Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 22 (31.3.1920)
- Date
- 1920-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156 )UCDISCHE RUNDSCHAU Nr. 22 nicht den Erfofg gehabt, den man sicli von dieser Maßnahme versprach. Das Unwesen, das der Hauptstadt völlig unwürdig war, konnte stets nur »ui Tage oder nur auf Stunden behoben werden, und das ebenso häßliche wie gefährliche Treiben dieser Händler hob von neuen! an. Die anfängliche Absicht der Befiördc, diese lästigen Ausländer über die Grenze ab- «!schieben, ist aus bestimmten Gründen verworfen -worden, und inan hat sich jetzt entschlossen, in dem fast völlig verwaisten Zossener Lager ein Internierung»- tag er zu errichten. Auf Anordnung des OberbefehlsliaWs haben c'ie einzelnen Polizeibehörden durch ihre Beamten die l estnahine zahtrciclicr Ausländer vornehmen und i'.!rc Udierfülirung nach Zossen d.irchführen lassen. Bei den Verhaftungen ist_ system a t i s c I! vorgegangen worden, und zunächst sind die Händler nbgeschoben worden, die ohne ausreichende Papiere und unangemeldet in Groß-Berlin Unterschlupf und Unrechten Erwerb ge- •jucht haben. Der erste Schub der im neuen Konzentritionstager ciiigetnoffen ist, umfaßt etwa 300 Per- *men, Die Säuberung Berlins von diesen Ausländern wird nach und nach fortgesetzt werden. Diese Mitteilungen sind nicht einmal wahr; cs wurde ohne jedes System vorgegangen und vielfach gerade Personen verhaftet, die nicht nur einem anständigen Erwerb nachgingen, sondern auch im Besitz •rdnungsgemäßer Papiere waren. Wie wir hören, soll Vertretern einer jüdischen Or* gaiiisaticn im Reichs well rministerium erklärt worden sein, daß man sicli vor den Verhaftungen der Zustimmung jüdischer Kreise versichert habe. Ob diese Mitteilung auf Wahrheit beruht, konnten׳ wir bisher nicht feststellen. Jedenfalls würde diese Nachricht beweisen, daß mail im Reichswchrministcrium diejenigen ׳,jüdischen" Stellen kennt, bei denen nun selbst zu diesen Maßnahmen Zustimmung erwarten konnte. Lachem welo 10? Die entscheidenden Tatsachen unserer Oesdiichtc haben sich mit beispielloser Genauigkeit im jüdischen Volk lebendig erhalten, keine aber mehr als die E!wche der Volksgründung, die Befreiung aus Aegypten und der Zug durchs Rote Meer. Es gibt kein anderes Beispiel, daß iiistorische Ereignisse nach Jahrtausenden jährlich von dem Volke, dem sie geschahen, mit einer Feier begangen werden, wie sic der Scderabend darstclit. ln der liagadali, die wir am Pessachabend lesen, finden wir ein Wort, daß diese historische Verbundeuheit der jetzt lebenden Generation mit den Ereignissen aus der Jugendzeit pnscres Volkes in den Worten deutlich werden läßt: ״B’zeti mimizrajim“, bei mein e 111 Auszug aus Aegypten. Jede Generation soll cs immer wieder so empfinden, als ob nicht ihre Vorfahren, sondern als ob sie selbst das bittere Brot der Knechtschaft in Aegypten gegessen und dann von dort erlöst worden sei. Daraufhin ist ja der ganze Sederabcnd eingestellt, daß er uns in Symbolen, in Worten und Gesängen die Zeit in Aegypten wieder erstehen läßt, um in jedem das Gefühl waclrzurufen, als sei er selbst aus Aegypten gezogen. Ine Gebete des jüdischen Volkes sind dafür charakteristisch, das in ihnen nicht das Individuum z.u Gott spricht und die Erfüllung seiner Wünsche erbittet, sondern daß das Volk als,Ganzes mit seinem Gotte redet und seine Wünsche vorträgt. Um so interessanter ist es, wenn an der genannten Stelle in der llagadah, an das Individuum appelliert wird, an sein persönliches nationales Gefühl und an die Glut, mit der die Geschichte seines Volkes in ihm persönlich lebendig geworden ist. Wir fühlen hier Gedanken auftauchen, die uns mit einem Schlage in Probleme der augenblicklichen jüdischen Situation führen. Kann man doch die ganze Problemstellung, die im Augenblick wieder bei den deutschen Zionisten diskutiert wird, in den Worten beantwortet finden: ״B’zeti mimizrajim“. Die bevorstehende Erfüllung unserer politisehen Forderung, der Beginn des Aufbaues hat neue theoretische Probleme erstehen lassen. Bisher unterschieden sich Zionist und Assimilant wohl in ihrer Willensrichtung, aber nicht in ihrem realen l eben. Die Uebcrsiedlung nach Palästina war nur wenigen möglich, für die große Mehrzahl der Zionisten kam sie 'nicht in Frage, und der starke Wille der Rückkehr zu jüdischer Kultur und jüdischem Leben, das Streben, auch in den Wohnländern des Galuth ein Höchstmaß an jüdischen Rechten und an pulsierendem starken Judentum hervoryvachsen zu sehen, war nur in Anfängen vorhanden. Heute ist eine neue Situation da. Die Möglichkeit der Uebcrsiedlung wird für einen * großen Teil der Zionisten in kurzer Zeit gegeben sein und damit entsteht in.den Zurückblcibenden vor uns ein neuer Typus: Der Zionist im Galuth. Es wird nicht selten etwa 90 argumentiert: Auch " die extreme Assimilation könne heute ein jüdisches Palästina nicht mehr als eine gefährliche Utopie bezeichnen., Audi in den Kreisen der Assimilation sei man gewillt und entschlossen, am Abfbau de» jüdischen Palästina mitzuwirken. Es werde also kein wesentlicher Unterschied zwischen dem Assimilanten, der aus allgemein jüdischem Gefühl heraus den Aufbau Palästinas materiell unterstützt und dem Galufhzionisten bleiben, der das eben auch tue, nur vielleicht mit größerer Wärme, mit größerer Intensitat und mit mehr Verständnis für die nationale Seite des Aufbaus. Wenn man auf der einen Seite in der Paliistinafragc eine Annäherung aller jüdischeu Gruppen an den zionistischen Standpunkt erwartet, so glaubt man auf der anderen Seite von den Zionisten \0״ raussetzen zu dürfen, daß sie ihr Verhältnis zu den Wohnländcrn revidieren, den Wunsch nach Anerkennung als einer Nationalität im Galuth fallen lassen und den jüdischen Naiionalismus auf das palästinensische Judentum beschränken. Man trennt bei dieser Argumentation gern zwischen dem nationalen Problem, dem Problem des jüdischen Volkes, dessen Lösung der Zionismus stets sein wollte und ist und dem Problem der nach ganzem Menschentum ringenden jüdischen Einzclpersönlichkcit, die den Zionismus nichts angehe und die ihre Wünsche in ungebührlicher Weise vordräuge, Zionismus, so argumentiert man etwa, ist die Lösung für die Volksgesamtheit, nicht für den Einzelnen, für den man vielmehr das Recht herleitct, den Aufbau Palästinas für das Volk zu fördern, selbst aber an diesem Aufbau nicht tcilzunehmen, sondern feste Wurzeln im Erdreich des Geburtslandes zu schlagen. In Wirklichkeit ist diese Unterscheidung zwisehen der Not des Einzelnen und der des Volkes eine gekünstelte. Beide sind 90 innig miteinander vorbunclen, .daß ihre Trennung nur in der blassen Theorie, aber niemals in der Wirklichkeit möglich ist. Theodor Herzl empfand die Not des jüdisehen Volkes während des Drcyfuß-Prozesses in tiefster Seele. Es war ebensowohl die Not der Volksgesaintheit, wie die Not jedes einzelnen Juden, die in seiüer Seele brannte- und ihm das heroische Mittel der zionistischen Lösung der Judcufrage eingab. Und man braucht mir an die ״Mcnorah“ erinnern, in der er dieses persönliche Problem, erlöst zu werden als das Problem seiner eigenen Brust geschildert hat. Letzten Endes liegen die tiefsten Motive einer Handlung immer im Subjektiven, ii irner im Persönlichen. Könnte man Zionismus fli׳: das jüdische Volk wollen, ohne es für sicli selbst zu wollen, s0׳ könnte ja auch der Nichtjtide Zionist sein. Zionismus wird geboren aus dem Wunsch, dem jüdischen Vo.k und jedem Einzelnen seiner Glieder die Möglichkeit eines nationaleu Daseins zu ermöglichen. Tausend Gründe können cs dem Einzelnen unmöglich machen, persönlich am Aufbau teilzunehmen, aber eine Theorie darf daraus nicht geschaffen werden. In Wirklichkeit steilen nicht diejenigen ihre persönliche Frage in den Vordergrund, die von dem Einzelnen die tätige Mitwirkung am Aufbau verlangen, sondem diejenigen, die dem Individuum das Recht erkämpfen wollen, im Galuth sich zu verwurzeln und die Mitwirkung am Aufbau abzulelinen. Man hat in überwundenen Epochen des Zionismus das Wort vom Rachnionus-Zionisnius geprägt und meinte damit die Westjuden, die Palästina nicht fiir sich, sondern für die armen verfolgten Ostjuden verlangen.‘ Jetzt scheint ein neuer Zio. nismus fiirdie anderen entstehen zu wollen: Zionismus für das jüdische Volk, d. h. für die Anderen, aber nicht für den Einzelnen, d. h. für den Sprecher. Unsere Hagadah läßt den Bösen, den Raschah fragen: Ma haawodah hasoth lachem? Was bedeutet dieser Dienst Euch? Und sic antwertet mit den berühmten Worten: Lachem welo 10? Euch und nicht ihm? Ihr wollt Zionismus für das jüdische Volk, nicht für Euch selbst? Nein! Wenn unsere Tradition uns gebietet, daß jeder von uns noch beute sich fühle, als sei er selbst aus Aegypten gezogen, dann gilt die Forderung in unvergleichlich höherem Maße für den Augenblick. Jeder Einzelne muß den Weg in das neue Land der Freiheit mit ganzer Seele suchen, muß sich losmachen von Verbindungen, die ihn haßen sollen, damit man ihm nicht entgegenhalte: Lachem welo lo? F.L. Ruppin in Jerusalem eingcüoffen Jerusalem, 28. März. (Privattclcgramm der ״Jüdischen Rundschau“.) Dr. Arthur Ruppin ist wohlbehalten in Jcrusalem eingetroffen. Wir beglückwünschen Herrn Dr. Ruppin zu seiner Rückkehr * nach Palästina und geben der festen Zitversieht Ausdruck,- daß seine Anwesenheit von unschätzbarer Bedeutung für die jüdische' Arbeit kn Lande sein wird. Die Offensive gegen den radikalen Zionismus Vom Dr. Walter Breun, Berlin. Mit großer Freude kann nun es begrüßen, daß die Gegner der sogenannten ״radikalen“ Zionisten, der ״Intaisivicrer, Stürmer, unproduktiven Grübler, Entvmrz-!er“, wie Herr Doktor Weil sie mit den gebräuchlichen ScJilagworten bezeichnet, endlich den Vorstoß in die weitere Ocffcntlichkeit gewagt haben, denn so ist allen Zionisten die Möglichkeit gegolten, diese angeblich muc in Wahrheit uns so altbekannte Doktrin unzu «deiiüg nachzuprüfeti. Es ist erschreckend, daß sich Zionisten und sogar, wenn audi nur vereinzelt, junge Zionisten finden, die in diesen Tagen zionistischer En1s,-!>״,,])״ir die Aufstellung eines Programme« als entscheidend empfinden, dns das Verhältnis des Zionismus zum Staate regelt, dadurch seine Uogefährlichkcit erweisen und mit Hilfo dieser Selbstentniacinung die Einheitsfront - mit den Assimilantcn herstcilen will. Glaubt Herr Dr. Weil in verblüffender Welt fremdbeit wenigstens noch ״die ideallose Masse“ der deutsdicn Assrmilanten durch programmatische Beteuerungen guten Staatsbürgertunis für die Unterstützung des Zionismus zu gewinnen und so dem Zionismus zu nützen (ein Glaube, über dca noch einiges zu sagen sein wird), so hat Amo Wagner nicht einmal dieses Plus für sich: eine Erfüllung clk-sor Forderung ist auch für Put nur ״eine Neben wirk u n g“, tan deren Verwirklichung er selbst wohl nach der Vorsichtigkeit, mit der er diese Frage behandelt, nicht recht glaubt. Zumindest dürfte er die Rachmoncs-Unter• Stützungen von Assimiianten, die den Aufbau Palästinas durch Geldunterstützungen (um mehr kann es sich doch für jeden, der die Dinge kennt, nicht handeln), fördern (auf Grund von zionistisdreu Unschuldsbcteucrungen!) nicht allzu hoch einsdiätzen. Daß jemand eine solche Einheitsfront nach 95 Jahren Zionismus noch für mciglidi hält, ist geradezu besdrämend. Aber für Amo Wagner sind 'das ja auch nur Nebenwirkungen, trotzdem in den beiden langen Artikeln dieses Argument als einziges positives bei näherem Hinsehen sich herausstellt. Verwundert fragt man nach den Haupt- Wirkungen einer 'solchen Forderung. Findet man dann aber nicht einen einzigen Satz, nidit eine Konsequenz in dieser Ridituag, so kommt man unwillkürlieh zu der A:’x1alHne, daß diese Vorstöße und Theorien auf eine tiefere und rein negative Ein stet- I u n g zurüdauführen sind. Die Hauptwirkung slefit sich überraschend als reäier Abwchrkampf ohne den gerärgsten positiven Inhalt heraus. Das wird zu belegen sein. ' Nicht an einer einzigen Stelle, weder bei Weil noch bei Wagner wird gesagt, was man eigentlich positiv anders machen »oll (die Gewinnung der Assimilanten ist ja nach Wagner nur eine Nebenwirkung). Die Konsequenzen, die Dr. Weil aus dieser Programm'- änderurig zieht. Werden als unhaltbar leicht nadizuwciscn »em. So ergibt sidt als unabweisbar folgende Konst.iticrung. Die riebe'Jtafte ״Hauptwirkmig“ Wagners hat ihre Wurzel In der seelisdien Verfassung ihrer Träger und ist rein negativ. Dahinter stedet der geheime Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, steckt die Angst, mit eingewurzenen Gewohnheiten brechen, der logischen zionistischcn Erkenntnis die Aktion folgen• lassen zu müssen, eine Furcht, die nur graduell von der der Assimiianten versdvieden ist, die in allem andern oft mutig und entschlossen, jüdlsdicr Entschiedenheit ängstlich' ausweidten. Und weil man sich nicht bewußt macht, daß Zionistwerden oft sogar noch größere Verpflichtungen auferlegt, als selbst nadi Palästina gehen: darum macht man sidi für seinen geistigen Stagnations willen die nötige Theorie. So Ist die ״Hauptwirkung“ bedangt (was am verhccrendsten auf die Jüngeren wirkt, die in einer Theorie zionistischer Beharrung eine bequemc Art, Untätigkeit zu bemänteln, ümien. Daher solche Gesinnung tötend auf jede Gemeint. haft wirken muß, die auf Erziehung von eben c.st Zionist-Gewordcr.en ausgeht). ״Subjektiver Wahrheit“ entsprechend, so nennt Wag- 11er diese Theorie eurer angeb üben Kunst«, tciung der tatsächüdicn jüdischen Verhältnisse. Als ob nidit für jeden Assimiianten gerade diese ״Wahrheit“ (der ״gegebene Boden der Tatsachen“ aller Bourgeois), die Begründung ihres Assiniilantseins wäre! Ein ,״Wunsdhbild“, so entpuppt sich die ganze Akktion; und weil man das nicht so offen grgen kann, schwerlich sich auch die Tragweite dieser seelischen Untcrströmuiigcn bewußt gemacht hat, so baut man eine Negation darauf auf. Das Groteske ist aber, dal! inan positiv durdh das zionistische Leben der Radikalen gczwungen wird, in praxi speziell die Erziehungsarbeit nidit anders zu leisten, als die bekämpften ״Intensivierer“, obwohl man auf den Voraussetzungen des Herrn Dr. Weil fußend ebensogut im Sinne des Centralvcreins positiv arbeiten könnte. Daher das Fehlen positiver Vorschläge Gerade wenn man, durchaus mit Recht, anerkennt,’ daß die Mehrzahl unserer Mensdhcn. bis sie Zbnisten werden ui Wollen und Denken mit Jüdischem nur lose verknüpft smd, daß auch Zionisten s ch nidit niit einem Male von diesem Stadium entfernen können, so sollte man Iogisahcrweise alles Schwergewicht auf eine Er/iehur״ aller Zwnuten *um jüdischen Wollen und Kümra legen. Aule Gruppen Isind sich der Schwere der Auf* gäbe, solange ,wir Verhaftet in der Umwelt sind, be״ wuut. Um so schärfer ist die Aufgabe hinzustcllen, um 90 schädlicher, degenerierender wirken Theorien.