Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 31 (12.5.1920)
- Date
- 1920-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2652228-2652259--13065-2670756- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
J U 6DI SC 11 £ RUNDSCHAU Nr 31 Seite 232 der Zionistischen Organisation, aber auch außerhalb der organisierten Zionisten zeigt sich ein immer stärkeres Interesse für Palästina. Die lebendigen Zeugnisse wunderwirkcrulcr Kraft, die Palästina in den letzten Jahren immer häutiger nach Europa sandte, verfehlten ihre Wirkun״ nicht. Tatsachen sprechen stärker und tuiwidcrleglicher als Argumente. l>cr unter der Not des Gaiiith seufzende Jude hat seine Seele verkauft, er ist Sklave geworden; nun rüttelt ihn die Kunde von neuem Leben, plötzlich lernt er, daß anderes, Größeres möglich ist. Nur schwer kann er sich entschließen, diesen Traum als Wahrheit zu nehmen, denn er zwingt ihn. zu seinem gegenwärtigen Leben nein zu sagen. Aber die Gewalt Palästinas ist mächtiger, sie zwingt Judenherzen zu sich empor. Jetzt ruft Palästina, ruft alle seine verstreuten Söhne. Wird das deutsche Judentum hören? Im assimilatorischen Blätterwald hört man noch immer die häßlichen, hämischen Töne von vorgestern; n«ch immer entblödet sich der Chronist des Zen* tralvereinsorgans ״Im deutschen Reich“ nicht, mit der großartigen Geste des Großpolitikers, mit impanierendem Aufwand von kombinatorischem Talunt den Zionismus zu entlarven, d. 11. zu dcntinzieren, die große Idee der Auferstehung des ji'tdischen Volkes durch völlig verständnislose, tendenz.iöse Kritik zu verkleinern. Ueber eine sachliche Kritik an der ,zionistischen iVditik ließe sich diskutiercr.; hier aber soll zugunsten der Trägheit der Lebensnerv des jüdischen Volkes getroffen werden. Aehnlich äußert sich das ״Hamburger Familienblatt“ /.um Beschluß von San Renvo. Dieses Blatt zetert gegen die politischen Erfolge des Zionismus, wünscht aber eine einheitliche ״Palästinafront“ für ein Minimal progratntn. ln ein ähnliches Horn bläst der orthodoxe ״Israelit“, der allerdings so tut, als ob er immer schon kein anderes Ziel gekannt hätte als Palästina. Der Sturm wird Voiübergehen. Herr Verax wird seine hohe Politik einpacken. Das jüdische Volk selbst, einschließlich der deutschen Juden, wird eingreifen, wird alle Kombinationen, die jetzt von den Untätigen, Abseitsstelicnden, an die schwarze Wand gemalt werden, über den Haufen werlcn und wird seine Heimat aufbauen, nach seinem Willen und seinem Bilde. Das alte Volk lebt noch, in jedem Juden wird die Liebe zu Jerusalem auferstehen, sobald das Werk beginnt, sobald der Ruf erschallt. Wir wollen uns bemühen, auch heute schon aus den Worten der Verfechter des ״Miniinalprogramntes“ die positiven Seiten zu entnehmen, das kleine ״Mmimal“-lnteresse an Pafästina, das riesengroß wachsen wird, sobald nur das Leben selbst zu wirken beginnt. Lloyd George sagte zu Weizmann: ihr habt jetzt eitern Start; alles andere 1 längt von euch ab. Wir haben uns jetzt zu bewähren. R.W. Judaica]in Italien] während der Kriegsjahre (Von unserem italienischen nt. b.-Korre וסיף identen,) Der Krieg hat die italienische* öffentliche Meinung mit einer Menge von Probleme«, denen man früher ganz fern stand, in unmittelbare Berührung gebracht und bei ihr vor allem ein Interesse für nationale Fragen wachgerufen. So begann mau sich etwas mehr auch mit dem jüdischen Problem zu beschäftigen. Zuerst gaben die Zeitungen und Zeitschriften darüber Auf- Schluß, und in einer Reihe von ilutcn erschienen zum Teil recht wertvolle Aufsätze, ׳ auch von unseren Gesinnungsgenossen gesell rieben. Dann griff ntan zu Ucbersctzungen und in relativ kurzer Zeitspanne erschienen zum ersten Male auf dem italienischen Meliermarkte Hcrzl, Lo Stato Ebraico (Carabba), Boehm, II Fondo Nazionale Ebraico (Zionistische Organisation), Tolkowsky, La Oolonizzazione Ebraico in Palestma (id.), Szold, II Rccentc Progrcsso Ebraico in Palestina (id.), Baruch Hagani, La Vita di Teodoro Herzl (Voce). Mit einem Vorwort von Prof. Police Momigliano versehen ersdtien and! Marienbad von Schalom Al ei che tn (Formiggini), und im Druck des Verlages ״Voce“ befinden sich je ein Band von ״Jüdischen Erzälilungcn“ von Pcrcz und Sdialoin Asch, übersetzt von Lattes pnd Ikilinson. Ebenso im Drucke steht Storia Dcgli Ebrci di Roma von Jacob B!uwstein (von der jüdischen Gemeinde in Roin verlegt). Es erschienen dann auch einige Originalarbcitcn, die mehr dem Verständnis des italienischen Publikums entsprechen sollten. Qic vier Reden, die vom Abgeordneten Francesco Area, Senator Francesco Ruffini, Rabbiner Dante Lattes und Prof. Emamiclc SeHa auf der zionistischen Volksversammlung in Rom gehalten wurden, wurden in einer Broschüre II Risorgimento Nazionale dTsraele in Palestina von der zionistischen Organisation veröffentlicht. Einer von den Rednern, Francesco Ruffini, hat datui seine Rede mit einem andere 11 längeren Aufsatz vereint noch in Budifortn Sionismo e Societa delle Nazioni (Zanichelli) herausgegeben, wp er ziemlich ausführlich den zionistischcn Oedanken und die zionistische Tätigkeit (die Viele Wähler der Jüdischen Volkspartei •iad niAt in die Wählerliste eingetragen. Sie müssen umgehend Einspruch cinlcgen. Für genügende Aufklärung der WählernuMan kann nur dann gesorgt werden, wenn jeder Leser der Jüdischen Rundschau unserem Büro eine Liste seiner Bekannten einsendet, die als Wähler der Volkspartei in Betracht kommon. Jüdische Volkspartei Berlin C 2, Heiligegeiststraße 52. Telephon: Zentrum 1610. Geöffnet vou 9—7 Uhr. Die Repräsentantenwahlen in Berlin Von Dr. Gustav W i t k o w s k y. Am {>. Juni sollen endlich die seit fast einem Jahr fälligen Ergänzungswalilcn zur Repräsentanten-Vcrsainmlung der Berliner Jüdischen Gcntcindc stattfindcn. Zum ersten Male erfolgt der Wahlakt nach dem Grundsatz der Verhältniswahl und unter einem beträchtlich erweiterten Wahlrecht. Mit Genugtuung können wir fcststellcn, daß unser langjähriger mühevoller Kampf uni eia zeitgemäßes Wahlrecht in der Gemeinde nunmehr Früchte zu tragen beginnt. Vor zehn Jahren haben wir zum eisten Male im Wahlkampf die Forderung des VerhältniswahlrecUts erhoben, und schon drei Jahre später sah sich die Repräsenfanten-Versammhing genötigt, itt einer Entschließung die Eintührung der Verhältniswahl in Aussicht zu stellen. Es blieb indessen bei diesem platonischen Bekenntnis, da der Ausbruch des Krieger, einen willkonimenen Vorwand botv um alles beim alten zu lassen, bis unter den Stürmen der Revolution die Scheinliberale Repräsentanz zur Erfüllung des fast vergessenen Versprechens sielt gedrängt sah. Aber auch jetzt noch suchte man, die ins Wanken geratene Machtstellung durch Ausnützung der reaktionärsten Bestimmung des Judengeset/.es von IS17 über die Wahlberechtigung zu stützen. Nach S 41 dieses im angeblich deinokultischen Deutschland immer noch zu Recht hestehenden Gesetzes sind wahlberechtigt ,,sämtliche, männliche, volljährige, unbescholtene Mitglieder der Synagogcngetncinde, welche sich selbstständig ernähren und mit Entrichtung der Abgaben für die Synagogengcmcinde während der letzten drei Jahre nicht in Rückstand geblieben sind.“ Hier war eine Handhabe gegeben, der Gefahr, die von den herandrängenden neuen Elcmenten drohte, durch Beschränkung der Wahlberechtigung zu begegnen. Den Herren, die die er ganz um! gar ״nach Herzl" airft'aßt) auseinandersetzte mul die jüdisch-nationale Bewegung in die große Bewegung der enterd,•tickten Völker ein zu stellen suchte; das Buch hat schon des Namen seines Verfassers wegen Aufseher. Itervorgeritfen, da Ruffini eine der hervorragen;!«♦;•« I V׳<ünlicl1kcin11־ ries vorkriegerischen Italiens ist. Sicher nicht von Ibopagandazwecken geleitet hat der lieographtcprofcssor an der römischen Universität, Roberto A! tu a g i k , ein Büchlein La Qucstione della Palestina (Palästinensische Frage, von Istituto Colonialc Italiano herausgegeben) geschrieben, wo er zienrlieh objektiv ■über geographische, klimatische Und wirtschaftliche Verhältnisse in Palästina und über die Zukunft des Landes in Zusammenhang mit europäischen Interessen und politischem Zionismus spricht; mit großer Sympathie beschreibt er die Leistungen der jüdischen Kolonisten und findet die möglichste Unterstützung der jüdischen Anstrengungen schon deshalb zweckmäßig, weil anders das Land kaum aus seiner jetzigen Vorödung zu heben wäre; die Möglichkeiten in Palästina in bezug auf Bevölkerungszahl will Almagiä nicht inehr als auf 3 Millionen geschätzt haben. Linen anderen rein wissenschaftlichen Beitrag zur Jmlenliteratur stellt das Buch von dem Professor an der Universität von Modena Livio Livi über ״Die Juden im Lichte der Statistik“ (Gli Ebrei alla Luee della Statisiic.i, Voce) dar. Die Arbeit ist vor allem deshalb interessant, weil sic mehrere staÜTtisdi-dcmographische Angaben über italienische Juden (ein Gebiet der Judendemographie, das bisher ziemlich vernachlässigt wurde), u. a. selbständige Untersuchungen des Verfassers über jüdische Rekruten, neben einer lJehersicht über die schon bekannten Daten der jüdischen Anthropologie enthält. Die Schlußfolgerungen des Vcr- Lösers sind folgende: Es seien keine ethnischen Unterschiede zwischen den Asehkenasim und Scfnrdins vorhanden; die Juden von heute hätten stärkste ethnische B/utde mit <11-11 Palästinabewolmeni vor der Juden- Zerstreuung bewahrt; die Juden hätten keine bedeutende Vermischung mit den Wirtsvölkern erfahren; auf pathologischem Gebiete: die• Juden seien für einige ansteckende Krankheiten (vor allem Cholera und Tuberjüdischen Kriegsteilnehmer mahnen zu müssen glaubten, mehr als ihre Pflicht zu tun, darf nicht vergessen werden, daß sie selbst pflichtvergessen genug waren, mitten in der deutschen Revolution den jüdischen Soldaten bei der Aufstellung der neuen Wählerlisten das Wahlrecht zu entziehen, weil sic im Schützengraben anderes zu tun hatten, als Steuern an die Gemeinde abzufuliren. Nur dem energischen Einspruch des ״Neuen Jüdisehen Gemeinde Vereins“ Ist cs zu danken, daß diese Schmach dem deutschen Judentum erspart blieb. Es gelang dem Gemcindcvercin, einen Regierungserlaß zu erwirken, der den Kriegsteiliiciitnern das Wahlrecht sicherte. An diesen Frfolg zielbcwußter Aufklärungsarbeit reihte sich bald ein weiterer, ln einem neuen Regicntugseilali erhielt der omniöse § •11 eine so weitherzige Auslegung, daß nunmehr das allgemeine Wahlrecht gesichert schien. Wiederum mußte der Wahlterrnin verschoben und eine neue Wählerliste aufgestellt werden. Sie liegt jetzt zur Einsichtnahme aus und enthält etwa 40000 Wähler. Da die Zahl der volljährigen, männlichen Gemeindemitglicder ungefähr 60000 beträgt, haben wir das allgemeine Wahlrecht noch lange nicht erreicht. Aufgenotmnen sind die Kriegsteilnehmer und die 1910 zur Einkommensteuer Veranlagten, soweit sie mit der Steuerzahlung nicht im Rückstand sind. Sicherlich fehler, noch Tausende von Kriegsteilnehmern, die nunmehr ihre Aufnahme in die Wählerliste beantragen können, auch wenn sie nie Steuern gezahlt haben. Wir erwarten, daß unsere jungen Freunde, die Kriegsteilnehmer waren, ausnahmslos und unverzüglich von ihrer Eintragung in die Wählerliste sich persönlich überzeugen werden. Denn es liegt im Wesen der Verhältniswahl, daß das Fehlen einer Stimme den Verlust eines Mandats bedeuten kann. Zu wählen sind 13 Repräsentanten und du• entsprechende Zahl von Ersatzrepräsentanten. S liberale Vertreter, deren Mandat erst 1922 abläuft, haben sich nicht entschließen können, freiwillig auszuscheiden und sich von neuem zur Wahl zu stellen. So ergibt sich die ungeheuerliche Tatsadtc, daß die künftige Repräsentanten-Versammlmig sid» aus Vertretern zusammensetzen wird, die nach verschiedenen Wahlsystemen gewählt sind. Mit politischer Moral hat dieses Verhalten der liberalen Fraktion, die sich die Mehrheit für weitere zwei Jahre unter allen Umständen gesichert hat, zweiifdlos nichts zu hin. Es wird Aufgabe unserer Freunde sein, im Wahlkampf diese erbärmliche lntcrcssenpolitik gebührend zu brandmarken. l>ic Berliner Zionistische Vereinigung hat sich mit dem Neuen Jüdischen Gemeindeverein und dem Verband der Ostjuden zur ״Jüdischen Volkspartci“ zusatnmengesdtlossen, um gemeinsam den Wahlkämpf durchzuführen. Die Volkspartei, deren, Prokulosc) weniger disponiert, mehr hingegen für Nerven-, Geistes-, Augenkrankheiten und Zuckerkrankheit; für die Zukunft sei volle Möglichkeit für die Uebcnvittdung der pathologischen ״Zeichen der gegenwärtigen Unterdriiekung" vnß für die Wiederaufrchtung norma'er Verhältniss׳‘ (deren Vonrlrkbdmng der Verfasser vor allem in Palästina erwartet) des normalen kürperliehen Typus gegeben. Die Arbeit stellt nur den ersten Band eines größeren Werkes dar, den Anstoß zu diesem gab dem Verfasser die Feststellung der relativ großen Zahl der Juden, die hervorragende Stellungen im gesellsdiaftlichcn und sozialpolitikhen Leben von Westeuropa einnehmen. Dieser anthropologische Ueberblick mußte Livi (der nebenbei bemerkt kein Jude ist) die Grundlagen für die Lösung dieses Rätsels geben Am unvergleichlich wertvollsten aber ist wohl das ungefähr 300 Seiten starke Buch des Professor* an dein Rabbinerinstitut und Privatdozent der jüdischen Sprache und Literatur au der Hochschule von Florenz, Umberto Cassuto, der froher schon sich einen Ruf als der beste heute lebende Historiker der italienischen Juden erworben hat In diesem seinem letzten Werke über ״Die Juden in Florenz zur Zeit der Rcnaissana־" (Gli Ebrei a Firenze NcU’Eta’ de! Rinasdniento, veröffeut• licht vom Istituto di Sttrdi Supcriori di Firenze) gibt er ein reichhaltiges, zum größten Teil neues und selb• ständig bearbeitetes Material zum Leben der Juden in Florenz (und somit indirekt aller italienischer Juden) in der Zcitperiode vom XIII. Jahrhundert, d. h, von dem ־Momente, als die Juden zum ersten Male dort in mehr oder weniger großer Zahl erscheinen, bis 1571, als sic ins Ghetto gesperrt wurden; auch darüber hinaus, über das traurig-einförmige Leben ün Ghetto, gibt er reiche Aufschlüsse, Gctneindeschicksale, soziales und privates Leben, literarische und wissensdtaftSiche Tätigkeit der Juden auf dem Hintergründe der ftorentinisehen Renaissance, mit lorenno di Medici und Savonarola, mit Musik niut Tän/eti, mit askctisdicu München und den Versuchen der neuen sozialen Ordnung, werden erörtert. Wie dieser Hintergrund, so — aber in viel höherem Maße - war auch das Leben der Juden zwiespältig, mit Hinausjagen und Wiederersdieincn, mit dem schändlichen gelben Rede und Hofpocten und Hofärzten, mit Bankiers w»d