Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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.׳®■"‘■־׳ץ Nr. 20 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 137 t;? w fr t I ) Am 30. November ließ GrceisJd dem politischen Komitee mittcilen, daß General Denikin sämtliche Forderungen ab gelehnt habe. Der Verlaut dieser Besprcclm!»g, 'den das Coinite 1!es DW-gationK Juivcn Baris in seinem Bulletin verölfcntlicht, Ist charakteristisch für die Situation in der Ukraine. Es ist bezeichnend, daß ein Vertreter der Dcnikinschcn Regierung keinen Vernich macht, «he tuigeheuren Greudtaten abzuschwächen, noch abzustreiten und trotzdem cs wagt. die Juden um Unterstützung■ iter Dcnikinschcn Mordbanden zu bitten. Erfreu.ich an (!ein Bericht ist aber die mannhafte und von wa.irem nationalen Gefühl getragene Haltung der jüdischen Vertreter, die trotz der verzweifelten Lage der ukraim* sehen Juden sich nicht zu einem unwürdigen Bitten und Fichen lierabgelassen haben, sondern diejenigen elementaren Forderungen aufstcllle, durch deren Ab- I,׳]!niing die Deiiikinsche Regierung sich selbst gcrichtet hat. Presse-Rundschau In den D a i 1 y N c w s veröffentlicht Erncst S in i t h den ersten Artikel einer Serie, in welchem er die Situation in Palästina auseinandersetzt. Er glaubt, daß jeder Versuch, die Zionisten in Palästina au/usiedclii, ,■11 einer arabischen Revolte führen müsse, sich dabei auf die Meinung von Arif D a j a 11 i, den Präsidenten des ComiKs und auf die von diesem gemachten Mitteilungen über die Bodenverteilung. Die Zionisten hätten bereits heute im Lande einen überwiegenden Einfluß auf die Offiziere der Okkupationsarmee und auf ׳die Finanzeebaruiig des Landes. Zu diesem Aufsatz bringt 13״ a i l y Er stützt P a s c 11 a islaniiscb-christlichen M e w s“ einen Leitartikel, der darauf hinweist, haß man das Problem des Zionismus nicht njir vom palästinensischen, sondern vom Standpunkt de.־ Juden- ¬״י ו;•-' jedes Landes aus betrachten müsse. Alle Lä 11 u e > Europas und Amerikas seien aufs stärk ste an der Wiederherstellung der jüdiseben Nationalität in Palästina inter- < ssiert. Man könne diese Frage, die eine Weltfrage sei, nicht von den heutigen palästinensischer. Bedingungen aus beurteilen. Bemerkenswert ist auch der Aufsatz, den Lord i'otheinore in der ״Sunday Pictorial“ ver- I, ff entlieht hat. Der Verfasser wendet sich grundsät/.• lieh gegen die Ausdehnung des britischen Reiches im türkischen Asien und äußert sich bei dieser Gelegenheit auch über das palästinensische Problem. Die englische Regierung dürfe keine Mittel zum Aufbau eines palästinensischen Landes geben «der englische Truppen für die Sicherung des Landes bereitstellcn. Man soll Palästina der Gesamtheit der jüdischen Gemeinden in der Welt übergehen, die ohne Zweifel die Mittel aufbringen könnten, die für die Verteidigung mul Verwaltung des Landes nötig seien. Britische Interessen gäbe cs rur um Suezkanal und auf der Sinaihalbinsd. Es läge gar kein Grund vor, Palästina für die Juden zu I» ilteu, zumal die meisten Juden gar nicht daran dächten, nach Pakästina zu gehen. 1 ׳] f f /!יי׳ ff* | ־/ * יל j SLr W fr** W14 » Wil Der erste Pc״ron1 Der ״Vorwärts“ und das ״Berliner T a g c b I a 1t“ bringen eine Nachricht aus B a d e 11- Baden, die ebenso kurz wie inhaltsreich ist. Sie lautet: ״Wie aus Baden-Baden gemeldet wird, kam es gestern zu einem außerordentlich bedauerliehen Vorfall, der als eine Folge .׳mtisemitiselten Verhetzung anzusehen ist. Es fand eine Versammlung satt, in der starke antisemitische Ausfälle vorkamen. Unmittelbar nach der Versammlung schoß ein Student, welcher der Versammlung beigewolmt hatte, den Studenten C a 11 n, den Sohn eines bekannten Bankiers, auf der Straße nieder. Der junge Mann war sofort tot.“ 1Es muß also vor aller Oeffentlichkcit festgestellt werden, daß nach allen Beschimpfungen, Verdächtigungen und Verleumdungen, die das deutsche Judentum nunmehr seit geraumer Zeit über sieh ergehen läßt, die antisemitischen Helden zum (ich rau eh derjenigen Waffen übergegangen sind, die allein in Deutschland heute noch Existcnzbercclitigung zu haben scheinen, zu der Waffe, mit der man die Revolution nicdcraiwcrfen verruchte, mit der man unbeliebte Politiker aus dem Wege räumt und mit der man die Vertreter der Ententemächte zu behandeln pflegt, zur Anwendung der Gewalt. Wir stehen vor der nackten Tatsache, daß ein Jude am Schluß einer antisemitischen Hetz.- vei Sammlung von einem Individuum durch einen Rcvolvcrscluiß ermordet worden ist Der Tod Von Leo Goldstein. Aus dem Hebräischen übertragen von W. Meyer. Mit blendend hellem Lichterglanz ist beute die Welt nbergossen. Gott hat aus Anlaß des großen Ehrentages sein Reich besonders fein henusgepntzt: Der Tod ist geboren und der Menschheit geschenkt worden... Tausendfach leuchtet die Sonne, tausendfach blühen die Blümlein, seit Gott ocr Erde den neuen Bürger beschert lut. Eitel Glanz und Freude... Jahre sind ins I and gezogen ... jenes Geschlecht, das an einem herrlichen jungen Frühjahrsmorgen dies seltsame Geschenk von seinem Vater erhielt, ist längst den Weg alles Inh selten gegangen. Neue Geschlechter sind erstanden und ix*- trachten mit Mißtrauen das Wirken des Gastes: Gesunde frische Menschen gehen, stürzen und sind — dahingerafft... Fürchterlich! — Zum ersten Male empfindet man jenes Himmelsgcschenk als etwas Fürchterliches. Väter, Söhne, Enkel, in lückenloser Reihe gehen die Geschlechter weiter. Mit jeder weiteren Generation bekommt das Himmelsgcschenk «in schrecklicheres Bild; schwarz in schwarz wird cs gemalt, düstere, grausige Bilder... Geschlechter ziehen dahin, Ewigkeiten lösen einander ab. Mit seltsamen Gefühlen sieht man dem Wirken des schwarzen Gesellen auf der Wcllbühne zu: Menschen lachen, tanzen, tummeln sich in Jugendfrische und ',ebermut — — plötzlich ist Alles vorbei... Grabes- »tl!le, Wirken geheimer Kräfte, Gehinom, Satan, Dämon... Schrecken aller Schrecken, Nirwana — ewige Stille... Und es war Mitternacht, Geisterstunde... Da wandelten von allen Seiten die Erdengeister zum Himmel, u:r. die Erlebnisse des Tages in die Chronik einzutragen. Audi unseres Dichters unsterblicher Teil weilte in jenen heiligen Kreisen. Da trat er einmal, um jene heilige Stunde, vor des Allmächtigen Thron und sagte: ״Groömächtigcr Herr, gestatte, daß ich spreche/׳ ״Was ist mein Kind?“ ״Wir sind gehorsam, wie Du es wolltest Deine Kinder und Du bist unser Vater, was haben wir aber Die Regierung ist lange genug darauf hingewiesen worden, daß die wahnsinnige Kampagne der reaktionären Kreise gegen die Juden nach menschlichem Ermessen zu Pogromen führen muß. Bisher haben alle diese Hinweise nichts gefruchtet. Es mußte offenbar erst Blut fließen. Wir halten es für selbstverständlich, daß die Regierung nunmehr mit dem Schneid und der Schärfe durchgreifen wird, die sie bei andern Gelegenheiten ja oft bewiesen hat. Wir erwarten nicht nur die Feststellung .!nid Bestrafung des Verbrechers, sondem endlich einmal ein Ueberwachcn und Zurückdrängen der antisemitischen Hetzereien in die iluien vom Gesetz, gebotenen Schranken, Die deutschen Juden gehen über den Tod eines Bruders nicht mit dem gleichmütigen /Achselzucken, hinweg, mit dem man heute in Deutschland Menschenleben zu bewerten scheint. Sie verlangen diejenigen Maßnahmen, durch die das Leben der deutschen Juden ein für allemal vor reaktionäre Revolverhelden geschützt werden. Die Ausländerhetze nicht antisemitisch? Der Kampf gegen die cinwar.demdcn Ostju.kn wird neuerdings gern unter starker Betonung der Tatsache geführt, daß man sich einfach gegen jede Einwanderung sträube, daß man sich «Libei in keiner Weise von mitisemitischen Regungen laten lasse und doch schließlich nichts dafür könne, wenn der ן;roßte Teil der Ein- Wanderer sich aus Juden zusainmeusetzc. 111 diesem Sinne hat Dr. La porte, mit dem wir uns schon einmal wegen eines Aufsatzes im ״Berliner Tageblatt“ über dasselbe Thema beschäftigen mußten, im ״Tag“ und im ״Berliner Lok al A n zc ige r“ sieh gcäuße.t. Uns scheint, Herr Dr. Laportc irrt sch über die Beweg• gründe seines Handelns. Das beweist zur Genüge die Gegenüberstellung der kulturell lioclintchenden Deutsehen der Östsceprovinzen mit den Einwanderern, deren niederes Ku’furnivem! dadurch fcstgcstellt werden soll. Der Artikel von Dr. Laportc bedarf noch in anderen Punkten einiger Bemerkungen. Es ist unerfitutlieh, woher der Verfasser seine Informationea über die Tätigkeit des ״Jüdischen Arbeitsamtes“ hat. Es ist völlig irrig, daß dieses nur diejenigen Fälle bearbeitet, die ihm vom Polizeipräsidium zu gewiesen würden. Das Arbeitsamt wird im Gegenteil von eine« sehr großen Anzahl der Eimvandcnuten aufgesucht, ganz gleichgültig, ob diese bereits polizeilich gemeldet sind oder iiiihl, Daraus ergibt sieh, daß die Zahl der Fälle, in «lenen das Arbeitsamt eingreifen und Arbeit beschaffen kann, ganz bedeutend größer ist, als Laportc angibt. Ebenso ist vollkommen aus der Luft gegriffen, wenn der Verfasser die Behauptung aufstcllt, das Arbeitsamt brauche zur Bearbeitung jedes Faltes etwa 6—3 Wochen, und während dieser Zeit seien die Betreffenden vieli.K'h auf <Ie!n Wege der Schieberei bereits za Wohlstand gelangt. Die Statistiken, die «Las Arbeitsamt bisher veröffentlich( hat, ermöglichen die absolute Widerlegung dieser Auffassung. Denn aus ihnen geht hervor, daß das Arbeitsamt in der Mehrzahl der Fälle imstande wai, bereits im selben Monat den Arbeitssuchenden Arbeit zu beschaffen. Die durchschnittliche Zeit ist also mit weniger als vier Wochen anzuschen. Im übrigen muß auch Laportc. zugeben, daß das Arbeitsamt ln einer g r o-d e n Reihe von Fällen seine Aufgaben in einwandfreier Weise erfüllen konnte. Unverständlich bleibt schließlich, inwiefern die Raz• 2ias etwas über die kriminelle Seite der Frage bewiest.; haben. Sic haben das genaue Gegenteil bewiesen, denn man hat die Festgenommenen fast ausnahmslos frei• gelassen, obwohl man sicher jedes Mittel sie festzu■ halten, gern ergriffen hätte. Das jüdische Arbeitsamt Das von der Zionistischen Vereinigung für Deutsch• I.-ukI begründete Jüdische Arbeitsamt hat sich durch seine energische und umsichtige Tätigkeit eine außerordentlich geachtete Stellung im jüdischen Leben Deutschlands und bei den in Betracht kommenden Behördensiellen erringen können. Das Arbeitsamt beginnt jetzt mit der Herausgabe eines Korrespondenzblattes, dessen erste Nummer uns vorliegt Diese * Nummer gibt einen interessanten Einblick in die Tätigkeit des Arbeitsamtes und der von ihm begründeten verbrochen, daß Du uus so Fürchterliches sandtest, den Toci?“ ״Ist er denn wirklich so fürchterlich, mein Kind?•' ״Gibt es denn noch Fürchterlicheres?“ fragte des Dichters Seele mit Leidenschaft und ließ den incnschliehen Gast in düsteren Farben vor den Augen der Zuhörer erstehen. Die hmnnlischen Gäste und all die Bewohner der paradiesischen Gefilde stehen erschüttert vor der meisterhaften Schilderung. ״Allmächtiger Vater, sind war denn Kinater. öder Sklaven?“ ruft des Dehlers Seele schließlich noch aus, wie um sich Befreiung zu verschaffen von schrecklichem Druck. .״Ich bin ein Sklave,“ antwortet zu Aller Erstaunen der Herr der Heerscharen... eine Träne rollt über des Allerhöchsten silberglänzenden, weißwaltenden Bart und ein Sternlein glitzert den Erdenbürgern am Firnuuuent. ״Allmächtiger Gott, was soll Deine Träne und Klage?“ ״Ich lvin wahrhaftig ein Sklave, dem Leben.“ — ..Gibt es denn etwas Schöneres,“ fragte der Dichter ganz verwandelt, ״als das Leben?“... und mit schöpferischer Phantasie malt er es in iierrüdicn jugendfrisdien frohen Friihlingsfarben... Auf den König aller Könige macht die Schilderung der begeisterten Mcnschenscclc nur ein wenig Eindruck; aber die Sorgen sind groß, die Lasten schwer, und er seufzte tief... ״Höre zu, mein Kind“, meinte der Herr bekümnierten Tones. ״jlch höre, hi mm lisch er Vater,“ und des Dichters Seck' ließ sich mit diesen Worten auf den Stufen des Thrones nieder... ״Lang ist's her, noch lange, bevor der Mensel! erschaffen war. Altes war um midi hemm still. Iiimm* hschc Ruhe war überall. Bäume, Wassser, Wiese sangen ihr friedlich-stilles Lied, ohne daß ihr Herz wußte, was sie taten... Und ich habe jene schöne Welt regiert, tausend und abertausend Jahre, Ewigkeiten ohne Ende. UebcraU ewiges Leben... Schreckiidi war «he Gesellschaft all der nichtlebenden Wesert Und Ich konnte mich selbst von «Uesens Leben nicht befreien. Mutter Natur krönte mein Haupt, und leb mußte leben, mußte Herrscher sein. Unendliches Leben, nie und nimmer aufhörend, Ewigkeiten überdauernde Einsamkeit... Ich sehnte mich nach einem Genossen, da erschuf ich den Menschen u!ul schenkte ihm auch ewiges Leben... Die Sonne ging nicht unter, der Frühling kannte kein Ende, und der Mensch hatte kein Empfinden für die Schönheit des Lebens, weil es ewig dauerte. Ständig wandelte er unter dem azurblauen Himmel, einsam und verlasse:!. Seine Klagen stiegen zu mir, von Tag zu Tag stärker werdend, zum Himmel; ich ließ mich erweichen und — ■schenkte ihm den Tod... Die Sonue fing an untcaugchen, der Frühling fand ein Ende... Tausendfach leuchtete die Sonne, tausendfach blühten die Blümlein, die Harfen spielten mit Lust, Menschen jubelten, sangen, Alle mit doppelter Kraft. Herrlich schön erschien die Sonne, weil sie auch unterging; prachtvoll der Frühling, weit man ans Ende dachte, schön das Leben, weil ein Ziel war... Voll Neides sah ich meinen glücklichen Kindern zu und ich weinte, weil ich nicht teilhaben durfte an ihrem Glück, und ich mußte weinen, sehnsuchtsvolle Tränen, siibcrngiitzcrnde Sterntein am Firmament für meine Kinder. .... Euch habe ich von der Ewigkeit befreit, und mich selbst.? Euch schenkte ich den Tod, damit Ihr am Leben Genuß habet Willst Du wieder ewiges Leben? ״O nein, gütiger Weltcntenker“, antwortete des Dichtere Seele und kehrte zurück in ihren Körper. .... Am anderen Morgen, als der Dichte־ sich vom Schlafe erhöh, lächelte die Sonne aun Fenster hinein1. . . Die Bäume waren herrlich grün, die Blümlein blühten ln seltener Pracht, die Vöglein zwitscherten froh und glücklich auf den Bäumen, in den Sträuchern. . . . UebcraU froher Mut . . . auch in des Dichters Seele war mir Glück. ... Aus dem Gezwitscher der Vögel, aus dem Säuseln der Blätter hörte er «les aHmächtigea Lenkers Stimme: ״l«h lud/ Euch den Tod geschenkt, auf daß Btr am Leben Genuß habet 1