Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 32 (18.5.1920)
- Date
- 1920-05-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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gemeinsamen Volkstat einen gewissen Ersatz. Wir gehen nicht nach Palästina weil wir uns entwurzelt Sühlen, sondern wir müssen uns noch stärker entwurzeln, als es der Einzelne schon sein mag, um nach Palästin.1 gehen zu können. Dies w o 11 e n w i r. Dagegen wollen wir manches andere nicht, obwohl cs von 1ms vermutet und behauptet wird. Zwar sind wir nicht der Meinung Dr. Werts, daß sich die ״Verwurzelung‘‘ als solche — so• zusagcu abstrahiert vom speziellen Boden und Ort —, daß sieh das reine Gefühl der Verwurzelung begriffsmüßig nach Palästina verpflanzen lasse und uns dort zu ״mannhaftem“ Ausharren befähigen werde, zwar sind wir dieser Meinung nicht, aller andererseits doch nicht so borniert, um ״Rcvolutiouicrung“, ״Entwurzelung“, ״Erschütterung“ usw. als Selbstzweck und als dauernd wünschenswerte Scelenzuständc hinzustellen. Auch wir wollen — ganz wie Weil — Staatsfreudigkeit und männliche Festigung: nur mit dem Unterschied, daß uns dabei etwas Jüdisches und i h m etwas Deutsches vor* schwebt; nur mit dem Unterschied, daß er seine Ruhe behalten will, wahrend wir eine neue, jüdische Ruhe nach dem Sturm des nationalen Freiheitskampfes erringen wollen. Unser Verhältnis zum Hcimats- Staate aber regelt sich trefflich nach Moses Mendelsohns Vorschlag, der in ״Jerusalem“ den Vater Staat darum bittet, seine Untertanen endlich einmal nicht mehr nach ihren Gefühlen, sondern nach ihren Leistengen, nicht mehr nach subjektiven, sondern nach objektiven Maßstäben zu beurteilen. Dabei fahren nämlich beide Teile entschieden besser. Bilanz. So also etwa sehen die beiden Erziehungsprogrnmmc aus, wenn man sic nebeneinander hält. Und nun sind alle Materialien zur Beantwortung unserer Eingangsfragen zusammengetragen. Kann noch ein Zweifel sein? W a g n c r - W e i I töten den Zionismus. Sie verstopfen die lebendigen Quellen, aus denen er sich ständig erneuern konnte, sic rauben ihm die innere Kraft, sie nehmen seinen Anhängern die Möglichkeit, den Aufgaben gewachsen zu sein, die das Land Palästina an uns stellen wird. Sollte gar die vorher angedeutete Möglichkeit eintreten, daß Erez - Israel vorläufig wieder in weite Ferne rückt, so bleibt bei ihrer Ideologie dem Zionismus nichts übrig, als die sofortige Bankerotterklänmg. W i r würden dann den Bau wieder von unten her aufrichten, würden init der angespanntesten, nationalen Energie von neuem Steinchcn auf Sternchen Zusammentragen, weil für uns ein Leben ohne jüdische Arbeit und jüdischen Inhalt undenkbar geworden ist. Aber die nach Wagner-Weil Erzogenen müßten• dann versagen und zusammenbrechen, denn sie haben nichts Positives außer einer Hoffnung — auf andere, Zionistische Politik darf nicht nur rechnen mit der Umwelt, sondern vor allem mit den Gegebenheiten des jüdischen Volkes selbst. Wagner und Weil denken an alles, an die Wirkungen auf die Mitjuden, Mitdeutschen und Mitmcnschcn. Vergessen haben sie leider dabei das Gesamtschicksai des gesamten jüdischen Volkes, das ewig und unvergänglich ist in allen Schwankungen der Tagesereignisse. Gotthold Weil hat seinem Artikel einen vielversprechenden Titel gegeben; voller Erwartung las man die Ueberschrift: ״Der Weg zur zionistischen Politik“. Nach der Lektüre aber lautet unser Urteil: L o s־c h a d c r e eh! Eine 50 000 *־׳Spende für den J. N. F, In Jalta starb kürzlich Herr Raphael Gotz aus Moskau, ein warmer Förderer unserer Bewegung, der sich mchrlach längere Zeit in Palästina aufhielt und den lebhaftesten Anteil an der Entwicklung des neuen Jischub nahm. Auch an der Finanzierung des Tcchnileutns in Haifa beteiligte er sich gemeinsam mit uivsc rem Freunde Wissotzki, mit dem er verwandtschaftlieh und geschäftlich in engster Verbindung stand. Wie groß die Anteilnahme des Verstorbenen an dem Aufbau des jüdischen Palästina war, hat er durch eine besonders liodiherzige Tat bewiesen; Er bat dem Jüdischen Nationalfonds testamentarisch 50 000 Pfund Sterling vermacht. Es ist dies die erste wirklich großzügige Zuwciv düng, die seit der Erklärung von San Rcmo dem Jüdisehen Nationalfonds gemacht worden ist. Es ist zu hoffen, daß das Beispiel unseres verstorbenen Freundes anfeuernd auf die Lebenden wirken möge. Angesichts der beginnenden Arbeit in Erez-Israe| kann nur die größte Opferbereitschaft die unbedingt nötigen Mittel aufbringen. Und auch hier gibt doppelt, wer schnell gibt!! 1 Oer Schutz der Minderheiten Die Bestimmungen über den Schutz der Minoritäten werden, wie unser Pariser Korrespondent uns mitteilt, auch in dem Friedensvertrag mit der Türkei und mit Ungarn Aufnahme finden. Die Bestimmungen werden auch auf die Juden in Konstantinopel Anwendung finden. Bekanntlich hat das türkische Judentum auch jetzt schon eine besondere Art religiös-nationaler Autonomie genossen. 7 Eine Tragödie der Assimilation Das ungarische Judentum durchlebt furchtbare Zeiten. Zum Dank für seine alle Grenzen der Selbstachtung überschreitende Assimilation dezimiert das ״erwachende“ Ungarn seine Reihen durch unausgesetzte Pogrome und Einzcimorde, in denen die hauptsächlichste Beschäftigung der Armee Horthys, insbesondere ihres Offizierskorps, zu bestehen scheint, Was heute in Ungarn geschieht, übertrifft an Zynismus selbst die Leistungen des zaristischen Rußlands. Der Fall des Oberrabbiners von Szegedin, Dr. I m m a n u e I L ö w, ragt aus allen cl.esen Schandtaten deshalb hervor, weil er von prinzipieller Bedeutung ist Die Tatsachen sind kurz folgende; in der ungariselten Nationalversammlung wurde eines Tages von einem Abgeordneten berichtet, Lüw halte stell einem holländische״ Journalisten gegenüber in landesverräterischer Weise geäußert. Daraufhin wurde er verhaftet und es begann eine Judeiihetze in fast der gesamten ungarischen Presse, wie sie widerlicher und verlogener nicht gedacht werden kann. Inzwischen sind Feststellungen erfolgt, welche die ganze Haltlosigkeit der gegen Lö w erhobenen Anklage restlos erweisen. Zunächst stellte sich heraus, daß der angebliche holländische Journalist Holossy, van dem das gefälschte Interview ausgegangen war, ein berüchtigtes Subjekt ist, dem alle Qualitäten eines Lockspitzels eigen sind, Holossy hatte angegeben, Korrespondent des ״AJlgemeen Hamlclsblad“ zu sein. Die Schrift- Icitung dieses Blattes veröffentlichte nach Bekanntwendcn des Skandals einen Artikel, in dem sie erklärt; ״Der edle Holossy war einige Monate lang Korrespondent des ״Handclsblad“. Wir haben ihn entlassen, sobald uns deutlich war, daß er rechts und links schreiben konnte. Je nachdem dr.s Staatsoberhaupt Karolyi, Bela Khun, Friedrich oder Horthy hieß.“ Fügen wir hinzu, daß Holossy — getaufter ungarischer Jude ist, so bleibt zu seiner Charakteristik nichts mehr zu sagen übrig. Diesem Manne ist der Oberrabbiner von Szegedin zum Opfer gefallen, der, nach seiner eigenen Aussage, nichts weiter getan hat, als daß er dein Korrespondenten sachlich von einer Mordtat gegen einen Juden belichtete, eine Bestialität, welche der ungarischen Regierung ein nicht mißzuverstehendes Schreiben des Führers der französischen Kommission eintrug. Das ganze Komplott gegen' L ö w ist nichts weiter als ein Vergeltung«- akt für diese Entente-Warnung. Als an den ״Hochverrat“ gegenüber dem Journalisten kein Mensch mehr glauben wollte, wurde schnell ein neuer Vorwand erfunden. Löw soll danach mit dem Oberrabbiner Dr. Chajes in Wien unerlaubte Verbindutig unterhalten haben und auf seine Veranlassung habe die imposante Kundgebung der Wiener Juden gegen die ungarischen Greuel stattgefunden. Diese Lüge ist umso dümmer, als der Assimilant Löw und der Zionist Chajes in einem jüdisch-politischen Gegensatz zueinander stehen, die eine solche Verständigung von vornherein als absurd erscheinen läßt. Zudem war Dr. Chajes während der Affäre Löw in Italien; nach seiner Rückkunft hat er sofort der Presse eine Mitteilung übergebe.», in der er ehrenwörtlich erklärt, daß Löw in keinerlei Verbindung zu ihm gestanden habe. Nunmehr veröffentlicht der wirkliche Korrespondent des ״Handelsblad“, N y p e I s , der von Holossy in gemcinstcr Weise hinters Licht geführt wurde, in seinem Blatt einen langen Artikel, in dem er den ganzen Hergang der Sache darstellt. Nach ihm hat Löw in dem Gespräch, das er selbst ausdrücklich Holossy gegenüber als vertraulich bczcichnctc, sich ״sehr kritisch und skeptisch über Ungarn und die Lcbeusinöglichkciten dieses Landes in der Gestalt, auf die die Entente es reduziert hat“ ausgelassen. Er glaubte auch feststcllen zu können, daß das — gefälschte — Interview ״in der Absicht geschrieben war, die Rabbiner und die J11 d e n im allgemeinen soviel wie möglicTTu schädige n.“ Nypels erwähnt auch die würdelose und politisch unkluge Art, in der die Juden die ersten waren, die Löw ״hängen“ sehen wollten. Daß Löw verurteilt werden wird, muß bei der heutigen ungarischen ״Justiz“ leider als im höchsten Grade wahrscheinlich angenommen werden. Das ״erwachende Ungarn“ wird sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, in ihm dem ganzen ungarischen Judentum das Stigma Vies Landesverrates aufzudrücken. 'Daß der Täufling Holossy, agent provocateur Horthys, den überpatriotischen ״Magyaren“ Immanuel Löw wegen ״Hociiverrats“ einein Justizmord ausliefert, ist das tragische Ende der Assimilations-Komödie des ungarischen Judentums, dem nicht einmal das Mittel der Massentaufe zu begegnen wußte. Ungarn aber wird durch diesen neuen Willkürakt wiederum einen Schritt dem Ziel nähergebracht, das seine Machthaber ihrer Politik gesetzt zu haben scheinen: das barbarischste Land des Kontinents zu werden. Eine jidischc Tageszeitung in Berlin Die in Wien erscheinende jidischc Tageszeitung ״J ü d i s c 11 e M o r g e ri p o s t“ hat eine besondere Rcdaktions- und Administrationsabteilung für Deutsch-!and in Berlin (Roscnthaler Str. 43, Telephon Norden 1982) eröffnet. Die wichtiigcn Erscheinungen im Leben des deutschen Judentums, insbesondere der Ostjuden in Deutschland, finden in dem Blatte ständige WünJigung. Die ״Jüdische Morgenpost“ ist die einzige in jüdischer Sprache erscheinende Tageszeitung in den deutschsprachigen Ländern. Protestjudcr.tum Die Berliner Gemeinde hat ein Gesuch des Misrachi abgelehnt, für einen Festgottcsdienst anläßlich der Rückgabe Palästinas an die Juden eine Synagoge zur Verfügung zu stellen. Die Ent- Scheidung von San Rein« ist für die Berliner Gemeinde kein genügend bedeutungsvolles Ereignis, daß cs einen so weittragenden Schritt wie die Ueberlassung einer Synagoge für einen Gottesdienst rechtfertigen würde. Das jüdische Volk bekommt sein Land wieder; die größte Gemeinde deutscher Juden wendet sich uninteressiert und gleichgültig ab, sic verleugnet den Zusammenhang sie sagt sich los, sie demonstriert dies durch einen Beschluß, der nur dadurch verstanden werden kann, daß man seine demonstrative Absicht merken soll. Es erübrigt sich, über diesen Vorfall viel Worte zu verlieren. Er ist ein trauriges Symptom, eine Illustration der tragischen Galuttigeschichte und ihrer Konsequenzen. Denn nicht die Leiden der Verfolgungen sind das Schlimmste an dem Galuth, sondern die innere Aushöhlung des jüdischen Bewußtseins, die Schwächung der jüdischen Seele, die Bereitschaft zum Abfall. Jahrhundertelang haben unsere Viitcr auf Scheiterhaufen allen Aufechtungen getrotzt; die Söhne aber haben sich an das Sklavcnlcben gewöhnt, ihre Sklavenseelen scheuen ängstlich vor dem Lichtstrahl der anhebenden ' Freiheit. Das deutsche Judentum hat lange geschlafen, es hat den Zusammenhang mit dem Weltjudentum verloren, es vermag heute gar nicht mehr zu fassen, was eigentlich vorgeht. So ist es möglich, daß ein Vereinsausschuft sich erlaubt, nach der spontanen Kundgebung der Freude, die die Judenschaft über das Ereignis von Sau Remo veranstaltet hat, z. B. in Hamburg folgende Notiz in den Tagesblättcrn zu veröffentlichen (Zitat aus d. ״Hamburger Fremdenblatt“): ״Zionistische Kundgcbung.“ Zu dem Bericht in Nr. 227 teilt uns der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdisehen Glaubens mit, daß die von den Zionisten gefaßte Entschließung nicht von der gesamten Juden- Schaft Hamburgs gefaßt worden ist, sondern daß nachdrücklichst festgcstellt werden muß, daß die weitaus überwiegende Mehrheit der deutschen, vor allem aber auch der hainburgischcn Judenheit mit dieser Entschließung nicht das Geringste zu t u n hat. Die deutschen Juden werden sich in ihrem Empfinden und nationa!deutschen Ge Mi hi (!1 — Red. d. ״J. R.“) nicht beirren lassen, da sie einen mit dem deutschen Vatcrlandc 11 nlöslich verbundenen V o I k s t e i I bilden.“ Die Hamburger Staatsbürger jüdischen Glaubens lehnen ab, die historische Bedeutung der Entscheidung von San Remo anzuerkennen! Wir glauben und hoffen, daß die ״überwiegende Mehrheit“ des deutschen Judentums bald einsehen wird* in welche lächerliche und unwürdige Situation sio durch ihre ״Führer“ gebracht wird und daß sie alles aufbieten wird, diese Führer, die eine gesunde Entwicklung des deutschen Judentums hemmen, zu beseitigen und den Anschluß an das jetzt um die Wiederherstellung seiner Freiheit und nationalen Existenz ringende jüdische Volk wiederzufinden. ״Vcrax“ Wenn man plötzlich gezwungen ist, sich aus den Gefilden der politischen Wunschphantasien auf den berühmten ״Boden der gegebenen Tatsachen“ zu begeben, so pflegt das meistens nicht ohne den sattsam bekannten ״hörbaren Ruck“ abzugehen. Es gehört insbesondere großes Geschick dazu, einer publizistischen Pflicht Genüge zu tun, deren Erfüllung eine Selbstbloßstellung bedeuten kann, ohne daß diese höchst unerwünschte Folge allzusehr bemerkbar wird. Und so ist es interessant und lehrreich zu beobachten, wie die nichtzionistische^ jüdische Presse fn Deutschland jetzt nolens volens Stellung nimmt zu den Beschlüssen von San Remo. Da der Leser dieser Blätter leider durch jdie Tagespresse schon einigermaßen unterrichtet war, ließ sich diesmal die bewährte Methode des Totschweigens nicht in Anwendung bringen. Man durfte nicht mit yerachtung ignorieren, was das ״Berliner Tageblatt“ und die ״Frankfurter Zeitung“ immerhin des Erwähnens wert fanden. Das ״Israelitische F a m i 1 i e n b 1 a 11“ in Hamburg, das uns in dieser Hinsicht besonders interessiertj vollzieht einen an sich nicht unsympathischen Frontwechsel unter sehr geschickten und für sein Ihiblikum sicher wirksamen VerschleierungsmaßnaHmen. Seine Taktik ist folgende: Es benutzt die traurigen Ereignisse in Jerusalem, um seinen Lesern cinzureden, diese seien einzig und allein die Folgen der unseligen zionistischen Palästinapolitik, die anstelle der friedlichen und harmlosen ״Kolonisation“ das Prinzip einer ״großsprccherischen Politik“ verfolgt habe, gegen die sich das bedrohte Arabertum jetzt mit solcher Heftigkeit zur Wehr setzt. Wir gehen indes über dieses nicht ganz feine diplomatische Kunststück hinweg, weil man sich diesmal