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Jüdische Rundschau · 1920-05-12 · Heft 31 (12.5.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 31 (12.5.1920)
Date
1920-05-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Seite 233 Nr. 3' .50 f-1 ״ granun demnächst veröffentlicht wird, s(d>t auf dem Boden der jüdischen Volksgemeinschaft. Sie verlangt, daß die Berliner Jüdische Gemeinete über den Kreis ihrer bisherigen rein religiösen Tätigkeit hinaus allen Interessen des jüdischen Volkes im jüdischen Sinne diene. Restlose Demokrat]- siernng der Gemeinde, wirksame Vertretung nach außen, Erziehung eines von starkem Selbstbewußtst>in und jüdischem Geiste durchdrungenen Geschlecht*, Schaffung eines, groüangelegten Hiifs- Werks, aktive Anteilnahme an dem Aufbau des jüdischen Zukiinttslaridcn ״Frcz Israel“ in solidadariscliei Verbundenheit mit der Judcnhcit der Julien Welt sind die wesentlichsten Programmpunkte. Mine angehende Würdigung des Programms soll spateren Ausführungen Vorbehalten bleiben. Heute genüge der Hinweis, daß es ohne Verlangiiniig unserer Grundsätze auf eine möglichst breite Basis gestellt ist und ebenso von uns wie von den uns befreundeten nicht/ionistiselien Organisationen vertreten wird. Unsere Einheitsfront wendet sich gegen den Liberalismus. Der ist diesmal sehr früh auf dem Plan erschienen und lehnt in seiner!wogrammatischen Erklärung mit aller Sdtiirfe jede nationale Politik ab, die die Grenzen der rein religiösen Tätigkeit überschreite. Wenn das Programm der Uberulcn and! einige demokratische I ordenutgen von uns übernommen hat und damit iinmerJiin einiges Verständnis für die Bedürfnisse einer neuen Zeit erkennen läßt, so bleibt es dodi ein Bekenntnis zur konsequenten Assimilation, un- *‘׳rer Todfeindin, gegen die sidt unser Kampf mit der denkbar größten Heftigkeit wenden muß. Mit den andere» Parteien, die voraussichtlich eigene Listen aufstellen werden, wird gegebenenfalls eine V< rstandigun;, aus wahltaktischcn Gründen mögiicii sein. Die nächste Pflicht aller organisierten Zionisten aber ist es, sich von der eigenen Wahlberochtigungpersönlich zu überzeugen. Jede Stimme wird gezählt und füllt ins Gewicht. Deshalb darf niemand fehlen. Zum ersten Male haben wir die sichere Aussicht. Zionisten als unsere Vertreter in die Gemcimicstnbe zu entsenden. Wie groß die Fraktion der ״Jüdischen Volkspartei“ wird, hängt von unsere: Wahlarbeit ab. Tut jeder seine!*flieht, so dürfen wir von der werbenderi Kraft unserer Ideen einen großen Erfolg erhoffen. 5an icesio Hebräische Sprachschule in Berlin <). Stufe t Lektüre und Uebungen für Fortgeschrittene): Dienstag von 5—7 und Donnerstag von 5'y-■7<;a Uhr bei Köhn, Darmstädter Sir. 1. — Seminar U. Stufe: Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von (14 ׳ $'•« Uhr, Donnerstag von 73/4—8*/« Uhr inorgens im Merzl-Club, Gr. Präsidentcnstr. 2. — Anmcklungen an Dr. Smoira, W. 15, Württembergische Straße 25/26 (Uhld. Ml2), Der Eindruck in Jerusalem Jerusalem, (Telegramm1 der ״Zionist Commission“). Das Telegramm mit der Entscheidung, daß die Balfour-Deklaration in den Friedensvertrag aufgenommen werden sollte, kam■ am Nachmittag des 26. 4. an, während des allgemeinen Fastens, das vorher vom Rabbinat angeordnet war. Das ganze Land war in Trauer wegen der jüngsten Ereignisse in Jerusalem. Die Nachricht machte sehr großen Eindruck, der Fasttag verwandelte sich in einen Festtag. Nadidem U s s i s c h k i 11 vor der Beamtensehaft der Commission die Botschaft verlesen hatte, eilte er zur Hurva-Synagoge, um Rabbi Kuk zu erwarten, der gerade die Trauergebete beendete. Er sagte: ״Mein Binder, ich bringe Euch Kunde von der Wiederherstellung unseres neuen Lebens; die große Hoffnung, die während unserer Verbanming immer im Herzen gehegt haben, ist erfüllt worden. Unser fester Glaube ist gerechtfertigt. An diesem Tag vergeben wir unseren Feinden in diesem Lande.“ Die Versammlung in der Synagoge, bestehend aus Alten und Jungen, die alle fasteten, stimmte!*salmen und Hallelujah an. Die Hatikwah ertönte aus allen Synagogen. Ein feierlicher Zug kam gerade bei der sefardischen Synagoge an, als der Schofnr ertönte. Ussischkin ging zum Almcinor und sagte: ״Blaset nicht das Horn der Trauer, laßt den Schofar der Erlösung ertönen. Aschkenusische, scphardische, jemenitische Juden, wir sind jetzt ein wiedererwachtes, arbeifendes Volk, wir haben ein Land!“ An der Klagemauer wurde Minchah gebetet, El moleh racliamim für Herzl und die!*ogromopfer in Jerusalem. Die Mauer wurde unter Tränen geküßt, jubelnd erklang der Gesang der Hatikwah. Am Abend versammelten sich die zionistischen Funktionäre im Hause Ussischkins. Es wurden Reden auf Weizinann, Sokolow und alle, die mitgearbeitet und zum Erfolg beigetragen haben, gehatten, und derer gedacht, die für unsere Sache gelitten haben. Eine Rede des Generals Bois Am Mittwoch, dem 28. April, lud Mr. Bois die Führer der Gemeinden einschließlich Ussischkin, Rabbitter Eliashar, Kuk, Meyouhas, Dr. Lcvv, Mr. Ben Dow und Mr. Nurock ein, ferner die Moslems mit dein Mufti ■und dem Bürgermeister, sowie auch Vertreter der Armenier, Syrier, der Griechisdi-Orthodoxcn und Römisch-Katholischen. Der Militärgouverncur, General Slorrs und der Chef des Stabes der Polizei waren ebenfalls anwesend. General Bois verlas das offizielle Telegramm, in dem die Einverleibung der Balfour-Deklaration in den Stil Talmudisten (die gar oft dieselben Personen waren), in,ז Dante und Petrarca neben Jcsaia und Jelimla t.evi, mit Taleth oberhalb des 1 uxuskh'ides des reichen Florentiners, mit doppeltem Namen, sogar mit doppeltem Kalender (d. 11. den Moiutstag und Monat nach Christlieber tmd Jahreszahl nach jüdischer Zeitrechnung geschrieben). Ein Spielzeug der verschiedenen ■sozialen uml politischen Kräfle werden sie ins Land gerufen, ah mau energisch gegen das christliclie Anlcihcwcsen kämpfen wollte, ohne auf die Anleihe selbst verzichten zu können. Vom Volk gehaßt lind von! Klerus verachtet (obwohl Savonarolä selbst sich ihnen gegenüber v:t.sichtiger verhält). werden sie vom liof gesihützt mul müssen deshalb die Schicksale desselben imimadien, das Land )edesrnal mit dem Siege der völkisehen Partei verlassen und mit Aufrichtung der fürstliehen, Autorität wieder cinzichcn. Es ist dabei zu hemerken, daß die klerikal-demokratische Partei nicht viel gegen Juden als solche gehabt zu haben scheint (01>- "(,111 sie selbstverständlich die demagogischen Schlag- "orte nicht verschmähte), viel mehr gegen ihren Haupt- Be ruf (Geldvcrleihnng), da sie diesen durch die zinslosen Anleihekassen (Monte di Pieta) zu ersetzen suchte und tatsächlich bei den kurzen Perioden ihrer Herrschaft dieselben eiurichtete. So tritt das soziale Moment in den \ ()fdergrund des italienisch-jüdischen Konfliktes und so- "nt wird auch die spätere Geschichte der italienische» )"den, nadidem dieses Moment nicht mehr ausschlaggehend sein konnte, viel verständlicher. Auel! seitens der ersten, speziell Lorenz» und C-osim > Medici, finden die Juden viel Verständnis und Toleranz, und nur ""-י Rücksicht auf den Papst erklärt Cassuto die sich mehrenden Maßnahmen gegen die Juden, welche sodann der Einsperrung ins Ghetto gipfeln. So kommt es, dal, der gujhe \-jecg waj,! getragen sein muß; (obwohl die Notwendigkeit, die Verordnung Öfter zu erneuern, 11311111 deutet, daß sie nicht sehr streng durchgeführt wurde), auch der Talmud wird verbrannt (das schmerzlichste Ereignis, das die italienischen Juden zu verzeichnen haben), hingegen sind die fiorentüiisclicn ,Jude« van persönlichem ״Martyrium ־ wenn man von Rani vereinzelten Falk» absieht — verschont geblieben. B|S zur Einepemmg ins Ghetto war übrige•»» der petsöntürkischen Friedensvertrag, voraussichtlich unter britischein Mandat, mitgcteilt wird. Dies wäre zunt besten aller Einwohner; religiöse Freiheit und religiöse Gebrauche sowie die Integrität der heiligen Stätten würden nicht gestört werden. Die Einwanderung würde nur soweit gestattet, als sic für die Entwicklung des Landest erforderlich sei und unterliege der Kontrolle der britisehen Regierung. Es werde keim• Enteignung oder Beraubung der gegenwärtigen Landbesitzer stattfinden, ebensowenig würden Konzessionen an Personen oder Gruppen zum Schaden andere! erteilt weiden. Es würde nicht eine Minorität über die' Majorität herrscheii, sondern das Land würde unter der Verwaltung eines britischen Gouverneurs stellen. Politischer Hader und Unruhen werden jetzt aufhören. Ussischkin und der Mufti wechselten brüderliche Wünsche für die zukünftige Entwicklung des Landes. Eine Kundgebung des Wiener Kultus- Vorstandes Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat in einer Plenarsitzung vom '28. April 1020 die nachstehende Kundgebung beschlossen: ״Eine offiziöse Meldung aus San Rcmo, dem Sitze der Beratungen der Friedenskonferenz, brachte die Mitteilung, datl die alliierten Mächte beschlossen haben, die noch während des Krieges namens der englisehen Regierung abgegebene, als die Balfour-Deklaration bekannte Erklärung, wonach Palästina als nationale Heimstätte für die Juden eingerichtet werden solle, dem Friedensvertrage mit der Türkei zu inkorporieren und das Mandat über Palästina an Großbritannien zu übertragen. Noch sind die Einzelheiten dieser Neu- Ordnung in Palästina nicht bekannt, aber schon die Tatsache allein, daß die Großmächte, in-deren Händen heute das Schicksal Europas liegt, dem in der Zer- Streuung lebenden jüdischen Volke Gerechtigkeit widerfahren lassen und den tausenden und abertausende!! Juden, die gerade jetzt in den Ländern, in denen sie in großen Massen leben, den heftigsten Verfolgungen und Bedrückungen ausgesetzt sind, eine Zufluchtsstätte eröffnen, wo sie nach ihrer Eigenart unter dem Schutze des Völkerbundes leben und sich entwickeln können, erweckt überall, wo es Juden gibt und wo nach ein Gerechtigkeitsgefühl lebt, das Gefühl auf rieh- 11 g s t e r Freude und innigster G e niig• t u 11 n g. Dieser innigen Freude gibt auch der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, der, im Durchgangstor zwischen Ost und West wirkend, zu allererst die Wirkungen der Pogrome im Osten und des FlücUtliugsstromes nach dem Westen zu fühlen bekommt, aus vollem Herzen Ausdruck. Mögen aber auch die im Zusammenhänge mit der obigen Meldung lautgewordenen Versichefungen der Großmächte, daß, wie im neuen Palästina die volle und effektive Gleich- Berechtigung aller Bewohner des heiligen Landes gewährleislet werden solle, auch die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden in ihren derzeitigen Wohnländern ungeschmälert erhalten und gewahrt werden sollen, in Erfüllung gehen.“ Presscstimmcn ״H a o I a in“ vom 30. April ist der Entscheidung vo« San Remo gewidmet. An der Spitze steht ein Artikel von Nord au, in dem er sagt: ״Der wesentlichste Teil des Basler Programms ist jetzt auf die idealste Weise verwirklicht. Der Zionismus kämpfte für eine liebe Verkehr der Juden mit der christlichen Bevölkeruug, speziell in Dichter- und Gelehrtc-nkreiscn, an der Tagesordnung, und auch dem Lachen tmd Süigen und speziell dem Spiel der Renaissance blieben die Juden gar nicht fremd. Hier bat schon das oben angedeutete cioppelte Leben seinen Anfang genommen, das, durch Ghcttocinsperrung jäh unterbrochen, im XIV. Jahrhundert mit neuer Kraft auf genommen wurde, um italienische Juden, teilweise bis jetzt, in einem ständigen seelischen Konflikt zu halten. ... In einem Nachtrag bringt das Buch zahlreiche Dokumente in italienischer und jüdischer Sprache, An den Wassern von Babylon Ein fast heiteres Judenbuch. (Georg Müller Verlag, A.-G.) . Ich hatte immer geglaubt, die Judenfrage sei längst gelöst. Bekanntlich hatten doch schon vor JaJiren die Jugendvereine eine Rundfrage über dieses Thema veranstattet, die noch heute in bester Erinnerung steht, weil in ihr auch Josef Oiampietro sieh geäußert hatte, während der sprechende Hund Don, der damals im Wintergarten so großes Aufsehen erregte, nur infolge technischer Schwierigkeiten nicht zu Worte gekommen war. Sollte damals trotzdem noch etwas zu klären übriggeblieben sein, so hat das danach endgültig und! entscheidend Artur Landsberger durch Befragung von allerhand Fachprofcssoren besorgt. Und es mag wohl■ jetzt das Bedürfnis nach einem fast heiteren Judenbuche entstanden sein. Wie dem auch sei — der Georg Müller Verlag hat es uns beschert. Wenn man sicli nun die Bescherung ansieht, wird man finden, daß Heiterkeit dabei weniger im Leser als bei den Aktionären des Verlags entstehen muß; vorausgesetzt, daß! der Titel und das edle Titelbild die beabsichtigte Wir■ kung tun. Denn was dahinter kommt, ist eigentlich gar nicht der Rede wert. Hermann Sinsheim er beginnt mit einer Art Seibstbiogiaphie, die am Anfänge eine Novelle und am Ende ein Essai ist. Ja, bei den Großen sprengt mitunter das menschliche Wollen die künstlerischen Bande; ich erinnere nur an Goethe und Tolstoi. So auch unser Siiisheimer. Das schöne Spiel der Form wird plötzlich zu eng für seinen mächtigen Drang, zu sagen, daß er trotz Antisemiten und trotz Zionisten, nun grade und nun erst recht, ein Jude u1׳d ein Deutscher sei. Das bleibt als künstlerisches Bekenntnis unangreifbar und für das Problem selbst belanglos. Aber trägt man dabei die Tendenz so dick auf wie er. dann wird es ein Essai Und für einen solchen dürfte es wohl doch etwas zu einfach sein, den ganzen Fragenkomplex von seinem kleinen Icherlebnis aus (und sei cs selbst das Sinsltcimersclic) erledigen zu wollen■. Immerhin ist dieser Beitrag des Buches noch der lesbarste und bei weitem anständigste. Aber dann kommt Lion F e 11 c h t w a 11 g e r , der mit dem ewigen Juden in ein Gespräch timl!manches Abenteuer gerät. Dein Dichter muß da eine Verwechslung unterlaufen sein. Ich gebe zu. daß ich den ewigen Juden nicht persönlich kenne, aber der Stil, den er bei Feiichtwanger redet, kommt mir so bekannt vor. ־ Nein, das war nicht der ewige Jude; das •muß Edmund Edel oder Leo Leipziger oder sonst jemand von unter dem Strich gewesen sein, sofern es nicht gar, (ich habe einen Verdacht), unser Feuchtwanger selber war, der sich hier begegnet ist und in edlem Dichterwahnsinn de« anderen Feuchtwa.iger für Ahasveros hielt. Niemand kann über seinen Schatten springen. Und so entsteigt denn dem tiefen Mythos vom ewigen Juden ein etwas schwatzhafter, leicht verkalkter Herr, der über zuviel ieuilletonistischer Lektüre offenbar den Sinn seines Daseins vergessen oder niemal« hegriffen hat. Jetzt fehlen bloß noch Fritz Cassjrcr uiul Paul Schlesinger. Sie variieren ihrerseits dasselbe Thema• Sie geben es den Antisemiten, und sie geben es den Zionisten. Und sic sind sich alle einig darin, daß der Jude den deutschen Geist reiner vertritt als der Deutsche. Die traurige Anmaßung, die darin liegt, erhält die vom Verlage geforderte heitere Note wieder dadurch, daß das alles mit einer Feinheit und einem Geist und einem Geplauder vorgetragen wird, die ebenso feuilletontstisch wie undtulsch s'nd.

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