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Jüdische Rundschau · 1920-04-16 · Heft 24 (16.4.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 24 (16.4.1920)
Date
1920-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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} l f I 1 H \ t st 1 H i i { •׳ :1 * , » . i k I *•: i :■! t Kleinsiedlung und Bewässerung* *) Von Dr. Elia« Auerbach. Wem! wir im Emst daran gehen wollen, ein jüdisclics Palästina durch großzügige Einwandcmng und Sied 11mg zu schaffen, müssen an die Stelle der Parteiprogramme, der sozialen und wirt* sdiaftlidien Theorien, der Problem-Diskussionen uad luftigen Aufbaupläne endlich praktische und durchführbare Vorschläge treten, nadi denen sich arbeiten läßt. Es braucht uns nicht zu schrecken, wenn diese Vorsdtlägc neu und kühn sind; sie müssen mir von dem Boden sicherer Erfahrung ausgehen und einen festen Weg von Heute auf Morgen weisen.; , I j •;! Einen soldicn starken Schritt vorwärts tut Dr. Soskin in seiner Sdirift ״Kleinsiedlung und Bewässerung“. Soskin ist ein Manu, wie wir ilm just jetzt brauchen: ein wissenschaftlich‘ durch־׳ gebildeter Landwirt, der in jahrelanger sdiwerster Arbeit in Palästina Beweise einer zähen Energie geliefert hat, und später diu'cli Mitarbeit an grolfzügigen Koioniahuitcrnchmungen und weite Reisen v«>r der Einengung des Blickes auf die kleinen Maßstiibe des alten Palästina und die Routine der ״gegebenen Verhältnisse“ bewahrt geblieben ist. Soskin .schreibt nicht viel, aber wenn er seit reibt, hat er etwas zu sagen. Auf seinen kurzen Aufsatz in der Zeitschrift ״Allneuland“ geht die so volkstümlich gewordene Baiimspcndc zurück, deren größte Entwicklung und Auswirkung jetzt erst beginnt; und seine vorliegende Arbeit über Kleinsiedlung in Palästina wird zweifellos bahnbrediend und richtungweisend für die jüdische Ko- Ionisation der nädisten Zukunft werden. In der Einleitung stellt uns Soskin mitten in größte Zusammenhänge der menschlichen Kulturgesdüditc. Er zeigt, daß dauernde hohe Kultur und didite Besiedlung der Länder gebunden ist an eine sorgfältige Bewässerungs-Wirtschaft, die den Ertrag mensdilicher Arbeit unabhängig!nacht von den Launen der Witterung und durch die rcidilichc Ernährung großer Massen auf eng ein Raume erst die Vorbedingungen für eine hohe soziale und geistige Kultur schafft. Beispiele dafür sind in Asien vor allem China, ferner die Oasen Persiens und Turkestans, das alte Mesopotamien, und in uädister Nähe Palästinas das Paradies von Damaskus; in Europa ist ein besonders eindringliches Beispiel der ״Garten von Valencia“ inmitten des halbverödeten Spanien. Von maßgebender Bedeutung ist die Wasserwirtsdiaft gerade für Palästina, weil bei dem subfmpisdien Klima dieses Landes, in dem die Niedersdiläge auf fünf Monate des Jahres zusammengedrängt sind, nur durch eine künstliche Bewässcnlng glcichblcibende Erträge und eine didite Be- Siedlung crmöglidit werden können. An Wasser fehlt cs in Palästina durchaus nicht; es gilt nur, den vorhandenen Rciditum für die trockene Jahreszeit aufzubewahren und zu verteilen. So könnte *. B. die große Jordanebene, heute eine völlige Wüste, zum weitaus größten Teile in lachende Gärten verwandelt werden. Soskin sdiätzt den Umfang des bewässerbaren Bodens in Palästina auf 300000 Hektar. Diese Fläche, die nur ein Siebentel der überhaupt bebaubaren Fläche Palästinns darstellt, würde, wenn sic in intensiver Gartcnwirtscliaft bebaut würde, nach seiner Rechnung (s. u.) etwa 600 000 Siedlerfamilien oder rund 2y* Millionen Seelen nidit nur eine ausreidiende, sondern sogar eine reidiüche Ernährung bieten können. Das ist freilidi erst der Endzustand einer längeren Entwicklung; und Soskin, für den die Besiedlung Palästinas nidit einfach ein Multiplikationsexcmpcl ist, betont das selbst wiederholt und nadidrücklidi. Es kommt jetzt darauf an, zunädist die Böden in günstiger Verkehrslage (besonders in den sdion von Juden besiedelten Gebieten), die sich mit verhältnismäßig geringem Aufwand von Arbeit und Kosten bewässern lassen, In intensive Kultur zu nehmen. Die Sicdlungsform, die Soskin hierfür vorschlägt, ist der Gemüsebau auf kleinen bewässerten Parzellen (von etwa 51/a Du 11ain 1 =־/a Hektar) als vorwiegender Typus der Massensiedlung. Er verlangt, daß aller bewässerbarer Boden, der vom Nati> malfionds oder von einer Jüdischen Kolonisation;;- gesellsdiaft erworben Wird, nur für diese Siedhmgsform zur Verfügung gestellt wird. Denn sie sichert eine noch weit intensivere Ausnutzung als selbst Pflanzungsanlagen (Orangen usw.), und nur *) Kleinsiedlung Und Bewässerung. Die neue Sicdhmgsform für Palästina. Von Dr. S. E• So*- *in. Jüdischer Vertag, Berlin 1920. Natjanalfonds-BibUo- *dt Nr. ♦. 62 a 8° rtt 4 PUncn. . sie kann dazu führen, daß der Boden durch die Sicdlcrfamilie selbst, unter möglichster Ausschaltung fremder Arbeit, bewirtschaftet wird. Der Gemüsebau wird ergänzt durch Kleintierzucht (Ge- Iliigclzticht und Ziegcuhaltung) und durch Obstbau. Bei der Kleinheit der Parzellen, die Soskin vorschlägt, hat jeder Siedler seinen Boden unmittelbar am Haus und spart die Zeit und Arbeit, die er sonst durch den weiteren Weg zu seiner Arbeitsstelle verlieren würde, ohne daß dadurch — bei geschickter Anlage des Gesamtpfaues — die einzelne Kolonie zu sehr auseinandergezogen wird. Die Verwertung der Parzellen soll unter versclriedenen Gesichtspunkten erfolgen. Ein kleiner Teil, etwa </* bis 1/,0, wird der Versorgung der Siedlerfamilic selbst mit Gemüse, Eiern, Milch und Fleisch dienen. Der ganze Rest dient der Beliefening der Städte und dem Export nach Acgypten und Europa. Vorbedingung hierfür ist von Anfang au eine planmäßige Organisation des Transports und des Absatzes. Diese wird am besten durch eine genossenschaftliche Zusammenfassung der ganzen Kolonie geleistet werden können, der «auch noch eine ganze Reihe anderer wichtiger Aufgaben zufallen, wie Beschaffung der Maschinen, Anlage eines Genossenschaftsgartens, Einstellung von Lehrmeistern, Kapital- \u1d Kredit- Beschaffung, Schaffung von Konservierungsanlagen, Molkereibetrieb, Konsumorganisierung, Baumschulen und Verwaltung der kommunalen und kulturellen Institutionen. In einem Schlußkapitel behandelt Soskin mit scharfem Blick für das Wesentliche die erforderlichen Vorbereitungsarbeiten für die Gründüng solcher Kleinsiedlungen und die Ausbildung des Menschenmaterials. Wenn es auch nirgends eingehender ausgeführt ist, liegt doch dem ganzen Plan als selbstverständliche Voraussetzung das Nationaleigentum am Boden und die Vergebung der Parzellen in Erbpacht zur Ausschaltung jeder Spekulation zu Grunde. Die ganze Schrift Soskins ist von einer mustergültigen Klarheit und Folgerichtigkeit des Aufbaues und der Darstellung. Ein praktischer Geist vertieft sich liier in alle Einzelheiten des Werkes, ohne auch nur einen Augenblick die großen Zusammenhänge aus dem Auge zu verlieren. Ihm kommt es auf die Tat an, auf die Durchführbarkeit in der wirklichen Welt. Er verzichtet auf jede Polemik und gibt dämm auch keine Veranlassung zur Polemik. Obwohl Soskin sich von jeder Einseitigkeit fernhält, ist sein Blick nur auf diesen einen Ausschnitt des Werkes gerichtet, dem er seine Kraft widmen will. Er will keinen allgemeinen Aufbauplan für das gesamte Siedlungswerk geben; eine konzentrierte und grade deshalb fortreißende Energie beschränkt sich auf diesen einen von ihm gewiesenen Weg. Von dem allgemeinen Siedlungswerk her werden sich vielleicht noch allerlei Ergänzungen und Abänderungen ergeben. Soskin widerrät die von Ruppin vorgeschlagene Ansetzung verschiedener Wirtschaftstypen in einer Kolonie nebeneinander.' Und doch dürfte eine solche in gewissem Umfange aus rein wirtschaftlgichen Gesichtspunkten heraus sich durchsetzen. Insbesondere trockene Oelbaumkultur zur Fcttgcwinnung neben der fettarmen vegetabilischen Nahrung wird ein Bedürfnis werden (freilich kann auch jeder einzelne Parzcllciibesitzer durch drei bis vier Oelbäume seinen Oelbcdarf für das ganze Jahr decken), ferner Nutzholzbau und Großvieh-Zucht, ohne daß man die Genossenscliaft selbst als Mädchen für Alles auch noch mit diesen Aufgaben wird belasten wollen. Aber das sind Einzelfragen der Zweckmäßigkeit, die unsere Sachverständigen zu beantworten haben werden. Man darf Soskin auch nicht dahin mißverstellen, daß er etwa die Gemüse- und Obstkultur auf kleiner, bewässerter Parzelle als einzige Siedlungsform für das neue Palästina angreift. Sie gilt nur für bewässerbaren Boden und für Klein-, Siedler, die ausschließlich von der eigenen Hände Arbeit leben. Daneben wird ohne Zweifel Ackerbau und Pflanzungsbau auf größeren Flächen be* trieben werden, und es werden auch Wirtschafts- und Arbeitsformen für solche Ansiedler gefunden werden müssen, die aus verschiedenen Gründen nicht die eigene Arbeitskraft, dafür aber Kapital einsetzen können. Aber das betont Soskin mit allem Nachdruck und mit vollem ReCht, daß seine Kleinsiedlung auf der Basis der Gemüsekuitur die beste, vielleicht die einzige tragfähige Grundlage für die Ansiedlung jener Massen von Einwander er n ist, die mit ganz geringen eigenen Mitteln nach Palästina kommen, und für die ein rascher Ertrag des Bodens Existenzbedingung ist Der Ausblick, der sich aus den .Vorschlägen Soskins ergibt, ist ein überwältigend großer: Zahlreiche, dicht beieinander liegende und dicht bewohnte Siedlungen, auch als Ernälmingsgiirtrt um die Städte gelegt; Siedlungen, in denen Htmderttausende von Familien in gcsiuider und nicht erschöpfender Arbeit ein bescheidenes, aber g*. sicliertes Leben auf eigener Scholle gewinnen; For». fall eines landlosen Lohnarbeilerstandes; Möglichkeit der Erfüllung aller hygienischen und kulturellen Bedürfnisse; Freude an einer zahlreichen Nach, konnncnschaft, die nicht wirtschaftliche Belastung, sondern wirtschaftliche Hilfe bedeutet — kurz, cjn’ arbeitsfrohes und lebensfrohes Volk, das nicht fremdem Dienst frohndet und die Grundlagen einer echten Mcnschenkultur in sich trägt. An keiner einzigen Stelle seiner Schrift gibt Soskin Berechnungen über die Kosten eines solchen Siedlungswerkes, wie er es vorschlägt. Als vorsichtiger Mann der Praxis verschmäht er den billigen demagogischen Kunstgriff, durch niedrige Zahlen zu locken, die dann vor der Wirklichkeit doch nicht bestehen und nur Enttäuschung bereiten können. Aber das kann er mit gutem Gewissen sagen (S. 58): ״Die vorgeschlagenc Kolonisationsmethode wird die billigste von allen sein.“ Man muß sich nicht vor,stellen — und das verspricht auch Soskin nicht — daß solche Siedlungen in Massen sich von heute auf morgen aus der Erde stampfen lassen. Die Hcrrichtrmg und Sanierung der Böden, die Schaffung der Be- Wässerungsanlagen, die Ausprobung des Systems unter den besonderen Verhältnissen Palästinas durch Einrichtung einiger Musterkolonien, die Anlernung des Menschcmnäterials, die intensive Düngung bis zur vollen Ertragsfähigkeit, die Organisierung des In- und Auslandmarktes, das alles wird Jahre beanspruchen, bis eine solche Klein- Siedlung in großem Ausmaße durchgeführt werden kann. Aber auch hier kann man sagen: Die vorgeschlagene Kolonisationsmethode wird die schnellste von allen sein. Ein besonderes Wort der Anerkennung gebührt den Mitarbeitern Soskins, Migge und Michel, die die schönen, zweckmäßigen und bis in alle Einzelheiten durchdachten schcniatisclicn Pläne für die Anlage von Kleinsiedlungen entworfen haben. Vorarbeiten solcher Art, die einzigen, die sielt vorläufig und von hier aus machen lassen, beugen späteren Irrungen vor und machen cs möglieh, für die Anlage allmählich das Beste vom Guten herauszukristallisieren. Dr. Soskins Schrift ist eine Tat. Sie wird nicht Literatur bleiben. Hinter ihr stellt nicht nur ein methodisch denkender Kopf, nicht nur ein« Hand, die schreibt: hinter ihr steht ein cnergischer, zielbewußter, gestaltender Wille, der tatfreudig vorwärts treibt. Ein klarer Weg ist gewiesen, die jüdische Bewegung jnuß und wird ihn gehen. Und wir zweifeln nichtTdaß der Mann, der ihn gewiesen hat, eine führende Stelle in diesem Werke, seinem Werke, finden wird. Die neue Siedlungsform für Palästina Von Davis Tr letsch. In Anbetracht der Wichtigkeit der Soskinsdn■« Sdirift bringen wir beide uns zur Verfügung ge* stellten Besprechungen, die gleidizcitig die posk tive Stellungnahme zu dem Vorsdilag Soskins dokumentieren. ln Soskins soeben erschienener Sdirift ״Klein־ Siedlung und Bewässerung. Die neue Siedlungsforn» für Palästina“ liegt endlich einmal eine Arbeit vor, der man vorbehaltlos zustinunen kann. Endlich einmal ist, eines der größten Probleme unserer Bcsiedlungstätigkcit von großen Gesiditspunkten aus, unbehindert durdi die bisherigen palästinensischen Erfahrungen, in einer umfassenden und — für dieses Stadium — sehr gründlichen Weise bearbdtet worden. Das Resultat ist denn auch äußerst ermutigend. Soskin, der bereits in einer Zeit als landwirtschaftlicher Fachmann in Palästina tätig war, die weiter zurückliegt als die zionistischen Erinnerungen der meisten, und der inzwischen in der außerpalästinensischen Kok>nialwirtschaft sich einen Namen erworben hat, behandelt in der vorliegenden Schrift denjenigen Zweig des iandwirtschaftlichen Teiles unseres GesamtsiedlungSwerkes, der ihm am aussichtsreichsten und am dringendsten erscheint: nämlich den hoch intensiven Gartenbau auf den bewässerungsfähigen Flächen. Diesen Teil des in Palästina verfügbaren Bodens schätzt er auf etwa 500000 ha, die angemessene Be- Siedlungsdichte auf zwei Familien pro Hektar. So gelangt er zu einer Aufnahmefähigkeit von einer Million Familien, gleich fünf Millionen Seelen, die von Gartenbau direkt, und weiteren zirka 21/* Millionen Seelen, die indirekt von dieser intensiven Bewirtschaftung unserer besten Böden im Lande ihren Lcbensuntcrtölt

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