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Jüdische Rundschau · 1920-01-27 · Heft 7 (27.1.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 7 (27.1.1920)
Date
1920-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Artikel Weizmanns im ״Haarez“, den wir in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rund- -cliau" veröffentlicht haben, sowie die Abreise Herbert Samuels nach Palästina haben auch weiteren Kreisen /um Bewußtsein gebracht, daß die englische Regierung nicht allein grundsätzlich ai» der'Balfoursehen Erklärung fcsthält, wie dies <ejn Nachfolger, Uml Curzon, feierlich kundgetan i1.)t, sondern daß auch die unerträgliche Periode di s Wartens vorüber zu sein scheint und wir an der Schwelle des Beginns positiver Palästinatiitigkeit stellen. In diesem Zeitpunkt erhebt der ״Israe-!!!“, das Organ der deutschen Trennungsorthodoxie, ,ment die Trage, ob ein zionistisches oder ein jüdisches Palästina entstehen wild. Solange die /!׳)iiisieii sieh der englischen Regierung gegenüber als die einzigen Vertreter des jüdischen Volkes .1usgebcn, so meint das Frankfurcr Blatt, liegt in der Mitwirkung eines Zionisten wie Herbert Sam;1cl an der Verwaltung von Crez Israel ״eine , in i n c nte O e f a h r für die ganze Zukunft I 1׳ez jisroels“, Das begründet der ״Israelit“ durch den Hinweis darauf, daß die zionistische Organisation ein Vorkaufsrecht bei allen Bodenkaufen zu erhalten hofft und glaubt deshalb, daß dii• Orthodoxie nicht länger ihren Anspruch auf ungestörtes Leben im Laude ihrer Väter zurückzustellen berechtigt sei. Der ״Israelit“ appelliert za die Orthodoxie der neutralen und der Entente׳ Gmler, ihren Einfluß in dieser Richtung gelten;, zu machen. Die zionistische Organisation hat über das Ziel ihres Strebcns niemals Unklarheit entstehen lassen. Sic will Palästina als die nationale Heimstättc des jüdischen Volkes aufbauen. Niemals hat in der zionistischen Organisation der geringste Zweifel darüber obgewaltet, daß Palästina jedem Juden offcnslchcn soll und daß jede Position, die die zionistische Organisation in Erez-Israel erringt, als ein positiver Faktor für das gesamte Judentum angesehen werden soll. Es war das Bi streben der zionistischen Organisation vom ersten Tage ihres Bestehens an, alle Kreise des jüdischen Volkes zu organisieren. Sic ist die zielbewußteste, planvoll arbeitende Gruppe im jiidisehen Volk, die wegen dieser Eigenschaften als inzige sich als berufen und geeignet erwiesen hat, die Interessen des jüdischen Volkes wahr/.unehmen. Niemand bestreitet der wahrhaften, von indischem Leben durchpulsten Orthodoxie das historische vom ״Israelit“ betonte Verdienst, den Palästinagedanken durch die Jahrhunderte in den Merzen des jüdischen Volkes lebendig erhalten zu haben. Aber die Orthodoxie ha es abgelehnt und hat auch nicht die Fähigkeit gehabt, den Wunsch von Jahrhunderten zum politischen Programm wciterzucntwickcln und in jahrelanger zielbewußter Arbeit die Erfolge vorzubereiten, die die Situation im Kriege zu pflücken gestattete. Das tat die zionistische Organisaiion und daraus leitet sie die Berechtigung ab, die von ihr und nur von ihr begonnene politische Arbeit zu erfolgreichem Ende zu führen. Wenn der ״Israelit“ daran erinnert, daß Balfour un jüdisches national hotne und nicht ein ziouistischcs verheißen habe, so hat er in der Tat das bewilligt, was die Zionisten von ihm vorkii'.gt haben. Aber der ״Israelit“ darf auch nicht vergessen, daß Balfours Brief mit der Aufforderung an Lord Rothschild schließt, von seinem Inhalt die zionistische Organisation in Kenntnis zu setzen. In der zionistischen Organisaiion sah der englische Nußemninistcr mit Recht die legitimierte Vertretung des jüdischen Volkes. Und diese Legitimation hat das jüdische Volk der zionistischen Organisation erteilt. Es ist über- ׳bissig, an dieser Stelle wieder einmal auf die Beschlüsse von Kongressen, Vorparlamenten, Nationalräten, Gemeinden und anderen Körperschaften hinzuweisen, die die zionistischen Forderungen als die des jüdischen Volkes anerkannten und den zionistischen Führern als den gegebenen Führern ihr Vertrauen und ihre Unterstützung zusichcrten. Gerade die heutige Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erinnert an den einstimmig gefaßten Be- Schluß des canadisch-jüdischen Kongresses und bringt einen Brief der jüdischen Gemeinden aus ״Der Zlonljmn» erstreb! für du Jüdbdie Volk d!z> Schaffung einer gedeherfe* Hcluntifte ist PülÄciina." Butler Fregrannn. der Gegend von Minsk, zwei Kundgebungen, die erneut beweisen, daß die zionistische Organisation mit Fug und Recht die politische Führung unseres Volkes beansprucht. Aber die z.Lonistisclic Organisation hat mehr getan. Nicht ihre Schuld ist es, wenn das deutsche Judentum den Kongreßgcdanken' nicht verstanden hat und wenn der ״Israelit“ in ,völliger Uebcreinstimmig mit dem ״Hamburger Israelitischen FamilicnWatt“ den Kongreßgedanken ablchnte. Wer sicli selbst ausschaltet, soll wenigstens nicht andere beschuldigen, daß sie ihn ausschaUen. Denn die deutsche Orthodoxie weiß wohl, daß die splendid isolntLo», in der sie sich freiwillig in Deutschland befindet, nicht der Standpunkt der Orthodoxie ■;mliier I ander ist. Ihr Organ hat die Orthotloxie anderer Länder angerufen. Weiß es nicht, daß die Orthodoxie mit fliegenden Fahnen überall ins Lager des Misrachi strömt? Ist ihm nicht bekannt, daß jüngst die Rabbiner orthodoxer Riehtiuig in den Vereinigten Staaten einmütig den An- Schluß an den Misrachi proklamierten? Er lese die erfreulichen Berichte, die Rabbi Meir Berlin in der letzten Amsterdamer Misrachistenkonferenz über die Fortschritte des Misrachi in Amerika er* stattet hat. Vielleicht wird er doch langsam zu der Erkenntnis kouunvn, daß der Standpunkt der deutschen Trennungsorthodoxic nicht der der außcrdeutschen Orthodoxie ist und daß die Frankfurter Orthodoxen auch in der Weltorth •doxie bald ebenso isoliert sein werden, wie im deutschen Judentum. . f, L. Die A.-C.-Sitzung einberufen London, 22. Januar 1120. (Eigene Drahtineldung.) Das Engere Actionscomite hat die bereits angekündigte Sitzung des Großen Actionsooinites auf den 10. Februar 1020 nach London einberufen. (Wie erinnerlich, wurde die Jahreskonieien/ mit Rücksicht auf die bevorstehenden Mnndatsveihandlangen und die Umnügliehkeil für verschiedene Landesverbände, Delegierte zu senden, auf unbestimmte Zeit verschoben und gleichzeitig die baldige Anberaumung einer Sitzung des (iroltcn A. C. .ingekündigt,) Jüdischer Gemeindetag für Weißrußland Am 2. Januar trat in Minsk rin Gemeimlctag für Weißrußland zusammen, der von 87 Delegierten, die '10 <lemeimlen vertraten, beschickt war. Unter den Delegierten waren •!׳> Zionisten und 12 Orthodoxe. Die ortlw• doxe Guippe zeichnete sich auf der Tagung durch bcsondere Aktivität aus und trat sehr anspruchsvoll auf. Es kam aber in den wichtigsten Punkten zu einem Vorgleich. Hei der Wallt des Präsidiums verlangten die Orthodoxen, indem sie sicli auf die Praxis der alten VieiiämUrsyisoiU‘ im 17. Jahrhundert (!) beliefen, die Wahl <ies Miusker Oberrabbiuers, R. Llieser, zum Ehren- Vorsitzenden. Die Forderung stiel) aut heftigen Wider- Spruch. Die gemäßigten Gegner wiesen darauf hin, daß der Oberrahbüicr nicht fiir nötig fand, auf der Tagung zu erscheinen und sie zu begrüßen, und daß außerdem ein Ehrenvorsitzender nur einstimmig gewählt werden kann, wofür die Tagung nicht zu haben ist. Die radikalen Elemente sprachen priuzipicH gegen den Vorschlag; manche führten Parallelen zwischen de« ehemaligen uiui den zeitgenössischen Rabbinern durch. Der Vorschlag der Orthodoxen wurde abgclchnt, worauf sie, die ursprünglich die Tagung zu verlassen drohten, unter Proiest blieben, aber sieh an der Wahl des Präsidiums nicht beteiligten. Zu einem Widerspruch der Orthodoxie kam es noch einmal bei der Abstimmung der Resolution über die jüdisch-nationalen Forderungen. Die Orthodoxen verlangten, statt einer ״nationalen Heimstätte“, von einer national - re 1 i g i öse n Heimstätte zu sprechen. Nachdem man ihnen aber kiarmachtc, daß der von ihnen verlangte Ausdruck nicht gut ins englische übersetzt werden kann, nahmen sie ihren Widerspruch zurück, so «laß folgende Resolution einstimmig gefaßt werden konnte .־ ״Die Tagung der Vertreter der jüdischen Gemeinden in der Provinz Minsk begrüßt mit ״rüßter Zufriedenheit die jüdischen Volksvertreter bei der Pariser Friedenskoufeienz in ihrem Kampf für die national-personale Autonomie der jüdischen Minderheiten in der ganzen Welt und für die Scliaffmig einer jüdisch-nationale!( 1 leimstätte in Palästina. Die Tagiuig drückt die Bereitschaft der jüdischen Bevölkerung der Provinz Minsk aus die Volksvertreter bei der Verwirklichung der gerechtep jüdischen Forderungen tatkräftig zu unterstützen.“ Eia zionistisches Orientbüro in Konstantinopel Konstantinopel hat auch in der neuen Situation ־,eine Bedeutung tiir unsere Bewegung nicht verloren Die Eni• Scheidung über Palästina ist d >11 zwar nicht nienr zu holen. Aber dieses größte unserer politischen Probleme ist durch andere ersetzt, die es noch immer nahe genug berühren; muo sind daziigetreteo, tmd die parteipolitisehen sind akut j;ew,n1־h׳n. Auf diese Weise sind unsere dortigen Aufgaben sogar ins Ungern«■׳.sene gewachsen gerade infolge der ungeheuren Umwälzung, deren Markstein der Abschluß des Waffenstillstandes gewesen ist. Die Aufrichtung einer tatsächlichen Entente-Vorherrschaft am Bosporus, das nationale Erwachen und Empordriingeii der früher vom Halbmond unterdrückte!» Elemente, die Anerkennung der grollen Forderung des jüdischen Volkes durch die siegreichen Mächte, die Anfänge zur Vor Ixrcitung Palästinas, die Versammlungen jüdischer Politiker in Paris und in London, die furchtbare VeTscliärfiuij der jüdischen Nöte in Polen, in Ungarn, in Rumänien und Südrullland, die gleichzeitige Abschnürung des letzteren vom Weltverkehr, das alles schuf uns neue Situation«* in Koiistnntiiiopel und stellt ungemeine Anforderungen un unsere EiiIm hlußkraft und materielle Arbeit zu ihr« teeluiisclien Bewältigung. Die neuen Aufgaben fallen in zwei Domänen, in die rein zionistische und die nationaljudisclie. In die erstere gehört; die Vertretung der zionistisehen Interessen vor den Autoritäten (fünf ObrTkommissariatc der alliierten und assoziierten Mächte und die türkische Regierung), sowie vor den jüdischen Instanz»•« (G10llrahbiu.1t, Naiionalrat, Gemeinden, ()rganisatiouni), der Verkehr mit dem Actions-Comite und den Palästinaändern; Vermittlung des Depescliendiensk־? und der Korrespondenzen zwischen Südosteuropa und Paris -Lewdon— Palästina; Erwirkung der Aus- und Einreise-Erlaulmissc für politische und wirtschaftliche Sendboten 11»»• seicr Si'ul-E;0HismannM.׳l»aftcn nach und von den Entente- Hauptstädten und Palästina; Schutz oder Befreiung in Konstantiuopel verfolgter oder gar eingekerkerter Elüehtliugc aus Rußland oder Rumänien: Bekämpfung in Wort i.iui Schritt der Verleumdungen und Zeltehingen der Schwarzen Hundert, die ihr Hauptquartier nach Konstantlnopel rückwärts verlegt haben; Intei-ventionen gegen generelle Jmlen-Ausreise-Verbote, die entcntistischc Okku• pationsstcileu als Folge solcher Ränke hin und wieder erlassen; Herstellung und Ueberrcichung dokumentarisch belegter Rapporte und Memoranden über die watire Lage der Juden indem Verfolgiingslämlern, inhcgriil'cit Saloniki; Beschaffung und Weitergabe von It.for; latKiien übe; ehr Entwicklung «ler Dinge und Anriedluiigsmdgiichkeiten in Palästina; Einholung und Verbreitung von informationc• über »nid für die tatsächlich bereits begonnene Wanelcrung; Fürsorge fiir die ciiitreffendcn uml vorübergehend oder dauernd in »ler Stadt zuiückgchalkmei» Emigranten; schließlich «las ganze große Gebiet »ler Ausdehnung Organisierung und Aktivierung «ler zionistischen Beweguiig im Orient, Propaganda und Presse, kommunale, soziale und kulturelle Arbeit miteingeschlossen. Der weit• aus größte Teil all dieser Arbeitslasten fällt bis heute auf die Schultern eines einzelnen Mannes, des zionistisehen Vertreters in Konstantinopel. Aber es ist ganz unmöglich, daß ein Einzelner sie bewältige. Hier kann auch freiwilliger Beistand hingebungsvollster zionisti• scher Freunde und kein noch so gewandter Sekretär Al> liille schaffen. Hier braucht cs einer Organisation, eine« zionistischen Arbeitsbüros oder -amles. Wie stebt’s mit der nationaljiulisebcn DomäneV In oe fällt die Behandlinm aller «ler Probleme, »lie «las jii- «lieche Element als solches im vorderen Orient bctrclien oder, anders formuliert, «lie Teilnahme »ler zionistischen Faktoren am Arbeitsgebiete des Jüdischen Natio11nlr.it* der Türkei. Diese wichtige politische Körperschaft ist kurz nach Wafienstillstamlsabschluß auf zionistische Initiative gegründet worden. Sie zählt unter ihren Mitgliedern nicht w eniger als die Hälfte, nämlich stellen, Z;unisten, darunter den Vorsitzenden der Landsmannschaft Nessim Ronsso als Vizepräsidenten, »len Vertreter «le> Actioiis-Comites Dr. J. Cnleb als Mitglied, und den Schiciber dieser Zeilen als Generalsekretär. Das Arhcits- Programm des Nationalrates war uml ist außerordentlich schwierig lind verantwortungsvoll; Proklauiienmg des Grundsatzes «ler politischen und kulturellen Autonomie «les jüdischen Elementes innerhalb des Staatsgan/411; Durchsetzung ihrer Anerkennung bei der türkischen Regicrung und »len Oberkomniissariaten; Ausarbeitung der autonomen jüdischen Verfassung und der Neuorganisation «ler Gemeinden auf national-demokratischer Baris, Vorbereifuug »ler jüdischen Konstituante; Stellungnahme zur künftigen politische!» Neuordnung des vorderen Orients und zu den Lamleselementen, dem türkischen, dein griecluscheu -uml «lern armenischen; Schutz aller im lande wohnenden Juden, der einheimischen, die zuweilen, wie in Thrazien, schwer gefährdet sind, mul »Irr ausländisehen, die durch den Waffenstillstand mit Aiislmbmig bedrohten miteingeschlossen; Schaffung einer kraftvollen und würdigen nationalen Presse; tätiges Bekenntnis zum universellen, nationalen Judentum 1111»! seiner Hauptziele Palästina als Heimstätte und Autonomien im Ualuth. Dies gewaltige Programm ist in wenig Monaten zu größtem Teile erfolgreich erledigt worden. Die machtvolle, einmütige und erhebende Demonstratimi der turkisch-jiklischen Nationalversammlung zugunsten »1er Palästinasache ist in aller Gedächtnis. Muß da noch erst bewiesen werden, wie wichtig, ie unumgänglich die kiältige, offizielle, ja• ausschlaggebende Einflußnahme der zionistischen Instanz in» Lande auf diese Körperschaft ist, mid daß dafür gesorgt werden muß, daß ihre Probiente nie anders als in »uisereni Sinne ihre Lösung finden?'Allein mich das kann nicht durch die freiwillig«.!,

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