Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 32 (18.5.1920)
- Date
- 1920-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Herbert Samuel zum Oberkommissar ausersehen London, 12. Mai (W. T. B,).. Man erführt hier, daß Herbert Samuel /!im ״Ersten Oberkommissar“ von Palästina ernannt werden wird. Die Nachricht von der bevorstehenden Eriicnnung Herbert Samuels zum Gouverneur von Palästina beweist, daß die Frage der Unißcstalhing der palästinensischen Verwaltung nunmehr ernstlich in London erwogen wird. Die Ersetzung der militärischen Okkupation durch eine Zivdvei• waltung wurde schon vor einiger Zeit angekimoigt. Der Mandatsvertrag, der in den nächsten Wochen fcrtiggestellt werden soll, wird zweifellos die Einzeihet ten über die Verwaltung und den Anteil der luden enthalten. Wenn Herbert Samuel als Chef der englischen Verwaltung eingesetzt wird, so ist dabei den jüdischen Wünschen Rechnung getragen. Von besonderer Bedeutung ist es auch, daß es Herbert Samuel gelungen zu sein scheint, während seiner letzten Anwesenheit in Palästina auch das Vertrauen der arabischen Bevölkerung zu gewinnen. Die klugen Worte, die er über das Verhältnis von luden und Arabern gesprochen hat, lassen hoffen, daß sein Einfluß zu einer Beruhigung der gespannten Verhältnisse beitragen wird, ln Palästina hat Samuel aucOi herzliche Beziehungen zu den palästinensischen Juden angeknüpft, und cs ist kein Zweifel, daß von diesen seine Ernennung mit großer Genugtuung begrüßt werden wird. Die warmen Worte, die Samuel über das nationale Zukunftsideal des jüdischen Volkes gesprochen und die Arbeit, die er ihm gewidmet hat, lassen erwarten, daß mit seiner Wirksamkeit eine neue Epoche fruchtbarer und segensreicher Entwicklung für Erez Israel anheben wird. Zionisten-Krisls. Von Ernst Simon, zurzeit Heidelberg. Gotthold Weil und Arno Wagner nehmen den Kampf wieder auf, den O p p c n i> e i m e r und Friedemann schon einmal geführt, und schon einmal verloren haben. Den Kampf tim einen Zionismus mit breiterer Basis und mit geringerem Tiefenmaß. Der Augenblick, den sie erwählen, scheint günstig. |,i kamt manchmal wirklich so aussehen, als ob zk>- nistische Politik und jüdisches Lehen durch Partci/.er- Idüftung und durch Persöniiclikeitshypertrophie un- (ruchtbar werde; andererseits verlangt die innere und die äußere Situation unseres Volkes heute mehr als je kräftige Tat und männliche Herbheit von jedem Ein-;eben. Da man glaubt, beide Tugenden für sielt und seinen Kreis in Anspruch nehmen zu dürfen, da man andererseit» der Meinung ist, daß die zerrüttenden Symptome wesentlich von der radikalen Jugend ausgehen, so war cs wohl nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht dieser Männer, jetzt wieder mit ihren lange zurückgehalten( n Ansichten hervorzutreten und einen letzten (oder vorletzten?) Versuch zu machen, ihnen innerhalb des deutschen Zionismus zum Siege zu verhelfen. Deshalb scheint cs mir unrecht, wenn Robert Weltsch und vor allem Walter P rc u ß versucht habet», die bewußten (oder gar unbewußten I) Motive Weils dnd Wagners herabsetzend zu zergliedern; es ist siche(( daß sich beide von den besten Absichten haben leiten lassen; anderer- ■eits siml sie sachlich so sehr im Unrecht, daß ihre Widerlegung auch ohne Psychoanalyse gelingen "ird, und auch ohne!kmülumg von Freud — ״dem großen Unbekannten“ — möglich sein muß. Die Fragestellung lautet; Welche Art .׳ onismtis braucht das jüdische Volk, •um seine 'Zui.i'nftsaufgabc zu losen? Den der Wagner-Wlcil? öder den der radikalen Jugend? Um zu antworten, müssen wir in Kürze die äugenblickliche Lage des Volkes prüfen, müssen ferne* die verschiedenen Möglichkeifen äußerer und innerer Entwieklung unseres nationales Organismus überschauen 'Uid schließlich den Unterschied zwischen beiden zionisti<chen Auffassungen lierausarbeiteii, Dann erst wird man entscheiden können ' D i c Lag e. Der Zionismus ist heute in einer kritischen Situation, die der gegenwärtigen Lage der Sozial- Demokratie nicht unähnlich ist. Früher als die Führer e!wartet haben, sehen sich beide Bewegungen der Mög- ,' .Cc 1 ׳ a^cr “״eh der Notwendigkeit gc- ׳U׳b> r’ 'l״C j־d'Rdanßen Versprechungen eittzulösen. ,c (cr Nac'*'t sind aus Parteiprogrammen Leitsätze für des 1.1,‘beus geworden; Worte, die nieder- ״»d gesprochen wurden, oft ohne das Be- ״a,lc״ Wirklichkeit, müssen nun als Krön- ... v" für reale Pläne; Luftschlösser, die man 1, '! 1׳ i'/’V' *״Warf, du der kühne Traum wirklich 111 kdciitung einer kühnen Tat hatte, sollen nun " Jru״dnh für das Gebäude der Zukunft abgeben, v ״,?mcm »°lcl1en Augenblick steht dem jüdischen 01ke eine fast übermenschliche Kraftprobe bevor, Es soll ein Land aufbauen, in dem es heute noch nicht vfiiu Sec"s,fn Teil der Einwohner zählt und dessen Be- Ikerungsmajorität ihm anscheinend’ ausgesprochen kann auch der Wahlkampf für die nicht geführt werden. Der <3II dl muß gestärkt werden. Darum gebt selbst und sammelt Spenden. Jtlca£0<e2*e VoSStsparfiel BcrllSK C.2,'Hcili״e״eiitstr. 52, Tel.: 1610. Postscheckkonto! 81322. Bernstein <51 Baer, Schatzmeister der jüdischen Volkspartei. feindlich gcgciüibcrsteht. Zu diesem Zwecke muß cs soiiie Berufspyramide Umstürzen und von unten wieder aufbauen; muß aus einem vielfach parasitären Dasein sich zurückgewühnen in die Berufe der Landwirtschaft und der gewerblichen Handarbeit. So hat es eine nationale Geschlossenheit und Zielwucht zu beweisen, die den entsprechenden Eigenschaften aller anderen Völker weit überlegen sein muß. Die sitzen in ihrem Land, wir noch nicht; die haben ihre nationale Kultur, w i r noch nicht; di e haben ein natürlich geschichtetes Berufsleben, wir noch nicht; U i e haben cs längst wieder gelernt, ihr Schicksal historisch als Kollcktivschicksal, ׳als Volksschicksal zu empfinden, w i r noch nicht. Die Vorzüge u!»scres Volkes, die ja jedem von uns besser bekannt sind als unsere Fehler, machen vielleicht einen Teil der eben genannten Schwierigkeiten ein wenig leichter; beseitigt werden sie dadurch ebenso wenig, wie durch die verheißungsvollen Ansätze zur Berufsumschichtung, nationaler Einstellung u. s. f., die wir ja erfreulicherweise sich überall mehren sehen. Wir kommen nicht um die Frage Herum:' haben wir jenes Plus an Volksmoralität gegenüber den anderen Nahonen, das wir brauchen, um das Plus unserer Schwierigkeiteit wieder uuszugleichcn? Wir kommen nicht herum um die Frage, die im gegenwärtigen kritischen Moment von akutester Bedeutung ist, um die Schicksafs frage des jüdischen Volkes, die da lautet; ״S i nd w i r b e r ei t?“ Die Antwort? Es gibt hier kein frisches und unbekiiinmertes ״Ja!“, ebensowenig wie es ein resigniertes und schwächliches ״Nein“! geben darf. Die Antwort kann nur in der Erziehungsarbeit bestehen, die jeder von uns an sich selbst und damit am Volke zu leisten hat, um bereit zu werden und bereit zu sein. Wer die augenblickliche Lage anschaut, wird unerfreuliehe neben erfreulichen Symptomen finden; wird der Parteizerklüftung des östlichen Judentums die einheitliehe Zielsetzung der Chaluzün, wird dir Verzagtheit weiter Kreise im Galuth die Opfertat der palästinensischen Pioniere entgegensetzen können; aber zu einer ״klaren Entscheidung“ ist auf diesem Wege nicht zu kommen. Sondern nur auf dem Wege der eigenen Arbeit. Möglichkeiten, So stellt sich die Lage dar, wenn jetzt der Aufbau des jüdischen Landes in größerem Maßstabe beginnen kann. Unendlich viel schwieriger noch gestaltet sich die Situation, unendlich noch wachsen die Anforderungen an die moralische Kraft des Einzelnen und des Volkes, wenn aus irgendwelchen Gründen eine neue Wartezeit beginnen sollte. Gerade in diesen Tagen bewegte uns alle die bange Frage, ob England sich seines Rechtes und seiner Verpilicl'.tung Palästina gegenüber zugunsten des Emir Fais:!i begeben werde. I>ic diplomatischen Fähigkeiten unserer Führer haben das Unheil von uns abwenden können, aber seien wir innerlich bereit, auch in Zukunft mit derartigen Erschütterungen zu rechnen. Es besteht — im historischen Rahmen gesehen — z. B. die Möglichkeit, daß unser Volk seine nationale Wiedergebürt gerade in dem weltgeschichtlichen Augenblick vollenden will, da die Menschheit von der nationalen Schichtung zur sozialen, von der vertikalen Einteilung der Menschen zur horizontalen übergeht. Es wäre möglich, daß die Exponenten einer solchen Periode im Weltbolschewisnrus und in der W'eltrevolution zu sehen sind. So könnte es kommen, daß die praktischen Palästinaaussichtcn der heutigen Zionistengenerntion auf das ernsthafteste gefährdet würden, wenn cs nicht zur rechten Zeit gelänge, die jüdische Außen- Politik umzusteilen. Auch anderen Gefahren wird man ins Auge sehen müssen. Vielleicht erringt die geniale Taktik Trofzkis zwar nicht diesen großen eben umschriebenen Sieg, aber doch den ungeheuren Teilerfolg, England mit Hilfe der sozial- und national-religiös g 1 e i c h fanatisierteil Mohammedaner im nahen und fernen Orient in seiner Weltstcllung zu erschüttern und ihm die Ein- Iösung seines Mandatversprechens unmöglich zu machen. Es gibt noch eine andere Reihe politischer Kombinahonen, die hier zu nennen wären, und die im schlimmsten Falle den Zionismus für Jahrzehnte wieder von der Erfüllung seiner realen Ziele entfernen könnte. Es ist mit keinem Worte angedeutet (obwohl es sicherlich so mißverstanden werden wird), daß ich alle' diese Dinge oder einzelne von ihnen für bevorstehend oder für wahrscheinlich halte. Ich meine nur, daß jüdische Politik nach außen und innen!nit-derartigen ן Perspektiven rechnen muß, wenn sie ihr Volk auf. alle Möglichkeiten vorbereiten soll. Den Schwierigkeiten iits Auge sehen und. trotzdem das Endziel wollen, bedeutet nicht Flaumacherei, sondern erlaubte imd gebotciK• Nüchternheit. Nur sehr Oberflächliche können meinen, daß sich für den Fall einer derartigen oder ähnlichen Entwick- Jung die Anforderungen au die Volksmorul mindern würden, weil ja nun doch nicht die große Probe aufs Excmpcl verlangt werde. Da nun einmal die Aufbruchs- und Erfüllungsstinuuung erzeugt ist, da nun einmal jeder die ersten großen Anfänge noch selbst initzucrkben und mitzucrarbeitcn hofft, wäre cs unsäglich schwer, sich auf den Zionismus von 101 1, auf, den Zionismus der langen Sicht und der unendlichen Geduld zurückznschrauben. Es müßte gelingen, die höchst akuten und gespannten Kräfte unseres Volkes in das Stadium einer fruchtbaren Latenz zurückzuleiten, sie von neuem 1m nationalen Reservoir zu sammeln und nicht einen einzigen Funken der Kollektivenergie verloren gehen zu lassen. Jeder sicht jetzt, wie ungeheuer schwer diese Aufgabe wäre, vor deren Lösung uns ein barmherziges Geschick bewahren möge, der wir aber gewachsen sein müsse», wenn sie uns gestellt wird. So ist klar, daß für jede denkbare Situation — sei sie günstig oder ungünstig — die Selbstcrzichung, die Volkscrzichung, unsere erste Aufgabe ist. Und nun — naenaem wir die gegenwärtige Lage betrachtet und die künftigen Möglichkeiten geprüft haben, stellen wir noch einmal die Frage des Anfangs: Welche Art Zionismus braucht das j ü - dische Volk, um seine Zukunftsaufgabe zu lösen? Den der Wagner-Weil? Oder d e n u n s e r e n? Der Weg. Für die eben geschilderten Aufgaben jüdischer Volkspolitik genügt kein Idealismus nach Büroschluß. Wir brauchen Menschen, die ihhr ganzes Leben und jeden Atemzug der Idee und der Verwirklichung widmen. Die sich entschlossen haben, nicht nur Schmerz und einmalige Qual zu ertragen, sondern auch dauernde Unbequemlichkeit, Sonderstellung und ״heroische Existenzform“ ■auf sielt zu nehmen. Können Wagner und Weil solche Menschen mit ihren Methoden erziehen? Wollen sie es überhaupt? Lassen wir sic selber zu Worte kommen. ״Wie der einzelne Zionist dazu Stellung nimmt, ob er aus materiellen Gründen oder aus seelischer Pein dazu kommt, sogleich in das Land seiner Väter zu ziehen, ist von einem höheren politischen Gesteinspunkt aus, ist vom Standpunkt der Partei nebensächlich.•‘ (W e i 1.) ״Die ruhigeren und sachlichen unter den Radikalen sind diejenigen, die zwar für ihre Person diesen Intcllcktualismus nicht mitmachen, die aber dem Staat gegenüber gleichfalls nur Neutralität bezeigen und die, d a sie sich hier für entwurzelt halten (von mir gesperrt E. $.), alles dareinsetzen, ihr Leben auf Palästina einzustellen.“ (W e i I.) ״Was haben wir aber alles für Forderungen gehört.' Man soll sich jüdisch intensivieren, gut; aber ist diese jüdische Intensivierung eine Voraussetzung für den Zionismus?“ (Wagner.) ״Wir sollen uns im Jüdischen ״verwurzeln“ und uns aus der Kultur unserer Umgebung ״entwurzeln“; ist diese Forderung wirklich von Menschen erhoben, die als Kaufleute, Anwälte, Aerzte, Handwerker, Lehrer, Schriftsteiler, Arbeiter gar nicht anders können als im deutschon Kulturleben sich in intensivster Weise zu beteiligen?“ ״ .. (Wagner.) Ich denke, daß diese je zwei Zitate genügen werden, um den Standpunkt Wagner-Weiis klarzustellen; zusatnmenfassend wäre zu sagen, daß die zionistische Er- Ziehung der Jugend sich nach ihren Vorschlägen Imten soll, Zionisten als P e r s ö n I i c h k e i t s p r o b I e m aufzufassen, daß sic weniger auf die innerer l>is- Position, als auf das äußere Bekenntnis zu achten habe und daß sie keine Mittel nnwenden dürfe, die deutsche Anwälte, Acr/.tc, Lehrer usw. in ihren Berufen zu stören geeignet sind. Demgegenüber wird es •erlaubt sein, den Standpunkt der radikalzionistischen Jugend ebenfalls kurz darzulegcn. Wir können nicht recht glauben, daß Palästina von deutschen Anwälten, Aerzten und Lehrern wird aufgebaut werden können. Wir sind der Meinung, daß man junge Menschen, die noch in der Lage sind, ihren Beruf frei zu wählen, verhindern sollte, sich wieder in diesen unlösbaren Konflikt hineinzubegeben, daß man sie vielmehr veranlassen sollte, jüdische Berufe zu ergreifen. Zu diesem Zwecke sind sie aus ihrer Umgebung, aus überkommenen Anschauungen, Maßstäben und Werturteilen zu lösen, zu ״entwurzeln“ wenn man will; sic sind zu erfüllen mit der Kritik gegen das Seiende, mit der Verachtung des augenblicklichen Zustandes des deutschen Judentums und mit der Schöpferfreude am Werdenden, Weiterhin scheint es uns nicht durchaus gleich* gültig, aus welchen Motiven jemand hinübergeht. Wir bilden uns ein, daß es nicht nur auf die Zahl, sondern sehr wesentlich auf die Qualität unserer Pioniere ankommt (mul die ersten 100 000 werden alle Pioniere sein müssen). Wir glauben, daß nur Menschen, denen das Judentum mehr ist als Füllsel ihrer Freizeit, die schon geschilderten schweren Verpflichtungen werden auf sich nehmen können. Wir wissen, daß wir mit dieser Entscheidung vieles Schöne aufgeben, vieles Wertvolle hinter uns lassen; erhoffen aber von den Wundern der hebräischen Sprache und vom großen Erlebnis unserer