Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 78 (7.11.1919)
- Date
- 1919-11-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 78 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Seite 609 I für Einroll« allen ab« ichsi Fritz alter misse Ge• tont, sei. alitik aber der serer!icke, inzu- Etat;endtschibergend ׳che# chon diese ibert. Zusich eines sich. Ver- :gei^ tigen und gend id ist issen inem jung!der» wir der gäbe gend chen von die ehnis udolf u e! ■eivzair), :tont; egen ramdt ein« Ziele .gend zeigt , die önne. rderi.. istige n ert der Ein- 1 Beamw« ioraew sehen inden ianalgt zu und '< zur :tzten .Hoffirgend 1abcn, einer nmea nachitzung f hin, isdien Vereinigung für Deutschland nur gelöst werden können, wenn die Gesinnungsgenossen ach in ganz anderer Weise als bisher an der Zionistensteuer beteiligen. Auf Antrag von Jacob Wo 1 f f (Frankfurt a. M.) wird die Einberufung einer Finanzkommission in Aussicht genommen. Die Sitzung schließt um 1 Uhr nachts mit einem Schlußwort Dr. H an 1k es und mit einem von Jakob W o l f f zum Ausdruck gebrachten Dank an Dr. Hantke für die Leitung der Verhandlung. * Berichtigung Die Plenarsitzung des Zentralkomi- Des wurde nicht, wie durch einen Druckfehler in Nr. 77 der ״Jüd. Rundschau‘‘ zu lesen war, am Samstag, den 2. November, sondern selbstverständlich am Sonntag, den 2. November, nachmittags 3 Uhr eröffnet Ein Jahr deutsche Revolution Die Wiederkehr des 9. November, des Jahrestages der deutschen Revolution, wird eine Fülle von Aeußerungen Hervorrufen, die die Ergebnisse prüfen wollen, die dieses Jahr für die Entwicklung der deutschen Verhältnisse gebracht hat. All zu viel Zufriedenheit wird nicht laut werden. Von rechts wird man in der Revolution den Ursprung alles Uebels sehen. Links wird man meinen, daß die großen Ergebnisse der Revolution ausgeblieben sind, und die Mittelgruppen werden ebenfalls weit entfernt sein, die Entwicklung der Verhältnisse zufriedenstellend zu finden. Man wird sicher auch nicht verfehlen, die Rolle, die die deutschen Juden bei und seit der Revolution gespielt haben, zu beleuchten und die heutige Stellung des deutschen Judentums einer Erörterung zu unterziehen. Wir werden wieder einmal von der unumschränkten Herrschaft zu hören bekommen, die das deutsche Judentum ausübt, und spärlich werden die Stimmen der Nichtjuden sein, die finden, daß die Lage der deutschen Juden keineswegs so befriedigend ist, wie man es nach den Aeußerungen rechtsstehender Kreise erwarten sollte. In der Tat läßt sieh nur wenig positiv Erfreuliches über die Lage des deutschen Judentums sagen. Ein behördlich protegierter Antisemitismus wie im Wilhelminischen Zeitalter tritt freilich kaum mehr zutage. Die gesetzlich längst statuierte Gleichberechtigung scheint Wirklichkeit werden zu wollen. Noch freilich sind die maßgebenden Beamten dieselben, die vor und während des Krieges ihre antisemitische Politik getrieben haben, aber es scheint doch, als ob eine direkte Zurücksetzung deutscher Staatsangehöriger um ihres Judentums willen nicht mehr vorkommt. Wenn das als ein Plus zu werten ist, so steht ihm ein ungeheures Minus gegenüber im Anwachsen der antisemitischen Bewegung, die einen unerhörten Umfang angenommen hat. Noch nie- Jüdische Religion Martin Bub er ״Cheruth“ (R. LöwiL Verlag Wien und Berlin 1919) stellt einerseits fest, daß für das jüdische Volk und in seiner Mitte vor allem für dessen Jugend die Religion von noch dringlicherer Bedeutung sei als für andere Völker und für deren Jugend, andrerseits zeigt er, worin die jüdische Religion, worin in erster Linie der Weg zu ihr besteht. Je mehr die Wiederbelebung unseres Volkstums aus einem Traum zu einer Tatsache wird, desto deutlicher erkennen wir ja alle, daß die Erfüllung der nationalen Formen für uns religiösen Charakter tragen muß. Umso größer wird aber die Gefahr, daß dasjenige, was man vielfach unter Religion zu verstehen geneigt ist, gerade der Wiederbelebung des Volkstums entgegengesetzt sein könnte. So ist es wichtig, mit Bubers Schrift festzustellen־ daß die jüdische Religion zwar auf dem Anschluß an die religiöse Vergangenheit des Judentums beruhen muß, daß sie aber von ihr nicht geknechtet werden darf. Die jüdische Religion, die kommen muß, 9011 und muß in sich kraftvoll uüd ursprünglich sein. ״Wiederaufnahine verlangt etwas Ursprünglicheres als bloßen Anschluß, aber sie kann nicht ohne Anschluß geschehen.“ (S. 17.) Daraus folgt eine klare Stellungnahme zu dem, was man• jüdische Lehre nennt, einerseits und zu dem, was man gemeinhin unter jüdischem Gesetz versteht, andrerseits. ״Wir müssen uns dem Anspruch, den An- Schluß an die jüdische Lehre als an etwas Fertiges und Eindeutiges zu vollziehen, verweigern. Die Lehre ist uns nicht etwas Fertiges und Eindeutiges, sondern ein gewaltiger Prozeß geistiger Schöpfung, schöpferischer Antwort an das Absolute, der noch nicht abgeschlossen ist. 111 ihm wollen wir uns mit unserem bewußten, tätigen Leben ei ns teilen.“ (S. 21). (Hervorgehoben vom Verfasserder Besprechung.) So stellt sich Buber zur ״Lehre.“ Und nun zum ״Gesetz“. ״Niemand, der das neue religiöse Gefühl einer neuen Jugend kennt, diesen noch glühend unverdichteten Wandelstern, der nur erst das Kreisen um die eigne Achse weiß, den Lauf um die unbekannte Sonne kaum erst ahnt — niemand, der dem Geheimnis dieses mals, die Jahre 1880/81 vielleicht ausgenommen, war die Lage des deutschen Judentums so kritisch. Die Reaktion, deren Position sich unzweifelhaft im Verlauf dieses Jahres ungeheuerlich gestärkt hat, sieht im Antisemitismus das hauptsächlichste, seinen Eindruck nie verfehlende Kampfmittel. Neue Nahrung hat dieser Antisemitismus durch die ostjüdische Einwanderung gewonnen, die, von der antisemitischen Presse zahlenmäßig maßlos übertrieben, ebenfalls im Kampf gegen das deutsche Judentum verwandt wird. Die Regierung freilich hat nach langem Zögern und nach einer Ausweisungspolitik, die den von rechts geäußerten Wünschen nur zu sehr entgegenkam, in der preußischen Landesversammlung einen Standpunkt vertreten, der es hoffen läßt, daß das Asyl den aus dem Osten flüchtenden Juden nicht gekündigt werden wird. Wenn sich die Stellung des deutschen Judentunis 1m neuen Deutschland eher verschlechtert als verbessert hat, so muß auf der anderen Seite gesagt werden, daß innerhalb des deutschen Judetitums wenig vom Geist einer neuen Zeit zu spüren ist. Mari kann nicht sagen, daß das abgelaufene erste Jahr seit der Revolution dem deutschen Judentum wesentliche Impulse gegeben, hat. Die Zionisten erkannten sofort bei Ausbruch der Revolution, daß jetzt der Augenblick gegeben sei, wo das deutsche Judentum die Notabelriwirt- Schaft in den Gemeinden pjid großen Organisationen, die jedes freie Leben erstickte, abwerfen müsse. Demokratisch organisiert hoffte man neues jüdisches Leben iin Deutschland entsprießen zu sehen. Das deutsche Judentum, in vier Kriegsjahren von der großen jüdischen Bewegung der Welt abgeschlossen, sollte zeigen, daß es mit Herz und Hand gewillt sei, mit seinen Brüdern in allen Ländern für die großen Ziele jüdischer Volkspolitik einzutreten und daß es gleichzeitig entschlossen sei, auch das jüdi sehe Leben in Deutschland auf eine neue Grundläge zu stellen. Diese Probleme haben sich im Laufe des Jahres in manchen Einzelheiten geändert. Das jüdische Palästina ist zur Tatsache geworden, die nationale Autonomie wird es im gewissen Umfange auch werden. Sie sind nicht mlhr abhängig vom Votum der deutschen Juden, Die neue Reichsverfassung, der große Schritt zur Trennung von Staat und Kirche haben andererseits die speziell deutsch-jüdischen Probleme noch stärker hervortreten lassen. Aber viel Positives ist zu ihrer Lösung noch nidit geschehen. Noch immer besitzen die meisten jüdischen ,Gemeinden ihr rückständiges plutokratisches. Wahlrecht, abhängig von der Steuerleistung und anderen sonst in Deutschland überwundenen Unwürdigkeiten. Ein Fall, wie der in Dessau war jetzt noch möglich, und wenn es den Anschein hat, als wenn wenigstens die Berliner Gemeindewahlen nicht den Ausschluß der Kriegsteilnehmer sehen werden, wenn es überhaupt scheint, als wenn Zensus und dreijähriger Wohnsitz keine Wahlvoraussetzungen mehr sein werden, so sind diese Fortschritte den Zionisten zu verdanken, nicht, dem offiziellen Judentum, das nichts getan hat, um Fortschritte zu erzielen. Kleines ist hier vollbracht worden, Größeres bleibt zu tun. Das Judengesetz von 1847 muß nicht liberal ausgelegt, es muß abgeschafft werden. Das Reichstagswahlrecht muß den Wahlen zu den jüdischen Gemeinden zugrunde gelegt werden, und auf derselben Grundlage wird die Gesamtvertretungderdeutschenjuden entstehen müssen. Das sind nicht nur Fragen der Demokratie, es sind unumgängliche Voraussetzungen, um das deutsche Judentum aus seinem totenähnlichen Schlaf zu erwecken. Die Liberalen haben gezeigt, daß sie aus dem Monopol, das sie lange genug im deutschen Judentum gehabt haben, nichts zu machen wußten: Jüngere, stärkere, wahrhaft jüdische Kräfte werden jetzt zu zeigen haben, ob das deutsche Judentum noch imstande sein wird, ein lebendiger Zweig am Baum des Weltjudentums zu werden. F. L. Palästina Erez Israel im Jahre 5679 Das Presse-Bulletin der Zionistischen Palästina-Komimission veröffentlicht einen kurzen Ueberblick über Erez Israel im Jahre 5679, dem wir folgendes entnehmen: Organisation in den Städten. Jaffa. Nach (1er Eroberung Palästinas durch die Engländer wurde in Tel-Awiw wie in Jaffa ein neuer Stadt-Rat (Waad-Hair) eingesetzt. Der Waad-Hair von Jaffa wurde von den Behörden als rechtmäßige Vertretung der Juden Jaffas anerkannt und mit wichtigen Arbeiten betraut. Er ist auf demokratischer Basis ge- •wählt und arbeitet nach Statuten, die von der Gemeinde gebilligt worden sind. — Jerusalem. Das Fehlen einer jüdischen Gemeinde-Organisation in Jerusalem wurde von jeher als ein schwerer Mangel empfunden, und seitens der zionistischen Führer sind wiederholt BetnÜbungen zur Vereinigung der streitenden Parteien gemacht worden. Schließlich gelang es, einen ״Rat der Jerusalemer Juden“ zu bilden, der die überwiegende Majorität der Städtischen Bevölkerung repräsentiert. Sein Vorsitzender ist Herr David J eil in und die rein lokale Arbeit geht allmählich von der Zionistischen Palästinakommission auf ihn über. Eine aus Aschkenasim be- Stehende Minorität hielt sich abseits und bildete einen ״Waad Hair der Aschkenasim“. Es gibt also zurzeit zwei jüdische Councils in Jerusalem. Die Statuten des ״Rates der Jerusalemer Juden“ in dem übrigens sephardische und aschkenasisdie Juden vertreten sind, sind vom Militärgouvemcur genehmigt worden. Die Behörden haben allerdings bis zu einem gewissen Grade auch den ״Waad-Hair der Aschkenasim“ anerkannt — Haifa. Die Zukunft dieser Hafenstadt läßt es •wünschenswert erscheinen, daß do,rt eine gut organisierte jüdische Gemeinde entsteht, besonders auch im Hinblick auf deren zu erwartendes rapides Anwachsen. Die Zionistische Kommission hat hier ein Zweigbüro unter Werdenden genaht ist, wird meinen, es könne darin das Element des Glaubens an eine einmalige, worthaft überlieferte, für immer verbindliche Offenbarung enthalten sein.“ (S. 25). Und den Weg zum Gesetz sieht Buber für die Träger der zukünftigen, jüdischen Religiosität in ״einer ehrfürchtigen und unbefangenen Erkenntnis der jüdischen Volksmasse in all ihrem Glauben und Brauch.“ (S. 34). So soll hier eines mit besonderer Deutlichkeit hervorgehoben werden. Der Weg zur neuen jüdischen Religion geht für Buber nicht über Bücher, nicht über Formen, sondern über das Leben in seiner Gesamtheit, über das Leben der Einzelnen auf der einen und das Leben des Volkes auf der anderen Seite. Damit solche Wegweiser, wie Bubers ״Cheruth“ nicht nur Literatur bleiben, sondern wahrhaft fruchtbar für uns werden, müssen sie nicht nur von allen, die die jüdische Wiedergeburt ersehnen, gelesen, sondern auch ganz verarbeitet werden. Sie müssen zur Erkenntnis führen, daß zwischen dem Leben, das zur jüdischen Religion führt und dem Leben, das wir führen, immer noch eine uinübersteigUche, schreckhaft breite und tiefe Kluft liegt. ״Gottes Schrift eingegraben auf den Tafeln' — lies nicht charuth: eingegraben, sondern cheruth; Freiheit“. Dieses Motto aus den Pirke Awoth stellt Buber seiner Schrift voran und entnimmt ihm deren Titel. Tief eingegraben in die Tafeln einer durch und durch materialistischen Gesellschaft ist immer noch unser aller Leben und das Leben unserer Jugend, im besten Falle ein bedeutungsloser Aufschub dieses Zustandes. Wahre Freiheit, im Sinne des angeführten Zitates, ist diesem Leben das Fernste und Unbekannteste, was man sich denken kann. Wo führt ein Weg von diesem unserem׳ heutigen Leben zu dem Leben der Freiheit, das heißt der freien Wesensentfaltung, aufgebaut auf der Ganzheit des Menschen, zu jenem Leben, das Buber als die Grundlage einer jüdischen Religion der Zukunft hinstellt? Es gibt nur eine Antwort. Der Weg zu einem Leben der Ganzheit und hiermit zur jüdischen Religion der Zukunft führt über einen Zusammenschluß derer im jüdischen Volke, die dessen Wiedergeburt wahrhaft wollen, mögen sie ihrem physischen Alter nach der Jugend angehören oder nicht. ״Aus dem Verhängnis des Zeitalters führt nur eine Befreiung: die zur Freiheit in Gott führt.“ (S. 36.) Sie wird durch die Menschen geschaffen, welche einander in wahrer Verbundenheit die Hände reichen. Dr. Oskar Epstein, Prag. Ausgrabungen in Palästina Die ״Times“ erhielt von Herrn Charles dermont-Ganneau, dem bekannten französischen Orientalisten und Mitglied des Instituts, den nachstehenden Bericht über die Auffindungei 11 erhebräischen Mosaik in Palästina, die in Ain Duk bei j ericho durch ein zufälliges türkisches Geschoß während des Feldzuges ans Tageslicht gebracht wurde. Die Mosaik selbst und die darauf befindliche Inschrift wurde von einem englischen Offizier photographiert, Und die Photographie wurde der französischen Akademie des Inscriptions et Belles-Lettres zugesandt, welche dieselbe ihrem bewährten Mitgliede, Herrn Clermont- Ganneau, zur Uebersetzung übergab. Dieser gab folgenden Bericht: Wir verdanken dem Kriege die Entdeckung verschiedener alter interessanter Denkmäler in einigen Teilen des östlichen Kriegsschauplatzes. In Palästina z. B. war es die schöne byzantinische Mosaik, welche durch die Einnahme eines türkischen Schützengrabens in Shellai, südlich von Gaza, zutagegefördert und, sorgfaltig in einzelne Teile zerlegt, nach Australien gebracht worden ist. Eine ebenso glückliche Entdeckung brachte uns der Krieg nicht viel später unter ähnlichen Umständen in einem Ort weit entfernt von dem erstgenannten, nämlich in Ain Duk, das einige Meilen nordwestlich von Jericho liegt. Eine türkische Granate, welche auf die englischen Schützengräben in dortiger Gegend abgefeuert wurde, fiel zufällig herab und explodierte gerade auf der Stelle, wo ein Schatz verborgen lag, und wieder einmal wurde eine Mosaik teilweise bloßgelegt, eine Mosaik von ganz besonderem Interesse. Die Arbeit, welche durch diese zufällige Granate begonnen war, wurde hastig vollendet, und die Ueberreste eines i}|: |!m