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Jüdische Rundschau · 1920-04-04 · Heft 29 (4.4.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 29 (4.4.1920)
Date
1920-04-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 218 JUEDISßHB RDNDSCBXn Nr 29 Aber znnäclist muß es liebt werden in den Köpfen. Der Gedanke muß hinausfliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten. Denn in unser aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich selbst zu denken, und der Zug wird schon ein gewaltiger. Darum giaubo ich, daß ein Geschlecht wunder* barer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Weit wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch unsere Grüße, Thtodor Htn Theodor Herzl zum Geburtstag Mitten in der freudigen Erregung dieser Zeit, die die Erfüllung unserer Wünsche gebracht hat, die die Aufgaben vor uns ins Ungeheure türmt (imd von uns Bewährung heischt, überloommt uns eine Stunde des Gedenkens: Jetzt wäre Theodor Herzl sechzig Jahre alt geworden. An seinem sechzigsten Geburtstag hätte er die Verwirklichung seines Traumes gesehen. Es war ihm nicht gegeben, er mußte vorzeitig in die Ewigkeit cingchen, er hat nicht einmal vom Berge jenscits des Jordan in das Land schauen dürfen; nur sein seherisches Auge konnte als Realität voraus- . sehen, was noch in weiter Ferne war, nur sein tun crschütteriichcr Glaube ihm Gewißheit geben, wo alle Kleinen zweifelten. Herzl hat gewußt, daß die Wahrheit stärker ist als die selbstsüchtigen Interessen, die ihrer Erfüllung entgegenstreben; er, der Romantiker der Wirklichkeitswtelt, der so wenig in seine Welt der nüchternen Geschäftsbctrlcbsamkeit paßte, wußte um Realitäten, die stärker sind als die ״Verhältnisse“ und die Tatsachen der ״Ent- Wicklung“. Er wußte, daß nur Ideen Welten aufbauen, daß Menschen nur mit einer Fahne zu einem! Werk zu führen sind. Herzk war der ewig Jugendliehe, von den Philistern aller Völker, auch des eigenen, ewig Verlästerte, Ungekannte. Heute wäre er sechzig Jahre alt; es ist schwer, ilm als Greis vorzustcllen. In diesem Moment, wo wir erreicht haben, was Herzl erstrebt hat, dürfen wir uns mit Befriedigung und Pietät seiner erinnern, als die getreuen Verwahrer seines Erbes und Fortsetzer seines Werkes? Herzl wußte, die Judenfrage ist eine politische, eine nationale Frage und kann nur im Rate der Völker gelöst werden; eine Erkenntnis, die damals ungelieucrlicli klang, vor der die feigen, des Ghetto nicht entwöhnten judcnseelen zusammenschraken, die heute kaum mehr bestrittenes Gemeingut der Kultwrmenschlich ist. Wir haben die volle Anerkennung dieses Prinzipes erlebt, sie liegt sdiott hinter unsmnd vor uns stehen neue Probleme. Bisher galt es, die zwar außerordentlich wichtige, aber doch nur for* male Voraussetzung unserer Wiedergeburt zu schafften; jetzt wird die Arbeit beginnen, die ins wirkliche Leben eingreift. Neues LebenI Wirsehen cs langsam keimen, wir sehen die Vorboten des neuen jüdischen Menschen, dessen Seele gerade , gerichtet, der Freiheit gewärtig, nach neuer Weitförrnung drängt. Heute bedürfen wir, mehr als je, Thtodor Herzls. Heute erinnern wir uns seiner, auf daß er uns gegenwärtig, eine wirkende, in uns wirkende Macht bleibe. Denn heute geht es nicht darum, die oder jene Metisode seines politischen Handels anzunehmen oder zu verwerfen, nicht in Einzelheiten unserer Tätigkeit seinen Spuren zu fölgen, sondern ein großes menschliches Ideal vor uns aufzurichten, unerschütterlich und unverrückbar, eine Gewalt, die uns nicht ruhen läßt, mit der wir ringen müssen bis zur Morgenröte eines neuen Tages, auf daß sie uns segnet. Denn gerade heute, wo unser Ideal nicht mehr ferne Romantik, auch" nicht politische Gesinnung, sondern Verwirklichung meint, heute, wo wir in, die Welt der Tatsachen liineingelicii und mit den allcrklcinstcn Dingen umformend und aufbauend uns befassen, wo wir an die harte Wand der aus der Sachcnwclt und aus der Mcnschcnwelt und aus der eigenen Seele uns entgegenstchenden Widerstände stoßen werden: Heute bedürfen wir einer Stärkung besonderer Art, auf daß wir nicht den Versuchungen erliegen. Heute ,gilt es, die unsichtbare Idee stets so fest zu halten, daß die Zweifel der Ungewißheit• ausgclöscht werden; denn gerade nachdem Auszug aus der Knechtschaft, angesichts der riesenhaften Aufgabe, ein Volk von Freien zu werden, ist die Versuchung zum Abfall zu stark; das Volk braucht eine Stütze und es verlangt nach dem Sichtbaren, zu dem* cs sprechen kann: Dies sind deine Götter, D Israel . . . Nehmen wir doch, statt uns an unsem Erfolgen zu berauschen, aus unserer Geschichte die richtige -Lehre, damit uns schwere Prüfungen erspart bleiben, damit nicht das erste Geschlecht Die Militärverwaltung abgesetzt. London, 28. April (Telegr. der Jöd. Rundschau). Bonar Law sagte ln Erwiderung auf eine Anfrage Im Unterhaus, daß die Militärverwaltung ln Palästina durch eine Zivilverwaltung ersetzt werden wird. des Auszugs wie einst in die schwerste Sünde verfalle, in die Sünde des Abfalles. Wir wünschen, daß das ganze Volk heute bereit sei, der zionistisehen Idee zu folgen; aber wir fürchten, daß seine! Bücke nur an dem sichtbaren Erfolg des Zionismus hängen bleiben, nicht der Idee, des Unsichtbar-Ewigen, teilhaftig werden. Daß das Volk nicht von der zwingenden Einsicht Herzls erfaßt wird, daß das gesamte jüdische Leben von heute verfault und versumpft und für freie Menschen unerträglich ist, daß cs!überwunden werden muß durCh' eine radikale Neuschöpfung aus dem wahrhaften Geiste. Es gilt, uns heute bewußt zu machen, daß wir, wenn wir an die Verwirklichung herangehen, auch nicht ein Jota von dem nachlassen dürfen, was uns eindeutig und klar vorgezeichnet war; daß wir Herzls Andenken schuldig sind, unsere Idee in ihrer Reinheit und Größe zu bewahren, sic fcmst und heilig zu nehmen und keinen Kompromiß zuzulassen. Herzls Name ist uns beinahe zu alltäglich geworden; wir führen ihn gedankenlos im Munde, ohne die gebührende Distanz, oft um unsere Unzulänglichkcit mit seiner Größe zu decken. An diesem Jubeltage, der mitten in die Zeit des Erfolges wie eine Mahnung hineinfällt, wollen wir uns eririncrn, daß wir zwar die erste Etappe auf dem Wege erreicht haben, den er vorhergeschcn hat, daß wir aber ihn selbst noch nicht erreicht, noch kaum verstanden haben, daß wir noch nicht verstanden haben, welchen Grad von Verpflichtung seine Gestalt jedem Einzelnen von uns nicht nur in seinem politischen Bekenntnis, sondern in seinem menschlichen Wesen auferlegt. Theodor Herzl war der erste Jude, der das Ghetto innerlich überwunden hat; er war der erste Jude, der, fest im Judentum stehend, alle Enge, alle Beschränktheit, alle kleinliehe Eigensucht abgestreift, und den Sinn für die lebendigen Werte der Mcnschcnwelt wiedergefunden hat. Iin Namen des m e n schl ich Großen ist Herzl an das Volk und an die Menschheit herangetreten; fern von nationalem Eigendünkel, fern von Selbstgcrechtigkeit, in rückhaltloser, adeliger Männlichkeit. Unser Weg führt zu ihm empor. Er ist unser Führer noch heute. Wir haben!reute inniger als jemals zu geloben, daß wir ihm Treue wahren wollen. Robert peitsch. Neue Razzia In der vorigen Woche hat die FI herhcitspöizei und die Kriminalpolizei in Berlin wieder eine Razzia auf Ostjuden abgchalten. Trotz der Blamage des militärischen Helden- Stückes vom 27. März und der Ergebnisse der Wüns* burger Untersuchung hat die Regierung es zugelassen, daß diese beschämenden Vorfälle sich wiederholen. Nach wie vor werden unschuldige Menschen gequält, nach wie vor bleibt die Regierung taub für alle Argumente, die die Sinnlosigkeit dieses Vorgehens beweisen. Die Wünsburger Vorfälle sind durch die ausgezeichnete und wahrheitsgetreue Darstellung in Hardens ״Zukunft“ und durch Meldungen der englischen Presse in der ganzen Welt bekannt geworden. Trotzdem hat man es für richtig gefunden, neuerlich mit ähnlichen Maßregeln einzusetzen. Das deutsche Judentum hat noch nicht genügend eindeutig dargetan, daß es sich mit den verfolgten Juden solidarisch fühlt und diese fortgesetzten Unmenschlichkdten nicht dulden ward. Wenn inan heute noch wagt, Razzien auf Juden zu veranstalten, so trifft nicht zum geringen Teil das deutsche Judentum die Schuld, Wir können nicht immer wiederholen, was wir unzählige Male gesagt haben: Daß wir keinen Verbrecher seinem Richter entziehen wollen, daß wir aber nicht zulassen, daß Mensdien ohne Untersuchung verhaftet und bedroht werden, nur weil sie Juden sind und in einer bestimmten Straße wohnen. Es hat den Anschein, als ob alle Worte der Vernunft zuschanden werden sollen. Darum müssen wir deutlich und taut vor der ganzen Welt Anklagen. ■ .. ׳ | udiseheVolkspariei Wahlbüro: Helllgegelsirirafje 52> Telephon: Zentrum 1610. Geöffnet 9—7 Uhr. An unsere Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Wahlerfolg bei den Repräsentanten* wählen Ist nur dann gesichert, wenn Sie sofort die Litte Ihrer männlich• n Bekennten von denen Sie - annehmen, daß Sie am 20. Juni die Liste der Jüdischen Volks parlel wShlen, an unser Wahlbüro etaiendcn. (Sofortige Meldung freiwilliger Helfer und Helferinnen dringend erwünscht.) ,,•■"••**■**"annaattwanaÄaaiMSSnnwsgnwii Englisch *arabische Kämpfe in Palästina Nach einer Reutcrmcldung aus Kairo fanden in Palästina heftige Kämpfe zwischen arabisehen Aufständischen und englischen Truppen statt. Bei Scmskhi wurde die englische Besatzung von mehr als 2000 Arabern angegriffen und vollkommen aufgerieben. Die Besatzungen der benachbarten Ortsdiaftcn waren gezwungen, sidi in Richtung auf Jerusalem zurückzuziehen. Das Kommando der englischen Bcsatzungsarmee betrachtet, wie Reuter erklärt, die Vorgängein Palästina mit.wachsender Sorge. Die neue Aera in Palästina Die Erklärung Bonar Laws, daß die Militärverwaltungin Palästina vonderZivilverwaltuflg abgelöst werden soll, ist ein außerordentlieh wichtiges Ereignis. Sie beweist, daß England gewißt ist, mit den Versprechungen nunmehr ernst zu machen. Aus der Meldung geht nicht klar hervor, in welchem Zusammenhang Bonar Laws Erklärung ab• gegeben wurde. Man dürfte aber nicht fchlgehcn, wenn man annimmt. daß die letzten Ereignisse in Jerusalem der englischen Zentralrcgicrung bewiesen haben, daß sie eine so wichtige und verantwortungsvolle Verwaltungsaufgabe nicht der Selbstherrlichkeit militärischer Machthaber überlassen dürfe. Auf der palästinensischen Militärverwaltung ruht eine schwere Beschuldigung. Sie ist von der gesamten öffentlichen Meinung angcklagt, an den Pogromen in Jerusalem mitschuldig oder gar hauptschuldig zu sein. Während noch einige Tage zuvor der Vertreter des Kriegsamtes im Unterhaus erklärt hat, daß die Regierung mit den getroffenen Maßnahmen einverstanden sei, erfolgt nunmehr die Absetzung der Gesamtvcrwaltung. Vielleicht ist diese Maßregel bereits ein Resultat der Untersuchung, die von der unter Leitung Meinertzhagens stehenden Kommission eingeleitet wurde. Jedenfalls wird die Nachricht vom jüdischen Volke mit freudiger Genugtuung aufgenommen werden und das palästinensische Leben wird von einem Albdruck befreit sein. Wir erwarten nun, daß auch die Urteile des Militärgerichts gegen Jabotinski und seine Genossen sofort kassiert und die Verhafteten in Freiheit gesetzt werden. Die Verurteilung eines Mannes wie Jabotinski wird in England selbst als eine Schmach empfunden, wie die Blätterstimmen beweisen.!* Es ist oft darauf hingewiesen worden, daß die militärische Okkupation das wesentlichste Hindernis für den Beginn der zionistischen Kolonisattonstätigkeit ist Die Einführung der Zivilvcrwaltung würde bedeuten, daß der Weg der Arbeit nunmehr frei ist. Bisher hat man nicht angedeutet, ob auch die Einwanderung in absehbarer Zeit freigegeben wTid oder wie man dieser Frage überhaupt näher zu treten gedenkt. Die wichtigste Forderung, die wir heute zu stellen haben, ist jedenfalls die Ocffnung der Tore Palästinas. Das jüdische Palästina leidet an «nein ungeheuren Mangel an Menschen und Kräften. Die wichtigsten Arbeiten stocken, weil die dafür geeigneten Arbeitskräfte jenseits des Meeres stehen und untätig warten müssen. Die Ent- Scheidung von San Remo, die Palästina dem jüdischen Volk gibt, bedeutet zweifellos auch das Ende dieses Zu- Standes. Wir hoffen,• daß unsere Führer in der Lage sein werden, der A.-C,-Sitzung über diese wichtige Frage Bescheid zu geben. Dennoch dürfen wir nicht verkennen, daß die Lage in Palästina noch immer sehr ernst ist Reuter meldet aus Cairo, daß östlich des Jordans heftige Kämpfe zwischen Arabern und Engländern stattgefunden haben, bei denen die englische Besatzung aufgerieben wurde. Am der Meldung geht hervor, daß noch keim• Ruhe eingetreten ist, und wir müssen nur hoffen, daß nach einer restlosen Erledigung aller politischen Fragen auch die Kämpfe aufhören werden. Die Anschauungen stimmen darüber ein, daß ein entschiedenes und definitives Wort eine Beruhigung bringen wird. Wir vermögen heute den Sachverhalt noch nicht völlig zu überblicken und zu beurteilen, weil wir bisher doch noch Zuschauer gewesen sind. Jetzt kommt die Zeit, wo das jüdische Volk ein aktiver Faktor ira vorderasiatischen Völkerlebcn werden wird. Wir sind überzeugt, daß es die Fähigkeit haben wird, zur Gesundung dieses Leben• beizutragen. Für den Zionismus. Bei einer Sitzung der Stoke Newjngton-Abteiiung der Groß-Britannischen Union der Völker-Liga, wurde eine Resolution angenommen, den Anspruch des jüdischen Volkes auf Palästina zu unterstützen und ein Telegramm wurde dementsprechend an den Prime Minister nach San Remo geschickt, gezeichnet von dem Vorsitzenden, Sir Herbert OrmonA früherer Bürgermeister von Stoke Ncwington. Belm zionistischen Büro in Berlin sind anläßlich des Beschlusses von San Remo Glückwunschtelegramme aus folgenden Städten eingegangen: Bonn-Beuel, Duisbürg, Dresden, Freiburg, Marburg, Frankfurt &. M., Haoibuig, Lübeck, Neuwied, Kowoo.

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