Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 92 (30.12.1919)
- Date
- 1919-12-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Nr. 92 JUEPISBHB RÜNDBCBÄH Seite 723 I 1 icht 1* sbeso*. 1en, es s. I. thfoben, echt m, die : Kreis >vü1ze* r Ael iedei e Ge- 1 f 1 uß; 1 herkuns ie Oeng dei an d« erfolgt irklichdiese! [ft. Da » Vor■ rfalure* Itestai- Vegfall lie (ie■ auclite, «heile# hinein■ en de?rhaupt rstella Ause d 1g- : inde!t abetatj e 1823. sei!«־ 1g wie ie eine äfl die [ jeder tzungsrwähnt. denliejt!ICBuic■ bts de em ist herab es •idi!,zehnte Reichsrdneft. A11g<- («r ein•!testen, 1 mehr rirkimg r bei« Kuli* ׳an ze IVft- [tdcunft gogca• Hand st» Gert der h de h steuert teres.« rische! Juden־ itürlid ge bad 11g der rechet, innunj! Sorg« ng dd ׳rbäntfe ueh * Rew zu rf 1 jeder davo«, t. Da* tzt uri n. Vi 21 » di * Jab« festgesetzt und somit in diesem Punkte eine Verschlechteriing gegenüber dem früheren Zustand eintreten lassen. Die Zionistische Ortsgruppe hatte sofort nach Bekanntwerden dieser Tatsache zwei Eingaben, eine an Vorstand und Repräsentantenkollegiium der Gemeinde und eine an den Senat gerichtet. Die Eingabe an den Senat kam in spät, da bereits die Bestätigung erfolgt war. Das Repräsentantenkollegium ging, wie es bei seiner Zusammensetzung nicht anders zu erwarten gewesen war, über die Eingabe zur Tagesordnung über. Der Vorsitzende konnte es sich auch nicht versagen, in der nächsten Sitzung tadelnde Worte über den Inhalt des Protestes zu äußern und zu erklären, daß bei der wesentliehen Verbesserung des Wahlrechts der Schritt der zionistischen Ortsgruppe unbegreiflich sei. Er verlas ein Schreiben des Gemeindevorstands, in dem dieser den Standpunkt des Repräsentantenkollegiums teilt, und darlegt, daß die Heraufsetztatg des Wahlalters von 21 auf 25 Jahre kaum von Bedeutung sei. Es würden tatsächlich, da bisher nur solche jüngeren Gemeinde-!nitglieder wahlberechtigt waren, die schon Gemeindesteuern zahlten, nur sehr wenige Gemeindeangehörige betroffen. Wenn dies wirklich bisher vielleicht der Fall gewesen ist, so wird doch jetzt nach dem neuen Statut, da alle Mitglieder unabhängig von der Steuereinschätzung wahlberechtigt sind, eine bedeutende Anzahl von Geliveindemitgliedern betroffen, und die Erklärung des Vor- Standes, daß er zu einer Abänderung dieser Bestimmung zurzeit nicht in der Lage sei, kann doch nur den Grund haben, daß er bewußt den Wählern dieses Alters das Wahlrecht vorenthalten will. Und daß er mit dieser Maßnahmen einer größeren Anzahl Kriegsteilnehmern in diesem Alter das Wahlrecht raubt, ist doch wollt ganz klar. Die Entrüstung der betreffenden Kreise über diesen Vorwurf ist daher kaum verständlich und dürfte nur auf ein gewisses Schuldbewußtsein zurückzuführen sein. Diese Maßnahme hat denn auch als Reaktion die Bildung eines j ft di s ch -d e nvok rati sehen Komitees für die Repräsentantenneuwahlen zur Folge gehabt, das als ersten Punkt seines Gemeindeprogramms die Forderung des Wahlrechts aller über 20 Jahre alten Juden beiderlei Geschlechts aufgestellt hat. Das Programm dieses Komitees schließt sich im übrigen den Grundsätzen an, die von zionistischer Seite im allgemeinen für die Gemeindearbeit aufgestellt sind. Jedenfalls ist eine intengive Arbeit und Unterstützung dieses Komitees notwendig, zumal das Komitee beabsichtigt, mit einer eigenen Liste hervorzutreten. Bereits vor den Gemeindewahlen finden End« Dezeinber Ersatzwahlen für das Delegiertenkollegium des Deutsch-1sraeli-tisdien Synagogenverbandes, eines der anerkannten orthodoxen Kultusverbände, statt. Auch hier hat bereits ein energischer Wahlkampf eingesetzt, da eine große Partei mit der bisherigen Geschäftsführung des Vorstandes nicht einverstanden ist. Dies ist geeignet, die Mitarbeit vieler Mitglieder an den vielseifigem Aufgaben des Verbandes auszuschalten. Unter anderen Fragen ist auch die der Anstellung eines zweiten Rabbiners brennend geworden. Auch sonst sind zahlreiche Fragen wie die Gründung neuer Synagogen und Religkmsschwlen zu lösen. In engem Zusammenhang damit steht die Frage der Neuorgamisation der Talmud-Thona-Realschule. Bei den veränderten Zeitverhältnissen müßte eine Neuregelung der Gehälter der Lehrer stattfinden. Da die Schule nur eine verhältnismäßig kleine Subvention von der Gemeinde erhält, mußten andere Mittel gefunden werden. Die Familie Warburg hat eine hochherzige Spende von je 75 (DO M. für fünf Jahre gestiftet. Da das aber noch nicht genügt, unf eine Schule auf eine höhere Basis zu stellen, hat ein neugebildetes Schulkomitee beträChfliehe Summen für einen Schulfonds aufgebracht. Auch die Gemeinde wird einen höheren Beitrag zahlen, unter der Bedingung, daß dem Gemeindevorstand ein gewisser Einfluß auf die Schute gewährt wird. Das SChulkomitee, das aus der Orthodoxie heraus sich ge¬ Dr. Schimon Bernfeld (Zu seinem1 zwiefachen Jubiläum.) Am 12. Teweth feiert die neuhebräische Literatur den 60. Geburtstag eines ihrer produktivsten Wortführer, des Dr. Schimon. B e r!1 f e 1 d, der in diesen Monaten zugleich auf 40 Jahre literarischer und wissenschaftlicher Tätigkeit zurückblidken kann. Die Biograpli ie der 60 Jahre ist ziemlich einfach: geboren 1860 bei Stanislau in Ostgalizien, in Bibel, Talmud und rabbinischer Literatur erzogen, studiert er später auf den Universitäten Breslau, Königsberg, Berlin und Bern, ist einige Jahre Rabbiner in Belgrad, läßt sieh nachher hi Berlin nieder, wo er sich ausschließlich dem schrift- ־■tellerischen Berufe widmet. Die Bibliographie der 40 Jahre aber, Ln denen Bernfeld unermüdlich hebräisch und deutsch, in Büchern und Zeitschriften, als Gelehrter, Publizist, Redakteur und Uebersetzer schuf, hätte ein stattliches Büchlein füllen können. Vom Lycker ״Ha-• maggid“, dem Wochenblatt der gemäßigten Ha Skala der 80er Jahre, bis zum letzten Heft der jungen New Yorker Monatsschrift ״Miklat“, gibt es buchstäblich keine hebrätsche Zeitschrift, die nicht von Bemfeld dauernd befruchtet worden' ist. Ans seiner vielseitigen, sowohl jüdischen wie europäischen historischen und philosophisdien Erudition schöpft er Wissenswertes und Anregendes,־ Mahnendes und Belehrendes, führt Parallelen durch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, versucht Synthesen nichtjüdischer und jüdischer Forschung zu schaffen, stellt Prognosen für die Zukunft. So erzog Bemfeld den hebräischen Lehrer, begleitete ihn treu von der. dahingehenden Aufklärung zur angehenden Zionsliebe, machte mit ihm die literarische und sozialpolitische Sturm- und Drangperiode Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit, immer die große historische Perspektive wahrend. Wie sein Leser, so ist auch Bernfcld selbstverständlich Zionist, ehemaliger Chovvew-Zion, ehemaliger Maskil. Höher aber als alles ist ihm die Wissenschaft, und er prägte einmal den Aphorismus, der, wie jeder Aphorismus, einseitig ist: ,.Judentum bildet hait, möchte dagegen jeden Einfluß der Gemeinde vermieden wissen. Da auch der jetzt 77 jährige verdiente Direktor Goldschmidt zum 1. April sein Amt verläßt, ist somit Gelegenheit geboten, dem neu zu erwählenden Direktor gewisse Wünsche hinsichtlich der Organisation zu unterbreiten. Wir möchten wünsehen, daß die Schule, die trotz verhältnismäßig zahlreicher jüdischer Unterrichtsstunden doch in ihrem Wesen eine :rein deutsch-nationale Schule ist, bei dieser Gelegenheit jüdischer wird und möchten sowohl unseren zionistischen Gesinnungsgenossen als auch den konservativ-jiklischen -Mitgliedern des Komitees dringend ans Herz legen, in dieser Arbeit, die für die Erziehung weiter jüdischer Kreise von großer Wichtigkeit ist, nicht zu erlahmen. Die Berliner jüdische Gemeinde und die jüdische Turnerschaft Die Berliner jüdische Gemeinde erklärte vor einige!1 Monaten, daß sie den Bestrebungen, die die sittliche und körperliche Vervollkommnung der jüdischen Jugend bezwecken, ein besonderes Interesse entgegenbringe; und tatsächlich betätigte sie dieses Interesse, indem sie der Sportorganisation ״Die Kameraden" eine Subvention gewährte. Auf dieses Interesse berief sich die größte und älteste jüdische Turn- und Sportorganisation in Deutschland, der deutsche Kreis der jüdischen Turnerscliaft, und erbat ebenfalls von der Berliner jüdischen Gemeinde eine Beihilfe. Diese Bitte wurde ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Der deutsche Kreis der jüdischen Turner- Schaft glaubte zunächst, es könne ein Mißverständnis vorliegen, das sich leicht aufklären lasse und bat um Mitteilung der Gründe, die für die Ablehnung des Gesuchs maßgebend waren. Der Gemeindevorstand aber erklärte, daß er grundsätzlich über die Motive, die für seine Beschlüsse maßgebend seien, keine Auskunft erteile. Nun, man braucht kein Gedankenleser zu sein, uitj die Motive zu erraten, weshalb die dem Centralverein nahestehenden ״Kameraden“ unterstützt werden, nicht nicht aber die nationaljüdische Turpersctiaft. Aber grundsätzlich müssen wir verlangen, daß die jüdische Gemeinde, die von allen Steuerzahlern — Centralvereinlem und Nationaljuden — die Steuern in gleicher Weise einzieht, alle Jugendorganisationen gleichmäßig subventioniert. Die jüdische ■Gemeinde als offizielle Vertretung aller Juden muß soweit neutral sein, daß sie alle Richtungen, wenn sie ■nur positiv jüdisch sind, in gleicher Weise fördert. Wenn der Vorstand der Berliner jüdischen Getneinde gegen diesen fundamentalen Grundsatz verstößt״ so zeigt er damit, daß er sich selbst nicht als Repräsentanz aller in Berlin wohnenden Juden, sondern als einseitige Vertretung einer Parteiclique fühlt. Aus den Gemeinden Gotha. Aus Gotha wird uns geschrieben: Die Gothaer Gemeinde darf sich rühmen, die reaktionärste jüdische Gemeinde Deutschlands zu sein. Hier beschließt der Vorstand über die Aufnahme in die Gemeinde: selbstverständlich nimmt er nur Leute auf, die tüchtig Steuern zahlen. Zu allem Ueberfluß werden in den Satzungen die Rechte noch besonders von der Steuer- Zahlung abhängig gemacht. Da die echte jüdische Religion anscheinend mit der deutschen Staatsangehörig- Reit unablöslich verbunden ist, werden Ostjuden nicht aufgenommen es sei denn, daß sie durch die Fähigkeit, besonders reichlich Steuern zu zahlen, ihre Glaubenstreue beweisen können. Die Steuergesetzgebung weist das interessante Kuriosum auf, daß der Prozentsatz mit dem höheren Einkommen fällt; über einer gewissen Höchstgrenze bleibt das Einkommen Steuerfrei. Das ist, weil die glaubenstarken Reichen erklärte«, sie würden sonst austreten. ■— Ist es nötig hinzu zufügen, daß die Führer der Gemeinde selbstverständlich ״Demokraten״ und Mitglieder des Centralvereins sind? ist - die Kenntnis des Judentums“ (ähnlich dem bekannten Standpunkte, Philosophie sei die Geschichte der Philosophie), ln der Wissenschaft sieht auch Bernfeld die Brücke, die die sich bekämpfenden jüdischen Strömungen zusammenbringen kann. Er redigiert in den letzten Jahren das Jahrbuch des ״Vereins für jüdische Literatur und Geschichte“ sowie den literarischen Teil des Berliner Gemeindeblattes und versucht auch in diese Oede jüdisches Leben zu bringen. Bernfeld hält in der jüdischen Volkshochschule hier Vorträge über hebräische Sprachgeschichte und neuhebräische Literatur (erscheinen demnächst im ״Jüdischen Verlage“ in der Sammlung ״Von Juden und Judentum“). Im hebräischen Beth-Waad referiert er von Zeit zu Zeit in seinem gediegenen und zugleich fließenden hebräisch«! Sprachstil. In deutscher Sprache veröffentlichte Schimon Bernfeld viele instruktive Aufsätze. Besonders erwähnenswert sind seine Beiträge in ״Ost und West“. Von Büchern erfreut sich seine Bibelübersetzung einer verdienten Beliebtbeit. Von seinen hebräischen Werken in Buchform1 zeichnet sich neben einer Reihe Monographien (über die jüdische Reformation in Deutschland, über die Mendelsohnepoche) und Biographien (Gabriel Riesser u. a.), die von Achad-Haam veranlaßte Darstellung der Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie unter dem; Titel ״Daath Eloliim“ aus. Gegenwärtig widmet Bernfeld seine ganze Kraft der Bibelforschung. Wie selten einer vereinigt er in sich die Kenntnis der Bibelkritik in all ihrer! Stadien und Schulen einerseits, und der altjüdischen Kommentatorenllteratur sowie des lebendigen Geistes des biblischen Hebräisch andererseits. Er hat im Laufe der Kriegsjahre einen umfangreichen hebräischen Bibelkommentar fertiggestellt, dessen Drucklegung mehrere Jahre beanspruchen wird und von dem Bemfeld zu sagen pflegt, daß er ihn noch bei Lebzeiten gedruckt zu sehen wünscht. Wir wünschen ihm aber noch mehr: möge ihm vergönnt sein, eine Generation jüdischer Studenten auf der Universität Jeruschalajtn großzuziehen. B. K. Ueber die Lage der jüdischen Studenten. Seit de* Revolution ist die Stellung des jüdischen Studenten eine andere geworden. Da sich nämlich die deutschen Studenten jetzt stärker politisch interessieren, wird die Discrepanz zwischen deutschem und jüdischem Geist evidenter, offenbarer als es manchem Assimilanten lieb ist. Die Vorgänge der Oeffcntliclikeit spiegeln sich in der Studentenvertretung wieder, diesem Parlament en miniature, das sich die Aufgabe stellt, die Interessen der Studentenschaft zu wahren. Mau gab sich eine Verfassung. Für unseren Standpunkt ist die Stellung zu» Ausländerfrage von besonderer Wichtigkeit. Was eigentlieh klar und einfach war, wurde in subtilen Erörterungen gedreht und gewendet. Vergeblich traten jüdische und sozialistische Gruppen für gleiches Wahlrecht aller immatrikulierten Studenten ein, man entzog in Berlin Ausländern aktives und passives Wahlrecht und gestand ihnen nur zu, durch eigene Vertretungen ihre wünsch« dem Ausschuß der Studentenschaft zu unterbreiten, ls* Berlin ging es noch gut im Verhältnis zu anderen Universitäten. lieber die Vorgänge Ln Hamburg und Halle hat die ״Jüdische Rundschau“ bereits am 21. Dezember berichtet. In Hannover hat man den Be- Schluß des Würzburger Hochschultages, nur Studenten deutscher Abstammungund deutscher Oesinnung, der dort für die Deutsch-Oesterreicher gefaßt war, dahin ausgelegt, daß man den Juden das Wahlrecht entzog. Dieser Fall ist von so unerhärter Intoleranz, daß er festgenagelt zu werden verdient. Schritte sind gegen diese gastliche Auffassung der Hannoverschen Studenten unternommen; der Erfolg bleibt abzuwarten. Von Interesse dürfte es auch sein, daß die Studentenschaft eines Berliner Instituts sicH entschieden dagegen verwahrt hat daß die dort arbeitenden ausländischen Studenten und Studentinnen sich im Institut ihrer Mutterspräche bedienten. Es wäre eine Frage des Taktes daß diese Ausländer (es sind in der Hauptsache ״Russen und Polen“) in Deutschland deutsch sprächen; unserer Ansicht nach fällt der Vorwurf der Taktlosigkeit auf die Ankläger zurück. Ein beschämendes Moment bei diesen Vorgängen ist die Stellung des K. C״ der sich, um nur ein Beispiel zu nennen, bei Behandlung der Ausländerfrage auf seiten der nationaldeutsche«( Gruppen stellte, und dessen Vertreter in Würzburg als einziger offizieller jüdischer Vertreter anwesend, de« Kautschukparagraphen, vom! Wahlrecht der Studenten deutscher Abstammung und Gesinnung schweigen# passieren ließ. Erst recht stellen die Studenten der paritätischen Verbindungen, die zu!» fachwissenschaftliehen Ring zusammengescnlossen sind, unserem Standpunkt fern; das enorme Interesse, das sie für di* Studentenvertretung und den Comment ihrer Verb kndüngen aufbringen, läßt ihne« für jüdische Dinge nicht einen Funken Anteilnahme. Sie sehen den Antisemit!*- mus in schönster Blüte, erfahren Ablehnungen und Kriinkungen, Undankbarkeit für ihre Arbeit — und treibe1» weiter ihre Vogel-Strauß-Politik. Und wieder möchte man ob dieser ״Harmlosigkeit“ fragen: ״Quousque tan* dem' —?“ Doch man verzichtet bess<., da man die Antwort nur zu gut kennt. , ö, 8. Die Zuwanderung aus dem Osten Das ״Berliner Tageblatt“ veröffentlicht in seine» Abendausgabe vom 23. d. M, eine von informierter Seite stammende Zuschrift zur Ostjudenfrage, welche die vo® der antisemitischen Agitation verbreiteren Angabe« richtigstellt und auf die wohltätige Wirkung des'ßerliner ״Jüdischen Arbeitsamtes“ hiuweist. Mitteilung des Jüdischen Arbeitsamtes. Niederlassungsmöglicnkeit für jüdischen Auge!1ar.׳t in größeres Stadt Mittelschlesiens evtl, mit Wohnung vorhanden■. Umgehende Meldungen an das Jüdische Arbeitsamt, Berlin N. 24, Monbijouplatz t. Alfred Kerr: Jerusalem Man ■würde Alfred Kerr Unrecht tun, wollte mzun es nur durch die Aktualität des Stoffes erklären, dafl er im Dezember 1919 in der ״Neuen Rundschau“ (3. Fischer, Verlag) Notizen über eine Palästinafahrt veröffentlicht, die 1903 stattgefunden hat. Er fühlt, blutbewußter Jude, die kritische Erschütterung der Zeit mit aller Heftigkeit in seinen Pulsen hämmern; er weiß, daß heute mehr als jemals reinliche Klärung nottut; zu Ende denken. Ein edler Jude, auch nur ein halb-edler, kann heute nicht schweigen. Wir stehen, trotz Zionismus und allen Parteiprogrammen, noch immer am Anfang. Aber wenn wir uns zurechtfinde« ■wollen in dem Chaos, das in uns und um uns ist, wenn wir ordnend und gestaltend das eigene Bewußtsein meistern wollen, «o muß die Auseinandersetzung bei den Ursprüngen anlieben. Ein Griff durch die Jahrtausende. Alfred Kerr, trotz der tönend selbstsicheren Sprache ein Suchender, entsinnt sich Jerusalems; des fernen Seelandes; Judenlandes. ״Frü Illand! Frühlingsland! Ernstes Land und Schönheitsland! Judenland!“ — Mit ungeheurer Internsität erlebt er die Schönheit, die morgenländische Pracht, die duftende Fülle, die sonnige Frische dieses Landet, Seine kurzen Notizen lassen das Mysterium• des Orte* lebendiger werden als langatmige Rci sebeschreibungea jemals vermöchten. Er sagt wundervolle Worte über Jerusalem׳, über den Tempelplatz״ Raliels Grab, die judäische Landschaft, das Bergland, Jordantal und Tot« Meer. Uralte Bande werde nmächtig: ״Ich fühle mich bei meinen grölten Vätern voll Hingebung, derf Welt• ahnen. Erschüttert, beglückt in ihrer Nähe. Ein schönes Klima hat meine vergangene Heimat . . . Bergluft; Sterne; Dunkel; Fels; 'Tal und Anhöhe. Seltsamer, 'unsterblicher, schweigend großer Glanz.“ — ״Ich sah bei B-ethar die Bergfeste, wo Barkochba, der Sternensohn genannt, Aufruhr trug gegen das Raubtier Rom. Sinrson und Barkochba stehn mir am Eingang des Ahnenlandes: Aufrecht-Verwegene; Nackengewaltige. Gleichnisbilder fiir das wundersam ungekneehtetste Volk. Verbrannt, gemartert, erschlagen, geknechtet — dennoch unjötbar. Juden.“ ״Sie haben alle Scheiterhaufen überwährt. Sie haben allen Seelenschläehtern getrotzt. Ural wuchten die Welt vorwärts — nach zweitausend Jahren“