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Jüdische Rundschau · 1920-05-18 · Heft 32 (18.5.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 32 (18.5.1920)
Date
1920-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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If! l-,!');sc H F. R ö N!>•!!C H A!> Nr 32 Das Echo von San Retno 242 itr'. ־ und Kongressen neue Gcmeinscluiftsfonncn ge• schaffen, die Gemeinde selbst blieb unberührt in ihrer Lethargie. Sie war stets die Domäne einiger Notabel״, die in ihr Mandate und Ehrcns'.cllcn suchten und als Pflichten eine beschränkte Anteil• nähme an gewissen Vcrwallungsarbcitcn und einige belanglose Vereinsmeierei übernahmen. Aber die jüdisch-nationale Bewegung wurde stärker, und die jüdische Atmosphäre begann zu erzittern, — da wurde cs den Herren in der Gemeindcstube ungemütlich. Sie stopften sich die Ohren und Augen zu und gingen mit gnollartiger Gebärde über die neue Bewegung hinweg. Später haben sic protestiert, inhibiert, intriguiert. Sie hielten krampfliaft an der Leere fest, und vermochten nicht, die Gemeinde irgendwie lebendig zu machen, die wirkliehen Aufgaben, die sielt aus dem Zusammenleben von Juden ergeben, auch nur annäherungsweise zu lösen. Sie haben nicht einmal versucht, durch umfassende Maßregeln die Kenntnis des. Judentums wirklich zu lieben, den jungen Juden einen Rückhalt zu geben, der sic Anfechtungen trotzen ließ; die Gnoß-Gemeinden waren immer ungc- ]teuere Reservoirs für das Taufbecken. Im Krieg, als die Flüchtlingsfragcti auftauchten, als große Aktionen und energisches Eingreifen notwendig gewesen wäre, versagten die Gemeinden völlig. Nach der Revolution, nachdem alle Vertretungsköipcr auf demokratischer Grundlage neu gewählt wurden, ist die Gemeinde das letzte Bollwerk der Reaktion geblieben. Die Herren, die als Demokraten im allgemeinen politischen Leben sich auf* spielen und für allgemeines Wahlrecht bei allen nichtjüdischen Korporationen cintrctcn, setzen alles daran, um in der jüdischen Gemeinde die Massen 'חסי der Teilnahme am Gcmeindelcbcn fernzufialten. In der Gemeinde gilt itoch imitier die gl.ettohafte Vorstellung von der Distanz, die zwischen dem reichbegüterten Vorsteher und dem armseligen Schnorrer bestehen muß. ln der Gemeinde kann man sicli mit Vertretern des Volkes nicht.111׳ einen Tisch setzen. Das jüdische Leben ist verkümmert und von der Wirklichkeit losgelöst. Wir aber wollen eine Rückkehr zur Wirklichkeit und wir brauchen eine Belebung unserer Gemeinschaft. Wir brauchen die jüdische Gemeinde, die wieder werden muß, was sie einstmals im Judentum war: die Gemeinschaft der durch die brüderlichen Bande volksmäßiger Zusammcngchörigkeit verbundenen Menschen, die einander gegenseitig helfen, die schweren Lasten des Lebens zu tragen, die miteinander an gemeinsattten Zielen arbeiten, ihre geistigen Kräfte verbinden zur Förderung der Gemeinde. Die jüdische Gemeinde muß eine Institution des Volkes sein, in der das Volk selbst bestimmt, in der das Volk seine eigenen Bedürfnisse befriedigt. Die Neugestalttmg der Gemeinde ist für die junge jüdische Generation ein sittliches Ziel, da wir in der lähmenden Moderluft des Ghetto nicht weiterleben können und wollen. Die Aufgabe ist nicht so einfach, wie sie erscheinen mag; mit allgemeinem Wahlrecht und Spenden für Palästinazwecke ist sie jedenfalls noch nicht erfüllt. Vielmehr geht es darum, auch hier völlig neue Bahnen des jüdischcn Lebens zu gehen; von der Lüge der Assimilation befreit, erkennen wir die Verantwortlich- Reit für das ganze Leben, die auf der Gemeinde, ruht. Die Gemeinde ist das Organ einer alle Lebenszwcigc umfassenden Volksarbeit, um das Zusammenleben jüdischer Menschen in ein organisches Gefüge zu bringen; die Aufgaben der Für■׳ sorge, der Pädagogik, des Unterrichtswesens, des wirtschaftspolitischen Eingreifens, aber auch die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse bekommt, so gesellen, eine ganz andere Bedeutung. Die jüdische Gemeinde muß überall eingreifen, sic muß vor allem auch der wirtschaftlichen Struktur des Volkes ihr Augenmerk zuwenden, muß die Erziclrung in entsprechende Bahnen lenken unter Beriieksichtigung der Erfordernisse des jüdischen Volksorganismus, muß das Interesse an jüdischen Werken und Schöpfungen lebendig machen, muß eine innige geistige Verbindung mit dem Zentrum des jüdischen Volkes in Palästina haben. Es ergibt sich eine Fülle von sachlichen Arbeiten, 7:11 deren Ausführung es der Heranziehung geschulter Kräfte bedarf, die zum Teil erst für ihre Arbeit erzogen werden müssen. Dann erst wird auch ein neuer Geist in die Gemeinde cinzichen. Palästina und Diaspora stehen in unlöslichem Zusammenhang. Die Realisierung des Zionismus ist nur möglich durch den Wiederaufbau des jüdisehen Gemeinschaftslebens auf gereinigter, lebens* fälliger Grundlage. Die Wähler, die am 20. Juni in Berlin zur Urne gehen, sollen sich besinnen, daß von ihrem Votum mehr abbängt als die Besetzung einer Ehrenstelle oder eines Mandates. R, W. Eine Rede Lord AUenbys London, 11. Mai. Eine jüdische Delegation aus Kairo und Alexandrien, bestehend aus dein Präsidenten der zionistischen Organisation in Aegypten, Herrn Ci cur ei, {einer Cottani Pascha, Baron Me na sehe und anderen angesehenen Persönlichkeiten, erschien Montag bei Marschall A 11 c n b y und drückte den Dank der ägyptischen Jude n an England und den Mar »•hall für die Befreinng Palästinas aus. Marschall Aileuby antwortete, er sei von der Kundgebung der ägyptischen Judenscliaft sehr erfreut; seiner Ucber- Zeugung nach sei Großbritannien selbst geehrt durch das Mandat, das ihm übertragen wurde. Marschall Alienby lobte ferner die Haltung des jüdischen Regiments und versicherte schließlich, daß die Regierung entschlossen sei, die zionistische Politik /.tun Erfolge zu bringen und die nationale jüdische Heimstätte zu errichten. Die Delegation sprach auch beim französischen, italienisehen und amerikanischen Gesandten vor. Die Geulahfeier in Warschau (Von unserem Warschauer Korrespondenten.j el. Warschau, 10. Mai. Der Tag, an dem die• größte Judengemeinde Europas, Warschau, den Beschluß von San Rcmo feierlidi begrüßte, gestaltete sich zu einem Festtag allerersten Ranges. Schon am frühen Morgen waren die jüdischen Stadtviertel prachtvoll geschmückt. Blauweiße Fahnen flatterten auf den Dächern und die Häuserfronten waren von Tausenden blauwcißcn Fähnchen besät. Vielfach sah man auf den Jßalkoneu und in den Fenstern reichen Blumenschmuck. Die Warschauer Polizei konnte sich natürlich fliese Gelegenheit, ihren Antisemitismus zu bc- "ci«cn, nicht entgehen lassen. Sie entsandte in den Vormittagsstunden Polizeipatrouilkn, die zuin Herabnehmet! der Dekorationen anfionlertcn, lind, wo dies nicht geschah, selbst Hand anlegten. Es kam hierüber zu sehr erregten Auftritten und die Haltung der jüdisehen Bevölkerung war derartig, daß die Polizeibehörde es schließlich doch für geraten hielt, die allgemeine Fest- Stimmung lieber nicht durch kleinliche Schikane zu stören. Daß die Geulahfeier ein echtes und rechtes Volksfest war, bewies vor alietn der Anteil, den man die Kinder an ihr nehmen ließ. Schon'am frühen Morgen zogen sie zu Tausenden, blauwciße Fähnchen in den Händen, in ihre Schulen, Chedarim und Tahnud-Thoroth. Dort fanden kurze und eindrucksvolle Feiern statt, in denen die Lehrer die Bedeutung des Tages erklärten und dann bewegte sich ein ganzer Fuhrpark von riesigen Kastenautomobiicn, jedes beladen mit einer großen Zahl jüdischer ׳ Kinder, zur Stadt hinaus, und auf den im Maiengrün prangenden Wiesen beschloß die Jugend ihre Geulahfeier mit Spiel und Sang, Am Spätnachmittag fanden dann in verschiedenen Kinos Filmaufführungen für Kinder statt, in denen Bilder aus Palästina und solche von den Lagbeomerfcieni der letzten Jahre gezeigt wurden. Während des ganzen Tages fanden in allen großen Versammlungsräumen Warschaus ununterbrochen Volks- Versammlungen statt. Obgleich deren im Laufe des Tages fast 30 abgehaltcn wurden, gelang es nicht, all denen die Teilnahme zu ermöglichen, die sich immer wieder zu Tausenden vor den Versammlungslokalen drängten, die selbst schon längst bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Außer den von der Zionistischen Organisation veranstaltete״ öffentlichen Volksversammluitgcn waren von allen jüdischen Organisationen, politische» Gruppen und Vereinen Festsitzungen angesngt, die ausnahmslos in überwältigender Weise 'die Freude über den Beschluß von San Rcmo manifestierten. Alle bekannten jüdischen Politiker und Publizisten Warschaus sprachen, und in allen diesen Reden wurde das eine große Thema behandelt: ״Erez-Israel ist unser!“ Die Begeisterung der Massen kannte keine Grenzen. Ls war ein einziger großer Freudentaumel. Die bedeutsamste aller dieser Veranstaltungen war das große politische Meeting, das im Bristol siattfand und dem sowohl der englische wie der italienische Gesandte beiwohnten. Auch zwei höhere Beamte des polnischen Außenministeriums waren zugegen. Zu Beginn der Versammlung, deren Vorsitz Dr. Kluntel führte, kam es zu stürmischen Ovationen vor dem Vert roter Englands, als die Musik nach der Hatikwah die englische Nationalhymne spielte. Ihren höchsten Punkt erreichte die Begeisterung aber, als im Laufe "der Versammlung mitgeteilt wurde, daß die Mutter von Chajint Weizinann im Saale anwesend sei. Stür* misch wurde verlangt, daß sie sich zeige und als sie auf der Tribüne erschien, erhob sich die vieltausendköpfige Menge wie ein Mann und jubelte ihr zu, wie wohl selten einer Mutter in Israel zugejuhelt worden ist, in der hebräischen Eröffnungsansprache schilderte Dr. K1 u in e 1 die Entwicklung des zionistischen Gedankens, der so alt sei wie die Tage des Golus. Die politische Arbeit der letzten 25 Jahre hat jetzt zuin Ziele geführt. ״Wir haben bei niemanden uni Gnade gebettelt. Wir haben nur immer und immer wieder unser Recht gefordert und dieses ist der erste Schritt zu seiner Verwirklichung, jetzt fordern wir weiter: Gebt uns die Schlüssel, öffnet weit die Tore unseres . Landes, laßt alle Juden sich vereinigen unter dem Banner Zions, und das Land wird das Volk wieder beleben, wie das Volk dem Lande neues Leben schenken wird.“ Abgeordneter H a r t g 1 a s s sagte in seiner Rede unter stürmischem Jubel: ״Vor» jetzt an gibt es kein Paiästina mehr, cs gibt jetzt nur noch ein Erez- Israel.“ Hille! Zeitlin sprach für die jüdi־ selten Schriftsteller und Journalisten. Der Abgeordnete W e i 11 / i c h c r brachte die Glückwünsche des jüdischen Nationalrats. Feierliche Stille herrschte, als Dr. Gottlieb der jüdischen Opfer von Jerusalem und Tel Chaj gedachte. Er grüßte die Chaluzim in Erez-Israel und an ihrer Spitze Jabot insky. Als dieser Name genaimt wurde, brach die Versammlung tausendstimmig in den Ruf aus: ״Es lebe Ja bot insky! Bcfreiet J n b o t i n sk y.“ Bei allen Feiern wurden Sammlungen zugunsten des Gculah-Fomls veranstaltet. Es wurde hierbei nicht nur Geld gegeben, sondern auch sehr viele goldene Ringe und Schmuck. Bis in den späten Abend hinein fanden überall Fest- Sitzungen und Feiern statt und als die Nacht dieses denkwürdiges Tages lierabsank, wogten immer noch in de» dunklen Straßen die erregten Massen der Warschauer Jude», denen für ihre Freude keine Stunde zu spät zu sein schien. ״Der Jud“, das Blatt der Warschauer Orthodoxen, veröffentlicht einen Aufruf des Zentralkomitees der Schlamm• Emuiie Jissroel in Polen, angesichts der neuen Lage eine L r e / -1 s r a e 1 - W o c h e zu veranstalten, die am Lag bcotner beginnen sollte. Dieser Aufruf ist das Ergebnis einer Beratung der prominenten Vertreter der polnischen Orthodoxie, in der die Stellung zu den jüngsten Ereignissen dahin festgelegt wurde, ״daß die orthodoxen Juden, die fest im Glauben und Hoffen auf die Wiederbelebung des Judentums in Erez-Israel stehen, mit Freude die neue Kunde vernehmen, die mit Hilfe Gottes zum Guten sein wird, wenn man die Wiedererrichtung Erez-Israels beginnen wird auf den Grundlagen, weiche das jüdische V'olk seine Eigenart bewahren ließ und die geeignet sind, ihm eilte neue Existenz in Erez-Israel zu schaffen.“ Die Eilt- Schließung wendet sich scharf gegen die Bestrebungen, dett Aufbau auf anderen Grundlagen als stuf den alttraditionellen zu beginnen und fordert die Orthodoxie auf, durch Bereitstellung großer Mittel die Möglichkeit zu ■ orthodoxer Aufbauarbeit in Erez-Israel zu geben. Stockholm ln Stockholm veranstalteten am Dienstag, den 1t. dieses Monats, der Skandinaviska Zionistförbund und die Svcnska Zionistförcningen eine große, sehr stark besuchte Dcmonstrationsversammlung zur Feier des Be- Schlusses von San Remo. Als erster Redner sprach Oberrabbiner Dr. Ehrenreis, der der Rührung und Freude der jüdischen evölkerung über den Beschluß in feierlichen Worten Ausdruck gab. ln enter hebräischen Rede feierte darauf Herr P. (iriittgard die Bedeutung des Beschlusses für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache, für die jetzt erst richtig die äußeren Bedingungen gegeben seien. Eine packende Ansprache an die Versamin Um* richtete dann Herr Isaak F e ti e r r t n g. Er verwies unter anderem darauf, von welcher Bedeutung für die Judenheit eine sachgemäße Grenzregeiung Palästinas sei, und er forderte, daß die weiten brachliegenden Ländereten Palästinas unverzüglich der jüdischen Siedlung zugänglich gemacht würden. Aut die Schwierigkeiten, mit denen tn der praktischen Arbeit zu kämpfen sein werde, hinweisend, richtete der Redner einen warmen Appell an die zahlreich anwesenden Vertreter der schwedischen Judenheit, auch ihrerseits nicht zurückzustchen. Es folgte darauf die Verlesung der vielen eingegangener» Begrüßungsschreiben. Der englische Ciesandte gab seinem Bedauern Ausdruck, daß er der Versammlung nicht beiwohnen könnte. Stürmischen Beifall rief das Schreiben hervor, das von Hjalmar Branting, zurzeit schwedischer Ministerpräsident, eingelaufen war. (Wir haben das Schreiben Brantings auf der ersten Seite dieses Blattes wiedergegeben. Es ist die erste Begrüßung des Beschlusses von San Rcmo aus sozialistischen Kreisen. — Red. d. ״J. R.“) Nach Begrüßungsansprachen und Bcglückwünsditmgen durch die Vertreter des jüdisch-akademischen Klubs und anderer Organisationen, von Anna Lind ha ge 11 im Namen der schwedischen Frauen u. a. m., wurde die Versammlung unter den Klängen der Hatikwah in gehobenster Stimmung geschlossen: Folgende Resolution wurde angenommen: Die Stockholmer jüdische Massenversammlung vom 11, Mai drückt der Friedenskonferenz und insbesondere der englischen Regierung ihren Dank aus für die Durchführung des Beschlusses, in Palästina eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk wieder zu errichten. Die Versammlung spricht den unermüdliche» Führern unserer Bewegung ihren Dank und ihre Anerkcntiung für das von ihnen vollbrachte große Werk aus. Im Vertrauen auf ihre erprobte Gescliicklichkeit und ihren grenzenlosen Opferwillen hofft die Ver- Sammlung, daß es ihnen mit der Unterstützung der ganzen Judenheit gelingen wird, die umgehende Oeffnung der Grenzen Palästinas für eine große jüdische Einwanderung zu erreichen und die volle verwirkhchung tiiiMciur Ziele baldmöglichst zu erlangen Organisierung der jüdischen Verwaltung Brandeis und Frankfurter gehen nach Palästina ־ London, 10. Mai. Wie Blätter melden, werde» sich Louis Brandeis und Felix Frankfurter in einigen Tagen nach Jerusalem begeben, um die jüdische Verwaltung zu organisieren. (Ejne Bestätigung der. Meldung liegt bisher tikht vor. Red. d. ״J. R.״.)

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