Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 7 (27.1.1920)
- Date
- 1920-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.? "eite 44 \ )UiiDlHCiit RUNDSCHAU __ a1־cnnmllic!1e Tätigkeit der wwiislischm Nntionalrats- Mitglieder erschöpfend geleistet werten. Awh sie;!missen technisch ausführemk• Kniffe zu ihrer Unicrstutz'inig kalter «ich haben. Audi liier ist ein organisierter Arbcits- Mkpci• «las ziou/stisclie Büro oder Amt, uuerlalHicli. 1 Lin Problem ist bisher mir im Voiühergehcn!:c- *;hiiff woixleit, es wir«! aber in naher Zeit alle andern iföerfliigelii um’l unserem Konst.uitinopeler Zionismus über «feu Kopf wachsen: das der jüdischen Wanderung. Feuer 1»nl Schwert, zwischen Bolschewismus und Reaktion auf und nieder fahrend, ja;;er! unsere Massen aus Rußland; l uivhl und Mall nationaler Impotenz, draußen sie aus Potai, Ungarn und Rumänien; Sehnsucht und BereisteriMg zieht sie, seihst aus ruhigen Ciebiefcn, wie Hui- *rien der Zukunfts-Heimat entgegen, Werden die Verkdimi.imme nicdergcnsscii, so stürzt die Wandeitlut «ach Süden: alles, alles auf Konstantinopel! Kaukasus, ft. C . « rl.«•) .11 »1 ■ It Irt .1 .1 f II. ....i ■I . t 11 (l!> .Oall II «k U I < I 11 11 I 11 I I Setiwar/e Meer־l l.itcn und über die Orienthalm nach Kruistautiuopel. Hier erst werden sic sich teilen, die •ach Amerika, die nach Palästina. Eine Wandererkontrolle und -Auslese, «'in geregelter Wniulenings-Sdüifsdirnst, eine Wanderer-Fürsorge sind in den Häfen der Nöte und Wirren nicht möglich. All das zu schaffen, gelingt erst im!;rollen und ruhigen Sainmelhecken, in Kon- «tantiuopei. Bis zum palästinensischen Einfuhrhafen darf •u' Kontrolle nicht warten; Jaffa oder Haifa dürfen nicht aunt grausamen Ellis Island werden. Eine vorgeschobene Stalkm muH die schwere Mission vorwegttehmen: nur KoiistantinopcL Von hier können die Zurückgewiescncn »idi nach Amerika wenden oder in die türkischen (iebiete nbfließcn, wo insbesondere städtische Nieder- Inssiuigcii gute Zukuiiftsnnssichleii haben. ־ In Konstan• tiliopcl also midi das ganze ungeheure Problem der )»üdosl-Wamlerimg (Nnmmlmi;:, Auslese, Fürsorge, Weiterheförtteruug) seine Bewältigung finden. Das ist, zumindest Kir die Wandern,1<; nach Palästina, Eiiren- und Lebern;- •mfgahe des Zionismus. Er braucht dabei nicht allein *1 bleiben; andere Organisationen werden, bei der F'ur-' *vrge besonders, mit Hand .•mieten. Aller die Lösung der Aufgabe ist dringend. Sie muH vor F'ricdensscliluli mH der Türkei und vor Erteilung; des Palästina-Mandates vorbereitet werden. Wenn der Wender sturm fosbriebt, sollte die Organisation, das Waiidemngsnmt, imstande <.e*1, ihn zu empfanden. Die lokale Konst:tnliiiopeler zionistische Bewegung hat nicht die Kraft, eine solche Organisation zu schaffen. Siie hat ihre eigene nicht einmal bewältigen können. Die «hfßcre Form ist /war /iisi.imje gekommen, und cs fehlt weder an Bereisten!׳!*;•, »och au Zulauf, um sie nuszufidlen. 1111 Gegenteil: in allen Vierteln der Haupt- •w>«lt sind die ,.Äch'.wath Zion“, ״Bene Zion“, ״Benoth /.Ävn“, ״ZeVre-Zirwi'‘ 'und die ״Maecabbt“ ins Dasein gesdfossen; Adri.mopcl, Silivri mul andere Provinzstädte folgten, und alle haben sich in der ״Föderation Siunistc «i'Orient vereinigt. Aber woran es fehlt, das sind die Persönlichkeiten, «las fLanze aktiv zu leiten, mit Deist und Tat zu erfüllen, Propaganda zu entfalten, erzieherisch At wirken «las begonnene Hebraisierungswcrk durch/uführen, «lie zionistische Presse auf angemessene Höhe «» bringe!' die or;;.anisierte Gegnerschaft zu bekämpfen und sowohl «lie Fin.iii/en der Landsmannschaft als unsere ■ationalen Sammhinten dem historischen Momente und d־׳.t gewaltigen Palästina-Aiiforderungcn entsprechend *«fxrugcstaltcn. Es gibt kaum jemanden, der genügend Zeit u ui materielle Unabhängigkeit besitzt; sich dieser Aufgaben mit Uer 1100:0-11 Hingebung .anzum-hiiicn. tke kleine Oruppe von Führern, «lie in dem \o!1 Ussischl.ht ges«h.affe״e11 ״politischen Heirat“ vereinigt sind, sind f««t alle im grollen Werke «les Nationalrats und in den Phasen seiner Tcilreaiisierimgen so in Anspruch ge- •fötnmrn dall ihre Kraft für mehr «als ideelle Beratung «Irr Föderation nicht nusreicht. Das Ergebnis dieses /«•Standes ist betrübend. Die Maschine funktioniert nicht, trotz allen Eliten Willens; «lie notwendigsten (leider, Sdiekel, Landesbeitrag, gehen nicht ein, von nationalen Spenden zu schweigen; und das, obwohl viel Gebefreudigkeit und Reichtum genug vorhanden sind; nur, weil «tic organisierenden Hände fehlen. Die Gegner, dir, vom utm ztiriickgetreteneii Cliadianilxiselü gcfü.irt, unter der pseudo-nationalen Flagge einer Föderation ״Bene Israel“ marschieren und von irgendwoher Subventionen beziehen, nützen ihren materiellen Vorsprung zu manchen Erfolgen (siehe Auskauf der ״Aurore“!). Die allgemeine zionistische Geltimg, bei den Massen, bei «len Behörden, gerät ins Wanken. Es fehlen .Stützen. Es fehlt eine Organisation «ler technischen Arbeit, ein Landcsbiiro mit fest verpflkiiteten Kräften. Nur dieses kann und wird «He vollständige Sanierung, nein, d!c- Jenigcu grollen materiellen Erfolge bringen, die der nationalen üefülilsbereitschaft der sef.ardischeu Massen, dem ideellen Gesamtbekenntuis der offiziellen türkischen Judcnlieit zur Palästiiiasachc, äquivalent sind. Ganz besondere Beachtung verdient die Presse. Im Orient hat «las gedruckte Wort noch Zauber» irkitng. Von «ler öffentlichen Meinung hangt noch viel mehr ab als anderswo. Umso schlimmer, wenn wir unseren Feinden auf diesem Gebiet«? unterliegen. Unsere Aufklärung‘, Wiederherstellung, Beeinflussung müssi•:! endlich fühlbar werden, dttrchdnugen, inaHgebeinf wirken. Den Pressetreibenden des ״Russagent“, der Tagcskonrspondeivz der .Schwarzen Hniidert in Pcra, die die gesamte orieutalisclu• Blätterwelt, bis zu den offiziösen Entente-Orgalten hinauf, überschwemmen mul vergiften, müssen endlich (iegenpublikatioiieii ein Ende machen. Auch wir müssen unsere Korrespondenz besitzen, die viel billiger ist und viel expansiver wirkt als eine Tageszeitung, Mit ihr verbunden, so bald und wenn irgend möglich, eine I)epesehen-Agenlur, welehe «lie grolle Summe der gerade in Konstantinopel aus Südost-Uuropa, aus Palästina und aus den Zentren des Westens zusammeuströmeiuleu Informationen nach unseren (icsichtspuuktcu geoiduet, empfinge und. weitergäbe. Ist tatsächlich, wie jüngst gemeldet, eine Telegraphen-Agontur in Jaffa gegründet, so Tt nichts empfefi'.enswener, als ihr in K-.nstantiuopcl eine 1 fauptfiliale zu geben. In Sturm- und Drang/eiten wie «len heutigen können für die Parteipresse im engeren Sinne winzige Wo'henbhittchen nicht inclir genügou. Wir haben in drei Sprachen (französisch, spaiiiolisch, hebräisch) zu sehreihen und lebenswichtige Probienie zu behandeln. Unsere Organe müssen, den hartnackigen Gegnern ,folgend, mindestens dreimal wöcbentlieh erscheinen. Der grolle Wunsch der jüdischen Oeffcntliehkeit, eine hochstehende fianzösiscli-liebräischc, gut illustrierte Revue, <Urt nicht mehr auf sich warten lassen. Für Parteiliterarur Flugblätter, luMschi.rcn, Ueber- Setzungen (in französischer und spaniohsdier Sprache existiert ja fast gar nichts) müssen wir einen Verlag besitzen. Basis für «las ganze Publi/itätswerk jedoch muH emc eigene Druckerei abgebeu, wenn «ler Koustantiuo- I>eler schreibende Zionismus nicht Höriger von Instituten itgeud einer AuslaiHlsmaclit oder irgend eines anderen Landeselementes sein will, die .alle bestehenden Druckereien in Händen haben, oder wenn er nicht Gefahr einer Auss(zcrr11ng von allen Seiten laufen will. Auch liier bedarf cs Organisation, auch liier «ler Persönlichkeiten und Mittel. Alter die Mittel würden sich im Lande finden lassen, wenn nur die Persönlichkeiten wären. Wir mögen die zionistischen Dinge in Konstantinopel von welcher Seite auch immer betrachten, wir stoßen überall auf das gleiche MuH: die Notwendigkeit kraftvollen Beistandes von außen. Die zionistische Eigenweit ist «Fort zu jung, um vom ersten Tage au, auf so schwierigem Boden, auf eigenen Füßen zu wandern. Die große, •erstarkte zionistische Außenwelt, seine zentrale Leitung, «Ins Aktions-Komitee, müssen Ihr Kräfte zuführen - - Persönlichkeiten inül Mittel. Aber diesmal sind «lie Mitte! alles. Sie haben «׳heu ״Persönlichkeiten frei/umailieu•' um «fueii ebenso schönen wie treffenden Ausdruck Dr. Hamkes zu gebrauchen. Erst wenn für unsere Bewegung im Orient Persönlichkeiten freigemacht sein werden, wird sic den Platz in unserer Welt* Organisation entnehmen, den wir, entsprechend der Wichtigkeit der geographischen Lage ihres Schauplatzes, von ihr zu erwarten haben. Als organisatorischer Rahmen zur Bewältigung aller Zweige der zionistischen Arbeit im Orient wird ein Zionistisches O r i c 111 b ü r o vorgcsclilagcn. das unter Leitung eines bewährten, euergiseitcu und landeskundigen Gesinnungsgenossen, unter Kontrolle des Vertreter» des Aktions-Komitees, mul p,״ raten «hirch den ״Ginseil politique“, folgende AAHfei- Hingen enthalten soll: 1. Politische Sektion. ״ 2. Sektion für Ihibli/istik; a) Telegraphcn-Ageidur mul Zeinmgs-Korrcs'ponden/; b) Presse (frän/ösud* spaniolische, hebräische); c) Verlag; d) Druckerei! 3. Sektionfür Emigration*): _ a) Information sdicr.x; (Galulb, Palästina); b) Sanitätsdienst (Gesuailtn j(<- lonirolle und -auslcse, Quarantainc); «•) Konti«!!« irid Statistik (Beruls- und Eigtuingsauslese); dl J>1:. ‘teile; e) Balm- 11,ul Schiffsdienst (Pnssagc.Frae'iti• t) Wechselstube; g) Hilfsdienst (Unterkunft, Y\,־! pfleipnig, Kraukciipilege, Beratungsstelle für /’הזו! bleibende, Armrnfür-kirgc, ArbcitMtachweid 4. Sektion «ler Federation Sionistc d'Orient: a; S׳4׳r(. («ariat und Kasse; h) Finanzen (Fa-tdcsbeüt;״ Schekel, Nationalfoiids usw.1; c) PropagamLa; V! Kulturarbeit (Schulen, Kindergärten, Kurse); >:}!׳;. lästina,arbeit. In diesen! Rahmen, der zu dem Gebilde des Ikihm 1 Zwu'iü•sehen Zcntralbiinis gewisse Analogien aufw« 1«t, soll die zionistische Arbeit ziuammcngcfaßt und giordnet werden, soll «las Bestehende erhalten und NeiU'. Grolles gcsdiaffcn werden. Die Angelegenheit «Irängt. Im Orient kommt der Herbst ebenso plötzlich wie der Frühling. Zerfall «tbeuso leicht wie das Entstehen. Darum muH rechtzeitig vor.ausgeschatit und vorgdvmt 1■ rden. Die Verantwortung ist eine große. Will der Zu - ntsmtis an der Weltangelstelle der Orienlpolitik uial «uif die Hauptpforte unserer Palästina-Wanderung Einlhil! behalten «xler nicht? Will der Zionismus leitender pn'itischer und kultureller Fakt!r in der oricutaliseheii Judenheit bleiben oder ins Nichts zuriiekgedriiekt werden- Will der Zionismus eine lebendige und produktive Lan׳'׳ - Organisation im Orient oder will er sie in Ohmn: clu verkommen lassen? Die Maßnahmen unserer Parteileitung werden -V1 י wort gehen. F)r. Israel Auerbach, Konstantinopel, zurzeit K'.>IB Der Bezalel Der Verein Bezalel, der sielt die Verbreitung ׳׳..׳! Kunsfgewerbe und Hausindustrie in Palästina imd ck1׳ Nachbarländern zur Aufgabe gemacht hat, sicht jetzt die Zeit gekommen, nach der Beendigung «k-s Krieges seine AtIkü wieder energisch aufzunchtneti. Nachd«;! die Vorräte i!1 Europa 11ml Amerika vöüig crs«h(1pft %׳•;׳, ist das Verlangen nach kunstgewerblichen Waren en« Palästi::a atilierordeiitlich g«־wachsen. 13er Verein, 1k r «lie Kmistgewerhesehulc «u Jerusalem unterhält, an \!.1:׳ Werkst.äße 1 Pez.det <1. nr. b. H. finanziell beteßigt ist und außer..■ : midi ein Kunstgewcrbe-Museum in Je!,; salem besitze beabsichtigt in Deutschland vor ,11״ , die für die Schule he nötigten Materialien cinzukaufe!♦. da diese infolge des niedrigen Standes unserer Yalura liier bexlciuend billiger zu beziehen sein werde« i.B anderweit!';;. Obwohl die aus Palästina cin/11''ul1reivä•״ Waren aus dem gleichen (irundc weit höher als bisbvr im Preise stehen werden, so hofft der Verein «ioch.;״ der nächsten Zeit wieder einige Waren einführw z!1 können, da das Verlangen nach solchen sehr groß Während des Krieges tmd auch jetzt noch werden tik in den Bezalel-Werkstätien hergestcllten Gegenstände freilieh hauptsächlich nach Amerika oder in Palästina selb‘׳, verkauft. Die Kutiidgewcibeschule des Vns-ins in Jeru^Um konnte wahrend «les Krieges nur durch «lie Beihilfe Amerikas und Englands und der britischen Koloniei! erhalten werden. Wegen des geringen Standes der deutschen Mark bittet der Verein seine Mitglieder und Frcumk' dringe!!(! um tatkräftige Unterstützung, besonders dankbar wird er auch sein für Schenkungen und Vermächtnisse kuiwt gewerblicher Gegenstände aller Art für sein Muse1•!!(!״ Jerusalem, das jetzt s.vslcniatisch ausgebaut werden - II. *) Oder Zentrale für Palästina-Wanderung, «lie o;h zu einer eigenen großen Organisation auswachseti w«ro Schlaflied für Mirjam Vor nunmehr eimmd/.wau/ig Jalireo entstand ein Ge- •!!«.fit, «Ins Riclnrd Bccr-Hofmanti zum Verfasser hat. Es heißt ״SchSaflied für Mirjam“, stand bereits in «ler üaminlung ״Junge Harfen“ und ist jetzt vom S. Fischer- Verlag, auf ein besonderes Blatt gedruckt, der Oeffeutüchkett wieder zugänglich gemacht worden. Der kürzeste Ausdruck für dieses Gedicht liiHt sich nur tlnrch ein Paradoxon finden: cs ist das Volks- Hrri des Westjuden; cs gs!>t keinen anderen Ausdruck «tufiir. Fs enthält die tiefsten und letzten Erkenntnisse, 4n denen nur ein spater Sproß gelangt und die nur rin sjWiter Sproß so ohne Aufschrei ruhig und gefestigt m aller Hoffnungslosigkeit zum Vortrag bringen kann. Hier ist das Wcstjüdische. Volkslicdhaft aber ist diese erschütternde Einfachheit, die es wagen darf, solche!Finge «fein Kind an der Wiege zu singen; volksliedhaft die *chliclite Innigkeit, die bloße Erkenntnis durchwärmt und in die Höhe «les Gefühls erhcM. ״Schlaf, mein Kind" so begiiyit jede der vier •»ti'ophcn, und ebenso schließt sic auch. Was dazwischen liegt, ist diesem Anfang und Ende angepaßt durch das ruhige Gleichmaß des Rhythmus, der an das cinlullende Sdiaulcln der Wiege erinnert, und durch die häufige Wiederkehr der gleichen einfachen Reime. Dies alles aber ist nur wie Begleitmusik in Moll, aus der, gedämpft und doch eindringlich, die Melodie entsteigt. Das letzte Abendrot, ein Saum über den Bergen, wird Anlaß zur Betrachtung. Und hier bereits — in diesem Umriß der Natur ohne Details, in diesem Umriß als Symbol und nicht als Bild um seiner, selbst willen — erklingt für mem Gefühl der erste jü«lisdre Ton «J*5 Lieds. Und der zweite schließt stell gleich an. Ein Gerelfter weiß um Sonne und Sterben, um Schein und Ver* gksigtklikert •n verhaltenem Sclftnerz. Und aus soldKtm Grundgcfiiht, nicht aus dem Drange Jugendlicher Kraft kommt seine Lcheusbejahung. Kein Aufhebens von tinscrm späten Wissen, scheint er zu sagen; wichtiger ist das junge Leben, das sich zum Licht wendet: ״Schlaf, es sind so viel Sonnen noch dein.“ Die Betrachtung geht Weiter. Daß wir durch eine verhüllte Welt tappen, mit «1er ewig unbeantworteten Frage nach dem Warum im Herzen — diese alte Weislicit ist nur der Auftakt zu der tieferen, nicht alltäglichen Erkenntnis von unserer Frcmtllieit unter den Menschen. Die nie überbriickbarc Kluft zw'isdien item Ich und dem Du; die schauerliche Einsamkeit, die im Grunde jeden von uns umfangen liält — von dieser letzten und schwersten Erkenntnis singt hier einer auf eine Art, daß ein Kind cs!«greifen könnte und daß einem Begreifenden heim Nachsprechen die Stimme versagt. Dieser Gedanke im Wiegenlied, Müttern sangbar gvmacht, als wäre er nicht Produkt eines einzelnen Denkers, sondern aus tieferen Tiefen emporgerauscht - das ist Wcstjüdiseh bis ins Letzte. Und noch ist das Bitterste nicht gesagt. Es liegt darbt, daß alle Kümpfe und alles Erkennen vergeblich gewesen sind. Nichts von dem Gewonnenen ist iiliertragbar; jeder beginnt von vorn, und gewesenes Ringen wird niemand zur Hilfe. Fällt in diesem Augenblick da» Auge des Dichters, bisher ins Weite gewandt, auf das Kind vor •hin? iviiid das nicht seine Züge, ist «las nicht Blut von seinem Blut? lind in dieser letzten Strophe zum erstenmal klingt der Name: Mirjam. Vor diesem hebräischem Klang wird manches zunichte, was er vordem gedacht. Ge schlechter steigen wie aus Nebeln herauf, und ihre Reihe weist in die Zukunft. Blutsverbundenheit hebt die Einsamkeit auf und die Uavergäuglkhkeit des Geschlechts die Vergänglichkeit des einzelnen. Der geistige Westjude, mehr auf WaM- Verwandtschaft dem! auf Verwandtschaft gestellt, fühlt zum Schluß doch immer wieder, daß nicht die geistige will auch nicht die körperliche Verbindung das Du z!;m leb und das Ich zum D.1 machen können. Der ״ciüigr Wcstjmte, skeptisch und ein Kind dieses natunvGcnschaftlichen Jahrhunderts, trägt in sich doch die Sehnsucht nach der Ewigkeit, die ihm keine theologisdic Jenseitströstung befriedigen kann. Bis das Kim spricht; bis Vor emem hebräischen Laut jäh zur Klarheit «aliislt, daß ,man das Selbe nicht werden, aber durch •»!:־׳<- Verbundenheit sein kann; daß das Dasein d«< einzelnen, auch wenn er hiagcht, niemals vergebens war, weil noch Blut von seinem Blut das Leben Kommender bestimmt. An «Icr Wiege seines Kindes erlebt ein spät«■!־ Enkel aufs neue den Ewigkeitsgedanken des alten Judentums. Und noch einmal nennt er nun Schluß, um verschleierter Stimme, den Namen Mirjam. Wer von uns dieses Gedicht einmal gehört oder ><.- lesen hat, den verläßt cs nicht mehr. Es wird ein Teil von ihm selbst. Jedes Wort wird einem gleich -> wunderbar vertraut, als hätte es einem die Mutter in «kr Jugend gesungen und als hätte es auch die wk«ur von früheren übernommen. Man vergißt völlig tk״ Dichter darüber. Volkslieder sind uns im allgemeinen nur auf mehr oder weniger mittelbare Art zugängbeh. Wir körnten ihre Schönheit emptindea; sie können im» auch durch lange Bekanntschaft vertraut sein: ein uomittelbarer Ausdruck unseres eigensten Empfindens, wie;etwa die Gedichte irgendeines besonders geliebten Dochters, sind sie selten. Hier ist beides: Diese Ver-e smd so sehr wir selbst, daß es uns scheint, als wären sie nur zufällig nicht von uns, 90ndem zufällig von irgendeinem Namenlosen unseres Blutes, in uns wirksam und dabei längst verschollen. ßlaubc nicht, daß ein Dichter reinere und tiefere Wirkung üben kann. ' München. Gustav Krojanker.