Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 33 (21.5.1920)
- Date
- 1920-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JUEDJSCHE RUNDSCHAU Aufbausorgen | Von Julitts Berger. j Dieser Artikel soll wenig Kritik enthalten. Es *all nidit gefragt werden, warum nicht oder warum «och nicht — obwohl die Frage nulieläge. Es genügt, einiges festziistellcn. Auf der Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vom 2. November 1919 wurde einstimmig ein Antrag Dr. Martin Buber angenommen, in dem es heißt: ,,Zur Vorbereitung beider Lagimgen (der Jalireskonferenz und des Zioiiisten-lvong-resscs. I). Red.) möge das E.A.C. sofort die d f f e 1111 i c 11 e Di s k 11 s s i o 11 aller a k t u - eilen!׳'ragen zionistischer Arbeit lieibeifüliren und ihr eine eingehende Darlegung der < i r 1! n d I a g e 11 seiner Palästinau n d G a - 111 tlvpo li t i k voraugehen lassen.“ Die Dis- Lussion ist nicht eröffnet worden, die eingehende Darlegung ist nickt erfolgt. Dagegen heißt cs im, Aufruf des Actioiis-Comitcs zurGcUlah-Woche, daß der JaJireskonferenz ein vollständiger Plan der Auf• bauarbeit für Palästina vorgclegt werden solle. Ls ist dieselbe Besorgnis, die im November vorigen Jahres den Antrag Dr. Buber veranlaßte, die uns heute nötigt, nicht auf jenen Plan zu warten, der erst uacii der Jahreskonfcreitz öffeiitliclt diskutiert werden kann, sondern schon vor der Konferenz liuige Grundlinien des Ptoblems aufzuzeigen, unsere Oeffentlichkeit und die Leitung darauf hin• zuweisen. Sind es, wie es eigentlich sein sollte, selbstverständliche Dinge, um so besser, — dann wird, wie wir nicht zweifeln, die Leitung uns erklären, daß diese Dinge ihr vertraut sind Und uns darüber belehren, wie sie diese Dinge in ihren Plan eingeordnet hat. In dem Fall wird es gewill möglidb sein, ihn sofort zu publizieren, und die Diskussionsmögiidhkcit endlich zu geben. Den Beratungen der Jalhreskonfercnz wäre damit nur gt dient und mancherlei Unruhe in der Organisation wäre behoben. Sind es nicht selbstverständbd.tc Dinge, daun ist es Recht und ist cs Pflicht,!itzt darüber zu sprechen. ln diesem Artikel soll kein Wort von Politik stehen. Es handelt sich uns nicht um die politische Diskussion. Von wirtschaftlichen Dingen wird gesproeihen werden, von denen bei uns überhaupt nict'it mehr die Rede ist. Wir stellen die erste Frage: Haben wir einen Plan wegen des Aufbrudhs? Wir denken nicht an Minimalisnuis oder Maximalismus. Das eine ist ja heute klar: Einwanderung tut not. Man könnte sagen: immigrare necesse cst, vivere non cst neecsse. Auch wenn der Zeitpunkt noch ziemlich weit hinausgesehoben sein sollte, zu den! die Ein- Wanderung beginnen kann, auch wenn es noch ganz ungewiß sein sollte, welchen Umfang zuerst und in absehbarer Zeit die Einwanderung haben kann, so ist es nötig, ist es höchste Zeit, Vorbereitungen ku treffen. Aus der Fülle der Gründe sei einer Iierausgdtobeit. Wir stehen vor der Tatsache, daß das jüdische Volksvermögen sich verflüchtigt. Der Osten wird von Tag zu Tag ärmer, wird von Tag ומ Tag unfähiger, sein Kapital zum Aufbau Pa-!;istinas zu verwenden. Die polnische Mark sinkt rapid, das ]Klinische Judentum stellt vor der Not- Wendigkeit der Liquidation seines Besitzes. Die 1-Kjtiidation hat bereits begonnen, das Ausland kauft sdion, der polnische Jude ist nicht imstande, «och länger zu warten, ln der Ukraine ist es nicht äntlcis; Ungarn, in Oesterreich ist es nicht anders. Auskindisches Kapital heimst enorme Gewinne ein mit den! Erwerb des Vermögens eben derjenigen Juden, die entschlossen sind, nach Palästina zu gehen und bereit sind, ihr Vermögen nach Palästina zu bringen. Der Friedensvertrag mit Polen gestattet ausdrücklich, die unbeschränkte Transferierung des Vermögens derjenigen Landeseinwohner, die inner- Ltlb einer bestimmten Frist eine fremde Nationali- ־'■'יי erwerben und in das Land dieser Nationalität tibersiedeln wollen. Der Friedensvcrlrag erlaubt m s also, das Vermögen der polnischen Juden, ,J>e nach Palästina übcrsicdeln wollen — und allermindestens KM/o der kapitalkräftigen polnischen nK!;Cu.NTO"cn ״ac11 Palästina übersiedeln — nach > •uasüiia zu bringen. Wenn noch sechs Monate vorbei sein werden, wird von diesen Vermögen ^' a Vrtl'1r sc‘n׳ Was ausländische Privat-!• r U,. cn zu selbstsüchtigen, Zw ecken tun, nämjjc." das Vermögen der polnischen Juden, an sich 'nagen, um mit seiner Veräußerung bis zu dein •«tpunkt zu warten, wo die irgendwie ja nicht •msbiabeiide Ordnung der Valuta eingetreten sein li1׳״ *Me den nationalen Institutionen des jüdisciien Volkes zu gemeinnützigen Zwecken nicht *«möglich sein. Dr. Ruppin fuhr von• Wien nach ^™n und hat dort Liquidationsban ken , Osteuropa verlangt. Er hat nachgewiesea, daß dazu verhältnismäßig wenig Kapital nötig ist, daß durch den Erwerb von Immobilien und anderen nicht variablen Werten mit verhältnismäßig geringem Aufwand das jüdische Vermögen ganz oder zum größten Teil für Palästina erhalten bleiben kann, das heute zcrflattert, bestenfalls in die 1 Linde fremder Spekulanten wandert. Es ist bei der Forderung geblieben. Wir stellen die Forderung aufs neue, ihre Durchführung ist das dringendste Gebot der Stunde. Wenn wir nicht finanzkräftig genug sind, um das Geschäft — und es handelt sien um ein gutes Geschäft — aus eigenen Mitteln zu machen, so kann es nicht schwer sei«, Finanzkonsortien z.usammenzubringcn, die uns die Mittel für dieses Geschäft zur Verfügung steilen. Dann mag es für uns oder für die Liquidierenden etwas weniger vorteilhaft sein, aber es bleibt immer «och ganz erheblich vorteilhafter als die Verschleuderung, die notgedrungen jetzt vor sich geht und die praktisch zur Folge hat, daß der polnische Jude gar nicht, oder nur als Proletarier nach Palästina gehen kann. Andererseits haben wir als nationale Organisation und als völkerrechtlich anerkanntes ,Volk so viel innere und äußere Möglichkeiten, die sich organisatorisch und finanztechnisch verwerten lassen, daß' auch mit fremdem Kapital — und ein sehr großer Teil des Kapitals wird ja von den Juden selbst gestellt werden — die ganze Angelegenheit auf einem sehr hohen Niveau Ökonomischen Vorteils und nationalen Wertes bleiben kann. Notwendig dazu ist ein Plan und ein Mann, der den Plan ausfftlirt. Wir stellen die zweite Frage: Was geschieht j wegen der Ordnung der Emigration? Wiederum sei uicht die Rede von ,Minimalismus oder Maximalisnuts; halten wir uns an das Schema, das Dr. Ruppin aufgestellt hat. Danach soll eine Sichtung der Auswandernden stattfinden, eine Glicdcrung nach ihrer faktischen oder temporären speziellen Brauchbarkeit für den 'Aufbau des Landes. Was geschieht zu dem Zweck? Wir wissen nur, daß ein paar Stellen bestehen, die aus Mangel an Plan und Mange! an 'Mitteln kaum arbeiten können. Inzwischen h.־it eine Einwanderung bcgönnen, sie wird, daran ist nicht zu zweifeln, nach dem Bekam! iw erden der Ereignisse Von San Remo sich verstärken und wird groß werden bei der geringsten Erleichterung der Einwanderung, die wir, wie gesagt wird, als unsere aktuellste politische Forderung zurzeit aufs stärkste anstreben. Es erfolgt allerdings eine Sichtung, aber gerade nicht nach den Grundsätzen, die das offizielle Programin Dr. Ruppins vorsieht. Hinüber kommt nicht der höchstverwendb'dre, sondern der höchstgewandte, uicht der, den wir brauchen, sondern der, der uns mißbraucht. Bestenfalls erfolgt die Auswahl nicht nach der Fähigkeit, sondern 11n*h der Gesinnung, und cs wäre falsch, zu behaupten, daß es immer die bessere Gesinnung ist, die sich durchsetzt. Noch ist die Angelegenheit nicht schlimm, noch ist die Einwanderung klein, aber sie soll ja nach unserer eigenen Forderung morgen schon groß sein. Und cs ist ja nicht damit getan, daß dann Büros eröffnet werden. Es braucht einen Plan, Menschen ünd Dinge müssen geordnet werden. Noch können Unsere Aemter, vorausgesetzt, daß sie nicht inzwischen eingegangen sind, kaum Auskunft geben. 'Viele Menschen wollen wissen, was sie beginnen sollen, wie sie ihre Kenntnisse, ihre beruflichen Fähigkeilen, ihr Vermögen am besten verwenden können, j man hat wenig zu sagen, denn man Weiß wenig, j Da sind vielleicht hier und da fünf Kapitalisten, die jeder für sich etwas ganz Vernünftiges, etwas I ganz Anständiges, etwas durchaus der Entwicklung | Palästinas und dem Gemeinwohl Förderliches bcginnen wollen. Einer weiß nicht vom andern, unsere Palästinaämler sind nicht imstande, sie zusammenzubringen. Wir reden von Gemeinwirtschaft und züchten Konkurrenz, wir brauchen gestinde Unternehmungen und erzwingen krüppelhafte. Der Wirtscliaftsorganisator, der nötig ist. der Fachmann, den wir brauchen, der das Land, seine Bedürfnisse und seine Möglichkeiten kennt und der mit dem Plan des Wirtschaftsaufbaues vertraut ist, den wir haben sollten, müßte Umherreisen, müßte Menschen und Bedingungen kennen lernen, Kräfte feststellen, Mittel erforschen, Kapitalien zusammenbringen. Wir werden nicht zu früh damit fertig werden, ■wenn die Arbeit anständig gemacht werden soll. Im Gegenteil, es muß befürchtet werden, daß unsere Feststellungen, daß unsere Vorschläge, daß unsere Ordnungen zu spät kommen, daß die Ungeordnete Entwänderung, daß 'der wilde Aufbau bereits eingesetzt!tat und übermächtig־׳ geworden sein wird, bis wir uns endlich entschlossen haben, die Richtlinien ' zu aelten. Seite 251 Wir brauchen den W i r t sch a f t sp 1 a 11 für Palästina, die P1 a 11 wi rts cha f t für Palästina. Es kann nicht scharf genug betont werden, daß der Gedanke der Planwirtschaft nichts aussagt darüber, ob die Wirtschaft auf kapitalistischer, auf so/ialistischer oder kommunistischer Grundlage geführt werden soll. Die ungeordnete kommunistische Wirtschaft ist dem Gemeinwohl genau so abträglieh wie die von Einzelinteresse« geleitete kapitaüstische. Die so warm erstrebte und so ungjaublieh dilettantisch und phraseologisch verfochtene Gcmeinwirtscliaft in Palästina wird ein frommer Wunsch, ein Parteiprogramm bleiben, wenn wir uns nicht rechtzeitig der mediamsclien Mittel versichern, die allein uns garantieren, daß ein geordntter Zustand komnten wird. Auch die planlose, unsystematische Sozialisierung des Bodens ist keineswegs das Mittel, um beste Gemeiinvirtschaft, d. 11, höchste Produktivität, zu erzielen. Es gibt sicherlich verschiedene Mittel mul Wege, um den gedachten Zweck zu erreichen, es gibt aber nur eine Möglichkeit: den Plan, die planmäßige Wirtschaft, innerhalb deren Raum genug ist für die verschiedenartigsten Formen der Betriebs- und Gesellschaftsordnung. Das Actions-Comite stellt in diesen Tage« an die zionistische Organisation das Verlangen nach der Bereitstellung großer Geldmittel. Anfordeningen werden erhoben, wie sie die jüdische Geschichte bisher nicht kannte. Es ist selbstvcrstündlich, daß ihnen nachgekomnien werden muß. Es gibt weder Möglichkeit noch Recht, sich unter welchem Vorwand iitiiner auch nur im entferntesten der Pflicht zu entziehe«, alles, was man geben kann und mehr dazu, jetzt für den Aufbau Palästinas zur Verfügung zu stellen. Aber eben aus dieser Bereitschaft erwächst nicht nur das Recht, Klarheit zu verlangen über die Verwendung der Gelder, sondern die Pflicht für jeden, Sicherheit darüber zu schaffen, daß die Gelder auf das beste und zweckmäßigste verwandt werden. Die Art unserer bisherigen Finanzberiditerstattung ist ebenso ungenügend wie unsere bisherige Finanzaufbringung und stellt damit irn Zusammenhang. Indem wir jetzt auf an gen, die großen Mittel zu schaffen, erwächst in einem ganz anderen Maß# als bisher, die Aufgabe, sich darum zu kümmern, was aus diesen Mitteln wird. Es' genügt nicht mehr der Aufruf des Actions-Comites, und es gcniigt nicht mehr eine oberflächliche Berechmuig der Einzclsumnien, und es genügt nicht mehr eine nachträgliche Rechnungslegung, an deren Korrektheit und Sauberkeit niemand von uns zweifelt Wir brauchen den Etat und wir brauchen den Plan für den Etat. Es ist nicht Neugier, die 1ms treibt, zu wissen, was mit den Geldern im einzelnen geschieht. Es ist unsere Sorge um den Aufbau Palästinas, es ist unsere ,Verbundenheit mit dem Land, die uns zwingt, uns mit der Art und Weise vertraut zu machen, wie das Geld angewandt wird, uns die Gewißheit zu verschaffen, daß nicht nur die ehrliche — davon reden wir nicht — sondern die höchstzwcckniäßige, die dem besten Aufbau des Landes am meisten dienliche Art der Vcrwenduhg der Gelder erfolgt. Wir verlangen einen Etat mit allen Anlagen, mit genauen Berichten und Darstellungen und wir verlangen Einriditungen, die garantieren, daß die Innehaltung des Etats kontrolliert wird. Es ist nötig, daß der Zionist in den Statu! gesetzt wird, sich mit dem Aufbau Palästinas zu beschäftigen, und 'zwar nicht nur in der Volksversammlung oder auf Grund fheo* retischer Abhandlungen, sondern an .Hand der tatsächlichen Ergebnisse und der ernsthaffteil Voraus'chiäge. Man komme nicht mit dein Eimvand, daß ein Etat für Palästina solange unmöglich ist, als die politischen Beziehungen nicht feststchen. Dann gebe man den Etat so gut ■und ausführlich man kann. Heute ■sdion stehen zahllose Posten fest; die üahitharbeit z. B., die für den Palästinaaulbau getan werden muß, «ist in ihren Details sicher nicht von dem Wortlaut des Mandat Vertrags abhängig. Es wird eine ganz andere Möglichkeit der Geldaufbringung geschaffen, wenn fundierte Unterlagen gezeigt werden können. Wir reden soviel von Steuern,!schaffen wir die Vorbedinguiig und das sefbstverständiidie Korrelat der Steuer, den Fjnanzplan, das!Budget, die Finanzkontrolle. Sonst bleibt der Aufbau Palästinas in der offentlidien Meinung eine philanthropische, eine vereinsmäßige Sa die und die Aufbringung der Gelder eine Schnorrern. , Wjcdeium sagen wir: ein Plan ist nötig, ein Finanzplan, und wiederum muß verlangt werden, ein Mann »der mehrere .Männer, Fachleute, die die Materie beherrschen ünd die uns auf Grund ihrer Erfahrungen und Kenntnisse die Gewähr bieten, daß sie ihr Amt sachlich verwalten und ihrer Aufgabe gewachsen ßiad. Und hier ist ein