Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 11 (10.2.1920)
- Date
- 1920-02-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 74 JUEDISOHE RUNDSCHAU Nr. 11 Palästina Palästina als geistiges Zentrum Vun unserem palästinensischen Korrespondenten. L>. i>. J., Jerusalem, II. Januar 1920, Einem Neuankömmling oder einem, der lange weggewesen ist, fällt vor allem das lebhafte liter a r i s c h e und gesellschaftliche Leben liier auf: zwei Tageblätter, zwei Wochenblätter, drei vornehme literarische Revuen, zwei kleinere Monatsschliffen, eine orthodoxe Zeitschrift, eine agronomische Fachzeitschrift, eine talmudisch-halacliiscbe Sammelschrift und noch manche nichtperiodischc Sammelwerke das ist für Palästina eine durchaus lebhafte literarische Bewegung. Die meisten dieser literarischen Eischciiiungcu stehen auf der Höhe. Das Tagblatt ״Haare/" ist ganz vorzüglich 1edigiert, vielleicht nur etwas zu »ehr auf einen Partei- Standpunkt eingeschworen. Das zweite Tagblatt ״Do;er hajom“, etwas wenigor sorgfältig redigiert, zieht die breiteren Schichten stärker an, hauptsächlich, weil cs weniger parteimäßig gerichtet ist. Neu ist hier im literarischen Leben, daß diese periodischen Erscheinungen alle einer gewissen politischen Gruppe gehören und ihr dienen. Audi die literarischen Revuen sind parteizugehörig. Dieser cigcntlieh rcidic literarische Dienst wird von inländischen Kräften bestritten. Es sind eine ganze Reihe publizisli• scher Kräfte zutage getreten, die früher untätig waren, Audi einige junge Dichter erwecken berechtigte Hoffinnigen. Der allgemeine Eindruck ist der: es ist hier viel .־uigesauimclte Kraft, die zutage tritt. Bei allen Unbilden des Krieges saßen die meisten der Schaffenden in einem stillen Winkel und und konnten, wenn audt in Nöten, so manches schaffen, was aber nicht ans Licht kommen konnte. Was »0 in stürmischen Zeiten entstand, tritt jetzt hervor. Palästina ist schon heute ein literarisches Zentrum für die hebräische Weit. Viele qualitativ hochstehende Ucbcrsct/ungcn sind «och unveröffentlicht, iiauptsiichlich aus dem Gebiete der allgemeinen europäischen schönen Literatur, aber auch manch wissenschaftliche» Werk. 111 Druck gegangen ist jetzt die sein׳ umfangreiche Uebersctziing von Bachers A g a d a der T a » a i t c 11 und Amoräcr. Diese Aibeit, von A. S. Ra bi- 11« Witz, ist mehr als eine gewöhnliche Uebersctzung. Bachers großes Werk kommt erst im Hebräischen recht zur Geltung. Der hebräische Stil, die Original-Stellen, die Anmerkungen des Uebersetzers geben erst dem Werke seine echte Farbe. Diese Uebersctzung wird den! hebräischen Leser mein sein als das Original den dcutseien Juiieri. / uch in dm Kreisen des alten Jiscliuw isi manche litcra! sehe Arbeit gediehen. Während des Krieges erschien die umfangreiche, wertvolle, originelle, vielleicht zu origincllc, Pa lä st i n a •0 cog r a ph ic von Go Id hör. Ebenso entstand im Stillen die sehr umfangrcidic historischgeographische Palästina- Enzyklopädie von J. W. Horoivitz, die leider ein Torso geblieben ist. Alphabetisch geordnet, ist hier das ganze Ataterial zur historischen Geographie Palüstinns aus der gesamten jüdischen Literatur mit der Vollstiiiidigkeit von Conconlantini gesammelt, kritisch untersucht, geschickt geordnet, in einem ansprechenden Stil vorgetragen. Wie es ist, wäre cs ein Standardwerk geworden. Der früh verstorbene Verfasser hat es aller leider nur bis etwa mehr als zur Hälfte fertiggcstellt. Für die zweite Hälfte ist das gesamte Material vollständig gesammelt und geordnet. Auch so stellt es für die Palästinakunde eine Bereicherung von sehr großem Werte dar. Ein Verlag hierfür hat sich ieider noch nicht gefunden. Auch j. Frciina 1111, der ein Lexikon sä 1111lieh er Personennamen aus der gesamten talniudisclien Literatur zusanunengestcllt hat, findet des Umfanges wegen keinen Verleger. Ein solches Werk in dieser Vollständigkeit wird erst die notwendige Unterlage für biographische Arbeiten abgeben. Im Drucke befindet sidi die sehr bedeutende mul umfangreiche M i sch na Conco r da n z von J. Kos o w s k i. Unter den letzten Ncucinwaiiderem sind auch die ersten frisch zugekommenen literarischen Kräfte zu verzeichnen: Dr. Klausner und Glücksohn, beide aus Odessa, smd eben hier angekommen, dem russische« Tohuwabohu entronnen. Man glaubt, daß der ״Haschiloach“ hier wieder erscheinen wird. Am 4. Januar berief Ussischkin alte geistig füllrenden Männer aus Jerusalem und Jaffa zu einer geschlossencn Versammlung, um einen Vortrag von E. M. Lipschütz über die Gründung eines hebräischen Instituts anzuhören und zu beraten. (Vergi. dessen Aufsatz in Nr. 1/2 IV. Jahrg. des ״Juden“.) Eine sehr lebhafte Diskussion ließ mancherlei Gesichtspunkte hervortreten. Alle waren damit einverstanden, daß ein Institut zur Erforschung und Pflege der hebräischen Sprache dringend nötig ist. Ueber die Art und die Benennung waren die Meinungen geteilt. Für jeden Fall scheint die Entstellung eines solchen Instituts bald bevorzustehen. Von der Organisation, von den Menschen und von der Richtung ־wird die Entwicklung desselben ubhängeu. Die führendsten Minner der hebräischen Literatur, die Mcisetr der Sprache sollen zur Arbeit Ixrufen werden. Die Institutsmitglieder sollen sich ganz der hebräischen Sprache widmen können, sie vor den Unbilden des Lebens schützen, die Sprachrenaissance überwachen und auf allen Gebieten der Sprache führend ouftretcii. Palästinachronik . Zeii'e-Zion und Hapolil-Haza'ir. 111 einer Versammlung aller Mitglieder der ״Zehe- Zion“, die mit dem Ödessaer Schiff ״Rußlan“ letztens nach Palästina kamen, m der auch die Vertreter des Zeirc-Ziou-Goniites in Rußland und in Sibirien teilnahmen, wurde folgendes beschlossen: ״Die Versammlung drückt iiirc Zufriedenheit daiülicr aus, daß die Leitungen der ״Zcire-Zion“ in Rußland einerseits und die Leitung des ״Wapoel-liazair“ iu Palästina und in Westeuropa andererseits Ixschlosse« haben, eine gemeinsame Weltkon ferenz cwizuberufen und hofft, daß diese Konferenz zu einer Verciiiiguug beider Teile der Bewegung füllreu wird sowie zu einer Organisierung aller Kräfte der zionistischen Demokratie für die Arbeit der Volksbefrciung und der Schaffung einer jüdischen Siedlung in Palästina auf der Grundlage eigener Arbeit und nationalen Bodens.“ *־ Es wurde außerdem beschlossen, daß Mitglieder der ״Zeirc-Zion“, die nach Palästina kommen, unmittelbar in die Partei ״H a p oe 1 - H a zaI r“ cinzutrctcn haben, Grilndung einer jüdischen Gesellschaft für Fremdenverkehr. Infolge der direkten Eisenbahnverbindung zwischen Palästina und Aegypten, ferner infolge des |X)!itischcn HcrrschafUwechsels, haben sieh die Aussichten für den Fremdenverkehr iu sehr hohem Maße verbessert, so daß auch in den jüdischen Kreisen dieser Erwerbszweig Interesse waehgenifen hat. Unter Fühning des jüdischen Bankinstitutes, der Anglo Palest ine Company, ist eine Gesellschaft unter dem Namen Palest tue Expreß Company, Limited ins Lehen gerufen worden. Das vorläufige Kapital der Uesellscliaft beträgt 5000 Pfund, welches vollkommen eingezahlt wurde. 1111 Aufsichtsrate der Gesellschaft sind die Direktoren der Anglo Palcstinc Company, Ltmited, vertreten. Zum gesdiäftsführenden Direktor ist Herr Emanuel Snclu ernannt worilen, der sieh bereits vor dem Kriege an dieser Brauche jahrelang betätigt hat. Die wichtigeren Geschäftszweige dieser Lieschschaff sind folgende: a) Der Verkauf von Eisenbahn-, Automobil- und üainpfschiflbillcts; b) das Arrangement von Einzel- und Gesellschaftsreisen über Palästina, Syrien und Aegypten; c) die Versicherung von Gepäck, Transport und Rciseunfall; d) An- und Verkauf von Reiseschecks, ausländischen Geldern und Emission von Kreditbriefen auf alle fiariptplätze der Welt; e) der Verlag von Rciscliltcratur. ,Die Statuten dieser Ge- Seilschaft sind von der britischen Lokaibehördc bereits genehmigt worden. Die Gesellschaft denkt Geschäftsstellen in Jerusalem, Jaffa, Haifa, Beyrut und Dauiaskus zu eröffnen. Zur besonderen Aufgabe hat sich die Leitung der Gesellschaft gestellt, eine spezielle Verbindung zwischen Palästina und dem Auslände zu schaffen, wobei auf den Ansprüchen der jüdischen Rci* *enden die größte Rücksicht genommen weiden soll. Diese spezielle Ucberfahrtsgclegenlieit ward den Rci>- *enden auch rituelle Verpflegung auf den Schiffen bxten Die Prcßkanzlei des ״Waad Hazarim“ gibt bekannt, daß in der Fcstvcrsainmluug anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Erbauung von Tcl-Awiw unter auderem beschlossen wurde, einen Betrag für den Bau einer Bibliothek, eines Volkshauses und eines Theaters zu bestimmen, sowie zur Einführung einer elektrischen Lichtanlage. Die Informations- und statistische Abteilung des Palästina-Amtes gibt jetzt Kurszettel über die Valutapacise in Palästina heraus. Am 18. Januar notierten nach dein uns vorliegenden Kurszettel 1000 Mark in ägyptischen Pfund 6.75, 1000 Kronen kosteten 2.20, 1000 Rubel Pfd. 3.70. י ״Hapoel-Hazai'r“ veröffentlicht eine interessante Statistik über die mit dem Schiff ״Ruß 1 an“ jüngst nach Palästina gekommenen 620 neuen Einwanderer. Dem Alter nach waren: bis 15 Jahre . . . . 150 von 15 bis 20 Jahre . . . 110 . ״ 30 ״ 20 '* . . 170 . « 40״ 30 ״ . . 85 . ״ 50 ״ 40 ״ . . 45 von über 50 Jahren . . . 60 zusammen 620 Des Hebräischen kundig sind 240 (70 «/o) Männer und 80 (30 °A) Frauen. Dem Berufe nach waren: Kaufleute 36, Fabrikanten 6, Arbeiter 47 (darunter 6 Chatuzim), Handwerker 30 (darunter 8 Goldschmiede), Schüler und Studenten 34, Aerzte 6, Ingenieure 3, Architekten 2, Lehrer, Lehrerinnen und ,Kindergärtnerinnen 16. Freie Berufe (Schriftsteller, Masseusen, Hebammen, Pharmazeuten und Rabbiner) 9, Hausierer 10, unbestimmt 66, Bauern 3, Ahnosencmpfänger (I) 15. Presse* Rundschau!•«»Icssor Otto Ho et/sc 11 äußert sich 111 einem Artikel der ״Kreuz-Zeitung“ auch über den Stand der Palästinafrage. Hoelzsch hat auch im Kriege großes Interesse für die jüdische Palästinafrage bekundet, ohne freilich damals wie heute zu verhehlen, daß er die ostjüdische Einwanderung nach Deutschland durch l örderuug der Palästinasicdlung hintaiiUaltcn zu können hofft. Seine Ausführungen lauten: ״Palästina behält sich England allein vor. Am 9. Dezember 1917 ist Jerusalem von ihm besetrt worden, seitdem wird Palästina von England verwaltet. In dieser Zeit hat Baifour die bekannte Erklärung ihr den Zionismus abgegeben, der die Errichtung .einer Heimstätte für das jüdische Volk ״! Palästina in greifbare Nahe rückte. England will einen jüdischen Pakistiriastuat unter engiisünr Oberhoheit schaffen. Es hat sich deshalb das (1cncr.1l■ mandat für Palästina übertragen lassen, die englischen Interessen decken sich hier mit der Lö»ung, die der Zionismus auslrcbt. Auch Frankreich hat dom /!:- gestimmt. Der Aufbau eines zionistischen Staates im Gange, es gibt schon jüdische Beamte u. dgl, sogar eine eigene Flagge dieses zionistischen S‘;ute•;, blau-weiß mit sieben goldenen Sterne«. Und das Juteresse der Juden in Westeuropa und Nordamerika i:1r diesen Plan ist ebenso groß, wie er unser Interesse finden müßte, da wir eine ernsthafte Ablenkung der Ostjudcnbewcgung von Mitteleuropa nur auf dem Woge der Erfüllung des zionistischen Ideals erkennen können. Freilich sind die Aussichten für diesen Staat noch nicht sehr groß. Vielleicht lassen sieh wirklich Araber und Juden in die engen und freundlichen Beziehungen dort bringen, wie der Emir Faisu! das proklamiert, aber in diesem Gebiete von 30 001־ Quadratkilometer lebten uach einer Volkszählung v< in März 1919 neben 315 000 Mohammedanern uti i 02 6 0 Christen nur 65 000 Juden. Die zionistische Pre-se berechnet, daß ixi dem Verhältnis der natii.lich.'ii Zunahme und der zu erwartenden Einwanderung in den nächsten 20—30 Jahren die jüdische Ikvo'kenu nicht mehr als eine Million stark sein wird. Das bedeutet für das ganze Judenproblem der Weit sehr wenig und das sichert den Juden ia ihre!!! natbmnLn Staat ja in keiner Weise die Mehrheit, ohne die eri jüdischer Staat keine Daseinsberechtigung hat. 1),ו;/!־ kommt auch hier ein tncikwiirdiger irulisch-m ־ho;n:!scdänischer Widerspruch. Jene Führer >1׳ r indische;, Mohammedaner verlangen, daß die auf inrkriclR'in Boden zu errichtenden autonome« Staaten unter du־ Souveränität des Sultans al-־ Kalifen verbleiben, und wollen sicli mit der Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina nur abfiuden, wenn ein mohammedanischer Herrscher an seine Spitze tritt!" Die ״Morning!סיst“ vom 8. Januar brachte einen Leitartikel, der sich mit dem Zionismus beschäftigte. Der Aufsatz bringt zwar seine Sympathien für de!: Zionismus zum Ausdruck, glaubt aber, daß die Balfoursclie Erklärung nur den Anspruch der Jude« auf Errichtung 1111er Heimstätte in Palästina anerkenne, keineswegs «aber einen Charter für die zionistische Organisation auf Palästina bedeute. Die Zionisten hätten manche Sympathien durch ihre Politik eingebüßt, durch iiirc ״Arroganz" die Eingeborenen verletzt 11ml einen starke.׳! Druck auf die Verwaltung ausgeübt. Beamte, die den Zionisten mißliebig waren, sind aniovieri worden. Die» ruft augenscheinlich den Unmut des Blaue» hervor, dessen antijüdischc Tendenz bekannt ist. 1 tiese Angaben beweisen jedenfalls den bemerkenswerten Einfluß, den heute die zionistische Politik ausübt. Daß gelegentliche Reibungen Vorkommen, mag umenneidiich sehr. Sie werden überwunden werde«, wenn unser fester Wille, Palästina zum jüdischen Lande zu machen, die Widerstände, die sich diesem Willen noch entgegensetzen, überwunden haben wird. Wenn die ״Morning Post“ zuin Schluß gleichmäßige Behandlung aller Ras-ei! und Religionen fordert, so ist das eine Forderung, dis mit unseren Zielen in Feinem Widerspruch steht! Die ״Deutsche Levantezeitung“ schreibt in einem Aufsatz ihrer Nummer vom 1. Februar folgendes iilur die zunehmende Bedeutung der zionistische« Position in Ercz-Isracl.: Der Einfluß des Zionismus in Palästina wird von Tag zu Tag sichtbarer und fühlbarer. Um mir einiges zu erwähnen, wind der Gebrauch des Hebräischen unter den Juden, die früher meist jidisch und spamöiisd! sprachen, immer allgemeiner. Die Kinder und jüngeren Leute kennen fast nur noch Hebräisch infolge der aligemein und sorgfältig eingerichteten Schule«. Efxnso gehören die von den Zionisten in verschiedenen Städten Palästinas cröffneten Spitäler zu den besten, die vielfach, Wie z. B. in Safcd. auch dürftigen Christen und Mohammedanern unentgeltlich offen stehen und anderen .nur gegen geringe Vergütung. Was früher von den Behörden fast nur an Nichtjuden verpachtet wurde, wie z. B. in Tiberias die Ausnutzung der schr besuchten wannen Bäder oder das Fischexeiredit im Sec Genezareth und Jordan, wird jetzt von jüdischen Gesellschäften mit Unterstützung des Zionismus aus/ebcutei oder doch umworben. Im vorigen Jahre brachte die Verpachtung der Bäder an die jüdische Gesellschaft 1200 ägypt. Pfund ein. Für dieses Jahr, das aber bis zum jüdischen Neujahr, 1. April 1921, dauere soll, sind bereits 2000 ägypt. Pfuna angeboten, um Wett-; bewerb abzuhalten. mmSmmU