sind. Und die Spekulation, die sich ein erhöhtes Vertrauen bei den Deutschen aller möglichen Schattierungen dadurch erwerben will, daß sie mit falschem Pathos gegen die Zumutung der Zugehörigkeit zum jüdischcn Volke protestiert, darf seit langem als blolSgcstellt angesehen werden. hn übrigen ist es gar nicht wahr, daß diese Politik der 1״ lundcschnäuzigkeit“ der wirklichen Stimmung im deutschen Judentum entspricht. Wir Das jüdische Museum beim Bez&Ie! Boris Schatz in Wien Prof. Boris Schatz, der wohlbekannte Leiter des ״Be/alcl“, weilt auf einer Europarcise gegenwärtig in Wien. Seine Reise gilt vor allem der Erwerbung von Kiinstgegensj'iiJdc'n für das Museum. Prof. Schatz alliierte sich hierüber zu einem Redakteur der ״Wiener Morgenzeitimg“ folgendermaßen: ״Schon vor zwanzig Jahren, also einige Jahre, bevor ich in meine alt-neue Heimat Palästina gezogen war, be- Kann ich mit jüdischen kunstgewerblichen und historischen Sammlungen. Als der ״B e z a 1 c 1“ seine Tätigkeit begann, richtete ich dortsellvst eine Art Miniaturnniseiim ein, in welchem sich auch schon eine naturwissenschaftliche Abteilung befand. Vor dem Kriege war die Sammlung auf 3000 Ausstellungsobjekte־ äugewachsen. Es gelang mir während der Kriegswirren, m)'m ״Museum‘‘ vor dem Untergänge zu retten, wobei nur die Offiziere des österreichischen mobilen Reserve- H'itals in Jerusalem in dankenswerter Weise zur Seite tan den. Mit ihrer I filfc konnten wir in den schwersten «Reu die Sammlungen in leere Zisternen verstecken. So s as Be/alcl-Museum unversehrt geblieben. ... ,. .1® w'sscn, welche großzügigen Arbeiten für unser Nationalmuseum jetzt in Angriff genommen b1r!™•. ”i(: historisch-ethnographische Abteilung soll Ai ״!•! Unterkunft finden, die naturhistorischc , ’ u!l1׳k der hebräischen Universität angegliedert wer- und die Abteilung für Kunst und Kirnstindustric cim BezalcI verbleiben, dessen Baulichkeiten vergrößert ״ en• Neben meiner Wenigkeit sind als verantwortle * oelileute Professor O e 11 i n g e r (als Naturtssenschaftlcr), Professor S1 o n g e (als Historiker) und atfaeli (als Numismatiker) für das jüdische Nationaluscum tätig. Man kann sagen, dafi wir jetzt schon die slcn umJ reichsten Sammlungen in Palästina haben. ...“Iliälll״״ ץןן׳,ר> \יי1~יךןך-י ו7לדץ“'׳ו!רןי^י׳ך sind die Gemeindewahlen in Berlin. Wer die Um- Wandlung der größten deutschen Judengemeinde in eine «•/ <ךךן תגד׳ן י*.־*־?«/'יי׳׳׳?r•׳-? >FfT>V will, sorge mit allen Mitteln dafür, dab die JrSocdnic Volkssport«! den Wahlkampf erfolgreich besteht. Werbt Stimmen, teilt Adressen mit, sammelt Geld für den Wahlfonds. JidiscSie Volkspariei Berlin C. 1, Heiligcgci$i$tra$c 52. Telephon: Zentrum 1610. . Postscheckkonto: 81322, Bernstein und Baer, Schatzmeister der Jüdisch en Volksparlel haben bereits vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß nach Meldungen unserer Ortsgruppen die Teilnähme der Nieht/.ionisten' an den Veranstaltungen zur Feier der Beschlüsse von San Remo erfreulich groß ist. Wir können diese Erfahrung, die uns übereinstimmend aus fast allen Teilen des Reiches mitgeteilt wird, für die größte jüdische Gemeinde in Deutschland, für Berlin, ausdrücklich bestätigen. Obwohl dort für die jüdischen Volksver- Sammlungen Riescnräume gewählt worden waren, wie die Neue Stadthalle und der UFÄ-Palast, reichten sie doch nicht annähernd hin, um die Tausende von Teilnehmern zu fassen, die sich selbst durch ein verhältnismäßig hohes Eintrittsgeld nicht abschrecken ließen. Es beweist das, daß der zionistischc Gedanke ständig an Werbekraft gewännt und daß vielleicht das offizielle deutsche Judentum a!1 der letzten Wendung der Dinge negativ interessiert sein mag, die deutschen Juden es aber sicher nicht sind. Ein deutliches Anzeichen hierfür ist auch darin zu erblicken, daß die Presse fast aller jüdischen Parteien plötzlich unter dem Druck dieser Stimmung mit großem Nachdruck ihre Stellung zur Palästinafragc bespricht und sich sichtlieh bemüht, zu einem Ergebnis im Sinne positiver Palästinaarbeit zu gelangen. Diesen Anzeichen entspricht bei der Masse der deutschen Juden eine Empfänglichkeit für zionistischc Gedankengänge, wie wir sie kaum je beobachten konnten. Es* ist ja auch nur zu natürlieh, daß der zionistische Gedanke eine vielfach gesteigerte Anziehungskraft ausübt in dem Äugenblick, wo es sich nicht mehr um Utopie und Theorie handelt, sondern um Realitäten und um die praktische Arbeit. Einem Herzischen Judenstaat und einer Bewegung Das will immerhin etwas bedeuten, da ja jedes Kloster im Laude eine ansehnliche, fleißig zusninniengctragcne Sammlung besitzt. Die größte Bedeutung einer raschen Ausgestaltung insbesondere unserer kunsthistorischen Abteilung liegt darin, daß sic uns durch Befruchtung unserer Studienabtcüung sofort neue kunstgewerbliche Arbeitsmöglichkeiten schafft und neuerdings einer großen Zahl von Männern und Frauen zu produktiver Arbeit vcrliilft. Dem Museum gilt meine Reise durch Europa. Die zollfreie Einfuhr neuerworbener Ausstellungsobjekte nach Palästina ist bereits gesichert und es steht uns auch ein verhältnismäßig ansehnliches Budget zur Verfügung. Aber wir konnten uns überzeugen, daß die meisten Spenden jüdischer kunstliistorisdier Gegenstände freiwillig für den großen Zweck gewidmet werden. Ich erinnere an das tschechische Beispiel. Als man das Prager Nationalmuseum errichtete und die Bevölkerung aufrief, nationale Kunstobjekte zu spenden, war die Beteiligung derart stark, daß unter den Spendern gleichartiger Gegenstände das Los entscheiden mußte, wem das Glück zufallcn soll, das Volksmuseuiu bereichern zu dürfen. Ich komme aus Rom. Dort befindet sich im Eigentum der Kultusgemcinde eine herrliche Sammlung aus der spanisch-jüdischen Kulturpcriode. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Angelo Sereni, hat mir zugesagt, die wichtigsten Stücke, die schönsten Stickereien von Thorakieidern, für das jüdische Nationalmuseum zu überlassen. In Wien halte ich mich zwei Wochen auf und hoffe, auch hier wichtige Gegenstände für unser Museum zu erwerben. Wertvolle kunsthistorische Stücke wurden mir bereits von begeisterten jüdisciicn Kunstfreunden überlassen. Ich habe für alle historischen Kunstgegenstäncfe und kunstgewerblichen Stücke Interesse und will das Wertvolle und Nötige eventuell käuflich erwerben.“ gegenüber, welche dieses ״Hirngespinst eines Literaten“ in die Wirklichkeit umzusetzen trachtete, konnte man sich in das Gewand des Skeptikers hüllen, für den die Unmöglichkeit des Gelingens feststand. Aber das Unmögliche, das dennoch möglieh gemacht winde, die Utopie von gestern, die heute eine weltgeschichtliche Tatsache ist, sie besitzen eine um so stärkere Uebcrzcugungskraft. Die deutschen Juden müßten den letzten Rest von Temperament und innerer Schwungkraft verloren haben, wenn sic angesichts des Beschlusses von San Reino nicht den Zionismus mit anderen Augen betrachten würden, als sic es bisher getan haben. Darum richten wir heute erneut an die dcutsehen Juden die Forderung, die wir seit Jahr und Tag an sic gerichtet haben: Schließt Euch der Zionistischen Organisation an! Befreit Euch endlich von jener ghettohaften Aengstlichkeit, die Euch die Gemeinschaft mit dem jüdischcn Volk leugnen ließ, das jetzt die offizielle Anerkennung aller Mächte gefunden hat. Glaubt nicht beiseite stehen zu können, wenn das Judentum aller Länder sich anschickt, alle Kräfte zu konzentrieren auf die eine große, schicksalbestimmende Aufgabe des Wiederaufbaus des jüdischen Lebens in Erez Israel. Habt Mißtrauen gegen diejenigen, welche Kälte und Zurückhaltung, wenn nicht gar Feindseligkeit gegenüber der zionistischen Idee gerade in dem Augenblick zum Ausdruck bringen, in dem Ihr selbst in Eurem Innern deutlieh spürt, daß etwas Großes geschehen ist, und daß Ihr Anteil an ihm haben solltet. Wir erwarten nicht, daß jemand von heute auf morgen Zionist wird. Aber wir wissen, daß die Beeinflussung der deutschen Juden durch zionistischc Gcdankengänge und vor allen Dingen durch die unwiderlegbare Sprache der Tatsachen bereits in stärkerem Maße vorhanden ist, als es iin allgemeinen zugestanden wird. Und in dieser Stunde fordern wir von jedem deutschen Juden, daß er sich einmal freimacht von dem, was ihm seine Führer nachGutdünkcn einreden oder verschweigen, und daß er mit allem Ernst, der der Sache gebührt, sich bemüht, eine persönliche;Einstellung!zum Zionismus zu gewinnen. Die Möglichkeit hierzu ist in der überaus rcichhaltigen zionistischen Literatur gegeben, und die zahlreichen Veranstaltungen unserer Organisationen tragen das Ihre dazu bei, um die Oricntierungsinöglichkeiten zu vermehren. . Ist es uns einmal gelungen, den deutschen Juden von der Führung jenes kleinen Kreises in־! teressierter Persönlichkeiten zu emanzipieren, der nach außen hin ״das deutsche Judentum“ repräsenv tiert, so wird es in Zukunft nicht möglich sein, daß man jenseits der deutschen Grenze von den Juden Deutschlands als von solchen spricht, die für die Sache des jüdischen Volkes endgültig verloren sind• C.Z.K. Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erscheint wegen der Feiertage am Freitag, den 28. d. Mts. Hebräische Sclinellkurse Von Dr. Bluwstein. Es besteht gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit, die hebräische Sprache mündlich soweit zu lu!- herrschen, um nach Palästina gelten zu können und siel» dort gleich vom ersten Augenblick an nicht fremd zu fühlet». Diese Notwendigkeit, die keiner weiteren Er- Iäntcrung bedarf, liegt dem Programm eines gegenwartig eingerichteten Schnellkursus zugrunde, der erwachscnc Personen, ohne jede Vorkenntnis unserer Nationalsprache, in nur 24 Lehrstunden, befähigen soll, sielt in derselben zu verständigen. Je nach der wöchentliehen Stundenzahl braucht der Schnellkursus also nur etwa 2—3 Monate zu dauern. Das Hebräische wird in diesem Falle nicht vom gewohnten philologischen Standpunkte erläßt, sondern mir als eine moderne Vcrkehrssprache unterrichtet. Diese Erwägung läßt es gcrechtfertigt erscheinen, wenn die hebräischen Worte anfangs mit lateinischen Buchstaben gesdirieben werden, — dies um so mehr, als die enorme Schwierigkeit der hebräischen Orthographie ohne Vokale und die Verschiedenheiicn der hier und im Osten üblichen Ausspräche am besten und leichtesten sich durch genaue 1 ranskription nach der lebendigen Aussprache in Palästina beseitigen lassen. Es soll aber auch im Verlaufe des Kursus die Kenntnis des hebräischen Alphabetes beigebracht werden und trotz der beschränkten Anzahl der Unterrichtsstunden wird sich dafür die nölige Zeit finden lassen. Es mag hier in wenigen Worten die Einteilung des Lehrstoffes angegeben werden: In den ersten vier Stunden wird die Kenntnis der wesentlichsten Sprachgesctze, soweit sie für das korrekte Sprechen in Frage kommen, vermittelt. Wenn man sich auf das praktische Bedürfnis־ der Vcrständigung einstellt und von sehr vielen rein literarischen und veralteten Formen absieht, die so gut wie niemals in der Verkehrssprache gebraucht werden, so erscheint das Hebräische von einer Einfachheit und Leichtigkeit, die einen wohltuenden Ueberraschungseffckt a^süben