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Jüdische Rundschau · 1920-01-23 · Heft 6 (23.1.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXV (1920)
Issue
Heft 6 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Unklarheiten der Centralvereins- Politik Es ist unvermeidlich, daß in großen Organi- •ationm die Meiiiungcii aller Mitglieder über «i.indit‘ Fragen nicht völlig fibereinstimmen. Das >«t auch bei uns so, und niemand würde es dem (Vutralvcrein vorwerfen, wenn man aus de« Kreisen seiner Mitglieder gelegentlich widerspre* dicmle Aeußernngen zn verzeichnen hätte. Anders ut cb. wenn das offizielle Organ, ja, wenn derselbe Schriftsteller sich in den grundlegendsten Fragen 111 unheilbare Widersprüche verwickelt. Das läßt tiefer blicken: es zeigt, daß hier wirkliche (׳'«Sicherheiten und Unklarheiten bestellen, daß der 0. V. nicht seine eigene feste Meinung von den OiugcM hat, sondern die Begründung sucht, die ihm 1111 Augenblick erwünscht erscheint. Die grundlegende Frage über die Tätigkeit des C. V. ist: worauf gründet sieh das Recht der deutschen Juden auf rechtliche, tatsächliche und gesellschaftliche Gleichstellung? An eiiu-n erfolgreichen Alnvelirkanipf kam! mir gedacht werden, wenn über diese Frage absolute Klarheit bestellt. Nim hat Felix (iold 111 an 11 im 1 V ׳.enibcrhcft der Zeitschrift 1111״ deutschen Reicld‘ .uif Seite 502 ganz in Uebereinstinimung mit ensercr zionistischen Theorie diesen Kampf als Tue reine Rechtsfrage bezeichnet. Das heißt also, daß eiie deutschen Juden als deutsche Staatsix'irgcr die Diirelifülmtiig der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung verlangen. Das heißt also weiter, daß die Frage, ob die Joden eine Rdi- ■ge׳miss-, eine Rassen-, eine Volksgemeinschaft sind, r’ir diesen Rechtskampf ganz belanglos bleibt. Mögen sie sicli als unlösliche Glieder des deutschen Volkes fühlen und jede Solidarität mit anderen Juden nbJehnen, oder mögen sie umgekehrt gewißt sein, als Glieder des jüdischen Volkes an de•',;ui nationaler Zukunft init/uarbeiten: Sie verfechten als deutsche Staatsbürger den Anspruch auf bedingungslose Gleichberechtigung. Aber deraelbc Felix Goldinaiin, der diesen Kampf als 1 cii׳en Rcchtskainpf führen will, wettert im'gleichen Krtikel zwei Seiten vorher gegen diejenigen, die* den Antisemiten ״den Steigbügel׳ halten“, indem sie «411 Sinne der Antisemiten von Rasseiiverschieden- 11׳)•׳ uml Eigenart einer jeden Nationalkultur •picehcn. Das heißt also mit anderen Worten, daß nur der Assimilationsjude den Kampf gegen den Antisemitismus führen kann, nicht aber der lüdisch-naliouale. Also beruht unser Anspruch doch nicht allein auf dein Recht, sondern auf guter < icsimning, Ableugmuig des nationalen Charakters der jüdischen Gemeinschaft und genügend fortge- *chritlcuer Assimilation? Ganz unverständlich mutet auch die Entrüstung .*11, mit der sicli der Verfasser der ״Zeitschau“ :Dezcrnbeijieft Seite 516) mit einem Leitartikel ries ״Jüdischen Echo“ beschäftigt. Dieses hatte gesagt, daß der Antisemitismus eine (,tief menschliche, im Gefühl verankerte Einstellung der Völker“ sei. Das *oll doch wirklich nicht heißen, daß man seine Forderungen und Kundgebungen billige, sondern es bedeutet nur, daß zwischen Juden und Nichtntden ein F r e m d 11 e i t s g e f i'1111 klafft, das nicht Uber wunde« werden wird, solange die Juden einen irgendwie erkennbaren Chamkfer tragen. Wir bekämpfen nicht dieses Fremdheitsgefühl, sondern die Theorie, die den frenulstämniigeii und anders ge,!rieten deutschen Staatsbürgerseiner Rechte berauben will. An dieser Auffassung kann es «wich nichts ändern, wenn man uns1 mit ״Hammer“־ zitaten »1 beweisen sucht, daß unsere Argumenistion dem Gegner Waffen liefere. Eine gewisse •>>rte von Antisemiten wird aus jeder Argumciwdron Waffen zu ziehen wissen. Sehen wir also, daß die Gleichberechtigung«• itiosric des Centralvcreins jeder Konsequenz entbeitrt, so muß man dasselbe zum Volksbegriff bemerken. Wenn wir Nationaljuden vom jüdischen Volk sprechen, so pflegt mau uns entgcgcnzuhalten, wie tief man die jüdische Gemeinschaft erniedrige, wenn man sie als ״Volk“ bc- •cichnet, wie dies Fuchs wiederholt a/usgeführt hat. Man argumentiert mit dem Weltbürgertum, mit der Sehnsucht nach dem Bunde aller Menschen[ J&t dem mitzuwirken die nationslose jüdische Glaubcasgetncinsch&ft' an erster Stelle berufen sei. Wir ״Der Zionismus erstrebt für das JQdtsche Volk die Schaffung einer Cffenllich-rechtlidi gesicherten HelmslElle in PalSsiina.“ Daieler Programm. Keine Konzentrationslager in Aussicht Fine offiziöse Auslassung. Die offiziöse ״Norddeutsche Allgemeine Zeitung“*) schreibt;1111 12. Januar; ״Durch verschiedene Uliitter jung kiir/lich die Nachrieht, die preußische Regierung plane die Errichtung von Konzentrationslager für Ausländer. An zuständi- «er Stelle wird uns erklärt, daß diese Frage sich noch im A 11 fa 11 gsstadium der Erwägungen befindet, und daß cs nicht zutreffend sei, daß diese Lager schon sehr bald und in irgendeiner bcsti in 1111 c 11 For 111 gcschaffen würde n. Das Staatsmiuisteriuin hat sich mit dieser Angelegenheit noch nicht befaßt, doch wird I darauf hingewiesen, daß alle Maßnahmen, die das preußische Ministerium des Innern bislicr in der Ausj ländcrfrag'c getroffen hat, auch der viel diskutierte 1 Erlaß des Ministers Heine, durchaus im vollsten E i n v c r n c 11 in e 11 mit der R e i c h s r e gier u 11 g erfolgt sind. Wenn nun in der polnischen Presse eine große Erregung darüber inszeniert wird, daß im ״freien sozialistischen Deutschland und Preuße«“ Ausländer in Konzentrationslager gesperrt werden sollen, so muß doch erklärt werden, daß, gerade die polnische Regiermig mul die polnische Presse den geringsten Anlaß haben, sich über diesen Plan aufzuhalten, da wir aus rein menschlichen Gründen die zahlreichen unerwünschten Elemente, die aus dein Osten cinwaiuleru, nicht zwangsweise über die polnische liren/e zurückschieben können, weil sie dort wahrscheinlich totgeschlagen oder zwangsweise wieder an die deutsche Gren/e befördert werden. Gerade die uiiiiiensehliclie Politik Polens zwingt uns dazu, Leute in unsereni I Lande zu belassen, auch wenn sie uns unerwünscht sind. Diese Heuchelei der polnischen Presse sei liiermit festgestellt.“ Mit dieser ofti/iöscti Darstellung stimmt die Antwort der preußischen Landesregierung, di׳’ auf eine demo k r,11 i s c 11 e Anfrage wegen der durch die Ausländer entstaiidencn Wohnungsnot (!) erteilt wurde, nicht ganz überein. Es heißt in dieser Antwort nach den! Bericht der Tageszeitungen vom 22. Januar: ״Es werdet! Vorkehrungen getroffen, die ungehemmte Zuwanderung zu verhindern. Ferner müssen für einen Teil der Ausländer F r e in d c n k o I o n i c!1 eingerichtet werden, bis ihre Abschiebung erfolgen kann.“ Soll etwa ״Fremden-! kokmie“ ein Euphemismus für Konzentrationslager sein? haben uns mit dieser Argumentation wiederholt ausein.indcrgcsetzt, aber konsequent durchgeführt, wäre sie ein Standpunkt, mit dem man verhandeln könnte. Plötzlich aber bekommen wir ganz anderes zu hören. Georg H c r rtp a 11 n lud in einem ״Randbemerkungen“ gcnamrton Buch gesagt: ״Ich gehöre als Jude tiner zu alten Rasse an, tun den Massensuggestionen zu verfallen. Worte wie Volk, Krieg und Staat sind für mich farlv- und klanglos. Für mich haben nur die Worte Mensch, und Leben ‘ Klang. '.“ Man erwart!*! freudige Zustimmung der Centralvereinler. Aber nein! Hernnaun lehnt ja liier nicht den jüdischen, sondern den deutschen Volksbcgriii ab, und so bekommen wir denn nationale Worte־'zu hören, die nur plötzlich vergessen werden, wenn man vom jüdischen Volk spricht. ״Heute haben die Worte Volk und Staat noch einen -sehr festen und sehr genau bestimmten und unterscheidbaren Klang. Und wir haben diesen Klang niitznfühlen.“ Wie merkwürdig klingt schon: W i r 11 a b e!1 m i t z u - fühlen! Man fühlt oder man fühlt nicht. Aber eine Verpflichtung, zu fühlen, oder gar mitzufühlen“, ist ein Widerspruch in sich. Auch hier nichts weniger als durchgcbiklete theoretische An- ׳. schaumigen, eine Unsicherheit in den elementarsten Voraussetzungen jeder jüdischen Politik. Vielleicht wird man einwenden, daß der C. V. bei seinem beschränkten und klar umrissenen Arbeitsprogramm nicht in dein Maße einer thcorctischeu Grundlegung bedarf, wie etwa die zionistische Organisation. Aber wir sehen, daß auch in den praktischen Fragen sich die Dinge ebenso verhalten. Immer Rieder hat man vom Centralverein eine Aufklärung über sein Ostjudcnprofyamni gefordert. Die Antwort, die das Dezemberheft darauf erteilt, ist in einem merkwürdig zurückhaltenden Ton geschrieben. Man wolle *) Alle Sperrungen stammen von uns. Red. der ״JifcHsehen Rundschau“. ־ nicht nur gegen die Antisemiten kämpfen, sonder* auch für die Ostjuden eintreten, siel» an Arbeit«- gemcinschaften beteiligen, deren Aufgabe Fürsorge fiir die Ostjuden sei, ״nicht zuletzt uni die Gefahren zu bannen, die fürdic übrige Bevölkerung eine Ueberflutung durch arbeitslose Einwanderer im Gefolge h a b e 11 k ö n 111 e.“ Diese letzte Erwägung ist offenbar eine naic Form der Abscliiebctaktik. Das beweist auch die scharfe Betonung der tiefen Kluft zwischen Ost- und Wc.stjudenluin. Am überzeugendsten wirkt in den! Bericht über die letzte Vorstandssitzung der Satz ״U eber das positive Programm konnte mit Rücksieht auf die vorgerückte Zeit nicht mehr eingehend genug gesprochen w e r d e n.“ Dieser Satz sollte zu Beginn der Statuten de« C. V. verewigt werden. Er erinnert lebhaft an je־*״ Geschichte von Professor Ludwig Geiger, der die K.C.-Blätter für antisemitisch gehalten batte mul sich damit entschuldigte, daß ihm zur genaueren Lektüre die Zeit gemangelt habe! Der Ccntralvcrciii besteht offenbar noch nicht lange genug, um überhaupt schon die Zeit zur Auf- Stellung eines positiven Programms gefunden zu haben! Herr Rechtsanwalt Steril betont,!laß, wie doch jeder wisse, im Centralvcrcin noch uni ein positives Programm gerungen werde, Gut, aber dann trete man doch -nicht mit dem Anspruch auf, den Zionismus bekämpfen und ihm einen gleichberechtigten Standpunkt gegenüberstcllen Zu wollen! Man bcsclicidc sich damit, den Kampf gegen den Antisemitismus zu führen und wage cs erst daun, der zionistischen Bewegung entgegenzutreten, wenn man ihr« «och etwas anderes als Inkonsequenzen und Widersprüche entgegen»!- stellen vermag! Sterns Frage, was wir unter positiver und was unter negativer jüdischer Tätigkeil verstellen, bedaif eigentlich darnach keiner Antwort mehr. Das Ziel des Zionismus ist ein produktives, ein aufbauendes. Er will dem jiidisehen Volk eine Heimat im Lande der Väter geben und dem Judentum der Diaspora ein Höchstmaß an Lebensmöglichkeiten verschaffen. Jede darauf gerichtete Tätigkeit ist positiv: ob unsere politisehen Bemühungen uns Palästina verschaffen, wie! ob wir Sprachschulen oder Jugendorganisationen begründen, ob wir Geld für den Aufbau Palästinas sammeln, oder ob im Osten Zionisten eine jüdisch!• Genossenschaft begründen. Es ist aufbauende Tätigkeit »1 einem Ziel, das! der Erhaltung ׳ des jüdischen Volkes dient. Was will der Centralverein? Zwei negative Ziele sind cs, die ihn charakterisieren. Abwehr antisemitischer Angriffe und weitere Assimiliermig der deutschen Juden, damit jeder Zusammenhang mit deni Weltjudentum schwindet. Deshalb ist jeder Protest gegen die Verwendung der Begriffe ״positive“ und ״negalive“ Tätigkeit unbegründet, denn diese Begriffe sind Wahrheit und berechtigt. Das Dezember- und das Januarheft würden Gelegenheit noch zu vielen andern Anmerkungen geben. Man könnte die Inkonsequenz der (>11• tralvereinspolitik daran demonstrieren, daß 111a« verwundert fragt, was die bewußt auf rein deutsche Dinge eingestellte Tätigkeit des Centralvereins mit der Juueitpoliuk anderer Länder zu schaffen hat. _ Immerhin entbehrt cs niciit ganz des Interesses, wenn man vorn ungarischen General Friedrich nacliweist, daß er nicht rein deutscher Abkunft sei. Der Vater war ein Slovakc germanischer Rasse, heiratete eine Deutsche und der Sohn, in dessen Adern kein Tropfen ungarischen Bluts fließt, fühlt sich als Vorkämpfer des Ungartunis. 111 dieser Form braucht wirklich der Centralvcrcin nicht seinen Gegnern die Waffen zu liefern! Die Herren mit der «ationaldeutscheu Gesinnung des C. V. dürften zu Arminius in keinem näheren Veriiältnis stellen, als der General Friedrich zu Arpad und anderen ungarischen Größen. Und diese Rasscnsclmüffclci! Sie erinnert ja gerade»! an Antisemiten, die auch im reinsten Deutschen jiklisches Blut entdecken wollen. Was aber die nationaldeutsche Gesinnung anbetrifft, über die der Centralverein zu weiteren Erläutcrungen sich bereit erklärt, so werden wir ihm für diese wirklich verbunden sein. Was bisher darüber gesagt wird, erscheint uns etwas dürftig. F. L.

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