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Jüdische Rundschau · 1920-01-23 · Heft 6 (23.1.1920) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 6 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 36 jUüDI8ßH0 RUNDSCHAU Nr. 6 Die Lage an uusern zwei fronten Voii!*rofcssor Dr. C 11 a»m W e 1' z m a n n*1•. Unser« politische Arbeit wird auf zwei Fronten geführt: Eine in London, »md auf der Friedenskonferenz und eine in Palästina. W/u dio Londoner Front betrifft, so interessiert unsere Freunde um meisten die Grundfrage, ob wir etwa* bekommen haben und ob wir genügend verlangten. Wir, die wir im Zentrum der politiscUien Arbeit stehen, waren durdi viele Umstünde gezwungen, intuitiv ru liandeln. Man konnte nicht von vornherein fest setzen, was zu fordern inögltcli ist und was nicht. Der Nachdruck der Forelcrungeri hi1׳g von unserer inneren Kraft ab; unsere innere Kraft aber fließt aus zwei Quellen: aus der JudeuiKrt mul positiv au» der Erkenntnis der sdiöpferischen Kräfte im Judentum. Diese Encrgien waren uns nicht immer offenbar. Eine lange Zeit lebten wir nicht in einem jüdischen Zentrum, sondern! In dnem Lande, wo der Zionismus uioht allzusehr entwickelt w׳ar. An unsere Ohren schlug aus der Feme das Echo großer Bewegungen. Es war aber in diesem Widerhall nicht die nötige Stoßkraft. Die katastrophalen grausamen Ereignisse, die inzwischen unser Volk heimsuchten, liabcn ihrerseits unsere Arbeit nicht nur nicht gestärkt, sondern eher gehemmt, und das aus zwei Gründen: erstens lähmten uns die״Hilfeschreie und raubten uns die Bewegungsfreiheit, andererseits war uns klar, daß keine territorial-politische Lösung imstande ist, den Volksqualcn eine schnelle radikale Hilfe zu bringen. Wenn wir nicht dieses Bewußtsein hätten, so hätten wir una in der Auffassung des Zionismus nidit von den Ugaudisten tmlcrsdiicden. Wir köiuiten somit nur so arbeiten, wie uns unser Gewissen diktierte; gemäß denjenigen Bedingungen entsprechend der jeweiligen Erkenntnls, was zu crreidien und was zu verwirkliehen möglich ist Uns schien der Schwerpunkt imscrcr Arbeit in der Erringung der Anerkennung des historischen Rechtes unseres Volkes auf Palästina zu liegen. Nachdem dieser moralische Wechsel von den Welt- »nächten unterzeichnet sein würde, wird die Einlösung durch die innere Anstrengung des Judentums erfolgen. Dabei war uns vom ersten Tage au klar, daß zwischen der Deklaration der Rechte und zwischen ihrer Er- Werbung die »chwerste Epoche des Zionismus liegen wird, in der unsere Intelligenz und un9ere Kraft durch die Wellen der Erlösung auf die Probe gestellt sein wird. Für midi war die Üalfoursche Erklärung eine Fanfare, die die Massen aufnüttcln und eine Art mcssianischc Bewegung nuslösen sollte. Was aber ist tatsächlich geschehen? Abgesehen von der Jüdischen Legion in Palästina, die ein Funken dessen ist, was ich zu sehen hoffte, ist nichts außer einer unfruchtbaren Ekstase entstanden. Sogar an Geld ist bloß etwa eine tialbe Million Pfund cingcgangen. Das Judentum hat eigentlich noch nidit reagiert. Noch ist die große Vision nidit Tatsache geworden. Das verkleinert den Wert der Deklaration. Vielleidit sind auch wir daran sdiuld. Wir lebten nicht unter den Volksmassen und mit ihnen. Und eingesidits dieser Sachlage haben wir ein Maximum erreicht Ich bin kein Diplomat, und wenn ich etwas erreicht habe, 90 ist cs gerade deshalb, weil ich kein Diplomat bin. Balfour hat in seinem Leben mit größeren Diplomaten als icli bin zu tun gehabt. Wenn Ihr mich tödlich treffen wollt, neiuit mich Diplomat Idi kam zu Balfour als einer vom Volke und erzählte ihm einfach und aufrichtig über unsere Volkssache und deshalb hat er mich verstanden. Und weil ich 90 und nicht anders ans Werk ging und weil Aufrichtigkeit meine Waffe war, konnte ich «jebt mehr berichten, als das, was ich fühlte. Ich fasse zusammen. Die Erklärung und das Mandat werden diejenige Bedeirlung erlangen, die w i r ihnen geben werden. Für den Erlolg ist wichtig, daß wir bercits jetzt das Mandat als gegeben betrachten und bereits jetzt die mächtige Bewegung entfachen, die für die Verwirklichung nötig ist Wir haben nicht nur wissenschaftliche Plane zu entwerfen, sondern auch noch unsere größte Kraft mobil zu machen, von unserer stärksten Waffe Gebrauch zu machen — vom Prophetismus, •wenn anders diese Kraft noch im Judentum wach ist. Wenn man mich fragt, ob ich diese Vision bereits vor mir sehe,׳so antworte ich: Ich sehe einzelne Funken, aber noch nicht die Flamme. Vielleicht aber . '. . . Was erreicht wurde, ist folgendes: Palästina wird die für das Wirtschaftsleben erforderlichen Grenzen haben, die vielleicht noch weiter sind, als die historischen Orenzen. Innerhalb dieser Grenzen werden wir wirtschaftlicli-politische Bedingungen vor uns haben, die für die Entwicklung günstig sind. Das jüdische Vom erhält Vorrechte auf öffentliche Arbeiten; 4uf Bodenerwerb und das Recht der Pflege seiner kulturellen Eigenart. Diese Vorrechte aber erfüllen wir nicht als priviligierte Günstlinge, sondern als Oeirfekiscliaft, die der Entwicklung des Landes seine ganzen Kräfte jn nützlicher Weise widmet Was. besondere wichtig ist, ist die Anerkennung der Einheit des jüdisehen Volkes in Palästina und •ußertulb. Die palästi* •) Aus ״Haarcz“ (Jerusalem) für die ״Jüdische Rundschau“ übersetzt. ncnsischc Jndeuheit wird als politische Einheit betrachtet werden, nicht nur'derjenigen Juden, die in Pa- Jästina tatsächlich wohnen, sondern auch derjenigen Juden im Gahith, die sich auf Palästina orientieren wollen. Die zkmistische Organisation oder diejenige Organisation, die von dir geschaffen werden wird, wird von der Welt als politischer Faktor anerkannt werden. Mit Hilfe dieser Grundbedingungen und mit Unterstützung der englischen Verwaltung Palästinas, in der die Juden teitneUmen sollen und sie entscheidend beeinflussen, ,werden wir die große Arbeit -vollziehe» können. Ich komme nun zu unserer Front in Palästina. Bis zu meiner Ankunft stand die englische Regierung auf dem Standpunkte des Status qiio, so daß man nichts unternehmen konnte. Das führte zu einer Dcinoralisierung ,und Verzweiflung. Man verlor das Vertrauen an England, da die Engländer jeder systcniatisehen ,Arbeit abhold waren. Jetzt aber ist eine gründliehe Aendenzng «!!getreten. Wir haben zwar noch mit objektiven Störungen zu.kämpfen, weil doch eine Okkupationsbdiörde nicht ^o rasch arbeiten kann, wie eine normale Zivilbehördc. Die Engländer sind ,aber bereits grundsätzlich mit einer plan- »׳ollen Arbeit und mit einem Beginne» der Ein- Wanderung einverstanden. Das ist vorläufig für eine lange Zeit eine genügende Inanspruchnahme der Landcskräftc. Weitere Aenderungen hängen von uns ab Die Engländer glauben nicht an Reden. Sie kennen nur das Tatsächliche. Sie sind Empiriker. Die arabische Frage ist sehr verwickelt. Sind wir doch selbst Nationalisten; wenn es unter den Arabern eine nationale Bewegung gibt, so müssen wir sie ernst nehmen, idi habe deshalb immer mit F a i s u t gerechnet. Er ist der einzige, den man ,wirklich als Vertreter einer Bewegung betrachten kann. Obwohl er selbst in einer bedrängten Lage ist, hat er doch das tiefe Verständnis dafür, daß cs in seinem Interesse Ist, mit den Juden zusammenzuarbeiten. Wir haben sogar einen gemeinsamen Arbeitsplan ausgearbeitet. Was die Lage an Ort und Stelle betrifft, so kann ich kein endgültiges Urteil abgeben. Die Araber befinden sich unter verschiedenen Einflüssen. Man sagt ihnen zweierlei. Erstens, daß die Juden mit ihren Millionen das Land erobern und die Araber verjagen würden. Wenn sie die Reden unseres D’AnnunzIo. des Herrn Zangwill lesen, so können Sie daran glauben; verantwortliche Zionisten aber liabcn nie so etwas gesagt oder gewünscht. Zweitens dachte man, daß in Palästina kein Platz ist für eine größere Einwandererzahl. Dies beruht aber auf einer absoluten Unkenntnis der Verhältnisse. Es genügt, sich Tunis, Tanger und Kalifornien anzusehen, um zu begreifen, daß es ein Arbeitsgebiet für zahlreiche Juden in Palästina gibt, ohne auch nur einen Araber anzurühren. Es ist auch selbstverständlich, daß die Juden sich in zu enge Verhältnisse nicht stürzen würden. Wir wollen Lcbcnsmöglichkcitcn, nidit Katastrophen. Nur aus der Phantasie und gegen alle Logik wird in Damaskus gesprochen. Unsere beste Abwehr dieses Geredes ist — die Arbeit, aber auch nur die Arbeit. Ich habe auch in diesem Sinne den Engländern gesagt: Wenn ihr uns jetzt nicht arbeiten läßt, 90 wird die Propagamla nicht aufhören, sie verstummt aber mit dem Einsetzen unserer Leistung. Für ,unsere Arbeit brauchen wir eine starke zionistische Organisation ohne lokale Absonderungen. Die amerikanische Organisatkm ist im Kriege groß geworden. Sic trägt eine große Aufgabe und wird eine noch größere zu tragen haben* infolge des Zusammenbruchs in Osteuropa. Die amerikanischc Organisation w׳uclvs aber so schnell heran, daß sic nicht Zeit hatte, in unserer Weltorganisation organisch auf/ugehen. Sie zeigt oft Einflüsse der Monroedoktrin. Wir müssen die amerikanischen Zionisten an uns ziehen; wie wir cs seinerzeit mit den deutschen Zionisten getan haben. Das wird uns leicht fallen, wenn wir uns an!das jüdische Volk in Amerika wenden* das uns verstehen wird. Ich habe immer behauptet, wir führen einen Kampf mit der Geographie. Jetzt müssen wir des Atlantischen Ozeans Herr werden. Wir müssen ,auch festere Beziehungen mit den Zionisten Rußlands und Zcntralcuropa 9 wieder anknüpfen. Von London aus war cs bis jetzt unmöglich, was zu Gärung und Unzufriedenheit führte. Aber das sind schließlich Aeußerliclikcitcn. Die Hauptsache ist der klare Arbeitsplan. Idi kann darüber nur als Utopist, als Visionär sprechen. Wenn »vir die nötigen Vorbedingungen und genügend GeW hätten, so sollten wir mit folgendem beginnen: a) Umwandlung der bestehenden, dazu geeigneten Punkte, wie Ben-Schemen, CItuldn, Dagania, Maclianaim, Mcrchawja, die von Arbeitergenossenschaften bearbeitet werden, in Arbeitersiedlungen. Wir hätten dadurch eine mächtige Hebung der Stimmung in Palästina und in der ganzen Welt bewirkt. Man hätte gemerkt; | wir sind aus dem Anfangsstadium heraus und gehen an j die Sicdhmgsarbcit. Die Nationalfondsspendcn J würden in die Höhe steigen. Bei entsprechender Auf- | kiärung des Volkes über die Bedeutung unseres Werkes würde״ wir eine Million Pfund jährlich emnehmen können. Das genügt, um in den nächsten Jahre* Botten einzark.aufcn. Außer dieser kleinen provisorisch tu Arbeit, die noch vor Erhalt des Mandats gemacht werden kann, sollen wir uns bemühen, an drei Punkten größere Bodenflächen, die wenig bevölkert sind, zu erwerben, 1*1d zwar tm Süden, in Galiläa und im Jordantaf, Alle diese Ländereien sollen Volkseigentum sein. Parallel damit soll die Privatinitiative sich auf die Küstenflächen an den Städten konzentrieren. Mir scheint, die Arten der Ansiedlung treten immer klarer vor unsere Augen. Die Genossenschaften werden noch lange eine ArboitsschulefürunscreChaluzini sein. Sie sind eine Ucbcrgangsschule, vom Leben geschaffen für dasjenige Mamchenmaterial, das aiK der Diaspora herkommt. Hätten wir einen anderen Menschenschlag so würden wir andere Methoden brauchen. Der kanadischc Farmer beispielsweise braucht keine Genossenschäften. Er ist es gewöhnt, mit der Natur zu kämpfen; Um aber einen jüdischen Farmer hcranzttbilden, brauchen wir einen Kollektivvcrband, der dem Siedler den Lebenskampf erleichtert und seinen kulturellen Ansprüchen gerecht wird. b) :Von öffentlichen Arbeiten haben wir mit der S ה - nierung, Bewässerung und Elektrisierung des Landes zu beginnen. Verbunden damit ist der Bau guter Verkehrsmittel, vielleicht sogar die Inangriffnahmc eines Hafenbaus. Dementsprechend soll die Bank ihre Tätigkeit airsdehnen. Ansätze einer Arbeiterbauk ׳und eines Agrarkredits liegen bereits vor. c) Auf dem Gebiete der Kulturarbeit haben w ü im Rahmen der Gründung und Weiterentfaitung von Schulen besondere Aufmerksamkeit der Berufsbildüng 711 widmen. Unser Schulnctz soll im Technikum und in der Universität gipfeln. Be» all diesen Arbeiten sollen die Araber beteiligt sein, zum Nutzen für das Land und für die gutnachbarlichen Beziehungen. Was das Tempo betrifft, so hängt alles von der inneren Kraft der Organisation und von ihren Geldmitteln ob. Wenn jede Landesorganisation und Föderation einschen würde, daß wir im Kriegszustände, im Arbeitskriege liegen, 90 hätten wir alle begriffen, daß ein innerer Friede, daß Einigung nottut. Wir brauchen eine Koalition aller Arbeitskräfte, ln der kommenden zionistischen Leitung sollen alle Palästinakrüftc, alle Parteirichtungeil vertreten sein, und zwar in höherem Maße, als dies bis jetzt der Fall war. So, aber auch nur so. wird der Balfourcrklwaing und dem Mandat der richtige Inhalt verliehen werden. Paldstlna-Lehrer-Konferenz Jerusalem, den 5. Januar 1920. Die jüngst abgehaltene Lehrerkonferenz jüdischer Lehrer in Palästina nahm in einer Resolution Stellung gegen die Bildung von zwei selbständigen Erziehungsbehörden, stimmte aber der Bildung eines besonderen Komitees für ortbodoxe Schulen unter der Voraussetzung zu, daß dieses Komitee kein Aufsichtsrccht über das Budget ausüben dürfe. . Palästinachronik Dr. Josef Klausner, Redakteur des ״Hasdiiloach“ der führenden Monatsschrift der hebräischen Publizistik, ist, wie bereits gemeldet, von Odessa nach Jerusalem gekommen. Der ״Haschiloach" soll dem- »nächst in Palästina unter der bisherige« Redaktion wieder erscheinen, ltn Zusammenhang mit der Ankunft Klausners wird in Jerusalem auch geplant, «eben den bestehenden sozial-juristischen Vorlesungen für Abiturienten 1t«d sonstige Wissensdurstige Elemente eine philosophisch-historische Sektion unter der Leitung Klausners zu eröffnen. r In ״Haarez“ veröffentlicht Dr. A. Tschcmigowski eine ausführliche Darstellung der Relativitütstheoric Albert Einsteins. * In einer Versammlung der ״Achduth-Haa־ wodah“ in Jaffa begann Herr Rewutzki, gewesener jüdischer Minister in der Ukraine, einen Vortrag hebräisch, wollte ihn aber dann j idi sch fortsetzen. Es entstand ein Tumult Die eigenen Genossen, darunter der bekannte Führer der Partei, Jabnccli, protestierten heftig gegen das öffentliche Vortragen bi nichthebräischer Sprache. ,Die Versammlung mußte unterbrochen werden. Die A c h d u t h 11 a a w ovd a in Judäa hat in jüngster Zeit Fortschritte gemacht. Genossenschaften von gelernten Arbeitern haben sich ihr angcgÜedert, ebenso , eine Genossenschaft, die Handwerker, Aerzte und Lehrer umfaßt. Achduth Haawoda kaufte ein Grundstück, um darauf ein Klubhaus mit Küche, Lesehalle und Bibliothek zu eröffnen. ' T e l - A w i w besteht jetzt zehn Jahre. Man beabsichtigt, nunmehr endlich eine gemeinsame Stadtvcrwaltung für Tcl-Awiw und die jüdischen Stadtviertel Jaffas zu schaffen. I Die Eisenbahn zwischen Dschenin, Nablus und Haifa wird,.demnächst eröffnet werden. Im Jahre 191S/19 wurden in Palästina 369 000 Bäume angepflanzt. Im laufenden Jahre »ollen über eine Million Bäume angepflanzt weiden.

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