Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 87 (9.12.1919)
- Date
- 1919-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt, 87 joedisohü RUfsniicenn Seite 681 Eine Gelehrtenkonferenz in Angelegenheit der hebräischen Universität Qte Leitung der zionistischen Organisation hat Ourd* ihr Eraebuags Departement eine Konferem jüdisch erGelehrter einberufen, welche vom 14. Ws 16. Januar in Basel stattfinden wird, um über den Aufbau der hebräischen Universi tat zu beraten. Diese Gelehrtenversanimlung soll auf Grund der Referate, die ihr vorgelegt werden, das Programm der Universität beraten und alle diejenigen Schritte beschließen, welche notwendig sind, um die Universität trr den nächste» Jahren errichten m können. Zu diesem Zweck wird die Konferenz in Vollsitzungen und Komiteeberatungen über die folgenden Punkte m beschließen haben: 1. Einrichtung des Unterrichtes in den jtidisehen und den philosophisdi-philologischen Fächern, 3. Naturwissenschaftiidie und medizinische Fakultät, 3. Juristische und soziologisch-iiationalökanoH mische Fächer. 4. De organisatorischen und tedmischen Fragen den Lehrkörper, die finanzielle Firndicrung und sachliclie Vorbereitung der Universität betreffend, Btne Anzahl hervorragender Gelehrter, unter ihnen der berühmte Physiker, Professor Ein - stein, Berlin, haben bereits ihre Teilnahme an dieser Beratung zugesagt, die für das monumentale Unternehmen einer Universität des jüdischen Volkes von entscheidender Bedeutung sein wird. Palästina ן Anzahl von Beamienfamüen, und da die Wohnungsnot ן auch in Jerusalem sehr groß ist, hat der provisorische | Nationafcrat beschlossen, Maßnahmen zu treffen, um den ' Bau von 500 modernen Häusern mit vollständig euro- ‘ päischer Inneneinrichtung in allernächster Zeit zu er- möglichen. Das neue Viertel 9011 zwischen dem Scop׳us; und dem Oelberg in der Umgebung der zu erbauenden Universität erstehen und den Mittelpunkt des neuen Jerusalem bilden. Auf Anregung der Jerusalemer Haaidelskantmer wurde ferner die Einrichtung eines öffentlichen T elephondienstes beschlossen, der den bedeutenden Handels- und Bankhäusern sowie den philanthropi- ׳ .sehen und religiösen Gesellschaften zugäugig gemacht! 1 werden soll. Später soll das Kabelnetz ausgebaitt und | 1 auch Privatleuten zur Verfügung gestellt werden. Auch j der Ausbau eines elektrischen T ramnetzes in 1 und um Jerusalem und die Durchführung der schon Ln beschränktem Maße bestehenden elektrischen Beleuchtung für die ganze Stadt zur Straßen- und Häuserbeleuchtung ist geplant. jüdische Gesellschaft für Palästinakunde In Jaffa wurde vor kurzem eine Gesellschaft für Palästinakunde gegründet, die zum Zwecke hat, das Land zu erforschen und die Landeskunde Erez- Israels unter den Juden zu fördern. Die Gesellschaft zählt bereits mehr als 100 Mitglieder und wirbt um aktive und sympathisierende Mitglieder in Palästina und außerhalb. Zu den Aufgaben der Gesellschaft gehören: Herausgabe von wissenschaftlichen werken auf dem Gebiete der Palästinaforschung, Errichtung von Bibliotheken der P a lä s t i n akund e in Ortschäften, die mindestens 100 Mitglieder aufweisen, Organisierung von Ausflügen und Expedi- Gonen zu Zwecken der Forschung oder Berechtigung, Veranstaltung von fachwissenschaftlichen und populären Vorträgen, Vorbereitung eines naturwissenschaftlichen und historisch-geographischen Pal ästinamtis eutns, Errichtung von Instituten für spezielle Forschungsgebiete. Mitgliedsbeitrag ist ein ägyptisches Pfund jährlich. An der Spitze der Gesellschaft stehen Dr. A. B. Rosena t e i n , Dr. M. S ago ro dsk 1 und Dr. A. Z1 f ro ni. Ein Konflikt zwischen Ussisehkin and der ״Hadassa“ Die palästinensische Presse bespricht mit großer Erregung einen Konflikt, der angeblich zwischen Ussisehkin und der amerikanischem Medical Unit ״Ha das 8 a“ ausgebrochen ist. Nach dem Bericht, der. ״Hapoel-Hazair“ hierüber veröffentlicht, hätte die Medical Unit als Antwort auf eine Kritik, welche die neue zionistische Kommission an ihre Arbeit übte, sich nach Amerika gewendet und verlangt, nicht der zio- Ulstischeti Konffltlsskm, sondern direkt der atnerikani- •dien Organisation unterstellt zu werden , Die amerikanische Organisation entschied darauf, daß die Medical Unit in bezug auf Sprache <!!) und in bezug auf An- Stellung von Kräften von der zionistischen Kommission unabhängig und direkt der amerikanischen Organisation unterstellt sei. ״Hapoel-Hazatr“ beklagt sich darüber, daß mit dieser Entscheidung die amerikanischen Zionisten zum Prinzip der landsniatmschat't'ichen Kotelim zurückgekehrt sind, die sich nicht der einheitlichen nationalen EÄsziplin fügen wollen. Reformen im Chalukawesen Wie ״Chadaschot Haarez“ mitteilen, macht sich letzten« in Kreisen der Chaliikaempfänger des u n g a - rischen Kolel in Jerusalem die Neigung bemerkbar, ich vom Empfang der Chaluka loszulagen. Dazu hat gleichermaßen die verbesserte vvirticftaftlirbe Lage vieler junger Leute unter den Empfäugem und die Herabsetzung der Unterstützungsquote beigetragen. Die Verwaltung der Landsmannschaft eutschloß sich darauf zu einer systematischen Reform, nämlieh zur Zweiteilung der Subventionsgelder: eiti Teil wird für Woh 11ätigkeitsrwecke, der andere Teil für Ueberführung der geeigneten Elemente zur Landarbeit in Palästina verausgabt. Es ist dafür gesorgt worden, daß bereits bei der Sammeltätlgkeit in der Diaspora auf diese Neuerung hingewiesen werde« soll. Man verspricht sich von dieser Prodnkthimimg der Chaluka einen großen Sammelerfolg im Amerika. Einen ähnlichen Beschluß faßten die beiden chasaidischen Kolelim Ljuba witsch und Bobruisk: 50״/« aller Spenden sollen zum׳ Besten von Waisen, Kranken, Witwen und Greisen verwendet werden, die anderen 50 »;# werden an junge Leute vergeben, die eich der Landwirtschaft widmen wollen. Die beiden Landsmannschaften gehen daran, sich zusammen zu tun, um gemeinsam die Idee der Landwirtschaft in die Chalukajugend zu tragen. Als Symptome eines Gesimdungsprozesses der Oiahtlca sind diese neuen Regung«! höchst begrüßens- und bemerkenswert. Ban eines neuen jüdischen Stadtviertels in Jerusalem — Telephon• und elektrische Anlage Ein Telegramm aus Palästina berichtet dem K. Z. B., da# in Jerusalem der Bau ebnes neuen jüdischen Quartiers beschlossen ist. (* einem in der ״Neuen Züricher Zeitung“ veröffent- Melden Brief aus Jerusalem erfahren wir darüber folgeade Einzelheiten: Die Ueberführung des bisher vorhaadenen jüdischen Verwaltungsaipparaites von Jaffa nach Jerusalem bedingt de Uebersiedlung einer größeren ״Der Zionismus in Deutschland“ Unter dieser Ueberschrift schreibt das Organ der palästinensischen Achduth Haawoda ״K untre[?“ folgendes: ״In den ersten Kriegsjahren, als das Wort Zionismus verboten war, das Herzl-Bild verschwand und Nationalfondsmarken vernichtet wurden, gab es nur eine einzige zionistische Zeitung, die auf Umwegen zu uns kam. Zionistische Offiziere erhielten die Zeitung nur durch Feldpost und dadiurdh genossen auch wir. Das war die ״j üdis ch e Rundscha 11“ aus Berlin. Aus ren wir von dem jüdischen Leben in der Welt, die Neuigkeiten aus der zionistischen Bewegung und das Wachstum der neuen jüdischen Generation in Deutschland. Nach einiger Zeit erhielten wir auch d«1 ״Juden“, der von Buber herausgegeben um sich lebendige Kulturkräfte sammelte. Was die zionistische Zeitung in Deutschland der andern amtlich zionistischen Presse gegenüber auszeichnete, war ihr iiohes Niveau überhaupt und die ernste Beziehung zu Palästina ittsbesondere. Die reiche Information war zugleich auch vorsichtig und verantwortungsvoll, eine umfassende nationale Weltbetrachtung offenbarte steh in dieser Vereinigung von Ost und West.“ Wir verzeichnen diese palästinensische Stimme als als einen Beweis des einigenden Bandes, das die zionistische Idee auch in den schwersten Zeiten des Krieges um■ alle Anhänger geschlungen hat. Wir freuen uns, daß die ״Jüdische Rundschau“ an dieser Aufgabe mithelfen durfte. Polen Die Zwangssonntagsruhe beschlossen Wie vorauszusehen war, entschied sich der polnische Landtag für die absolute Zwangsruhe am Sonntag, ohne jede Ausnahme für die am Sabbath ruhende jüdische Bevölkerung. Weder die Vorbesprechungen, noch die Reden der jüdischen Abgeordneten, die von! religiösen, wirtschaftlichen, politisehen und moralischen Standpunkte die geschlossene Masse der Landtagsabgeordneten (die polnischen Sozialisten inbegriffen) von ihrem Beschluß noch im letzten Moment abzuhalten versuchten, vermochten das Verhängnis abzuwenden. Die entscheidende Sitzung bot zudem noch das Schauspiel einer Redeschlacht zwischen zwei Juden vor einem jaden feindlichen Publikum. Der Abgeordnete Perl, ein Jude, der der polnischen sozialistischen Partei angehört, leistete sich an dieser Sitzung ein Meisterstück jüdischer Assimilation sozialistischen Glaubens. Er führte in seiner Recte aus, es müsse in! Staate einen bestimmten Ruhetag geben, denn die Aemter, Schulen, Gerichte und sonstige öffentliche Anstalten könnten nicht an zwei verschiedenen Tagen feiern. Speziell für die Arbeiterbewegung ist der bestimmte Ruhetag, der nun einmal seit jeher Sonntag ist, wichtig, als Wahl-, Versammlungs- und Kundgebung«- tag. Die Solidarität der jüdischen und christlichen Arbeiterschaft werde durch die Verschiedenheit des Ruhetags gefährdet. Andererseits gäbe es viele Juden, sowohl Kaufleute als Arbeiter, die an» Sabbath seelenruhig arbeiten. Wahre Gleichheit besteht darin, daß die Minderheit sich freiwillig der Mehrheit unterwerfe. — Ihn» antworfele in einer großangelegtem Rede der zionistische Abg. Jachak Grün bäum; Er sagte u. a.: 111״ den Ein wänden Berts höre ich in einer sozialistischen Sprache dieselben Nivellierungstendenzen, die uns sattsam von audersher bekannt sind, und die immer /u einer Verarmung des Lebens führen oder überli uipt zu nklits führen. Perl ist aber nicht bloß Sozialist, sondern auch jüdischer Assimilant. Als solcher hätte er doch seine eigene Theorie nicht vergessen sollen, die Assimilation sei zwar wünschenswert, solle aber nicht durch Zwang herbeigeführt werden. Der Zwang des Gesetze.־, ist aber ein sehr empfindliches Zwangsmittel. Perl sagte noch, die jüdischen Gewerkschaften hängen nicht am Sabbath und würden nicht über den Soiuitagsfeierzwaug U11glücklich sein. Daß dem nicht so ist. hat Abg. Schipper im Namen der Poale-Zion bereits erklärt, es ist aber auch klar, daß es gar nicht anders sein kann. Denn gerade in Polen, wo das jüdische Leiten noch sehr konservativ ist, wo die Tradition sehr stark fortwirkt, kann der Arbeiter nicht ohne weiteres mit seiner Umgebung brechen. Was soll der jüdische Arbeiter am Sonntag anfangen? All das, was von den Sonntags- Veranstaltungen der christlichen Arbeiterschaft gilt, gilt von den Sonnabendveranstaltungen der jüdischen Arbeiterschaft. Und wenn man die jüdischen Arbeiter zwingt, am Sonnabend zu arbeiten, so zerstört man vor allem ihre sozialistischen Parteien, ihre Gewerkschaftern, die seit Jahren auf die Sabbathrobe der Arbeiter eingestellt sind. Es wäre falsch, anzunehmen, die jüdischen Arbeiter würden sich gleich in die cltristtichen Orgaiiisatiouen stürzen, denn nicht allein der Sabbath ist es, was die jüdischen Arbeiter zu Sonderorganisatkmen veranlaßt. “ Nachdem Grün bäum an die Staats Vernunft der polnischen Gesetzgeber appelliert hatte, schloß er mit den stolzen Worten: ״Die Juden sind ein altes Volk, das schon allerhand überlebt hatte und auch dies Qeset* überleben wird. Ihr werdet uns nicht kleinkriegen.“ Wie groß die Entrüstung gegen den Ausfall Perls in der jüdischen Arbeiterschaft Warschaus ist, zeigt, daß selbst die ״Lebensfragen“ (Tageszeitung des ״Bumdes“) gegen Perls Stellung scharf auftritt, obwohl die Stellung des Bundes selbst zur Sabbathfrage schwankend ist. Anno 191911 ln Warschau hielt ein Professor, namens Czerbak, eine ״wissenschaftliche•‘ Vorlesung über ״Ritualmorde bei Juden“. Er erklärte, daß die jüdische Religion verbiete, menschliches Blut zu gebrauchen, da# aber Sekten religiöser Fanatiker existierten, die Blut zu verschiedenen Zwecken gebrauchen. Diese Behauptung versuchte er, durch ״Tatsachen“, ״Dokumente“ und Lichtbilder, in denen fromme Juden Christliche Kinder peinig!« und ihnen das Blut afozapfen, zu beweisen. Uiter den Gasten befinden sich auch die *briäea Mitglieder der englischen Untersuchungskommisskm, Sir Stuart Samuel und Kapitän Wrig־ht. Samuel konnte nicht begreifen, wie die Abhaltung solcher, lediglich der Verhetzung dienender Vorträge gestattet werden konnte. Noch mehr war er darüber erstaunt, daß sich unter dem Publikum kein einziger Christ fand, der gegen diese infamen Lügen protestiert hätte. Sir Samuel riebtete einen Brief an den polnischen Vizeminister des Aeußeren, in dem er seinem Erstaunen Ausdruck gab. Der Minister sprach in seinem Antwortschreiben sei■ Bedauern aus, versicherte, daß er Sir Samuels Anschaumigen vollkommen teile und daß sich Derartige» nicht wiederholen werde. Nach dein Echo, das das Eingreifen Samuels in der polnischen Presse gefunden hat, scheint es allerding» mehr als fraglich, ob dieser Wille des Herrn Vizeminister» nicht wieder nur ein frommer Wunsch bleiben wird. Die polnische Presse, auch die liberalen Zeitungen, stimmen ein Wutg eheul mein etwa über die Ritualmardhetze, sondern über Samuel an, und Ausdrücke wie: ״Unerhörte Taktlosigkeit“, ״Frechheit“ usw. sind noch die mildesten. Ein Blatt schreibt: ״Der Mann (Sr Samuel) erfrecht sich sogar, polnische Vorträge zu zensurieren.“ Verfolgung der jüdischen Pfadfinder j W. M. Z. Ein wahrer Kreuzzug gegen Kinder vollzieht sich gegenwärtig in Polen. Den Anfang machte noch int Januar Lemberg mit der Sperrung des Lokals und der Verhaftung vieler Mitglieder, die allerding» dann freigelassen wurden. Anfangs Juli überfiel beim. Durchmarsch durch den südöstlichen Winkel Galizien# die Division Ze 1 i g o ws k i s, die aus Odessa nach Polen heimkehrte, die jüdischen Pfadfinder, die in der Farm der ״lea“ in Sloboilka arbeiteten, um sich für Palästina vorzubereiten . drei wurden auf der Stolle •ohne jede Untersuchung niedergemacht, die meiste« verwundet. Die Bilder dieser Kinderniärtyrer sind in der ersten Nummer des ״Haschomer• Lemberg (Sept. 1919) zu .sehen. Am 30. September fand gegen 13 jüdische Pfadfinder in Wadowice eine Verhandlung statt. Auf der Anklagebank saßen fünfzehn- bis sechszehnjährige Biirschlein. Es wurden ihnen militärische Ziele vorgeworfen. Als Beweis diente der Bezug zionistischer Zeitschriften. Unlängst wurden in Tarnopol acht jiUU- J sehe Pfadfinder wegen ״politischer Gefährlichkeit“ eia-; gesperrt. Aus der hebräischen Schule wurden dort di« Bänke ״requiriert“. In jaroslau, Tarnow, Czortkow fanden in der letzten Zeit Verhaftungen jüdischer Pfadfinder statt, die aber dann aufgehoben wurden. Traurig ist es, daß bei vielen dieser Kinderverfolgungen Christliehe Kollegen aus polnischen Pfadfinde!Organisationen die Rolle von Angebern spielten, so nachgewiesenermaßen in Tarnow und Jaroslau.