Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 30 (7.5.1920)
- Date
- 1920-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 224 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30 rfte Erfüllung der zvvcitauseiidjährigen Sehnsucht des {Adisdien Volkes bedeutet und als eine Verbindung, eia Austausch von Ideen /wischen östlichen und west- Rehe■ Nationen dienen wird.“ ״The New State sin an“ schreibt in schier Nummer vom 24. April in einem Aufsatz über die Situation in Syrien: ״Der Oberste Rat kann nicht, ohne den letzten Rest wo« Prestige Europas im nahen Osten preiszugeben dem Staatsstreich Emir Faisuls weichen, aber es bedarf «icht der Anwendung von Waffengewalt, um׳ die syrisehe* Unablüuigigkeitsgdüstc zu unterdrücken. Es ge- *figt, den Raum voraussichtlicher Anarchie auf ein Mini- Mt** zu beschränken und die Araber von einer Veibindüng mit den Türken abzubriitgen. Dazu ist keine offensive, sondern nur eine defensive Stellungnahme notwendig. Was Großbritannien anbetrifft, so ist die ara* bische Unruhe ein Grund, Palästina nicht lierzugebcn, *indem cs um so stärker unter seinem Protektorate zu halten. Mit einem illoyalen Aegyjiten, auf das ein unabhängiges Syrien nur aufreizend wirken könnte, auf der einen Seite des Suez-Kanals, können wir nicht gleich• mutig auf der andern Seite des Kanals ciu übermächtiges arabisches Reich dulden. Andererseits würde der neue *yriache Staat ohne Unterstützung und Kontrolle in harzer Zeit ausemaiuterfaUcii. Jedenfalls wird jedes schwächliche Sichberuhige» bei einem fait accompli «ehr Probleme entstehen lassen als lösen.“ Faisul vor dem Obersten Rat London, 2. Mai. Der Oberste Rat hat an Emir Faisul eine weitere Einladung ergehen lassen, vor dem Rate zu erscheinen und über die Beschlüsse des Köigresses von Damaskus Bericht zu er• statten. Eine Antwort des Emirs, der schon in der nächsten Sitzung des Rates erscheinen sollte, Bcgft ■*och nicht vor. Jabotinskis Verurteilung Reuter meldet aus Kairo vom 26. April: ״Es ist einwandfrei festgcstellt worden, daü Vtadi- ■>r Jabot in ski, der wegeu Beteiligung au den Jerusalemer Unruhen zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, im Besitz von Feuerwaffen war und sie an jüdische Bürger verteilte. Der Gerichtshof beantragte, dali er nach Verbüßung seiner Strafe aus Palästina verbannt werden sollte.“ Vom amerikanisch ■jüdischen Kongreß Die ״Jcwisli Daily News“ (New York) vom 12. 4. meldet als feststehend, daß der amerikanisch-jüdische Kongreß sich i 11 kurzer Zeit versammeln wird, um den Bericht seiner Delegation an die Friedcuskonferenz entgcgcnzunchmcn. Zu diesem Zwecke hielt mau es für ratsam, eine Delegiertenkonferenz aller natio- *alen, philanthropischen und beruflichen jüdischen Organisationen einzuberufen, um auf der Grundlage einer freien Diskussion zu einer Einigung über eine künftig notwendige Aktion im Namen des gesamten a ni e r ik * * i sch cn Judentums zu gelangen. Diese Konferenz wird Pläne über die P c r m a n c 11z d e 9 a m c r ika*isch־jüdischcn Kongresses und über die Arbeit des Komitees der Delegationen bei der Friedenskonferenz in Erwägung ziehen. Englisches Unterhaus Auszug aus dem offiziellen Bericht. Sir William Whitla fragte am 27. April de* Staatssekretär des Krieges: 1. ob die jüngsten Unruhen in Jerusalem durch anUjüdische politische Deinonstrationen in dieser Stadt hervorgerufen seien, ob ihm irgendetwas darüber bekannt geworden sei, daß derartige Demonstrationen von ägyptischen Agenten in die Wege geleitet seien; 2. an wieviel Tagen zwischen dem 1. und 10. April die Unruhen zwischen Arabern und Juden in Jerusalem stattfanden; welches die Ge• samtzahl der Verluste auf beiden Seiten wäre; ob irgendwelche religiöse Gebäude oder Privateigentum beschädigt worden sei; wenn ja, ob die Höhe des Schadens ab geschätzt worden ist; ob eine Entschädigung gezahlt werden soll; wenn ja, von wem? Leutnant Colonel A. Murray fragte den Premierminister nach der Art und Weise, wie die Untersuchung über die Unruhen in Jerusalem geführt werden soll; ob es öffentlich geschieht? Lcutn. Colonel A. Pow 11 all fragte den Geheim- Siegelbewahrer, ob er schon von der Verurteilung Jabotinskis zu 15 Jahren Zwangsarbeit unterrichtet sei; und, wenn ja, ob angesichts der Dienste, die Jabotinski während des Krieges geleistet habe, eine Nar!1f״r• י;•• über die Umstände, welche diese Verurteil!׳•׳ haben, angestellt werden soll. Mr. Kilcy fragte den Uuterstaab •J.u. ... .. -; wärtigeu, ob die Regierung vor einigen •u.u. .1 inj struktioiien an die englische Verwaltung in Palästina gab, daß die Errichtung der jüdisch-nationalen 1 leim- Stätte in Palästina als fait accompli an/.usehen sei; ob Wladimir Jabotinski, der das erste jüdische Regiment in der britischen Armee in Palästina führte, vor einigen Tagen vom englischen Kriegsgericht zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden sei gemäß dem türkisehen Strafgesetz; und ob er sich dazu äußern könne, wieso der Urtcilsspruch auf Grund dieses Gesetzes erfolgte trotz der von der Regierung vorgeschriebenen Politik in Palästina? Churchill: Ich bin aufgefordert worden, die Anfragen zu beantworten. Es wäre mir sehr angenehm, wenn alle diese Fragen am nächsten Donnerstag noch einmal vorgclcgt werden könnten, da mir noch verschiedene wichtige Einzelheiten für meine Informationen fehlen; außerdem erwarte ich einen weiteren telegraphisehen Bericht von Lord Allenby über verschiedene Punkte, besonders über den Fall des Leutnants Jabotinski. Colonel Wedgwood: Weiß der Herr Minister, ob Jabotinski noch im Gefängnis ist, und wenn ja, wo? Churchill: Ich nehme au, daß er in Jerusalem interniert ist. Colonel W e d g w oo d: Ist Anweisung gegeben worden, daß er angemessen im Gefängnis behandelt wird? Churchill: Ich habe keine Anweisungen dieser Art gegeben, aber die britischen Behörden sind für die angemessene Behandlung der Gefangenen verantwortlich. Colonel Wedgwood: Waren die britischen Offiziere für den Pogrom in Jerusalem verantwortlich? Sir W. Whitla: Wird Jabotinski nicht als politischer Gefangener behandelt? Churchill: Das glaube ich nicht. Idt stehe in telegraphischem Verkehr mit Lord Allenby, und ich möchte diese telegraphischen Auskünfte erst vollständig vor mir haben, bevor ich dein Hause eine Antwort erteile. Mr. Charles Edwards fragte den Premierminister, ob das Versprechen, welches Großbritannien, Frankreich, Italien, Amerika und die übrigen Alliierten dem jüdischen Volk gegeben haben, Palästina der jtkiisehe* Nation zurückzugeben, vom Obersten Rat genehmißt worden ist; und ob Großbritannien die Mandatarmacht unter Aufsicht des Völkerbundes erhalten wirJ'- Mr. Bonar Law: Die von den Mächten gegebene* Versprechen sind vom Obersten Rat äugenommen worden; die Antwort auf de* zweiten Teil dieser Anfrage ist bejahend. N Colonel Wedgwood: Können Sie sagen, ob diese Entscheidung eine Aenderung in der militärische* Verwaltung Palästinas beinhaltet, und wann voraussichtlich die Zivilverwaltung eingerichtet werden wird? Bonar Law: Das läßt sich noch nicht mit Smlicrheit feststcllen. Weizmann über die Unruhen in Jerusalem ״Manchester Guardian“ brachte am 26. April t>m; Interview mit Wcitnia n n, das sein Korrespondent I telegraphisch aus San Rcmo übermittelte: \ ״Die englische Regierung“, sagte Wcizmani, ״hat ן sich 1m Verfolg der Ucbcrnahmc des Mandats und der Bestätigung der Balfour-Deklaration berciterklärt, eine Verwaltung in Palästina zu ernennen, bei der man sich darauf verlassen kann, daß sie im Geiste der ßalfour- Dtklaraiion arbeiten wird. Ich habe auch beantragt, •'!'■ .':׳!׳!t!n;;e11 geschaffen werden sollen, die inner׳ 11׳ zwei Jahre eine Massencinwandcrmig tina gestatten. Dies würde eine ';me des Häuserbaus und;!ה- 1..1 , .vii 1;,dingen, die sofort cinsct/cn sului.i eine der britischen Politik ergebene Verwaltung konstituiert ist, ich erwarte keine Konflikte mit der arabischen Bevölkerung. Wenn selten längst eine loyale Verwaltung eingesetzt winden wäre, wie es nötig war, so würden die schreckliehen Unruhen, denen mein Volk kürzlich in Palästiiua ausgeset/t war, vermieden worden sein. Aber die Majorität der dort stationierten englischen Offiziere waren innerlich Gegner dieser Politik; sie haben niemals versucht, uns zu verstehen, oder anderen unsere Ideen verständlich zu machen. Die Unruhen, welche sich in der Folge ereigneten, können nur als organisierte Pogrome gekennzeichnet werden. Als ich in Palästina ankam, lag eine ungeheuere Spannung in der ganzen Atmosphäre. Idt fühlte, daß die leiseste Provokation von einer Seite zum Zusammenstoß führen mußte. Es gab eine Menge von Mißverständnissen und Mißdeutungen gefährlichsten Charakters. Es war ein aktueller und bösartiger Haß in einem solchen Maße und von solcher Beschaffenheit zu spüren, daß man ihn unbedingt auf die Begünstigung, wenn nicht die Anstiftung von irgendeiner Seite zurikkführcu muß. Vierzig Jahre lang haben Araber und Juden friedlieh nebeneinander in Palästina gelebt. Gegenwärtig habe ich definitive Beweise für die Möglichkeit der Wiederherstellung einer solchen Freundschaft, wenn sie nicht bösartig von dritter Seite gestört wird. Eine freundschaftliche Zusammenarbeit von Juden und Arabern ist unmöglich, wenn man wein, uan es unter englischer Verwaltung möglich ist, daß drei Tage lang Mord und Plünderung herrschen können, ohne daß Einhalt geboten wird. Die• lokalen arabischen Pogromanführer ließen cs ebenfalls zu und brüsteten sich öffentlich, daß sie von den Engländern unterstützt würden. Ich zweifle daran; aber es ist bedauerlich, daß ein solcher Eindruck erweckt werden konnte. Obgleich die Juden von den Ereignissen entsetzt sind haben sie keine Spur von Furcht. Der Urtcilsspruch über Jabotinski ist ungehcucrliih. Er ist bezeichnend für den Rachedurst des Volke-, Er bedeutet einen Justizmord. Juristisch ist er schuldig, gewiß. Er organisierte die jüdische Selbstwehr in der Voraussicht von Ereignissen, die nach den Ver- Sicherungen der Engländer niemals eintreten würden. Jedenfalls ist cs ungeheuerlich, über diesen Mann, der, wenn er überhaupt schuldig ist, sich nur des politischen Vergehens schuldig machte, Widerstand gegen eine Beä! I -! ׳ t 4-i ¥ Anita Mflller in Berlin Wählend der letzten Tage weilte in Berlin Frau A * 11 a Müller, die bekannte Schöpferin und Organisatorin des sozialen ililfswerks an den jüdischen Flüchtlingen in Wien. Sie sprach auch auf der Massen- Versammlung, in der die Berliner Juden auf Einladung der Berliner Zionistischen Vereinigung die Beschlüsse von Sa* Rcmo feierten. Der Eindruck, den inan schon bei dieser Gelegenheit von dieser starken und eigenartige* Persönlichkeit empfing, verstärkte sich noch bei denen, die an den Besprechungen tcilnahmen, die Frau Müller mit einer Anzahl zionistischer Frauen hatte, um auch in Deutschland eine Hillsaktion in die Wege zu leiten, die insbesondere den aufs Furchtbarste vom Hunger und Elend bedrängten jüdischen Kindern Rettung briagc* soll. I* Anita Müller vereinigen sich Wcsensele- *tote, die man nur ganz selten in solcher Harmonie bei einander findet. Der Grundzug ihrer Persönlichkeit ist wohl das aufs höchste gesteigerte soziale PflichtbcwuStsein, das gepaart ist mit einer Energie, einem Zielbewußtsein und Bereitschaft des Handelns, die. für eiue Frau geradezu erstaunlich sind. Erstaunlich insbesondere an dieser Frau. Denn die meisten weiblichen Persönlichkeiten, die vom Ethos beseelte Tatmenschen dnd, pflegen damit eine gewisse Herbheit des Wesens und meistens auch einen ebenso starken Puritanismus der äußeren Erscheinung zu verbinden. Nichts dergleichen bei Anita Müller! Diese Mühende junge Frau erweckt im ersten Augenblick durchaus den Eindruck der ״feschen Wienerin“, und wenn mafi die erste* Laute Ihres Wiener Dialektes hört, fällt einem manches von dem ein, was das ״Goldene Wien“ ausmacht, aber sicherlich nichts von Elend und Unglück. Es ist gar ■ich* zu bezweifeln, daß diese Seite ihres Wesens, die Möglichkeit, sich auf dem Boden der Salons, in' den Kreisen der sogenannten besten Gesellschaft als dahingehörig zu bewegen, manches zum Erfolg ihres Wirkens beigetragen hat. Die zionistischen Frauen, mit denen Anita Müller sich im engeren Kreise ausgesprochen hat, werden verspürt haben, daß das Geheimnis des Erfolges letzten Eudes aber in der Einstellung liegt, mit der sie au ihr Werk herangegangen ist. Sic ist fest davon überzeugt, daß die Hilfe für die vom Unglück Geschlagenen, insbesondere aber für die Kinder, eine unabweisbare Pflicht aller Juden ist und daß man im Namen dieser Pflicht nicht bittet und bettelt, sondern fordert, und nicht nur das, sondern sogar verschreibt, wieviel der Einzelne zu leisten habe. Es war herzerfrischend, zu hören, mit welchen Mitteln diese kleine, vor dem Kriege gänzlich unbekannte Frau in Wien eine Art ״Terrorismus der jüdische״ Nächstenliebe“ errichtet hat. Diesem ״Terrorismus“ ist cs gelungen, ohne irgendwelche ״offizielle“ Unterstützung — und sehr oft im Kampf gegen offizielle Borniertheit — seit 1916 die geradezu phantastisch anmutendc Summe von 20 Millionen Kronen aufzubringen. Wöchncrinncnhcimc, Kinderhorte, Ferienkolonien, Suppeiianstaltcn, Arbeitsschulen, Säuglingsheime — alle diese Institutionen hal Anita Müller aus dem Nichts geschaffen. In der Schweiz, in Holland und in Dänemark ist sie eine bckannte Persönlichkeit — 6000 Kinder danken ihr in diesem Jahr die Möglichkeit, im Ausland ein paar Wochen sich vom österreichischen Hungerelend zuu erholen. Was Frau Müller vom Elend der jüdischen Kinder in Wien berichtete, war eine Tragödie grausigster Art. Bilder gingen von Hand zu Hand, die eine furchtbare Sprache redeten. Die Versammelten haben die Uebcrzeugung gewonnen, daß sich der Verpflichtung, diesem Elend zu steuern, kein Teil des Judentums in aller Welt entziehen darf. Frau Müller betonte, daß, wenn sie um eine; Kinderhilfsaktion der jüdischen Frauen in Deutschland ׳ bitte, sie nicht beabsichtige, jüdischen Kindern in Deutsch- 1 land dadurch etwas zu rauben. Sie steht;ruf den! Standpunkt, daß für Alle die nötigen Mittel aufgebracht!werden müssen und aufgebracht werden können. Es gibt zweifellos in Deutschland eine große Anzahl jüdischer Kinder, deren Zustand dringend Hilfe erfordert. Aber es darf auch nicht vergessen werden, daß das Elend der jüdischen Kinder Wiens so furchtbar ist, daß man das eine tun muß, ohne das andere zu lassen. Als Wirkung des Besuches von Frau Müller wird in den nächsten Tagen ein Aufruf an alle jüdischen Kreise und vor allem an alle jüdischen Frauen ergehen, sich zu einer großen jüdischen Hilfe für das jüdische Kind zusantmeiuuschließen. Wir er• warten, daß dieser Aufruf ein Echo findet, das der Sache würdig ist. G Z. K. Zur Frage des hebräischen Theaters ® In Nr. 22 der ״Jüdischen Rundschau“ fordert J. J• | Berkmann für das hebräische Theater eine Kritik, welche züchtigt, um zu ־züchten. Da er hierbei aimdihcßhdi . die künstlerischen Ziele der Bimah ins Auge faßt, möchte ich zur Ergänzung auf einige Hebraisierungsfragcn hb weisen, zu denen unsere künftigen Theaterkritiker j Stellung nehmen sollten. Diese Hinweise erscheinen mir f auch deshalb notwendig, weil man die Prinzipien einer scharfen Kritik arm Künstlerischen zur Not auch aus der ״B. Z, am Mittag“ oder einer anderen deutsches» Zeitung entnehmen kann, während für die Zwecke der Kritik über die hebräischen Qualitäten einer Auf• führung eigene Gesichtspunkte geschaffen werden müssen. Ueberdies hat bereits die Kritik der erste1׳ Berliner hebräischen Aufführung gezeigt, daß der Kritiker über das Sprachliche 90 gut wie nichts zu sage» hatte